Foto: René Reinhardt
Foto: René Reinhardt

Thema des Monats - Oktober 2014

Wo ist die Front?

 

Das Bonner fringe ensemble ist einer der vielseitigsten freien Gruppen. Im Frühjahr lieferte sie mit der Stückkompilation „Vor den Hunden“ im Theater im Ballsaal einen beeindruckenden Beitrag zum Thema Krieg

 

Von Hans-Christoph Zimmermann

 

Eine Frau ruft das Unglück wie einen verlorenen Freund herbei. Am Körper trägt sie ein kurzes Kleid, darunter lugen an den Armen Bandagen hervor, an den Beinen sind kleine Wülste erkennbar. Die Frau ist in einem fremden Land gestrandet. Unsentimental erzählt sie ihre Lebensgeschichte, während ihr Körper aufzuplatzen droht. Im Hintergrund erhebt sich plötzlich ihr toter Mann, ein Sargschreiner, singt Townes van Zandts „Nothing“ und berichtet von den vielen tausenden Toten, auf deren Leibern Städte wiederaufgebaut wurden. Zwei Kurzstücke von Marie Nimier, die verstörend von Heimatlosigkeit, Entfremdung, Erinnerung und Traumata erzählen. Zwei Jahre haben das Bonner fringe ensemble und die Schaubühne Lindenfels aus Leipzig zusammen mit neun Autoren an dem Projekt „Völkerschlachten“ gearbeitet, das jetzt unter dem Titel „Vor den Hunden“ auf die Bühne kam. Es sind Stücke, die eher selten ganz konkret vom Krieg berichten wie in den Monologen von Lothar Kittstein, in denen drei Figuren in Kampfuniform verzweifelt im Wahrnehmungsnebel nach der Feindperspektive suchen; der Großteil der Stücke behandelt wie Marie Nimier die Folgen kriegerischer Auseinandersetzungen, die Momente subkutaner Aggression zwischen den Geschlech-tern und bei der Arbeit oder die Personifizierung des Grauens wie den rechtsradikalen norwegischen Massenmörder Anders Breivik.


Die enge Zusammenarbeit mit Autoren wie Lothar Kittstein, Andreas Vonder oder jetzt gleich neun Dramatikern aus Europa ist nur ein Markenzeichen des 1999 gegründeten fringe ensembles. Die Bonner Gruppe scheut auch keineswegs vor der Dramatisierung hochkomplexer literarischer Vorlagen wie William Faulkners Monologroman „Als ich im Sterben lag“ oder Gabriel Garcia Márquez’ „100 Jahr Einsamkeit“ zurück. Und seit 2004 experimentiert man außerdem mit dokumentarischen Formen. Auf der Basis von Interviews entstanden Stücke über die Generation Praktikum oder türkischstämmige Bewohner Bonns. Es gibt nur wenige freie Gruppen, deren Spektrum so breit ist wie das des fringe ensembles. Zusammengehalten wird diese dramaturgische Vielfalt durch die Handschrift des Regisseurs Frank Heuel, der auf der Basis einer antipsychologischen Spielweise virtuos mit Mitteln wie wechselnden Rollenzuschreibungen, Choreinsätzen, diskursiven Passagen, AgitProp-Ästhetik oder Surrealem jongliert.


Das zeigt sich umso deutlicher bei einem so heterogenen Abend wie „Vor den Hunden“. Da wird Ivo Briedis‘ Szene „Wo ist die Frontlinie?“ zu einer an Stanley Kubrik erinnernden absurden Kriegsdialog, der unversehens überblendet in den Arbeitsalltag einer Werbeagentur. Fast schon slapstickhaft dann Magdalena Bariles komisches Dramolett „Im Bett“. Ein nacktes Paar mir Pelzpuschel im Schritt wirft sich in regressive Imponierposen, verhöhnt sich gegen-seitig und schwelgt in Weltveränderungsfantasien. Streng und doch hochemotional inszeniert dann das als Stück unfertig wirkende, sich manieristisch selbst reflektierende „Breivik im Puppenhaus“ von Jens-Martin Eriksen über die Entlassung des Rechtsterroristen aus dem Gefängnis, das den Menschen als manipulierende Bestie vorführt. Es ist die Handschrift Frank Heuels, die zusammen mit einem Bühnenbild zwischen Stierkampfarena, Pappkarton- und Flokatiästhetik (Annika Lau, Elisabeth Schiller-Witzmann) die heterogenen Stücke zu einem Abend formen, mitunter auch überformen. Großartig schließlich die Schlussszene mit Goran Ferčecs „Arbeitsschlachten“ über den Hungerstreik von Arbeiterinnen in Form einer Bachschen Passion, in denen das Ensemble um Bettina Marugg, Laura Nielsen, David Fischer und Maciek Brzoska alle Register zieht und auch das Pathos nicht scheut. Nicht alles, aber vieles ist gelungen an dem Abend, vor allem aber: Es wird nie langweilig.



„Vor den Hunden“ | R: Frank Heuel | 11.11. 19 Uhr | Studiobühne Köln | 0221 470 45 13