"Das Röhren der Hirsche"; Foto: Vreni Arbes

Thema des Monats - April 2016

Tanz ist Körper ist Gefühl ist Sprache

 

Das Tanzmainz-Festival Update" brachte innovative, genreübergreifende Produktionen von aufstrebenden Choreografen aus der freien Künstlerszene ins Staatstheater Mainz


Von Meike Hickmann

 

Tanz ist Kabarett, Tanz ist Pantomime, Tanz ist Berührung, Tanz ist Poesie und Erzählung und sogar Politik- „Tanz ist, was du Tanz nennst", sagt Choreografin Antje Pfundtner. Verschiedene Definitionen von Tanz - das war das Thema des Tanzmainz-Festivals „Update", das vom 5. bis 13. März 2016 internationale Choreografen und Tänzer auf die Bühne brachte - und die Zuschauer selbst sogar auch. Das Festival soll sich ganz auf Nachwuchschoreografen und Künstler der Freien Szene konzentrieren, auf die „großen Namen von morgen", steht in der Einleitung des Programms. „Den Mainzern kannst du alles zeigen und sie nennen es immer noch Ballett", sagt Tanzmainz-Direktor Honne Dohrmann schmunzelnd. So geht es wahrscheinlich den meisten, tatsächlich verhält es sich so, dass Ballett auf jeden Fall Tanz ist, Tanz aber nicht auf jeden Fall Ballett.
Das kann man bei Tanzmainz jeden Abend lernen: 20 Choreografen zeigten ihre Kunst, und sie alle überraschten mit ihrem Zugang zu Bewegung zu - zu was eigentlich? Musik? Muss nicht sein, Antje Pfundtners Stück „Nimmer" kommt fast ohne Musik aus. Sie tanzt zu ihrem gesprochenen Wort. „Vier Schneeflocken werden jedes Jahr ausgewählt, die nicht schmelzen. Aber wo sie auftauchen, das weißt niemand", erzählt sie und wiederholt den letzten Halbsatz. „Das ist dann Schnee von gestern", sagt sie plötzlich. Das Publikum lacht.


Ihr Stück ist gleichsam für Kinder und Erwachsene, sie verbindet mit ihrem Stück zum Thema Verschwinden kindliche Magie mit poetischer Melancholie, Witz mit Wehmut. „Freunde sind verschwunden und Erinnerungen. Und diese pinke Jacke mit dem schwarzen Futter und den lila Knöpfen - zu wem ist das alles wieder zurückgekommen?" fragt sie zu Anfang des Stückes. Und was wird zurückgelassen? Sie erzählt dabei eine Geschichte über einen Wolf, der ein Huhn besucht, immer mehr Tiere kommen hinzu, der Wolf verschwindet. Er lässt die anderen mit einem schönen geselligen Abend zurück, den sie ohne ihn nie gehabt hätten. Tanz ist Poesie, Erzählung.

 

"Bernadette"; Foto: Vreni Arbes


„Heute Abend bitten wir Sie um ihre Handflächen", sagt Choreografin Vera Tussing und merkt mit einem Stirnrunzeln selbst, dass das merkwürdig klingt. Es ist die Einführung zu ihrem Stück „The Palm of your Hand" - und es geht tatsächlich um die Innenflächen unserer Hand. Die Zuschauer stehen in einer Ellipse, die Tänzer sind in der Mitte und kommen immer wieder zu den Zuschauern und ihren Händen zurück. Eine leichte Berührung an den Fingerspitzen, das Streichen über den Körper eines anderen, festhalten und klatschen - alle Facetten unserer sonst als vollkommen alltäglich wahrgenommen Handflächen kommen in dem Tanz zur Sprache. Man spürt an der Scheu der Zuschauer mitzumachen, dem gelegentlich verlegenen Kichern und dass manchmal doch gesprochene Sprache nötig ist, um einander zu verstehen, wie sehr wir verlernt haben mit dem Tastsinn zu kommunizieren und wahrzunehmen. Tanz ist Berührung.


Das Tanzmainz-Festival war eigentlich im Rhythmus von zwei Jahren geplant, aber das fand Tanzdirektor Honne Dohrmann zu lang und kam auf die Idee dieses Jahr ein „Update" hinterher zu schieben mit aufstrebenden Künstlern. „Wir wollen Experimentierfreude fördern und neue Handschriften", sagt er. Auch das Tanzmainz Ensemble arbeitet in der Produktion „HOM" mit Nachwuchschoreografen für das Festival zusammen. Das entspräche auch der Philosophie von Tanzmainz, das nur Choreografen einlädt um mit ihnen zusammenzuarbeiten und keine Repertoire-Stücke zeigt. Auch die Tänzer verstünden sich als Künstlerpersönlichkeiten.


