Thema des Monats - April 2015

Theater und Film und Leben


Meine Erinnerungen an Theater und Kino in Regensburg und München von 1945 bis 1960.
Eine autobiografische Skizze.

 

Von Wilhelm Roth

 

Am 27. April 1945 war der Krieg für mich zu Ende. Ich war acht Jahre alt. Amerikanische Soldaten haben meine Heimatstadt Regensburg eingenommen, es gab keinen Abwehrkampf. Die Stadt wurde nicht zerstört. Das Leben konnte wieder beginnen. Kein Fliegeralarm mehr, keine Angst mehr vor Bomben. Viele Erwachsene empfanden das Kriegsende als Niederlage, als Schmach. Wir Kinder aber freuten uns, wir erlebten einen sehr schönen Sommer. Wir haben die Amerikaner als Freunde empfangen, sie schenkten uns Hershey Schokolade und Kaugummi. Marianne Rosenbaum hat 40 Jahre später in ihrem Film „Peppermit Frieden“ mit Peter Fonda als Mr. Freedom diese Stimmung wunderbar eingefangen.

 

Wenn ich heute, 70 Jahre später, an die Nachkriegszeit denke, frage ich mich, gab es damals schon Hinweise auf mein späteres Leben, auf meine Interessen, meinen Beruf als Journalist und Redakteur im Bereich der Kultur? Meine Erinnerung verändert und verklärt sicher manches, aber ich weiß genau, wie gerne ich schon damals Filme gesehen habe und ins Theater gegangen bin. Natürlich hatte ich auch eine „normale“ Kindheit, mit Fußball, Schwimmen in der Donau, Schlittschuhlaufen.Und mit 17 dann der Tanzkurs.

 

Der erste Film, die erste Oper
Bereits im Sommer 1945 gab es in Regensburg ein Kulturprogramm der Amerikaner. In einer Freiluftaufführung sah ich einen Film über eine Eskimofamilie. Der Vater auf der Jagd, die Kinder beim Spielen, die Schlittenhunde durch den Schnee jagend, die unendliche Eislandschaft – ich war begeistert. Erst etwa 20 Jahre später, als ich mich genauer mit Film beschäftigte, wurde mir klar: Das war Robert Flahertys berühmter „Nanook“ von 1922. Als ich dann in den Siebzigern im Berliner Kino Arsenal arbeitete, habe ich den Film wieder gesehen. Anfang 2014 ist er auf DVD erschienen. Ich war jedes Mal wieder begeistert. Ein Film, der mich mein Leben lang begleitet hat. Eine unerwartete Pointe folgte im Dezember 2014. Für eine Rezension las ich die gerade erschienenen Film-Feuilletons von Joseph Roth. In einem hinreißenden Text, 1924 in der „Frankfurter Zeitung“ erschienen, nennt er „Nanook“ eine große Dichtung.

 

Das Theater Regensburg etwa 1963; Foto: privat

 

Bei meinem ersten Theaterbesuch nach Kasperltheater und „Peterchens Mondfahrt“ sah ich in der Spielzeit 1947/48 „Die Kluge“ von Carl Orff. Da war ich gerade in die erste Klasse des Gymnasiums gekommen. Die zentralen Verse, in rhythmisch prägnantem Sprechgesang vorgetragen, sind mir im Gedächtnis geblieben. Der Angstschrei des Bauern: „Oh - hätt' ich meiner Tochter nur geglaubt!“ Und seine bittere Erkenntnis: „Und wer die Macht hat, hat das Recht, und wer das Recht hat, beugt es auch, denn über allem herrscht Gewalt!“ Eine bemerkenswerte Aussage für einen, der sich mit dem „Dritten Reich“ arrangiert hatte. Die „Carmina Burana“ wurden dann zu einem Lieblingsstück. Und als John Dew 2006/2007 in Darmstadt Orffs Musikdramen „Antigonae“ und „Oedipus der Tyrann“ nach Sophokles/Hölderlin dem Vergessen entriss, fand ich meine Bewunderung für den eigenwilligen Komponisten noch einmal und nun besonders eindringlich bestätigt.

