Foto: Ian Douglas

Come on dance with me

 

Besuch beim Impulstanz-Festival

 

Während des jährlich stattfindenden Impulstanz-Festivals dreht sich einen Monat in der Theaterstadt Wien alles um den Körper, Bewegung und Performance. Symposien, Ausstellungen und Workshops laden zur Erkundung der zeitgenössischen internationalen Tanzszene ein.

 

Von Nora Auerbach

 

„Come on dance with me“ ist wahrscheinlich eine der am häufigsten wiederholten Textzeilen, bei der wohl jeder von uns einen eigenen Sound im Ohr hat. Ob in „Prettiest Virgin“ des französischen Synth-Pop-Duos Agar Agar, bei Frank Sinatra oder in „The Age of Love“ der gleichnamigen 90er-Jahre-Tranceband, gemein ist ihnen der Glaube an die befreiende Kraft des Tanzens. Im Vordergrund steht jedoch nicht allein das Loslassen, sondern immer auch die Aufforderung zur Kommunikation durch körperlichen Ausdruck. Tanz als Form für das vielleicht auch Unsagbare?

 

Während des jährlich stattfindenden Impulstanz-Festivals dreht sich einen Monat in der Theaterstadt Wien alles um den Körper, Bewegung und Performance. Symposien, Ausstellungen und Workshops laden zur Erkundung der zeitgenössischen internationalen Tanzszene ein. Tanzgeschichte trifft auf den choreographischen Nachwuchs. Zu sehen war das 1998 uraufgeführte Stück „Masurca Fogo“ des Tanztheater Wuppertal Pina Bausch, alle vier Arbeiten der „Red Pieces“-Reihe von Mette Ingvartsen oder das in der letzten Woche ausstehende „Go Figure Out Yourself“ von Ultima Vez. Gezeigt werden auch Produktionen des Nachwuchs: etwa „Radiant Optimism", die erste choreographische Arbeit des Tänzers Frank Willens.

 

Bespielt werden nicht nur das Burgtheater oder die Staatsoper, sondern auch die Museen. Die Gruppe Liquid Loft um den österreichischen Choreograph Chris Haring quält sich durch die leeren Räume des Untergeschosses im Leopold Museum. Mit dem beim Impulstanz-Festival uraufgeführten „Stand-Alones (polyphony)“ für acht Tänzerinnen und Tänzer gelingt eine Untersuchung zerrissener Persönlichkeiten, die Unsicherheiten offen legt. Ferne Ballmusik ertönt leise im hohen Eingangsraum, während das Publikum anfangs noch unentschieden nach einem Platz und der Performance sucht. In acht Räumen trifft man jeweils auf eine Tänzerin oder einen Tänzer, die mithilfe von iPods Musik über kleine Bluetooth-Boxen steuern. Andreas Berger arrangiert Soundschnipsel, gesprochene Erzählungen und rückwärts abgespielte Stimmen in eine verwirrende Klangcollage. Die meiste Zeit bewegen sich die Perfomer an den Wänden entlang, hängen regelrecht zwischen ihnen in die Ecken gedrückt und wirken dabei doch nie ausgestellt. Die Verdrehungen ihrer Körper, ihre Fratzen erscheinen nicht beängstigend, aber in ihrer Dringlichkeit, sich zu positionieren, verstörend. Wenn Dong Uk Kim seinen Rücken beugt und seine langen Arme verrenkt, werden die im oberen Stockwerk des Museums hängenden Bilder von Egon Schiele körperlich erfahrbar. Zunächst unabhängig voneinander agierend, trägt der Sound Wiederholungen durch die Räume, durch die ein gemeinsamer Bezugsrahmen entsteht. Beim fulminanten Ende finden sich alle Tänzerinnen nach und nach im Eingangsraum zusammen. Ihre Bewegungen beschleunigen sich mit der lauter werdenden Musik, die Arme fliegen hoch, die Körper winden sich. Sie werden zu Boden gerissen, richten sich wieder auf und münden in ein ekstatisches Gruppenbild von mit sich kämpfender Individuen. Mit tosendem Applaus erlösen die Zuschauerinnen und Zuschauer sich und die Performer.

