Thema des Monats - November 2014

Grenzerfahrungen im Großstadtdschungel

 

„Wir müssen üben, für später, für das echte Leben. Wir müssen wissen, wie alles geht, damit uns keiner was kann.“ Das treibt Mädchen durch Stefanie de Velascos Roman „Tigermilch“.

 

Von Jens Fischer

 

Alles wissen. Und zwar sofort. Möglichst viel ausprobieren: unbedingt. Damit endlich dieses Leben dazwischen aufhört. Als Kind überreif, als Erwachsene noch nicht fertig. Auf dem Spielplatz noch abhängen, heimlich rauchen, sich mit Alkohol cool machen, aber in die Disco nächtens noch nicht hineindürfen. Mit dem Pornojargon bereits lässig jonglieren, das Projekt Entjungferung aber noch nicht zum Ende gebracht haben. Dabei ganz deutlich ahnen, dass Frauen nicht erfolgreich, selbstbewusst und – wenn’s sein muss – sexy geboren, sondern dazu gemacht werden: von sich selbst. Die Abgründe dieser Zerrissenheit auszuleuchten, ist ein ideales Thema für die Jugendsparten der Selbstverständigungstheater. Also lustvoll aufbrechen in die wilde Schönheit des Lebens, hinein in eine Dramatisierung von Stefanie de Velascos Romandebut „Tigermilch“. Es ist der letzte Sommer des noch irgendwie Kindseins. Blut pulst hochgeschwind durch die Adern, Hormone toben, berauschen den Verstand, so dass der Körper nicht still, der Mund nicht geschlossen zu halten ist. Allüberall wollen neue Grenzerfahrungen erlebt und besprochen werden.

 

Lisa-Marie Gerl und Sophie Krauß in "Tigermilch" am Jungen Schauspiel Hannover; Foto: Isabel Machado Rios


Mit totaler Identifikation stürzt sich das Ensemble des Jungen Schauspiels Hannover in die Rollen und auf das Schlachtfeld detonierender Emotionen. Ich-Erzählerin Nini und Jameelah sind garstig-zarte 14 Jahre alt, Berliner Gören und beste Freundinnen seit Grundschultagen. In der Gestalt von Lisa-Marie Gerl und Sophie Krauß reißen sie mit einer sie fast zerreißenden Energieleistung das Publikum 90 Minuten lang mit. Im wahnwitzig beschleunigten Tonfall. Richtige Quasselstrippen sind es, die ihre Unsicherheit schnoddrig ignorieren und mit Sprachspielerei ins Souveräne zu übersetzen versuchen. Während die letzten Oasen mädchenhaft naiver Sorglosigkeit verwüsten. Romantische Sehnsüchte finden erstmal noch keine Andockmöglichkeit. Der große Bruder will mal Arzt werden oder was mit Fußball machen, sitzt aber vorerst nur im Gefängnis. Daheim hängt zudem die Mutter der einen stets volltrunken auf dem Sofa, bei der anderen ist Mama ständig am Jobben und von Abschiebung in den Irak bedroht, weil gegen Auflagen des Asylverfahrens verstoßen wurde. Väter scheinen nicht präsent zu sein. So ohne Rückhalt werden für Nini und Jameelah Dreistigkeit und kleine Diebestouren zur Überlebensstrategie im Großstadtdschungel.


Aber hier verroht keine Generation, sie wehrt sich. Sie will nicht länger nur herablassend betrachtet, sondern aktiver Teil der Welt sein. Mit distanzlosem Spiel wird jedweder Versuch unterlaufen, sich zu distanzieren. Nicht auf dem Spielfeld des winzigen, von Tribünen gerahmten Stadionbühnenbildes wird agiert, sondern zumeist in den Zuschauerreihen. Plötzlich hockt Jameelah irgendwo auf dem Schoß, baggert Besucher an, Nini buhlt, provoziert – und animiert zum Geräuschemachen. Mitspieltheater! Wie das mit Kondomen geht? Einfach an einem Zuschauerarm mal ausprobieren. Und Sex? Im Buch steigen die Mädchen zu Pädophilen ins Auto, im Theater wird so getan als-ob und unter einem riesigen Bettlaken ein Erwachsener aus Reihe 1 „verführt“. Später aber auch gemeinsam Ramadan gefeiert: Apfelschorle und Kartoffelsalat für alle! Und Tigermilch? Die Teenie-Crew verkostet auch ihren Lieblingscocktail: Man leere einen Schokomilchbecher bis auf wenige aromatisierende Tropfen, fülle zu 3/5 mit Maracujasaft auf, menge 1/5 Mariacron (38-prozentiger Weinbrand) darunter und schmecke mit 1/5 fettarmer H-Milch ab. Derart angetüdelt, leicht verpeilt oder schon angetorkelt wird Party gefeiert, durch die Schulpause gelästert, Baden gegangen und der eine oder Junge beschwärmt. Einer im Publikum sieht dermaßen gut gekleidet aus, dass vor allem Jameelah darin einen Bücherleser, Ökoträumer, zukünftigen Besserverdiener vermutet. „Ich will dich“, sagt sie, versucht ihn scharf zu machen – mit Blicken, Worten, Händen. Gescheiterte Verführung. Dann kommt’s richtig dicke. Nini und Jameelah erleben den Ehrenmord an einer muslimischen Bosnierin mit, die einen Serben liebte? Und nun? Zeugenaussage machen? Schweigen? Die Freundinnen entschieden sich unterschiedlich – und werden nie wieder zusammen gesehen. Aber auf der Bühne ist das Anlass, über die ganz großen Fragen nachzudenken. Über Tod, Moral, Liebe. Grenzenlose Offenheit. Ungeschützt. Pädagogisches An-die-Hand-Nehmen wird vermieden. Das noch Verspielte dieses jugendlich getriebenen Lebens gibt das Regiekonzept Babett Grubes vor. Zum Bersten angefüllt mit Fragen, Wollen, Sollen, Suchen ist die Inszenierung, reißt viel an und verdeutlicht dabei stets die Ängste und Nöte die Protagonisten.

 

Szene aus "Tigermilch"; Foto: Isabel Machado Rios


Da „Tschick“ bundesweit langsam abgespielt ist, könnte „Tigermilch“ der Nachfolger auf den Theaterbühnen werden. Erzählt Wolfgang Herrndorfs Roadmovie aus der Jungsperspektive, gibt’s nun die Mädchenperspektive beim Stromern durch den Berliner Kiez. Da wie dort bilden ein finanzschwaches Milieu, Migrationserfahrung, Kampf um kulturelle Identität, ethnische Konflikte, Auseinandersetzug mit Geschlechterrollen, Suche nach Vorbildern, Erobern eigner Werte den vitalen Nährboden einer Geschichte, die mit authentisch wirkenden Jugendporträts und gekonnt literarisierter Jugendsprache punktet. Die Hannoveraner Uraufführung trifft diesen Ton sensationell. Die nächsten „Tigermilch“-Bearbeitungen sind bereits am Berliner Theater an der Parkaue und in Kölns Comedia angesetzt. Weitere Städte werden folgen. Der Rowohlt-Verlag findet den Stoff angemessen für Menschen „ab 14“, nach Erfahrungen mit 8. und 9. Klassen während der Probenbesuche spricht sich die Hannoveraner Dramaturgie für die Altersempfehlung „ab 15“ aus.