 

Fürs Abitur lernen? Lieber „Lohengrin“
In den neun Jahren Gymnasium regelmäßig ins Theater zu gehen, war für mich völlig normal. Wir wohnten etwa 100 Meter vom Stadttheater entfernt. Meine Großmutter ist über Jahrzehnte jede Woche einmal im Theater gewesen. Fast so viel schaffte ich auch. Dass ich zwei Tage vor dem Abitur in die „Lohengrin“-Premiere ging, statt noch zu lernen, freut mich immer noch. Aus dem Gymnasium war außer mir nur der Direktor anwesend. Er guckte sehr überrascht.

 

Das Theater war damals für mich – und das klingt nun recht pathetisch – ein Ort der Freiheit. Gegenpol war die Schule, die Volksschule, aber leider auch das Gymnasium – nicht immer, aber immer wieder: ein Zwangssystem. Zwei Geschichten: 1943, in der ersten Klasse der Volksschule, lernten wir die einzelnen Buchstaben. Als wir das A konnten, diktierte die Lehrerin ganz langsam ein A nach dem anderen, die wir im Rhythmus des Diktats auf die Schiefertafel schreiben mussten. Plötzlich machte sie Schluß und überprüfte die Tafeln. Wer weiter war mit seinem A als die Lehrerin mit dem Diktat, bekam einen Schlag mit dem Rohrstock auf die Hand, das traf fast alle Schüler. Gehorsam war wichtiger als die Freude der Kinder, etwas gelernt zu haben. Zwölf Jahre später ließ im Gymnasium ein Deutschlehrer Schillers „Don Carlos“ fast das ganze Schuljahr hindurch Satz für Satz zu Tode interpretieren. Erst als ich sehr viel später „Don Carlos“ auf der Bühne sah, merkte ich: ein tolles Stück.


Theater: Ein Ort der Freiheit
Wir haben im Gymnasium eine Menge gelernt, aber kaum das selbstständige Denken. Die meisten Lehrer waren sehr konservativ, einige waren wohl Nazis gewesen, einige vom Krieg traumatisiert. Manche Themen wurden grundsätzlich ausgespart, die Sexualität (Warum und wie bekommt Maria Magdalena ein Kind?) und der Nationalsozialismus. Der Geschichtslehrer im Abiturjahr schaffte es genau bis zum Jahr 1925. Aber es gab Ausnahmen, so den evangelischen Religionslehrer und den Musiklehrer der Oberstufe. Als der Religionslehrer mit uns über das Thema Kirche im „Dritten Reich“ sprechen wollte, merkte er, wir wenig wir wussten. Daraufhin hat er uns zunächst die Grundfakten der NS-Politik nahegebracht. Und er schickte uns ins Kino, wenn ein besonders interessanter Film lief, den wir dann in der nächsten Stunde diskutierten.

 

Der Musiklehrer, der selbst komponierte, stellte uns mit Hilfe von Schallplatten Alban Bergs „Wozzeck“ vor, ganz erstaunlich in einem Gymnasium, das die Moderne sonst fast ganz aussparte. Diese frühe Begegnung mit der Berg-Oper hat mein Musikverständnis stark geprägt. Als ich zum Studium nach München kam, hat sehr bald Ferenc Fricsay dort den „Wozzeck“ dirigiert. Bis heute habe ich das Werk etwa 15 mal gesehen, keine Oper kenne ich besser. Auch Büchners „Woyzeck“ ist mir dadurch immer wichtiger geworden. Höhepunkt dieser Entwicklung war 2013 das Büchner-Festival in Gießen, bei dem sechs verschiedene „Woyzecks“ aus aller Welt aufgeführt wurden.


Aufbruch und Neuanfang

Die Jahre in Regensburg von 1945 bis zum Abitur 1956 und danach die ersten Studien-Jahre in München, das war eine Zeit des Aufbruchs. Der Krieg war vorbei, das war das Wichtigste. Was im „Dritten Reich“ geschehen war, habe ich erst so nach und nach erfahren. Ich hatte einige wenige Erinnerungen an die Nazizeit selbst. Kurz vor Kriegsende wurden zum Beispiel KZ-Häftlinge durch Regensburg getrieben, auch über den Arnulfsplatz, wo wir wohnten. Meine Mutter hat mir dann einiges über das Nazi-Regime erzählt. Nach Kriegsende habe ich angefangen, Verwandte und Freunde der Familie auszufragen, nicht alle waren dazu bereit, nicht alles habe ich verstanden. Gut informiert hat mich der Vater eines Schulfreundes, er wusste Bescheid über Hitlers Aufstieg in den zwanziger Jahren. Der Pfarrer, der uns konfirmierte, schenkte mir das Buch, „Geburt des Dritten Reiches“ von Konrad Heiden. Besonders wichtig aber wurde für mich das Taschenbuch „Der Nationalsozialismus. Dokumente 1933 – 1945“ von dem Schweizer Historiker Walter Hofer.