 

Begeistert zeigt sich auch das Publikum bei der Vorstellung des 2018 erschienenen Musikalbums „Powerhouse“ von Planningtorock aka Jam Rostron. Beeinflusst durch Künstlerinnen wie Peaches steht Planningtorock für poppige Elektrosounds und einen musikalischen Diskurs über Geschlechtsnormen. Gemeinsam mit Choreograph Ian Kaler entwickelte Planningtorock außerdem die zuvor im Leopoldmuseum gezeigte Performance „Raw Practice“. Jam Rostrom selbst versteht sich weder als Frau noch als Mann. Positiv fällt die Selbstverständlichkeit auf, mit der nicht normierte Körper und Geschlechtsbilder auf der Bühne zu sehen sind. Die Liveshow bewegt sich zwischen Konzert, Tanzperformance und Videoshow. Entstanden ist ein sehr persönlicher Abend über Jam Rostrons Familie, der emotional berührt.

 

Die Ausstellung „Come on! Dance with me“ in der Galerie Ostlicht zeigt Fotos der beiden Fotografinnen Karolina Miernik und Emilia Milewska, die das Festival seit Jahren dokumentieren. Mit der Kamera fangen sie sowohl ruhige Porträts, als auch von Energie geladene Ensemblefotos von Tanzabenden von Doris Uhlich oder Ismael Ivo, ein. Fotos, die durch einen detaillierten Blick, etwa auf die beanspruchten Fußsohlen der Tänzerinnen, zerbrechliche und starke Momente festhalten. Was bleibt von einem Tanzabend und wie lassen sich ältere Arbeiten erhalten und einfangen, um auch einer nachkommenden Generation einen Zugang zu ermöglichen? Diese Frage stellt sich umso drängender, wenn die Akteure selbst nicht mehr sind. Noch dieses Jahr eröffnete das Festival mit Johannn Kresniks Macbeth-Version. Am 27. Juli verstarb Kresnik. Er prägte den Begriff des Choreographischen Theaters, schuf bildgewaltige Arbeiten und schreckte nicht vor politisch-brisanten Themen zurück.

 

Während Kresnik als Choreograph bekannt war, der den „Körper in den Kampf werfen“ wollte, hängt die junge Generation am liebsten rum, ist gleichgültig und dem Hedonismus verfallen - ein nicht selten geäußertes Vorurteil gegenüber der Generation, zu der ich selbst gehöre. Ihre ästhetische Entsprechung findet sich im Cloud-Rap von Yung Hurn, Vaporwave [Musik-und Kunstrichtung, im Internet entstanden, Anm. d. Red] und Sneakern. Im Rahmen des 8:tension Nachwuchsprogramms für Choreographie zeigen Ellen Furey und Malik Nashad Sharpe mit „SOFTLAMP.autonomies“ ihre eigene Analyse unserer Zeit. Der in Räucherstäbchen gehüllte weiße Bühnenraum ist leer. Ganz langsam erwacht das Duo, es ist still, die Bewegungen langsam und vorsichtig. Die vor mir eingenickte Zuschauerin schreckt auf, als plötzlich die Stimme des Wiener Rappers Yung Hurn mit der Textzeile „Baby, willst du chillen und so?“ aus dem Lied „Pillen“ ertönt, das in Endlosschleife den musikalischen Rahmen des Abends bildet. Auch sonst gibt es nur kleine Verschiebungen und Änderungen, sei es im Raum, sei es in der Choreografie. Das Licht wechselt nach einer halben Stunde ins Blau und lässt die in weite, weiße geschlechtsunspezifischen Trainingsoutfits gesteckten Körper aufscheinen. In ständigen Loops zeigen die beiden ein synchrones Duett, das sich in den Bühnenraum vorarbeitet, die Spielrichtung zwischenzeitlich wechselt, sonst in der Abfolge aber gleich bleibt. Gemeinsam tanzen sie eine flüssige Aneinanderreihung von Bewegungen, hüpfen viel. Nach einer kurzen Erschöpfungspause, in der sie reglos auf dem Boden liegen, beginnen sie wieder von vorn bis sie sich aus den Zwängen der Synchronität lösen, die Bewegungen entgegengesetzt und versetzt tanzen und am Ende doch wieder zusammenzukommen. Sich von Konformität und Zwängen zu lösen erschöpft. Der intendierte Trancezustand stellt sich nicht wirklich ein, die Inhalte haben sich nach dem vierten, spätestens nach dem fünften Mal auserzählt. Danach läuft die ständige Wiederholung leer. An der choreographischen Übersetzung ästhetischer Internetphänomene in eine reale Bühnensituation muss wohl noch geforscht werden. Auf den Sound von Yung Hurn lässt sich dabei hervorragend aufbauen.

