Thema des Monats - Januar 2015

Freiheit ist mein Vorname

 

Frisch aus Irland importiert: Ein Bericht über die Inszenierung "My Name is Saoirse" beim "Tiger Dublin Fringe" Kunst- und Kulturfestival.

 

Von Erik Veenstra

 

Freibier! Ein würdiger Anfang für vieles, aber nicht für eine Jungendtheateraufführung. Andererseits sind kaum Jugendliche und kein einziges child im Publikum der Sunday’s Child Theatre Company: Typisch Festival eben. Dennoch hat das Tiger Dublin Fringe Anfang September 2014 mehr zu bieten als die gleichnamige Biermarke im Titel. Also schnell ausgetrunken und rein ins New Theatre.


Das Etablissement mit dem pompösen Namen entpuppt sich als mikroskopischer, samtblauer Raum mit steil ansteigenden Reihen voll roter Theatersessel, rammelvoll, quite cozy.

 

So könnte es ausgesehen haben, Saoirses Limerick Ende des letzten Jahrtausends...

 
Auf der Bühne stehen braune Kartonagen, wackelig darauf balanciert betuchte Stehlampen, die Licht aus einem anderen Jahrhundert spenden: Quite vintage. Der Eindruck des Bühnenbildes von David Doyle unterscheidet sich nur unwesentlich von dem Second Hand Laden, den ich und meine Begleitung vor der Vorstellung besucht haben. Es riecht sogar ein bisschen nach Mottenkugeln.


Im Hintergrund läuft Minimal Pop, von Dan Cummins für den Abend komponiert. Unbeeindruckt von dem Geschnatter vor der Bühne näht Eva O’Connor, Autorin und einzige Akteurin des Ein-Personen-Stückes auf einer alten Singer-Nähmaschine eine Patchwork-Decke. Sie trägt einen schwarzen Faltenrock und eine flauschige Bluse mit Puffärmeln: Quite 1987.


Eva O’Connor verkörpert in „My Name is Saoirse“ die zaghafte Saoirse beim Nähen, als kenne sie die Figur schon seit Jahren. Es fällt ein vorsichtiger Blick aus wachen Augen, routiniert wie eine alte Wäscherin und doch zurückhaltend wie der Teenager, der die Welt um sich herum zu begreifen versucht.

 

Vorstadthäuser nahe eines alten Friedhofs, ein schlammgrauer Fluss...


Das Zentrum dieser Welt liegt im irischen Limerick der 1980er Jahre. Ein grauer Vorort um den alten Wasserturm, an dem sich Saoirse und ihre beste Freundin Siobhan an den langen Nachmittagen treffen. Lichtwechsel trennen das Stück in zwei Sektionen, die abwechselnd Beachtung finden.

 

Ein Teil spielt auf dem als Nähstube ausgebauten Dachboden des Elternhauses von Saoirse und ihrem Bruder Brandon. Verborgen zwischen alten Stofffetzen und Umzugskisten erzählt das Mädchen von ihrer Kindheit, dem schwarz-weiß karierten Flur, dem Tod der Mutter und den Schlägen ihres einsamen Vaters. Dabei kommt natürlich auch Siobhan zu Wort, die mit ihrer aufmüpfigen Großmäuligkeit und dem starken Akzent als bad influence den schauspielerischen und dramaturgischen Gegenpol zur Hauptfigur Saoirse bildet. O’Connor spielt die beiden Figuren mit einer ernsthaften, fast wütenden Spielfreude. Sie dreht und windet sich, springt wie wild auf, nur um sich einen Moment später wieder auf den alten Holztisch zu setzen und ihre Kleider glatt zu streichen.


Diese Spielfreude schöpft sich auch aus dem persönlichen Interesse der Hauptdarstellerin und Autorin an dem Coming-of-Age Thema, das sich später auch der irischen Problematik Teenage pregnancy zuwendet. „Es war eine einfach Entscheidung, dieses Stück nur selbst zu spielen. Ich wollte schon seit langer Zeit über dieses Thema schreiben“ erzählt Eva O’Connor später im Gespräch am Bühnenrand.

 


Dass die Schwangerschaft Minderjähriger in Irland ein ständiges Thema ist, hängt nicht so sehr von der Fallzahl ab. Vielmehr gilt der mögliche Schwangerschaftsabbruch als Problem: In Irland sind Abtreibungen durch das sogenannte right of the unborn faktisch verboten. Die Rechtslage wurde 1983 bei einem Referendum bestätigt und ist seitdem trotz heftiger politischer Debatten nur für Ausnahmefälle gelockert worden. De facto bedeutet das: Auch wenn eine Frau vergewaltigt wurde, hat sie nach irischem Recht nicht die Möglichkeit zur Abtreibung. Es sei denn, ihr Leben ist durch mögliche Geburtskomplikationen gefährdet.

 

Dieser Problematik folgend erzählt der andere Teil von My Name is Saoirse die Geschichte einer schicksalsträchtigen Nacht. Angestachelt von der frühreifen Siobhan, die inzwischen Zigaretten raucht und sich mit gespreizten Beinen wie ein vulgärer Kutscher präsentiert, willigt Saoirse ein, sich im Pub mit ein paar lads zu treffen. Dabei trifft die Scham, immer noch virgin zu sein auf längst Vergessenes – der erste Kuss Saoirses fand ausgerechnet mit der zufällig entblößten Siobhan statt – und entlädt sich im verzweifelten Versuch, das zu tun, was man als Teenager nun mal zu tun scheint.


