Thema des Monats - Mai 2015

Wo ein Wille ist...

Schauspieler sein trotz Handicap oder Wie Inklusion am Theater funktionieren kann


Von Lisa Heinz

 

Inklusion, eigentlich ein Begriff aus Soziologie und Pädagogik, bedeutet zunächst einmal die Einbeziehung bislang ausgeschlossener Akteure in Subsysteme.  Im Subsystem Theater hat dieser Vorgang jedoch bisher kaum statt gefunden. Das sogenannte „Inklusionstheater" ist in Deutschland bisher kaum zu finden. In der Off-Szene wird häufiger mit körperlich und geistig behinderten Menschen gearbeitet. Die deutsche Staats- und Stadttheaterszene ist davon jedoch recht unberührt. Einzig das Staatstheater Darmstadt hat seit kurzem sogar zwei Darsteller mit körperlicher Behinderung fest im Ensemble. Neben Samuel Koch, bekannt durch seinen Unfall in der ZDF Sendung "Wetten dass...?" und seitdem im Rollstuhl, ist Jana Zöll Teil des Ensembles. Sie sitzt durch ihre Glasknochenkrankheit im Rollstuhl. In der Kantine des Staatstheaters Darmstadt habe ich mit ihr über ihre Arbeit und ihren Weg zum Schauspiel gesprochen.

 

Die Inspiration
„Leider ist es noch eine Besonderheit“, sagt Jana Zöll. Aber ein Anfang ist nun gemacht. Nur, wie ist sie eigentlich da hingekommen?

 

Alles fing in der Grundschule und auf der weiterführenden Schule an, dort hat sie immer wieder Theater gespielt. Für sie als Außenseiterin waren die Theatergruppen immer ein guter Ort, an dem sie wie jeder andere auch ihre Aufgabe hatte. Als Beruf hatte sie die Schauspielerei jedoch ausgeschlossen, denn fest im Kopf verankert war: für eine Behinderte im Rollstuhl ist das unmöglich. Bekannt war ihr allerdings der Schauspieler Peter Radtke, der auch an der Glasknochenkrankheit erkrankt ist und im Rollstuhl sitzt. Eines Abends sieht sie im Fernsehen ein Interview mit ihm und hört wie er von der Akademie für darstellende Kunst in Ulm erzählt und dass dort auch Schauspieler mit Behinderung studieren können. Ab da war klar: Schauspielerin will sie werden und nichts anderes. Und dann hat es tatsächlich funktioniert, das Studium in Ulm hat sie abgeschlossen und dann freiberuflich gearbeitet bis es nun in Darmstadt zum Festengagement kam.

 

Die Schauspielerin Jana Zöll, Foto: Albrecht Haag

 

Wo ein Wille ist...
In ihrem Leben hat sie oft gehört, dass sie etwas nicht tun kann. Schauspielerei zum Beruf? Das geht nicht! Ging aber doch. Fest in einem Ensemble im Stadttheaterbetrieb? Das geht nicht! Ging aber doch. Und wenn ich sie so erzähle höre und sehe, wie leidenschaftlich sie dabei ist, dann weiß ich auch, warum sie das alles geschafft hat.


Doch es ist eben immer noch eine Besonderheit. Und das liegt nicht daran, dass es nicht genug talentierte oder zumindest interessierte Menschen mit Behinderung fürs Theater gibt, weiß Jana Zöll. Es scheitert ja schon an der Ausbildung. Sie wünscht sich sehr, dass die Ausbildungsmöglichkeiten für behinderte Menschen ausgebaut werden, vor allem auch auf staatlicher Ebene. Die Akademie für darstellende Kunst in Ulm ist noch immer die einzige Schule, die einen Studiengang für Behinderte anbietet, und dieser wird nicht einmal mehr offiziell beworben. „Das ist wirklich sehr tragisch!" beklagt sie.

Im semi-professionellen Bereich hat sie gearbeitet, mit talentierten behinderten Menschen, denen aber doch eine fundierte Grundausbildung fehlt. „So können viele nicht den Weg gehen, der wahrscheinlich der richtige für sie wäre."