Gerade junge Choreografen, häufig aus der freien Szene müssten erstmal vertraut gemacht werden mit dem Konstrukt Staatstheater. „So ein Haus ist eine Lokomotive, sie braucht lange um loszufahren, aber dann entfaltet sie eine unglaubliche Power", sagt Dohrmann. „Die Künstler müssen erstmal lernen, dass es einen Betriebsrat und eine Gewerkschaft gibt. Sie müssen lernen, dass es Zeitpläne für Proben und Bühnenbild gibt." Aber das Staatstheater und die Nachwuchskünstler seien voneinander abhängig. „Wir müssen sie hier rein lassen und sie damit vertraut machen." Andersherum müsse natürlich das Publikum mit den neuen Strömungen des Tanzes und seiner Vielfältigkeit vertraut gemacht werden . Das funktioniere am besten in einem verlässlichen Rahmen, dem Staatstheater, das künstlerische Qualität garantiere. Und das Publikum ist neugierig - nach zehn Tagen waren alle Karten ausverkauft.

 

"Nimmer", Foto: Anja Beutler


Diesen Gedanken von Bekanntmachen von Publikum und Freier Szene verwirklicht der ehrenamtliche Verein „Lucky Trimmer" auf besondere Weise. Mit der niederländischen Initiative „Moving Futures" und der luxemburgischen „Trois C-L" und dem Berliner „Lucky Trimmer"-Verein sind drei Tanzplattformen zum Festival eingeladen, die sich ganz der Förderung möglichst innovativer Ideen verschrieben haben. „Wir wollen alle Genregrenzen sprengen - Nachwuchschoreografen, aber auch etablierte können sich bewerben. Oder auch eher tanzfremde Performer, wichtig ist nur die originelle Idee", sagt Vereinsvorsitzender Uwe Kästner. Das Zweite, was wichtig ist: Die Choreografie darf nicht länger als zehn Minuten dauern. „Wir wollen das Format Kurztanz etablieren, sowie es auch die Kurzgeschichte und den Kurzfilm gibt", sagt Kästner. So könne man auch das Publikum mit zeitgenössischem Tanz vertraut machen. „Wir wollen dem Publikum die Angst vor dem Nicht-Verstehen nehmen indem wir sie anfixen mit Tanz", sagt Kästner. In Berlin würden sie oft die „Einstiegsdroge" für Tanz genannt. Selbst wenn ein Stück anstrengend sei, man nichts damit anfangen könnte, keinen Zugang habe - es ist schnell wieder vorbei und schon kommt das nächste, dass einen vielleicht direkt begeistert.


Sieben Stücke zeigt Lucky Trimmer an dem einen Abend in Mainz. Sie sind so unterschiedlich, dass man sich gut vorstellen kann, dass niemand aus dem Saal gegangen ist, der mit nichts davon etwas anfangen konnte. Spätestens an Maura Morales erschütternd und erschreckend heftig getanzter Choreografie „Wunschkonzert" kommt wohl niemand vorbei. Das Stück ergreift einen von der ersten Sekunde an, mit Bewegungen voller Unruhe und Qual erzählt sie packend über Angst und Zwang. Tanz ist Emotion. Und dann das Duo „La Macana" mit dem Pas de deux „VEN" - das Publikum bricht in Begeisterungsrufe aus nach dieser akrobatischen Darstellung eines unfassbar perfekt aufeinander abgestimmten Duos. Tanz ist Virtuosität. Anna Aristarkhovas „Duett für zwei Zungen" fällt dagegen eher schwer, die intensive Beschäftigung mit diesem feuchten Organ widert etwas an. Aber Tanz betrifft alle Körperteile. Lachen muss dann aber fast jeder bei „Das Röhren der Hirsche" von Hartmannmueller & Tim Gerhards wo auf äußerst humorvolle Weise der männliche Machismo behandelt wird : Zum Schluss stehen die drei Tänzer da, mit langen weißen, altmodisch anmutenden Unterhosen bekleidet, in Bodybuilder-Posen reißen sie den Mund auf und heraus kommt: das Gebrüll brünftiger Hirsche. Tanz ist Parodie. Bei Lignas „Tanz aller - ein Bewegungschor" choreografieren die Künstler direkt den Zuschauer. 100 Leute werden auf dem Mainzer Marktplatz versammelt und über Kopfhörer angeleitet. Ligna erzählt auch die Geschichte der Idee: Sie Idee stammt aus den 20er Jahren von der Arbeiterbewegung. Die Kraft der Gruppe war damals Thema des Kommunismus - aber diesen Gedanken führten auch die Nazis mit ihren Aufmärschen fort. Während einem das alles erzählt wird, spürt man die Macht der Gesten, der Gemeinsamkeit, der Masse. Tanz ist Bewegung, aber auch eine Bewegung. Tanz geht uns alle an.