 

Zum Aufbruch, zum Neuanfang trugen Theater, Film und Musik ganz wesentlich bei. Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ oder Carl Zuckmayers „Des Teufels General“ beeindruckten mich als Theaterstück und als Film. Das heißt nicht, dass ich auf der Bühne und im Kino vor allem Nazi-Themen sehen wollte, das hätte junge Menschen wie mich bei allem Interesse überfordert. Wichtig war die neue Weltoffenheit der Theater und des Kinos. Eugene O'Neill, Thornton Wilder, Arthur Miller oder Tennessee Williams wurden gespielt, ebenso Frisch und Dürrenmatt, Sartre wurde populär, und langsam wagte man sich an Brecht heran. Im Kino faszinierten „Verdammt in alle Ewigkeit“ oder „Die Caine war ihr Schicksal“, der Zweite Weltkrieg aus amerikanischer Sicht. Als Zehnjährige allerdings liebten wir Filme wie „Der Dieb von Bagdad“ oder „Das Dschungelbuch“, beide mit dem indisch-amerikanischen Schauspieler Sabu, einem Lausbuben, der vor nichts Angst hatte. Wenn ein solcher Film im Kino lief, hatte ihn nach zwei Tagen die ganze Klasse gesehen.

 

Reichhaltig war in Regensburg vor allem das Musikleben, die Oper, Symphonie- und Kammerkonzerte, wo ich erstmals Werken der klassischen Moderne begegnete. Jazz, den die Nazis gar nicht mochten, hörte ich auf Schallplatten und im Radio, Louis Armstrong, Ella Fitzgerald oder Benny Goodman. Der Sprung zum aktuellen Jazz, etwa zu Miles Davis, war dann gar nicht so groß.

 

Zum ersten Mal die „Zauberflöte“
Auch in Regensburg habe ich interessante Schauspielabende erlebt, die „Glasmenagerie“ hat mich fasziniert, und manchmal gab es prominente Gäste, etwa Ernst Ginsberg für eine Moliere-Aufführung, er war als Emigrant in Zürich gewesen. Aufregend vor allem: Alles war neu für mich. Zum ersten Mal die „Zauberflöte“, zum ersten Mal „Rigoletto“, „Carmen“, „Cosi fan tutte“ (hat mir wahrscheinlich so gut gefallen, weil ich die Doppelbödigkeit der Handlung noch nicht bemerkte).

 

Damals konnten die Opernbesucher viel mehr als heute aktiv werden. Alle Opern wurden Deutsch gesungen, aber wir wollten doch die eine oder andere Arie im Original hören. Darum klatschten wir nach der Blumenarie in „Carmen“ oder nach „Oh, wie so trügerisch“ in „Rigoletto“ so lange, bis der Sänger die Arie in der Originalsprache wiederholte. Regensburg profitierte auch von der Nähe Münchens. Wenn, besonders bei einer Premiere, ein Sänger ausfiel, kam oft ein „Ersatz“ aus München. So erlebte ich Hermann Uhde, den berühmten Mitstreiter bei Wieland Wagners Bayreuth-Erneuerung, als Escamillo in „Carmen“. Ein Kavaliersbariton. Ein besserer Escamillo ist mir nie mehr begegnet.

 

Zum ersten Mal auch die „Neunte“ von Beethoven. Vor allem aber habe ich in Regensburg die Kammermusik entdeckt. (Ich selbst spielte ein wenig Klavier und Geige.) Der Musikverein hat nicht nur die Streichquartette von Haydn/Mozart/Beethoven im Programm gehabt, sondern auch Musik des 20. Jahrhunderts, die zwölf Jahre lang kaum zu hören war. In zwei oder drei Jahren alle sechs Streichquartette von Bartók. Der stärkste Eindruck aber: das Debussy- und das Ravel-Streichquartett, an einem Abend gespielt vom Loewenguth-Quartett aus Paris. Solche Konzerte können den Zuhörer öffnen, sie können ein Leben lang nachwirken. Ähnlich ging es mir später während des Studiums mit dem Schubert-Streichquintett. Und ich entdeckte Gustav Mahler und Karl Amadeus Hartmann, im „Dritten Reich“ ebenfalls nicht gespielt.