 

Inklusives Proben
Durch ihre Glasknochen haben viele Kollegen zunächst Angst sie zu berühren oder sogar zu verletzen. Nicht unberechtigt. Doch durch Offenheit auf beiden Seiten sind diese Ängste schnell der Neugier gewichen und entsprechende Grenzen werden erkannt. Darum fühlt sie sich in dieser Welt auch so wohl. Wenn alle wollen, gibt es so gut wie keine Probleme. Und in Darmstadt fühlt sie sich besonders wohl.

 

Im Probenalltag kann sie zwar manches nicht im klassischen Sinne entwickeln, findet aber dafür ganz neue Zugänge und hat von Natur aus eine ganz andere Körperlichkeit. Sie schränkt ein, aber sie eröffnet auch Möglichkeiten. Da braucht der Regisseur schon ein paar Ideen mehr als sonst. Oder sie nimmt das Ganze selbst in die Hand wenn es sein muss. Power hat sie, das merke ich. Wenn sie etwas will, findet sie einen Weg, es umzusetzen.

 

Ensemble von "Der Kaufmann von Venedig", Foto: Joachim Dette

 

Besetzung
In dieser Spielzeit hat sie nur Männer oder Jungsrollen gespielt. Das war in Ordnung, aber nun soll eine Änderung her. So will sie als Mensch nicht gesehen werden, denn letztendlich ist sie eine Frau und kann eben auch eine Frau auf der Bühne spielen. Die Rolle der Antigone ist für sie sehr reizvoll. Doch der Wunsch nach einer sinnlichen Rolle und einer Figur die sich auch mit Liebe, Leidenschaft und Sexualität beschäftigt, ist größer. Sexualität bei körperlich behinderten Menschen ist allgemein eher ein Tabuthema und sie werden häufig als sexuell neutral gewertet. Das möchte Jana Zöll gerne ändern. Eine schnöde Frauenrolle wäre für sie eine willkommene Abwechslung.

 

Auch in „Der Kaufmann von Venedig", ihrer ersten Produktion am Staatstheater Darmstadt, spielt sie Männer. Zum einen Tubal, einen Verbündeten des Shylock. Für ihren Auftritt rollt sie von der Seite auf einem tiefen Rollboard herein, geschickt, ohne Rollstuhl, ohne Aufwand, ohne aus der Reihe zu fallen. Zum anderen spielt sie den Dogen − eine herausgehobene Besetzung −, denn die kleine, körperlich eher schwache Person bildet ein spannendes Gegenbild zur Machtposition, die der Doge im Stück innehat. Für Jana Zöll selbst ist das nicht mehr spannend, diese Art mit ihrer Behinderung umzugehen kennt sie schon.


Szenenbild aus "Der Kaufmann von Venedig", Jana Zöll als der Doge; Foto: Sandra Then

 

"Wenn mir keiner einen Job gibt, gebe ich mir selbst einen"
In Darmstadt hat sie sich nun eingelebt und kann sich gut vorstellen hier länger zu bleiben. Aber wenn es sich ergibt, würde sie auch gerne nach Köln oder Berlin wechseln. Und wenn es mit dem Theater mal nicht klappt? „Wenn mir keiner einen Job gibt, gebe ich mir selbst einen," sagt sie ganz selbst bewusst. Sie schreibt selbst kleine Stücke, die sie auch schon selbst zur Aufführung gebracht hat. Auch ein Filmscript ist in Arbeit. Natürlich mit weiblicher Hauptrolle für sich, das Thema Behinderung-Sexualität-Liebesbeziehung soll behandelt werden. Ein Tabuthema, zu dem sie gerne ihren Teil beitragen will.

 

In jedem Fall trägt Jana Zöll ihren Teil zur Diversität an deutschen Bühnen bei. Wenn bisher auch in einer Vorreiterrolle bleibt es eigentlich nur zu wünschen, dass sich die Ausbildungsmöglichkeiten und Zugänge zu diesem System für Menschen mit Behinderung verbessern. Es wäre eine Bereicherung für die vielfältige Theaterwelt.