Was sich die Regisseurin Hildegard Ryan hier zusammengebastelt hat, lässt das Publikum in andächtigem Fokus zurück. Den meisten der Anwesenden Mittvierzigern dürfte der Stoff nur zu bekannt sein: Katholische Schuldirektorinnen, rebellierende Gören und pickelige Jungs im Pub sind irische Archetypen. Durch die abwechslungsreiche, kurzweilige Inszenierung wird das Bild einer Jugend in der irischen Unterschicht gezeichnet, das auch für heutige Teenager einiges an Brisanz und Wiedererkennungswert beinhaltet.


Schließlich sehen wir dem Schicksal ins Auge, als die lüsternen Jungs zusammen mit der sternhagelvollen Siobhan und der Guiness-gelockerten Saoirse den Pub verlassen. All die zuvor angesprochenen Ängste, vor fellas, dem Wort frigid und der vollkommenen Entfremdung zur alten Freundin Siobhan, liegen in der Trotzigkeit, mit der Saoirse einwilligt, noch weiter zu ziehen. Die Eltern eines fellas sind verreist, und so beschließt man, sich auch noch über den dortigen Whiskeyvorrat herzumachen und ihn dann mit Apfelsaft zu ersetzen. Man ist geladen, spannungsvoll, beinahe so aufgeregt wie die Protagonistin selbst. Das Knistern der Scheinwerfer erfüllt den kleinen Raum.


Und dann passiert es, auf dem Küchenboden. Es ist nicht romantisch, natürlich nicht, sondern nichtssagend bis gewaltvoll. Danach muss alles ganz schnell gehen. Als Saoirse erfährt, dass sie schwanger ist, flüchtet sie sich zu Siobhans Tante nach London. Ein letztes Mal reißen sich die beiden Freundinnen zusammen, bevor sie getrennter Wege gehen. Saoirse treibt ab, und das Licht auf der Bühne geht langsam zur Neige. Es ist totenstill, im Zuschauerraum hört man Taschentücher rascheln.

 

und im Hintergrund der übermächtige Wasserturm.


Die Reise nach London ist eine Flucht vor der einengenden Kinderstube, vor allem aber vor dem restriktiven Rechtssystem im erzkatholischen Irland. In der Realität bleibt schwangeren Minderjährigen auch heute noch nur die Ausreise in eines der frauenrechtsfreundlicheren Nachbarländer. Anbieten würde sich zum Beispiel eine Fahrt mit dem sogenannten abortion pill train – wie Irlands größte Tageszeitung Independent den Schnellzug ins abtreibungsfreundlichere Nordirland nennt – oder eben mit der Fähre nach England.


Diese Missstände der fehlenden weiblichen Selbstbestimmung prangert „My name is Saoirse“ sanft an, ohne dabei pathetisch zu werden, ja ohne sie auch nur konkret zu benennen.


So soll die implizierte pro-choice Message in Eva O’Connors Stück das Publikum erreichen, ohne dabei auf die Tränendrüse zu drücken: „Die Leute identifizieren sich wirklich mit Saoirse. Sie denken zuerst, dass es eine düstere Abtreibungsgeschichte ist, aber in Wirklichkeit ist ein süßes Stück.“


Es ist also ein süße Aufführung mit manch bitteren Tönen, kein Politreißer, den die Sunday’s Child Theatre Company hier auf die Bühne bringt. Ein Stück Irland, geschrieben im Esperanto der Kindheit gegen die Hoffnungslosigkeit der verlassenen jungen Erwachsenen. Eine Hommage an die verlorenen Kindertage, in denen alles ein bisschen einfach schien. Eine atmosphärisch dichte, federleichte und doch belastend schwere portable Aufführung.

 

Und wenn man genau hinguckt, erkennt man dieses Limerick auch heute noch.


Sie brachte der Gruppe zu Recht ausverkaufte Aufführung auf den Festivals im vereinigten Königreich und Irland und den Preis der NSDF Commendation for Writing beim Edinburgh Fringe ein. Dieser Erfolg lässt auf mehr Bühnenmaterial spekulieren, und Eva O’Connor macht dem irischen Jungpublikum Hoffnung: „Wir sind inzwischen mit dem Studium fertig, also werden wir in Zukunft vielleicht auch mehrere Stücke spielen und alte Aufführungen wiederaufnehmen.“


Schließlich endet die irische Aufführung doch noch mit etwas typisch britischen: Keep calm and carry on. Saoirse means Freedom, und diese Freiheit gilt es zu verteidigen. Gegen den Vater, der Saoirse unausgesprochener Weise die Schuld am Tod der Mutter gibt, gegen die wachsenden Anforderungen eines Erwachsenenlebens, gegen den Verlust alter Kindheitsfreunde.


Keep calm and carry on, nach dieser Devise lebt und näht auch Saoirse weiter, obwohl sie sich nach dem Verlust ihres Kindes in der Erwachsenenwelt washed out fühlt.


Keep calm and carry on, das denken sich vielleicht auch die anderen Mitglieder der Sunday’s Child Theatres Company. Denn trotz der vorangegangenen One-Woman-Show räumen alle Mitglieder kaum fünf Minuten nach dem Schlussapplaus in stillem Einverständnis gemeinsam die Bühnenkartons weg.

 

Fotos: Erik Veenstra


Erik Veenstra lebt in Berlin und studiert "Europäische Medienwissenschaft". Seine Theaterbegeisterung entstand in seiner Schulzeit. 2012 arbeitete er im Rahmen eines freiwilligen sozialen Jahres "Kultur und Bildung" im Berliner GRIPS Theater. Er hat Artikel bei verschiedenen Magazinen veröffentlicht. Privat arbeitet er an Theatertexten und Kurzgeschichten.