 

Vielleicht ist der Besuch beim Impulstanz-Festival gerade auch für ein junges Publikum interessant, das allein wegen des Alters manch ältere Produktion nicht erleben konnte oder sich in Workshops selbst ausprobieren will. Dabei fungiert das Festival selbst als kleines Archiv über die Formen der Kommunikationen mit und über unsere Körper, die Geschichten erzählen und spezifische Erfahrungen transportieren.

 

Info: Das Impulstanz-Festival läuft noch bis zum 11. August in Wien. Zu sehen sind etwa noch die Gruppe Ultima Vez und eine gemeinsame Arbeit von Simone Aughterlony und Petra Hrašćanec. Infos zum Programm und zu den Workshops unter: https://www.impulstanz.com/

 

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Die Performer entführen das Publikum in die neue Welt. © Juri Padel

Schöne neue Welt?

 

„Kitty Hawk" ist nicht nur die Stadt, in der 1903 die ersten motorisierten Flüge stattfanden: So nennt sich auch ein neues Theaterprojekt am Berliner Theaterdiscounter, das am 14.06.2019 Premiere feierte. Wie wird die Welt aussehen, wenn der Mensch ausgestorben ist? Eine Welt, die beherrscht ist von Künstlicher Intelligenz? Unsere Autorin wurde Teil der zweiten Vorstellung - und fand sich in der Zukunft wieder.

 

Von Antonia Ruhl

 

Es ist soweit, endlich und endgültig: Mit der Menschheit ist es aus und vorbei, jetzt regiert die Künstliche Intelligenz! Willkommen zur Trauerfeier, zum Abgesang auf den Menschen: Schön, dass wir alle hergefunden haben. Die Zukunft kommt jetzt zu uns, sie ist schon fast da, lasst uns Abschied von uns selbst nehmen! Weil es nämlich gleich schon zu spät ist, knipst Schauspielerin Emilia von Heiseler noch schnell ein Erinnerungsfoto von uns - also dem Publikum, das am 16. Juni „Kitty Hawk" im Berliner Theaterdiscounter besucht. Und dann setzt es ein, das Zeitalter der KI, des Kalküls, der Auflösung von Subjekt und Objekt, der endlich befreiten Vernunft: Kitty Hawk bricht sich tänzerisch Bahn durch den Zuschauerraum in Gestalt des Performers Kyle Patrick, sie (es?) macht sich gewaltsam Emilia von Heiselers Stimme zu eigen wie einst der antike Gott Apollo die seiner Orakelpriesterin Pythia.

 

Irgendwie sind die Menschen ja auch selbst am eigenen Aussterben schuld. Arbeiten seit Jahrzehnten fleißig an der Automatisierung menschlichen Verhaltens, befeuern den technischen Fortschritt zum Preis ihrer Unabhängigkeit und nicht selten ihrer ethischen Grundsätze. Das Ende des Menschen ist da nur ein natürliches, nicht weiter beklagenswertes Resultat. Diese nüchterne Behauptung macht Schauspieler und Regisseur Juri Padel nun zum Anlass, eine posthumane Welt zu denken und zu erfinden: Die ist entgegen der Erwartung überhaupt nicht künstlich-kühl und durchrationalisiert, sondern stimmungsverhangen und archaisch. Ein Fest der Widersprüchlichkeiten! Dabei erklärtermaßen gesucht: der Kitty-Hawk-Moment - der Moment, in dem Unmögliches möglich wird.

