Thema des Monats - Dezember 2014

Das Leiden und Leben der Kritiker – auf der Flucht vor dem Klischee

 

Ein subjektiver Bericht zweier Kritikstudentinnen der Bayerischen Theaterakademie

 

Von Antonia Mahler und Britta Schönhütl

 

Erzählt man anderen Menschen, man würde Kulturkritik studieren, können sich diese darunter meist entweder überhaupt nichts vorstellen oder aber man wird sofort misstrauisch beäugelt. „Film-, Fernseh- und Theaterkritik“, wie die korrekte Bezeichnung dieser Ausbildung lautet, ist dann schon etwas weniger unsympathisch: Filme schaut jeder, die sind cool. Im Theater war man dann irgendwie auch schon mal. Fernsehen und insbesondere Serien sind ja gerade sowieso der Renner. Aber was genau können diese Kritiker denn besser als der normale Konsument, der gerne auch mal seine Meinung auf Amazon oder anderen Plattformen kundtut?

 

Die Kritikstudenten im Rahmen von "Suchers Leidenschaften - Wir sind Maske" mit Studiengangsleiter C. Bernd Sucher als Wachsfigur (2.v.r.); Foto: Cult


Immer fragt das Gegenüber: „Wieso willst du denn Kritiker sein und was machst du dann überhaupt? Wieso glaubst du, die Qualität von Kultur bemessen zu können?“ Dem Klischee des Kritikers zufolge muss man entweder außerordentlich klug oder aber sehr eingebildet sein, um diesen Beruf erstens ausüben zu wollen und zweitens ihn auch ausführen zu können. Wer beide Eigenschaften in sich vereint, hat dann quasi die besten Voraussetzungen. Oder? Im Folgenden begeben wir uns auf die Suche nach dem perfekten Kritik-Studenten. Was sollte er oder sie laut Profil mitbringen? Werden nur Streber und Nerds im Studiengang aufgenommen? Oder ist das ein bunter Haufen Quatschköpfe, die denken, sie müssten die Welt mit ihrer Meinung belustigen? Die Wahrheit muss irgendwo dazwischen liegen.


Die Ausschreibung – Gesucht


Wir suchen: an allem interessierte junge Menschen mit universeller Allgemeinbildung. Sie sollten mindestens drei Sprachen fließend beherrschen – Deutsch und Englisch ausgeschlossen, das spricht eh jeder. Auch das Französische setzen wir voraus, ohne welches das Festival d’Avignon mit seinen fünfstündigen Frontal-Inszenierungen von Handke-Texten ohne Untertitel kaum genossen, geschweige denn bewertet werden könnte. Gern gesehen sind demzufolge: die wichtigen literarischen Sprachen wie Russisch, Spanisch oder Italienisch, auch Alt-Griechisch wäre angebracht.


Denn wer Kritiker werden möchte, liest Dramen natürlich ausschließlich im Original. Wer also alle großen Russen und Franzosen der Literaturgeschichte kennt und Balzacs Gesamtwerk aus 91 Romanen und Erzählungen – natürlich bereits vor dem Abitur – gelesen hat, ist bei uns genau richtig. Das Italienische benötigt man neben Boccaccio, Dante und Petrarca vor allem für Puccini und Verdi. Denn musikalische Bildung ist das halbe Leben und Bestandteil guter Konversation. Ihr blickt auf eine solide Instrumental-Ausbildung im Flöten-, Klavier- und Geigenspiel zurück? Sehr gut! Dann könnt ihr einen lyrischen von einem dramatischen Sopran unterscheiden, eine Partitur lesen und schon aus zehn Meter Entfernung durch dickste Steinwände hindurch Wagners „Ring“-Ouvertüre erkennen. Manieren, guter Geschmack und ein gepflegtes Äußeres – Todesfalle: mangelhaft manikürte Fingernägel! – gehören außerdem zu den unbedingten Anforderungen des Berufs. Kultiviertes Kokettieren bringen wir euch bei!