Kortner und die Rückkehr der Emigranten
Als ich nach München kam, öffnete sich mir die ganze Welt des Theaters, der Musik, des Films. Jetzt wurde die Regie wichtig, angestoßen vor allem durch Fritz Kortner. Ich hatte das Glück bis zu seinem Tod 1970 noch zwölf seiner Inszenierungen zu erleben. Unvergesslich „Was ihr wollt“ an den Kammerspielen mit Curt Bois als Malvolio und Karl Paryla als Narr. Die beiden gehörten, wie auch Therese Giehse, zu den Rückkehrern aus dem Exil. Ich lernte aber auch den Nachwuchs kennen, Robert Graf, Gertrud Kückelmann oder Rolf Boysen. Dank der vielen Filmkunsttheater und des Studentischen Filmclubs erschloss sich mir nun die künstlerisch ambitionierte Filmproduktion, vor allem aus den USA und Westeuropa. Filme aus der Bundesrepublik gehörten nur selten dazu, Werke etwa von zurückgekehrten Emigranten wie Max Ophüls („Lola Montez“) oder Robert Siodmak („Nachts wenn der Teufel kam). Aber ich schwärmte auch für Romy Schneider. Die Talente des jungen deutschen Films tauchten erst in den sechziger Jahren auf.

 

In München habe ich angefangen, nach dem Kino- oder Theaterbesuch nur für mich Kritiken zu schreiben. Die Notizen zum Film besitze ich noch und benütze sie gelegentlich, die zum Theater schrieb ich in Programmhefte, die bei Umzügen leider im Altpapier landeten. Meine frühen Theater- und Kinobesuche waren zunächst ein großes Vergnügen. Aber im Laufe der Jahre wurde mehr daraus, durch Themen aus Geschichte und Politik, mehr noch über Familie, Freundschaft und Liebe. Menschen wurden vor wichtige Entscheidungen gestellt.

 

Lehrer oder Journalist?
Obwohl ich mir manchmal ausführliche Notizen machte, hat es lange gedauert, bis mir die Idee kam, ich könnte Journalist werden. Mein Berufsziel war zunächst, trotz negativer Erfahrungen: Lehrer an einem Gymnasium. Ich habe sogar das Volksschulpraktikum noch gemacht. Die Film- und Theaternotizen weckten dann langsam den Wunsch in mir, solche Texte doch auch jemand zum Lesen zu geben, sie vielleicht zu veröffentlichen. In den sechziger Jahren war der Andrang zum Journalistenberuf gemessen an heute noch gering. Jedenfalls empfahl mich in Köln, meiner letzten Studien-Station, ein Journalist dem „Kölner Stadtanzeiger“. Von 1963 an schrieb ich dort meine ersten Filmkritiken. Dann folgte langsam ein Kontakt nach dem anderen. Das Theater kam später.

 

Meine frühe Theater- und Filmbegeisterung war die Voraussetzung, Journalist und Redakteur werden zu können. Aber diese Berufswahl war nicht zwingend. Meine Berufsbiografie ist ein Glücksfall, für den ich dankbar bin, der es mir ermöglicht, auch jetzt im Alter noch aktiv sein zu können. Wichtig war mir und ist mir immer noch, andere für die Kultur zu begeistern. Ich fühlte und fühle mich als Vermittler und Anreger. Ich schreibe Kritiken, aber ungern Verrisse, lieber mache ich Interviews und Reportagen. Ich bin wohl ein altmodischer Journalist.

 


Wilhelm Roth ist seit den achtziger Jahren Mitarbeiter der „Deutschen Bühne“. Autor u.a. für die „Süddeutsche Zeitung“ und (heute noch) für die „Frankfurter Rundschau. Veröffentlichungen über den Dokumentarfilm und Fassbinder. Assistent oder Redakteur in der Filmredaktion des Westdeutschen Fernsehens, bei der Zeitschrift „Filmkritik“, bei den „Freunden der deutschen Kinemathek“ in Berlin und zuletzt bis 2002 bei „epd Film“. Im Ruhestand freier Journalist.
 

Der Autor als Teenager
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