 

Das Unterfangen ist gut recherchiert. Mit besonderem Rekurs auf Jørgen Leths Film „The Perfect Human" (1968) und Stanislaws Lems Buch „Also sprach Golem" (1981) sowie unter Rückgriff auf viele weitere berühmte Menschenbeschreiber erzeugt Juri Padel ein durchlässiges Textgewebe: faktenbasiert und assoziationsgeladen gleichermaßen. Emilia von Heiseler etwa vollzieht in einer Art Lecture Performance* bedeutende technische Entwicklungen wie die ersten motorisierten Flüge in der US-amerikanischen Stadt Kitty Hawk nach; aber schnell macht sich gerade Padels künstlerische Nähe zu immersiven Theaterformen** bemerkbar - auch an einem Abend, der sich „partizipativ" nennt, die klassische Theatersituation aber weitestgehend wahrt. Da gibt es intensive Musiken (verantwortlich: Tom Förderer), bedrohlich, düster, kosmisch. Wie im Museum sind da Reliquien des vergangenen Menschengeschlechts zu bestaunen: Gläsern präsentiert sich eine Tafel mitsamt Stühlen und Geschirr (Ausstattung: Julia Bahn), die die Performenden vorsichtig erkunden, begleitet von Videoaufnahmen, die das Live-Geschehen geschickt überblenden (Video: Philip Hohenwarter). Hier zeigt sie sich, unsere enträtselte und geheimnislose, bis ins letzte durchleuchtete Kultur.

 

Der Abend wird getragen von vielen kleinen, tänzerischen, präzise ausgearbeiteten Erzählungen über die Mechanisierung, „Kultivierung" des Körpers und dessen Instandhaltung, über längst vergangen scheinende Regungen der Natur und die fatale Ichbezogenheit des Menschen, der zum nötigen Überblick nicht begabt ist. Höhepunkt und beeindruckende Feier des Rituals: der Totentanz von Kyle Patrick, der sich zum Trommelrhythmus bis zur Ekstase geschmeidig durch den Raum bewegt, bis der schließlich komplett aufreißt.

 

Am Ende stehen wir - also das Publikum von „Kitty Hawk" am 16. Juni - dann doch alle auf der Bühne herum, in der Dystopie***, die sich als das Gegenteil ausgibt, und werden willkommen geheißen in der neuen Welt. Trinken Limo. Nach wie vor herrscht eine undurchdringlich-rätselhafte Stimmung, ein Pfeil mit dem Wort „Exit" leuchtet plötzlich an der Wand auf. Die Performenden verschwinden kommentarlos durch den Notausgang. Eine Handlungsanweisung? Es scheint zumindest scheint dringend eine geboten!

 

 

* Eine Lecture Performance verbindet Methoden des Vortrags mit kreativen Elementen.
** Immersivem Theater werden u. a. begehbare Parallelwelten zugeordnet, in denen das Publikum in einen direkten Kontakt mit den Performenden und dem Kunstwerk kommt.
*** Eine Dystopie ist eine fiktionale, in der Zukunft spielende Erzählung mit negativem Ausgang (laut Duden).

 

 

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Foto: JR Berliner Ensemble

Flüchtig

 

In "Amir" erzählen Nicole Oder und Ensemble nach den Motiven von Mario Salazar eine Geschichte von Zurückweisung, Frustration, Hilflosigkeit und Schuldgefühlen, die die Erbarmungslosigkeit deutscher Einwanderungspolitik entblößt. Die eindringliche Inszenierung hatte am 27. April 2019 im Berliner Ensemble Premiere.