 

Die Antwort – Gefunden


Wir sind: selbstbewusste, omni-talentierte Medienjunkies mit Mut zur Bildungslücke. Egal ob Literatur-, Politik-, Jura- oder Kunststudent, wer ein Hochschulstudium absolviert hat, kann sich für Kulturkritik bewerben. Da man dann aber zwei Jahre lang mit Kultur jeglicher Art und den verschiedenen Ausformungen des Journalismus konfrontiert wird, sollte man durchaus am Kulturjournalismus interessiert sein. Das kann für eine sportfanatische Leseratte mit Theaterfimmel genauso funktionieren wie für Gamer, Cineasten oder Serienopfer.


Klugheit kann beim Texte-an-den-Leser-Bringen natürlich nie schaden, doch hat wirklich niemand von uns alle großen Russen, Franzosen oder sonstige Literaten gelesen. Zwischen 5-Tage-Seminaren mit einem Filmfestpensum von 3-4 Langfilmen pro Tag, zehnseitigen Roadmovie-Aufsätzen und zehnzeiligen Kurzkritiken, zwischen Oscarnacht, Berlinale und der Hardcore-Experience einer Festival begleitenden Zeitung, wie beim jährlichen radikal jung im Volkstheater, hat der gewöhnliche Kritikstudent durchaus auch ein Privatleben. Dem frönt er gerne mal fern aller Hochkultur mit Freunden, Bier, Fußball und Schabernack. Obwohl ein paar von uns einfach nie die Luft auszugehen scheint: Kaum geht ein noch so schreibintensiver oder nervenaufreibender Tag zu Ende, rennt die Filmsüchtige ins Kino, flitzt die Theaterbesessene in die nächste Premiere, flüchtet sich der Serienjunkie mit dem Staffelfinale auf die Couch.


War jetzt „Der Prozess“ in den Kammerspielen besser als „Pacific Rim“ im Cinema? Ist Daeneris’ Tod in „Game of Thrones“ endgültig oder hat vielleicht jemand schon alle Bücher gelesen und kann von dieser Trauer befreien? Das alles und viel mehr will ausdiskutiert werden! Mit positivem Effekt: Wenn Spike Jones von Rene Pollesch auf der Bühne zitiert wird, während die Schauspieler Joker und James Dean Kostüme tragen und einem dann beim Lesen von Botho Strauß‘ Dramen plötzlich klar wird, wie viel das mit Luis Buñuel und David Lynch zu tun hat, dann macht das Spaß. Genau wie eine gut geführte Kontroverse, auf die einen keine Geisteswissenschaft egal welcher Uni vorbereitet hat. Unsere – ja, man muss sie so nennen – Klugscheißer-Diskussionen über Sexismus, Feminismus, Marxismus, was auch immer, nehmen kein Ende, bis die Kritiker-Egos qualvoll brennen. Und der ein oder andere genervt die Augen verdreht: Zurück zum Thema?!


Wer sich also von stundenlangen, hitzigen Diskussionen über Serienfinale, Ausstellungen, Filme oder Schauspieler nicht abschrecken lässt, ist bei uns in der Kulturkritik genau richtig. Mut zum Ausprobieren und Eigenwilligkeit sind absolut erwünscht. Genau wie eine nicht zu dünne Haut, denn Samthandschuhe trägt hier niemand. Um noch einmal zum Klischee des Kritikers zurückzukehren: Der Kritiker ist vor allem neugierig, Kultur-Konsum-geil und gnadenlos mitteilungsbedürftig! Denn wir sind nicht die Künstler, wir sind die Rezeptoren, die Dekodierer, Kontextualisierer und die Übersetzer, das Verbindungsstück zwischen Werk und Publikum.


Also dann, wir freuen uns auf eine neue Generation lustiger, schlauer, entspannter Kritikstudenten!

 

Weitere Informationen zum Studiengang findet ihr hier.