Thema des Monats - Februar 2015

Wir sind wer wir sind. Wir hoffen und bangen und lachen und springen.

 

Neu: LAB_ _ Junges Theater Zürich
Ein Ausnahmeprojekt in den Anfangsstunden

 

Von Julia Opitz

 

Gestaltung: Studio Sirup, www.studiosirup.ch


Seit gut einem Jahr unternimmt das LAB_ _ Junges Theater Zürich gemeinsam mit jungen Bewohnern der Stadt künstlerische Streifzüge durch das, was sich Leben nennt. Hinter dem Projekt steht die Idee und Konzeption dreier junger Theatermacher: Elina Wunderle, Henrike Gerdzen und Lukas Schmocker haben das mutige Vorhaben, ein Theater für junge Menschen zu gründen in die Tat umgesetzt.
„Aus dem Kaffee zu zweit wurde ein Treffen zu dritt und dann machten wir uns ans Konzept.“ (LAB) So oder so ähnlich lässt sich die Geburtsstunde des Lab_ _ Junges Theaters Zürich umschreiben.

 

Natürlich blieb es nebst dem Kaffee zu zweit nicht bei einem Treffen zu dritt, sondern es folgten etliche weitere, denn Konzept, Zeit- und Finanzierungsplan schütteln sich ja bekanntlich nicht einfach einmal so aus dem Kaffee-Ärmel.
Sehr beeindruckend ist das Ergebnis - nach einer fast einjährigen Vorbereitungsphase stehen inhaltliche und strukturelle Grundidee:

 

Lukas, Elina und Henrike, die sich aus den Disziplinen Theaterpädagogik und Dramaturgie zusammengefunden haben, wollen mit dem LAB_ _ Jugendliche und junge Erwachsene zum künstlerischen Experiment und prozessorientierten Arbeiten einladen, ihnen Raum geben, sich auszuprobieren und sich in kollektiver Form mit der Kunstform Theater/Performance zu befassen.
Jenseits von Schule und unter professionellen Bedingungen entsteht mit der Gründung des LAB_ _ eine bis jetzt in Zürich kaum vorhandene Plattform.
„Es braucht einen unverbrauchten Spiel-, Denk- und Erfahrungsraum, in dem sich junge Ensembles auf Zeit bilden können und wo sich neue Formate und Themen langfristig entwickeln.“ (LAB)
Mutig und neuartig ist dieses Projekt, das sich nicht als reine theaterpädagogische Vermittlungsinstanz versteht, sondern die künstlerischen Fähigkeiten interessierter Jugendlicher Ernst nimmt und fördern möchte.

 

„Jeder Abend ist anders, jedes Mal ist es ein neuer Moment, den ich am besten finde.“, so beschreibt Lisa, Spielerin im Projekt „Sein oder Schein“, am Abend einer im Dezember 2014 gegebenen Werkschau ihren ganz eigenen Lieblingsmoment. Theater ist unmittelbar und es verbirgt sich immer Neues, Unwiederholbares darin: formal wie inhaltlich suchen die Macher_Innen und Mitmacher_Innen des LAB_ _ stetig neue Herausforderungen.

 

Die Unterstriche im Projektnamen sind also Programm, denn sie sind wertvolle Platzhalter, die Raum geben. Raum für Alltägliches, Politisches, Nieschiges, viel zu oft Verschwiegenes, Amüsantes oder auch Trauriges, das künstlerisch verhandelt und beleuchtet wird. Das LAB_ _ tritt in Dialog mit Jugendlichen als „Forscher ihrer Generation“. (LAB) Nicht nur der Bühnenraum ist dabei Zentrum der Arbeit des LAB_ _ , auch Zürich als Stadt(-raum) soll Spielort und Recherchebasis zugleich sein. Durch stadtspezifische Interventionsformate und die Vernetzung mit eher theaterfremden Jugendlichen wollen Lukas, Henrike und Elina zukünftig gemeinsam mit jugendlichen Laien ihre eigene künstlerische Arbeit und die Räume, in denen diese stattfindet immer wieder neu ergründen.

 

Allen Projekten ist die interdisziplinäre Verschränkung verschiedener Kunstformen und die Mitwirkung der beteiligten Jugendlichen an ästhetischen und inhaltlichen Prozessen gemein. „Uns ist es wichtig, dass die Themen und Geschichten einen gesellschaftlich relevanten Bezug haben, dass die Jugendlichen eine Aussage machen. Sie sind quasi gezwungen sich zu verschiedenen Themen immer wieder neu zu positionieren.“ (LAB)

 

Gestaltung: Studio Sirup


„Wir sollen mit entwickeln, das ist ganz wichtig. In unserer Probesession zu „Sein oder Schein“ hatten wir das auch, dass wir alle die einzelnen Szenen mitgestaltet haben. Wir haben dann improvisiert und uns danach darüber unterhalten, wie man das weiterentwickeln kann, was man damit machen kann. Ein großer Bestandteil unserer Arbeit ist es auch, über das Szenische zu reden, selber zu inszenieren, sich Gedanken darüber zu machen und nicht nur einfach zu spielen. Das war es vor allem, was mir neu war und was ich total gut finde.
(Johannes, Spieler in „Sein oder Schein“).