 

Von Magdalena Sporkmann

 

Amir bedeutet Prinz. Doch Amirs Leben ist alles andere als herrschaftlich. Er ist als Kind arabischer Einwanderer aus Palästina nach Deutschland gekommen. In seinen Akten steht deshalb „staatenlos". Die Staatenlosigkeit schützt ihn, seine Geschwister und seine Mutter vor der Abschiebung, doch in Deutschland aufgenommen wird Amir auch nicht, lediglich seine Duldung verlängert: „Ein Aufschieben der Abschiebung", nennt es der für ihn zustände Beamte. Eine Arbeitserlaubnis erhält Amir nicht; kein Aus- und so kein Ankommen in Sicht.

 

Das Bühnenbild ist so minimalistisch wie wandelbar und entfaltet dadurch seine bestrickende Wirkung. Über die gesamte Breite der Bühne erstreckt sich eine weiße Wand, die sich um ihre Mittelachse drehen lässt. Immer wieder bringen die Darsteller*innen sie wie eine Drehtür zum rotieren, bis zur rasenden Geschwindigkeit. Als Zuschauer fürchtet man, dieselben, die eben noch die Geschwindigkeit erzeugten, könnten stolpern und von der massigen Wand erfasst werden. So entsteht ein originelles Bild, das die Lebenswirklichkeit von Amir und seinen Geschwistern treffend widerspiegelt: Ihre auf die Zukunft gerichteten Hoffnungen und Wünsche treiben sie an, genauso wie ihre Angst vor der Abschiebung; in das eine Leben wollen sie so schnell wie möglich hineinrennen und vor dem anderen davon.

 

Steht die Wand still, entfaltet Bente Theuvsen darauf ganze Welten. Sie zeichnet live flüchtige Bilder aus Tinte auf die Folien eines Projektors und versetzt die Darsteller*innen in die verlassenen Dörfer ihrer Heimat, nach Berlin-Neukölln oder in einen Zug aus Kranichen. In der Einfachheit dieser genialen Methode steckt ihre Schlagkraft: Ein Tropfen roter Tinte, den Bente Theuvsen auf die Folie spritzt, lässt ein ganzes Massaker herauf dämmern.

 

Amirs Vater ist unerwartet früh verstorben. Infolge dieses Schocks hat Amir laut Behörden eine Impulskontrollstörung entwickelt, d.h. er ist unberechenbar, reizbar und neigt zu körperlicher Gewalt. Seine Aggressionen versucht Amir zuhause mit seinen Geschwistern beim Boxtraining abzubauen. Doch es nützt nichts: Er ist frustriert von der sozialen Quarantäne, in der die deutsche Einwanderungspolitik ihn festhält. Er kann sich ohne Arbeit und Einkommen kein Leben aufbauen. Die Menschen auf der Straße haben für ihn nur Blicke voller Argwohn und Abscheu übrig. Es ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, dass Amir kriminell wird: Diebstahl, Raubüberfälle, Körperverletzung.

 

Als Amir beim Joggen die Deutsche Hanna kennenlernt und diese ihm offenbart, sein Blick löse in ihr Aufregung, „etwas Gutes" aus, tut sich für Amir plötzlich eine neue Perspektive auf. Hanna, die sich selbst als „einsamen Wolf" bezeichnet, wird seine Freundin, seine Verbindung zur deutschen Gesellschaft. Sie gehen gemeinsam tanzen, essen, ins Ballett.

 

Doch alles ist flüchtig, genau wie die Zeichnungen aus Tinte auf dem Projektor. Nicht nur Hanna kommt Amir, der ihr kein zuverlässiger Partner sein kann, wieder abhanden. Auch seine Geschwister leben Stück für Stück ihr eigenes Leben in Deutschland, diesem Land, in das Amir keinen Eingang findet. Der eine Bruder arbeitet illegal, um sich und seiner Verlobten ein Leben aufzubauen, mit einem Zuhause, Kindern und endlich wieder ruhigem Schlaf. Amirs jüngster Bruder hat das Privileg, in Deutschland geboren zu sein und eine deutsche Bildungsbiografie vorweisen zu können. Und Amirs Schwester macht aus dem „barbarischen" und zerstörerischen Boxen eine Kunst. Sie boxt Choreografien und darf schließlich für die deutsche Mannschaft antreten. Dafür erhält sie auch den deutschen Pass.

