Thema des Monats - März 2015

„El mal gusto“ („Der schlechte Geschmack“)

– Proben in Havanna zwischen Haare raufen und dem Entdecken einer unbekannten Komplizenschaft

 

Moritz Schönecker, Regisseur und Leiter des Theaterhauses Jena, inszenierte in Havanna zusammen mit dem kubanischen Theatermacher Marcos Díaz den Text „El mal gusto“ (Der schlechte Geschmack). Das Stück, das im Rahmen der 9. Deutschen Theaterwoche im Oktober 2014 in Havanna, der Hauptstadt Kubas, uraufgeführt wurde, ist nun zum Festival Offenen Welt (Das internationale Festival Offene Welt findet dies Jahr zum ersten Mal vom 26.Februar bis zum 03. März im Theater im Pfalzbau in Ludwigshafen statt; mehr zum Festival im Festivalblog der jungen bühne). nach Ludwigshafen eingeladen. Als Einstimmung auf das Gastspiel in Deutschland erinnert sich die Dramaturgin Sarah Israel an ihre Eindrücke der Endproben und der Premiere in Havanna.

 

Von Sarah Israel

 

17. Oktober 2014, es ist 21 Uhr und wir befinden uns im Theaterraum des Kulturzentrums Bertolt Brecht in der Calle Linea, der bekanntesten Theaterstraße Havannas. Morgen soll hier die Premiere des Stückes „El mal gusto“, stattfinden, das von den kubanischen Autoren Rogelio Orizondo und Marcos Díaz geschrieben wurde. Die beiden waren 2013 vom Theaterhaus Jena nach Deutschland eingeladen worden, um ausgehend von einer Recherche ein Stück zu entwickeln. Den entstandenen Text proben wir, ein deutsch-kubanisches Team von ca. 13 KünstlerInnen, nun in Havanna. Jener Stadt, die in Deutschland vor allem ein Symbol für Fidel Castro, Entspannung bei Zigarren und Rum, alte Chevrolets und Musik vom Buena Vista Social Club ist. Vergessen wird in diesem touristischen Postkartenbild oft all die Geschichte, die sich in Havanna eingeschrieben hat sowie die große Liebe der BewohnerInnen für das Theater, Kino, Tanz – sprich: für die Kunst.

 

Foto: Sarah Israel


Für die Produktion „El mal gusto“ arbeiten der Regisseur Moritz Schönecker und ich erstmalig im spanisch sprechenden Ausland zusammen und müssen feststellen, wie schwierig es ist, die Geduld aufzubringen, die eigenen Worte zunächst in Englisch zu formulieren, so dass sie dann ins Spanisch übersetzt werden können, da nicht alle SchauspielerInnen Englisch verstehen. Manchmal befindet sich das Team durch den Übersetzungsprozess in einem einzigen Sprach- und Gedankenchaos, das jedoch den Erfolg der Proben erstaunlicherweise nicht verhindert.


Bei den Proben lernen Moritz und ich viel über die kubanische Geschichte und Mentalität und tauchen ein in die hiesige Theaterwelt, ihre (Un-)Möglichkeiten, Lebens- und Arbeitsbedingungen. Dadurch, dass wir uns mit dem Text und den SchauspielerInnen intensiv beschäftigen, bekommen wir Einblick in eine Erzählungen über das Lebensgefühl von 20-30jährigen Kubanern. Ihre Großeltern haben in den 1950er Jahren die Revolution zur „Befreiung“ Kubas unter der Leitung von Fidel Castro begonnen, eine Revolution, die bis heute nicht vollendet ist. Für die KünstlerInnen von „El mal gusto“ hat das bekannte „Viva la revolución!“ (Es lebe die Revoluti, das noch immer an vielen Hauswänden der Stadt prangt, allerdings an Gültigkeit verloren. Zu stark ist das Gefühl der Stagnation, des Nicht-Weiter-Kommens in einer gesellschaftspolitischen Situation, die kein „Update“ für das 21. Jahrhundert bekommen hat und somit aktuellen Lebenswünschen und Träumen nicht entspricht.

 

Heute, am Abend vor der Premiere, ist Generalprobe. Allerdings hat sich diese in den letzten drei Stunden durch Warten und nicht durch Proben ausgezeichnet, denn das Licht ist noch nicht fertig und es fehlen die Kostüme. Diese kommen vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Ganz so wichtig scheint das für die SchauspielerInnen nicht zu sein, denn gespielt wird so oder so. Die Haare haben Moritz und ich uns zu Beginn über solche Zustände gerauft und dann gemerkt, dass das Chaos und der eigene Rhythmus aller Beteiligten eine Energie generiert, für die wir gerne in Kauf nehmen, dass während der Probe die Techniker die Bühne für das kommende Stück aufbauen oder der Verantwortliche für Ton mitten in der Chor-Probe den Stecker des Pianos zieht. Wichtig ist allein, trotz der Komplikationen, zu wissen, wie die Energie der SchauspielerInnen gebündelt werden kann. Alle Theaterschaffenden teilen die unermüdliche Lust am Kreieren und am „Anspielen“ gegen schwierige Arbeits- und Lebensbedingungen. Diese äußeren Umstände dürfen nicht verhindern, dass die Bühne betreten wird und „der Vorhang“ zwecks Vorstellungsbeginn fällt, denn sonst wäre der einzige Bereich verloren, in dem Kritik an gesellschaftpoltischen Missständen geäußert werden kann. Für einen Großteil unseres Teams stellt das Theater die einzige Möglichkeit dar, ihren Unmut und ihre Beobachtung über die Lebenswirklichkeit in Kuba zu äußern. Denn, in Kuba herrscht noch immer Zensur, also ein System, dass Meinungsfreiheit unterbindet.

 

Foto: Sarah Israel


Um 22 Uhr ist das Licht fertig und wir haben, mit einem Bier, Musik und Tanz das Warten gut überbrückt. Jede Theatertruppe hat seine Form der Konzentration vor der Generalprobe und ehrlich gesagt, hat die des gemeinsamen Feierns über die eigentliche Unmöglichkeit des Arbeitens etwas herrlich Befreiendes.


Die Premiere war ein voller Erfolg − auch ohne fertiggestellte Kostüme. Für mich und Moritz ist es eine beeindruckende Erfahrung gewesen, miterleben zu können, wie sehr das Publikum auf den Theatertext, seine Kritik am politischen System, seine Anspielungen auf den kubanischen Alltag sowie seine zahlreichen Wortspiele reagierte. Die Zuschauer hingen an den Lippen der SchauspielerInnen und lachten an Textstellen, zu denen Moritz und ich trotz intensiver Probenzeit und viele Gespräche keinen Zugang gefunden hatten. Deutlich wurde, dass in Havanna eine Kommunikation zwischen Bühne und Publikum besteht, die dem Pakt der Komplizenschaft folgt. Ein Pakt, der wünscht, dass die Dinge sich ändern, Alternativen oder Lösungen gefunden werden und nicht mehr eine Heldenerzählung über Revolutionäre den Alltag Kubas prägt, die aus der jüngsten Vergangenheit stammt.