 

Pro Spielzeit gibt es beim LAB_ _ ein bis zwei Projekt/e, für die ein Auswahlverfahren stattfindet, „damit auch Jugendliche, die schon viel Spielerfahrung haben oder vielleicht eine Ausbildung in Richtung Theater planen gefördert und gefordert werden können.“ (LAB). Es werden außerdem mehrere Projekte erarbeitet, bei denen jeder und jede mitmachen kann. Und: generell ist jeder und jede dazu eingeladen, auch im Bereich Regieassistenz, Dramaturgie etc. mitzuarbeiten. Ein kollektives und nonhierarchisches Miteinander also, das dem Projekt innewohnt − toll!

 

Elinas, Lukas und Henrikes Theaterarbeit ergänzt sich z.B. mit Musik, Tanz oder Film – immer mindestens zwei Disziplinen fungieren im Dialog und brechen traditionelle Formen auf. Die interdisziplinäre Verschränkung der verschiedenen Kunstformen ist für das junge Team konzeptionell ein großes Anliegen.

 

„Die Entscheidung für eine Zusammenarbeit mit jeweils noch einer weiteren Disziplin ist während der Konzeptionsphase entstanden. Quasi (...) ein Grundsatz für unsere Arbeit. Im Projekt „Suchwort: Schildkröte“ arbeiten wir zur Zeit mit einer Choreografin zusammen und bei dem Projekt „Schichten“ (AT) liegt der Fokus auf der Musik. Für die nächste Spielzeit wünschen wir uns ein Projekt in dem Film eine große Rolle spielen soll.“ (LAB)

 

Theater mit Jugendlichen, das sich traditionellen Formen widersetzt und konventionelle Grenzen sprengt, erlangt, wie ich finde, automatisch einen ganz besonderen künstlerischen und ästhetischen Eigenwert.

 

In der Versuchsreihe „Schichten“ (AT) wird das Verhältnis aus gesellschaftlich anerkannten Verhaltensweisen und individuellen Bedürfnislagen ausgelotet. „Die Jugendlichen sind gezwungen sich zu überlegen, wo sie eigentlich stehen in der Gesellschaft und wo sie einmal hinwollen, was ihre Prinzipien sind und auf was sie eigentlich bereit sind zu verzichten.“ (LAB) Im Projekt arbeiten neben jungen Spielern und Spielerinnen drei jugendliche Musiker_Innen aus Zürich, die zusammen mit einem Musiker Songs entwickeln. Immer wieder gibt es Treffen zur gegenseitigen Inspiration.

 

Proben zu „Schichten“ (AT); Foto: LAB-Team

 

„Suchwort: Schildkröte“, dass das Thema Jugendsuizid ins Zentrum rückt, ist ein Intensivprojekt des LAB_ _. Besonders spürbar war im Rahmen der Projektvorbereitungen wohl, dass es sich um ein gesellschaftliches Tabuthema handelt: als Geldgeber oder Spielorte gesucht wurden gab es immer wieder distanzierende Reaktionen.
Alle beteiligten Jugendlichen im Projekt „Suchwort: Schildkröte“ sind nicht jünger als 18 Jahre und gecastet. Die gemeinsame Arbeit an diesem sensibel zu erforschenden Thema wird außerdem von einer Psychologin begleitet.


„Suchwort: Schildkröte“; Foto: Helen de Matos


Mein Besuch bei der Werkschau „Sein und Schein“, eine Stichprobe, die im Dezember in Zürich stattfand, hat bleibenden Eindruck hinterlassen. Ohne Textbuch und auf reiner Improvisationsbasis entwickelte die Gruppe ein kurzes Stück zum Thema Lügen und Kommunikation. „Es geht um eine Gruppe Jugendlicher, deren Gruppenzusammenhalt nur durch Lügen funktioniert. Die Gruppe wird durch Lügen zusammengehalten, sie existiert nur, weil es Lügen gibt.“ (Rahel und Lisa, Spielerinnen) Die Mobiltelefone der Zuschauer_Innen spielen dabei eine nicht unwesentliche Rolle: Immer wieder klingelt und vibriert es im Zuschauerraum und das Publikum erhält (scheinbar) persönliche SMS von den Spielern: Wer oder was ist hier eigentlich echt und was ist sicher?