 

Amir und seine Mutter, die sich depressiv in ihren vom Frustfraß immer mächtigeren Körper zurückzieht, bleiben nur „Geduldete". Der deutsche Pass ist in dieser Familienkonstellation Fluch wie Segen. Er ermöglicht den Geschwistern nicht nur einen sicheren Aufenthalt und eine vielversprechende Zukunft, sondern trennt sie zugleich brutal von ihren Brüdern und der Mutter, die jederzeit von der Abschiebung bedroht sind. „Es tut mir leid", sagt Amirs Schwester als sie ihm von ihrem deutschen Pass erzählt. „Ich scheiße auf den deutschen Pass", ruft Amirs Bruder verzweifelt als er sich aufgrund seines Privilegs von den Brüdern ausgeschlossen fühlt.

 

Die besondere Qualität dieser Inszenierung ist es, die Bedrohung, die die deutsche Einwanderungspolitik nicht nur für jede*n einzelnen Betroffenen, sondern auch für den Zusammenhalt von Familien bedeutet, begreiflich zu machen.

 

Mit Burak Yigit ist die Rolle des Amir herausragend besetzt. So unermüdlich wie Amir seine Muskeln trainiert, seinen Körper beansprucht, so intensiv spielt Yigit diese Rolle, die eine schlaflose Nervosität und elektrisierende Anspannung ausmacht. Laura Balzer als Amirs Schwester und Nora Quest als Hanna stellen starke, in sich ruhende und extrem sanfte Frauen dar, die Amir zumindest zeitweise die Geborgenheit geben können, nach der er unermüdlich sucht. Blasser und fast auswechselbar bleiben Elwin Chalabianlou und Tamer Arslan in den Rollen der Brüder. Die kleine Rolle des Beamten füllt Owen Peter Read prägnant mit Sturheit, Stumpfsinn und einer Prise Komik.

 

 

 

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Foto: Jakob Studnar

Zwischen Paranoia und Realität

 

 

Regisseur Matthias Heße vermischt in seinem Stück „Illuminatics. Ein Mindfuck-Workout in 23 Stufen“ Verschwörungstheorien mit Trash, Absurditäten und Illusion. Heraus kommt ein humorvoller und nicht ernst zu nehmender Abend.

 

Von Maike Grabow

 

Ob um die Illuminaten, die JFK-Ermordung oder die Zahl 23: Verschwörungstheorien sind in einigen Kreisen der Gesellschaft fest verankert. Man kann von einem Verschwörungswahn sprechen, wenn jemand hinter allen Dingen größere Zusammenhänge und eine Geheimorganisation vermutet. „Warum ohne leben?“, fragt sich Celine Hagbart (Elisa Reining).

 

In seiner dritten Arbeit als Regisseur beschäftigt sich Schauspieler Matthias Heße am Schlosstheater Moers mit Absurditäten, Verschwörungen, Paranoia und künstlicher Intelligenz. Das Stück „Illuminatics. Ein Mindfuck-Workout in 23 Stufen“ richtet sich lose an die Kult-Trilogie „Illuminatus!“ von Robert Shea und Robert Anton Wilson und ist genauso verwirrend wie diese. Es geht von Stufe 1 „Höre den Startschuss“ bis Stufe 23 „Am Schluss wird geheiratet“.

