Foto: Stuttgarter Ballett
Foto: Stuttgarter Ballett

Thema des Monats - Januar 2016

Die Bewegliche


Alicia Amatriain, Erste Solistin des Stuttgarter Balletts, ist eine große Tanzdramatikerin. Im November wurde sie für ihre Rolle des Teufels in "Die Geschichte vom Soldaten" mit dem Deutschen Theaterpreis DER FAUST ausgezeichnet. 

 

Von Andrea Kachelrieß

 

Am Abend zuvor war sie neben Friedemann Vogel der große Star. Mit strahlendstem Ballerinenlächeln verbeugte sich Alicia Amatriain im Stuttgarter Opernhaus vor einem begeisterten Publikum. Dreieinhalb Stunden lang hatte die Spanierin als Aurora das Märchen von "Dornröschen" beseelt. Sie ließ die Königstochter ein Mädchenglück auskosten, als erlebe sie diesen Moment zum ersten Mal. Nach dem schwierigen Rosen-Adagio, das Marcia Haydées Version des Klassikers in Stuttgart bereit hält, gehörte dieser Aurora die Welt, als sie sich traumverloren und schwebend leicht ihrem Prinzen in die Arme tanzte.

 

Am Tag darauf hat Alicia Amatriains Lächeln wieder Normalgröße. Auf der Straße, sagt die Spanierin, die im Alter von 14 Jahren aus ihrer Heimatstadt San Sebastián nach Stuttgart kam und inzwischen seit 20 Jahren hier lebt, erkenne sie keiner. Starallüren sind der Tänzerin, die auf der Bühne zu den wichtigsten Protagonistinnen des Stuttgarter Balletts zählt, völlig fremd. "Beim Stuttgarter Ballett", sagt Alicia Amatriain, "gibt es nicht den einen Star, hier ist die Kompanie der Star."

 

Natürlich erinnert sie sich gut an ihren ersten Auftritt mit diesem Star. In ihrem letzten Jahr an der John-Cranko-Schule, das war 1998, half sie im Schwanensee-Corps aus. Die ersten Vorstellungen in "Dornröschen" gab sie als Fee des Bergkristalls und als eine von Auroras Freundinnen. Als sie dann 2006 erstmals die Hauptrolle tanzte, hätte sie ganz entspannt sein können. Seit vier Jahren war Alicia Amatriain da bereits Erste Solistin - und dazu frisch mit dem Deutschen Tanzpreis Zukunft ausgezeichnet. Doch das bevorstehende Aurora-Debüt ließ die damals 25-Jährige schlecht schlafen. Heute kann Alicia Amatriain zwar über die Nervosität von einst lachen, die Herausforderungen des Klassikers bleiben. "Der ganze erste Akt ist technisch sehr schwierig, und alles ist so rein, so klassisch, dass der kleinste Patzer sofort auffällt. Das ist bei keinem anderen Ballett so", sagt sie.

 

Szene aus John Crankos "Romeo und Julia"; Foto: Stuttgarter Ballett

 

An Marcia Haydées Version schätzt Alicia Amatriain, dass sie Auroras Geschichte mit dem Herzen erzählt. "Da steckt ein bisschen von Romeo und Julia drin", sagt die Tänzerin, die trotz dem Spaß an der Ausgestaltung dieser Rolle froh ist, in Stuttgart nicht auf das Klassische reduziert zu sein. "Ich könnte mir nicht vorstellen, dass ich das jeden Tag tanze. Mir würde das Drama fehlen, das Darstellerische, das Moderne. Ich möchte zeigen, wie eine Geste, ein Schritt auch Gefühle transportiert."

 

Gelegenheiten dazu hatte und hat sie in Stuttgart reichlich. Besonders liegt ihr die Tatjana in John Crankos "Onegin" am Herzen. "Das war meine erste große Rolle", sagt Alicia Amatriain - und viele erinnern sich an ihr Debüt im Jahr 2002, weil sie sich diesem Charakter, der von der Liebe auf harte Proben gestellt wird, so überraschend spontan und mit natürlicher Leidenschaft annäherte. Fürchtet sie, dass sich irgendwann Routine einschleichen kann? "Ja", sagt Alicia Amatriain ehrlich und direkt, wie es ihre Art ist, "die Gefahr ist da. Ich versuche jedes Mal, einen neuen Zugang zu einer Rolle zu finden. Schön ist es deshalb, immer wieder mit einem neuen Partner tanzen zu können wie in dieser Saison mit Friedemann Vogel; das macht alles frisch." Ganz überraschend kam Alicia Amatriain im Februar 2014 zu einem neuen Onegin, als sie in Paris für eine erkrankte Tänzerin einsprang und an der Seite von Karl Paquette die Tatjana interpretierte.

 

Für großes Drama sorgt Alicia Amatriain auch in "Romeo und Julia". Zum 50. Geburtstag von John Crankos erstem Erfolgsstück für das Stuttgarter Ballett wurde der Spanierin die Julia anvertraut. Wie sie ihrem Romeo übers Haar streicht und elektrisiert von der neuen Nähe zurückschreckt: Wie unter dem Vergrößerungsglas gibt Alicia Amatriain jeder Geste Gewicht und füllt sie doch mit einer jugendlichen Leichtigkeit, die diese Liebe jedes Mal aufs Neue keusch aufkeimen lässt. Mit ihrer intensiven Rollengestaltung macht die Tänzerin das Besondere an Crankos Kunst sichtbar, die Gefühle mit großer Natürlichkeit im Tanz spiegelt.