 

Werkschau zu „Sein und Schein“, Dezember 2014; Foto: Lab-Team


„Was man heute Abend sehen konnte ist, dass die Mädels und der eine Junge wahnsinnig mutig sind, denn es entsteht eine große Nähe zwischen Zuschauer und Bühne. Sie kommen ja sogar zwischen unsere Sitzreihen und halten das bestens aus. Man verspürt keine Hemmungen der Darsteller – vielmehr ist man eher selbst gehemmt, wenn man ab und an aufs Handy schaut – und das ist eindrücklich. Das ist eine der Kräfte, die junge Menschen auf der Bühne erzeugen und vielleicht sind das Kräfte, die zum Teil stärker sind, als wenn Profis auf der Bühne sind.“ (Zuschauer, Vertrauter des LAB)

 


Werkschau zu „Sein und Schein“, Dezember 2014; Foto: Lab-Team


Die Finanzierung des Lab_ _ läuft über Kursgelder und Fördermittel. Das große Ziel von Lukas, Elina und Henrike ist es, einen Fond aufzubauen, mit dem die Kurskosten für finanziell schwächere Familien abgedeckt werden können.

 

Seit dieser Spielzeit besteht eine temporäre Kooperation zwischen dem LAB_ _ und dem Züricher Theater Neumarkt. Von Anfang an allerdings stand für Lukas, Elina und Henrike fest, dass eine dauerhafte Anbindung an ein bestehendes Haus nicht in Frage kommt.

 

„Das LAB_ _ möchte sich bewusst unabhängig etablieren und hierarchisch keiner Leitung eines bestehenden Hauses untergeordnet sein (...). Dennoch suchen wir eine Zusammenarbeit mit anderen Institutionen, da gerade im Anfangsstadium die Vernetzung in der Stadt von großer Bedeutung ist. Das Neumarkt war auch sehr schnell bereit und offen sich auf das Abenteuer einzulassen. Wir haben unsere Zusammenarbeit nun definitiv um eine weitere Spielzeit verlängert. Allerdings sind wir auch mit anderen möglichen Partnern im Gespräch. Unser großes Ziel ist es, auch außerhalb der Stadt Zürich Kooperationen zu etablieren und unser LAB_ _-Spinnennetz über den ganzen Kanton auszubreiten.“ (LAB)

 

Unabhängig von dem strukturellen Apparat eines Stadt- oder Staatstheaters und doch im Dialog mit großen Häusern gibt das LAB_ _ Jugendlichen verschiedene Möglichkeiten, zu gestalten und künstlerisch zu agieren. Hinter der Arbeit von Henrike, Lukas und Elina steht ein Konzept das theaterbegeisterte Jugendliche miteinander vernetzen möchte und sie herausfordert, sich ihren künstlerischen Entfaltungsraum bewusst zu suchen und ihn für sich zu nutzen. Kulturelle Bildungsprozesse passieren dabei auf hohem Niveau, ohne dass sie allerdings immer vordergründig und sichtbar sein müssen.
Für die nächste Spielzeit wird über Projekte nachgedacht, in denen u.a. zu Themen wie Waffen/Kindersoldaten oder den Secondos - Einwandererkindern in der zweiten Generation gearbeitet werden könnte. Außerdem soll die Idee mit der interaktiven Einbeziehung des Publikums über SMS aus der Stichprobe „Sein und Schein“ weiterentwickelt werden und eine Zusammenarbeit mit den Disziplinen Puppenspiel und Film wäre wünschenswert. Die Spielzeitplanung für das nächste Jahr ist also zur Zeit in vollem Gange.

 

„Ich glaube, es wird noch viel passieren (...) und ich hoffe, dass das LAB_ _ immer bekannter wird und immer mehr junge motivierte Leute die verschiedenen Angebote nutzen werden. Elina, Henrike und Lukas sind wirklich cool und ich kann nur sagen, es ist toll, mit ihnen Theater zu machen.“ (Johannes, Spieler in „Sein oder Schein“)

 


Das LAB_ _TEAM:
Henrike (Dramaturgie), Lukas (Theaterpädagogik) & Elina (Theaterpädagogik); Foto: Lab-Team

 

Vielen Dank für das nette Gespräch, liebe Henrike, liebe Elina, lieber Lukas und danke an alle Interviewpartner- und Partnerinnen am Abend der Werkschau, u.a. die Spieler_Innen Johannes, Lisa und Rahel.

 

Weitere Infos:

Premiere von „Suchwort: Schildkröte“: Freitag, 27.März 2015 in Zürich


Informationen zum LAB_ _ und weiteren Aufführungsterminen unter:
www.jungestheaterzuerich.ch

 


 

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Das LAB_ _ begrüßt Zürich