 

Abgekapselt vom Rest der Welt wird die zum Theater umgebaute Friedhofskapelle, eine eher ungewöhnliche Spielstätte, zu einer eigenen Realität mit anderen Regeln und Bedingungen. Es wird gekonnt mit verschiedenen Ebenen im Bühnenbild und Zuschauerraum gespielt sowie die Grenzen zwischen ihnen überwunden. Die Zuschauer sitzen mit im Wohnzimmer einer Familie – bestehend aus dem Alt-Hippie Neuss (Patrick Dollas), der Halb-Piratin Celine Hagbart sowie Tierrechtsaktivistin Brute (Lena Entezami) – und ihrem IT-Sicherheitsexperten Georg Dorn (Roman Mucha), die sich ganz der Welt der Verschwörungen hingeben. Durch die geringe Distanz sind die Zuschauenden hautnah dabei, sie erinnert einem an die Aufnahme einer Sitcom. Alles wirkt futuristisch, zusammengemixt mit Elementen aus den 80er und 90er Jahren. Ein gutes Beispiel dafür ist die KI der Familie: FUCKUP ist ein First Universal Cybernetic-Kinetic Ultra-Micro Programmer. Im Wesentlichen kümmert er sich darum, die Menschen morgens aufzuwecken, das Hexagramm des Tages zu verlesen und die Menschen zu ärgern. Was ihm in der Gestalt von Furby, das nervige Spielzeug aus den späten 90er Jahren, auch gut gelingt.

 

Das Ziel der Familie ist, ihre Verschwörungstheorien zu verbreiten. Doch eigentlich wollen sie nur etwas tun – und was eignet sich dafür besser als ein eigener Kanal von der Internet-Ikone Celine Hagbart? Und mal ebenso wird der Umgang der gegenwärtigen Gesellschaft mit Medien parodiert. Ob da tatsächlich der echte Eugen Drewermann sitzt oder sein Körper nur reinprojiziert wird, spielt keine Rolle. Hauptsache mehr Follower, Likes und Käufer. Geht es noch darum, den nahenden Weltuntergang zu verkünden oder nur die Konkurrenten zu überbieten? Alles scheint Illusion zu sein. Wie Georg Dorn zu Beginn verkündet, wird er verschiedene Rollen an diesem Abend spielen, denn jeder spiele im Leben mehrere Rollen. Deswegen ist er nicht nur Georg Dorn, sondern auch der Delfin und Mitglied eines Delfin-Geheimbundes Howard sowie der unheimliche Nachbar Dillinger. Am Ende vermischen sich die Figuren, die er spielt. In Wahrheit ist er alle – oder alle sind eine Illusion.

 

Der Abend versucht durch ein paar intensive Monologe von Celine Hagbart, die an einer Existenzkrise leidet, an Ernsthaftigkeit zu gewinnen. Doch das wird durch den nächsten Trash zerstört, egal ob schlechter Porno, billige Sketsche oder viele Wiederholung, der Regisseur greift tief in die Schatzkiste des Humors. Ernst nehmen kann man das Stück nicht. Und wer sich nicht mit den ganzen Verschwörungstheorien auskennt, dem wird es schwerfallen, die Verbindungen zu erkennen. Doch nachlesen kann dies jeder auf der Internetseite der Illuminatics. Das Stück ist so überladen mit Themen, Illusionen, vermischten Realitäten, Trash und Absurditäten, dass man nicht von einem stringenten Handlungsverlauf sprechen kann. Zu schnell verlieren sich die Figuren innerhalb der Handlung und schlagen neue Wege ein. Doch was ist das Stück – eine Sitcom, eine Komödie oder tatsächlich Realität?

 

 

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Foto: Tom Schulze

Widerstand mit Wirbelwind

 

 

„Teenage Widerstand“: Jugendprotest gestern und heute als Bildertsunami im Theater der Jungen Welt

 

 

Premiere: 2. März 2019

 

Von Torben Ibs

 

 

Ganz zum Schluss schälen sie sich aus ihren grauen Overalls, der an den Mao-Tse-Tung-Einheitslook der Kulturrevolution erinnert, zeigen ihre bunten T-Shirts mit Parolen oder Logos und erzählen am Mikrofon, wofür oder wogegen sie sich politisch engagieren: Gegen Rechts, für Gender-Gleichheit oder die Schulstreiks für Klimagerechtigkeit. Aufstehen, dagegen sein, aber lustvoll und fast schon unbeschwert. Und stellen doch auch die großen Fragen. Eine der Spielerinnen wollte als Kind Bundeskanzlerin werden, mittlerweile ist sie sich da nicht mehr sicher: „Wann geht das eigentlich verloren, diese Greta in uns?“ Auf der Bühne findet diese Antwort nicht. Die ältesten dort sind 18, die jüngsten 13 Jahre alt. Aber vielleicht weiß es irgendwer da draußen.