 

Die wichtigen dramatischen Charaktere im Stuttgarter Repertoire hat Alicia Amatriain alle getanzt, sie war die Marguerite in John Neumeiers "Kameliendame", die Blanche in seiner "Endstation Sehnsucht". Nur einen Traum konnte ihr das Stuttgarter Repertoire bislang nicht erfüllen. "Die Manon Lescaut in Kenneth MacMillans Ballett ist eine Rolle, die ich gerne einmal tanzen möchte", sagt die Spanierin, die abgesehen davon in Stuttgart wunschlos glücklich ist. "Ich arbeite sehr gerne mit Choreografen zusammen und kann mich glücklich schätzen, dass ich hier so oft die Gelegenheit dazu bekomme. Das ist einer der vielen Gründe für mich, in Stuttgart zu bleiben."

 

Die Liste der eigens für sie gestalteten Rollen ist schlicht beeindruckend. Choreografen wie Itzik Galili, der mit Alicia Amatriain und Jason Reilly in "Mono Lisa" 2003 ein virtuoses Tanzfeuerwerk zündete, setzen auf die extreme Beweglichkeit der Spanierin. Jüngster Zugang: Für Demis Volpis "Geschichte vom Soldaten" schlängelte sie sich aus einem Koffer und setzt als Teufel die Tanzkunst mit fast dämonischer Akrobatik in Szene. An solchen Auftritten schätzt Alicia Amatriain, "etwas Eigenes einbringen" zu können. "Die Lulu, die ich mit Christian Spuck erarbeitet habe, war in dieser Hinsicht etwas ganz Besonderes, nicht nur, weil es die erste große Rolle war, die für mich geschaffen wurde", sagt Alicia Amatriain und skizziert das Schwierige an dieser Frauenfigur. "Sie setzt sich eigentlich aus verschiedenen Charakteren zusammen, weil sie mit jedem Mann anders umgeht. Es war auch für mich am Anfang nicht einfach, mich da hineinzuversetzen." Gelungen ist es ihr dann gleich bei der Premiere im Dezember 2003 überaus überzeugend, Horst Koegler schrieb damals: "Alicia Amatriain ist eine hinreißende, ungemein ausdrucksvielseitige Lulu: ein kindlich naives Biest à la Lolita und eine durchtriebene Schlange - und doch ist alles, was sie tut von einem Air weltmüder Melancholie umgeben."

 

Alicia Amatriain ist eine Tänzerin, die auch modernen Meistern wie William Forsythe oder Hans van Manen auf Augenhöhe begegnen kann. Sie bringt das große Wissen einer klassischen und dramatischen Ballerina ein in den Dialog mit der Gegenwart und ist beweglich genug ist für die Herausforderungen unserer Zeit. "Für Ballett 21", sagt Alicia Amatriain lachend und meint die Extreme, die manche junge Choreografen befördern. Fast klassisch ist da Forsythes Fokussierung auf den Körper - und doch revolutionär. Schön zeigt das Alicia Amatriain in „workwithinwork", wenn sie hochkonzentriert in sich hineinhört, um den Ursprung von Forsythes typischen Bewegungen zu erforschen, die sie dann in Wellen durch ihren Körper laufen lässt. Grenzen scheint es keine zu geben, wenn Alicia Amatriain ihren Körper aufs Äußerste verwindet, dreht, biegt. Diese Tanzathletin hat Forsythes dynamisches Fließen verinnerlicht - ebenso wie die Reduktionen eines Hans van Manen. Keine Geste zu viel macht sie in "Frank Bridge Variations" und schärft unseren Blick für die klare Struktur, der diese Begegnungen von fünf Paaren folgen.

 

Alicia in Marcia Haydées "Dornröschen"; Foto: Stuttgarter Ballett

 

Alicia Amatriains Vielseitigkeit verblüfft. Auch die Neugierde, mit der sie sich immer wieder Herausforderungen stellt. Kaum zu glauben, dass sie nach einer schweren Verletzung ans Aufhören dachte. Oder dass ihre Karriere schon vorm Beginn fast beendet gewesen wäre. Ihre Ausbildung, die sie am Konservatorium in San Sebastián begonnen hatte und dann an der Cranko-Schule fortsetzte, konnte sich ihre Familie nach zwei Jahren Stuttgart nicht mehr leisten, als auch Alicia Amatriains älterer Bruder ein Studium aufnahm. "Eine Ausbildung in einem Land wie Deutschland zu finanzieren war damals sehr teuer", sagt die Tänzerin, die dann das Glück hatte, die erste Stipendiatin von Birgit Keils Tanzstiftung zu werden. So konnte sie 1998 ihren Abschluss machen und als Elevin zum Stuttgarter Ballett wechseln. Zwei Jahre später war sie schon Halbsolistin, seit 2002 tanzt sie an der Spitze der Kompanie.

 

Als wir uns sprechen, ist die Spanierin eben zurück aus München. Ein Visum für eine Japanreise musste sie sich dort auf dem Konsulat besorgen, während der Sommerpause will sie mit Friedemann Vogel beim "World Ballet Festival" in Tokio gastieren. Zusatzarbeit statt Ferien? "Nein", sagt Alicia Amatriain lachend. "Die Ballettwelt ist klein und ich genieße solche Treffen, weil man immer viel von den anderen lernen kann."

 

Dieser Text ist zuerst in der Ausgabe 10/2015 der "Deutschen Bühne" erschienen.