 

„Teenage Widerstand“, das am Samstag am Leipziger Theater der Jungen Welt Premiere hatte, ist das erste Jugendprojekt im TdJW, das für den regulären Spielplan angelegt ist und Theaterpädagogin und Regisseurin Caroline Mährlein hat sich ein schillerndes Grundthema gesucht. Ausgehend von den Leipziger Meuten, einer Leipziger Jugendopposition in der Hitler-Zeit sucht sie nach dem politisch Aufsässigen in Jugendlichen. Die 15 Spielerinnen und Spieler decken da ein großes Spektrum ab, wie sich aber erst nach und nach zeigt.

 

Den Start machen zunächst eindrückliche Bilder der genormten Monotonie. Choreografiert von Lukas Steltner und Joy Alpuerto Ritter stapfen sie im klaren Takt über die Bühne, passgenau in die Lücken passen die Körper, als sie sich in X-Formation kreuzen und danach zu einer großen Reihe formieren. Jeder Stolperer genau gesetzt als Vorzeichen der Unbotmäßigkeit. Ob gestern oder heute ist da egal – Konformität, das ist das Problem und der Ausgangspunkt für jeden Ausbruch. Kein allzu neuer Gedanke sicherlich, aber in kraftvollen Bildern und einer hohen Spielenergie umgesetzt, die durch den gesamten Abend trägt.

 

Meistens geht es impulsiv zu. Eine Kochshow mit Trotztomaten und Wutwirsing soll die Leute vor Widerstand zum Kochen bringen, es gibt selbstgeschriebene Songs mit klarer Kante („I want protest, I want resistance, I‘m different, I‘m me) und eingestreute Texteinlagen zu Migration, Plastik im Meer oder Gender Performance („Ich will mich nicht definieren!“) und zum Schluss hin fliegen sogar pantomimisch Steine in Richtung Publikum. Vielleicht klopfen sie aber auch nur wütend gegen ein Tor. Insgesamt vertraut die Inszenierung eher den Bildern denn den Texten, in den musikalisch choreografierten Szenen laufen die Performer zu Hochform auf. Sie sprayen, taggen, und tanzen. Pop versus Rock, Reaggeton gegen Billy Talent und System of a Down. Punker gegen Popper reloaded, aber mit feministischen Hip-Hop - immerhin. Und mitten drin immer wieder Verweise auf die Meuten mit Auszügen aus Gestapo-Akten und ihrem Nicht-Auftauchen in den Geschichtsbüchern. „Das ist in meiner Straße passiert und ich weiß davon nichts“, empört sich eine.

 

So stürmen sie bildgewaltig durch den Abend, rollen die Bühnenteile, die Bühnen- und Kostümbildnerin Elena Köhler ihnen bereit gestellt durch die Gegend und lassen alle ihren kleinen pinken Zipfelchen, die in den grauen Overalls versteckt sind, nach und nach sehen. Protest als Rausch und Erlebnis zelebriert, wo kollektiv im Beat von „We will Rock you“ gestampft wird, aber die Frage, inwieweit dieses Stampfen sich überhaupt von dem Marschierton des Anfangs unterscheidet, nicht mehr gestellt wird. „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“, wird Tocotronic gleich zweimal zitiert, doch diese Bewegung ist heute wohl eher ein Kaleidoskop von Bewegungen und Themen, die alle Gleichrangigkeit behaupten. Die stärksten Momente in diesem Abend sind dann auch eher die ruhigen Kontrapunkte, die sich abheben von diesem poppig-fetzigen visuell-akustischen Mahlstrom und Inhalte anreißen, aber selten ausloten. Und dann wirbelt der nächste Bildertsunami alles wieder fort. Bis zum Schlussbild, das doch noch genau diese Räume kurz öffnet.

 

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