Foto: COMEDIA Theater

And I will try to fix you

 

 

Wer bin ich eigentlich? Wo ist mein Platz in der Gesellschaft? Warum und wie beurteilen mich andere? Bin ich alles? Bin ich nichts? Warum gibt es so viele Fragen und keiner weiß die Antwort? In einer sehr persönlichen aber auch globalen Auseinandersetzung mit Ibsens Weltanschauungsdrama "Peer Gynt" von 1867 hinterfragen 15 Jugendliche mit und ohne Fluchthintergrund die eigene Rolle eines jungen Menschen in der Gesellschaft.


Von Lena Sophie Weyers

 

Das Ensemblestück "Being Peer Gynt - wir sind da!" des Ensembles Familie Rangarang in Kooperation mit c.t.201, der Flüchtlingshilfe Weitmar, Zeche 1 Bochum, Theaterkohlenpott Herne, welches am 09. und 10. Januar zu Gast im Comedia Theater Köln war, beginnt mit einem sinnbildlichen Motiv: die 15 Darsteller kommen auf die Bühne gesprungen und rennen auf der Stelle dem Publikum entgegen. Ob die Assoziation mit Fluchtgeschichten oder auch das Wegrennen Peer Gynts vor seinem Leben, oder gar allgemein das Wegrennen vor den Schattenseiten seines Selbst - alle Deutungen sind hier erlaubt, das ist ab dem ersten Moment spürbar.

 

Das Ensemble, das zuvor in dem Stück 'His(or her)Story' die eigenen Wünsche auf die Bühne brachte, versucht sich im neuen Stück nun wieder der Realität anzunähern - welche Grundlage würde da besser passen, als die Beschäftigung mit dem jungen Peer Gynt, der seinem schwierigen Leben entflieht und eine perfekte Fantasiewelt erschafft.

 

Generell ist viel erlaubt in dieser Inszenierung, sei es eine relativ weite Entfernung von Ibsens Textgrundlage oder auch die offene Thematisierung von Gender-Crossing; alles ist erlaubt, um auf die ‚großen‘ Fragen Wer bin ich eigentlich? Was ist mein Platz in der Gesellschaft? Warum und wie beurteilen mich andere? Bin ich alles? Bin ich nichts? Und wer definiert und bestimmt das eigentlich? eine oder mehrere mögliche Antworten finden zu können.

 

Die Handlung Peer Gynts beginnt in dunklen, norwegischen Berglandschaften. Hier wächst der Bauernsohn mit seiner Mutter auf, verarmt, von der Dorfgesellschaft ausgestoßen und verlacht. In der Umsetzung des Ensembles Familie Rangarang - welche fast bis zum Ende von außerordentlichem Witz und gekonntem Timing getragen wird - wird Peers Zeit bei seiner Mutter bereits durch ein Gender-Crossing-Verfahren angedeutet: einer der männlichen Darsteller schlüpft in die Rolle der Mutter. Man könnte auch von einem Übergehen bzw. einer Destabilisierung der gesellschaftlichen Rollenmuster sprechen. Das Publikum lacht, doch bereits zu diesem Zeitpunkt könnte man meinen, dass diese Thematik mit Blick auf die gesellschaftlichen Gegebenheiten mit äußerst starren Rollenmustern gar nicht zum Lachen ist.

 

Der Prozess, eine Rolle anzunehmen, wird in dieser Inszenierung sehr ausgestellt betrachtet. Mit Hilfe einer (Gold-)Kette, auf der der Name „Peer Gynt" steht, schlüpfen die Darsteller einer nach dem anderen in die Rolle Peers und auch wieder hinaus. Diese Verkörperungsfunktion steht im Gegensatz zur Kommentarfunktion, die währenddessen die anderen im Ensemble - oft umgesetzt mit chorischem Sprechen - einnehmen.

 

Das Stück lässt sich dank großzügiger Änderungen auch gut verstehen, wenn man den Originaltext nicht gelesen hat. Dazu werden bestimmte Stationen in der Geschichte Peer Gynts herausgepickt und sehr abstrakt und ohne viele Requisiten dargestellt: Peer Gynts Flucht in seine Traumwelt - die in der Textgrundlage folgendermaßen kommuniziert wird: 

 

Der Schmied: (zu einigen anderen Leuten, mit denen er jenseits des Zaunes vorüberkommt.)
Sieh da; Peer Gynt, das betrunkene Schwein -!


wird hier mit einem lediglich akustischen gluck-gluck-gluck vom Ensemble dargestellt.

 

In der Textgrundlage begibt Peer sich nach Heirat und Zeugung eines Kindes alleine auf die Reise. Es verschlägt ihn nach Afrika, er wird Großkapitalist und Prophet, Playboy und Kaiser der Irren - nimmt also durchaus viele Rollen an - um schließlich, am Ende seines Lebens, wieder heimzukehren.

 

Im Rahmen dieser Reise unter anderem nach Marokko, Indien, China und Amerika, werden auch die Themen der Inszenierung globaler. Auf „dem Meer" wird der Sklavenhändler Peer Gynt vom Rest des Ensembles verurteilt - letztendlich trinkt man aber doch einen Champagner darauf. Auch politisch aktuelle Themen wie Fragen zu Griechenland und Türkei werden aufgegriffen. Zeitweise erhält die Inszenierung mit bissigen Kommentaren wie „nach Griechenland kann ich nicht, da ist jetzt Krieg, ups" fast satirische Züge.


Es wechseln sich die Darstellung jeglicher Kriege bzw. Schlachten - stets in Zeitlupe - mit der Verhandlung moralischer Fragen wie vegetarisch oder Fleisch? Ehrlich arm oder kriminell reich? ab.


Die Schlussfolgerung aus diesen Themen und der eigenen Stellung innerhalb der Gesellschaft wird schlicht beschrieben mit: ich bin nicht frei. Dies geschieht durch eine direkte Kontaktaufnahme der Darsteller mit dem Publikum, in der sie aus der Rolle herausschlüpfen und ihre eigene Situation hier in Deutschland schlicht erzählen. Doch gerade dieses Eingestehen bringt einen durchaus emotionalen Moment in die Inszenierung.


Die wohl berühmteste Szene der Textgrundlage, Im Zeichen der Zwiebel, wird vom Ensemble als Radioshow dargestellt. Der Vergleich von Peer mit einer Zwiebel, die viele Hüllen, jedoch keinen Kern aufzuweisen hat, wird erneut in eine gesellschaftliche Dimension überführt: Ich bin...Altertumsforscher, Schiffsbrüchiger, Prophet, Reisender, Kapitalist, Kommunist, Flüchtling, AfD-Wähler, Wutbürger, Gut-Mensch, rechts, links, arm, reich, gut, schlecht,....
Am Ende steht - trotz dieser vielen Rollen und Kategorien, die man einnehmen kann - nach wie vor die Frage: Wer bin ich eigentlich?


Coldplay's "Fix you" zum Ende hin, könnte für den ein oder anderen als schmale Gratwanderung wahrgenommen werden, aber auch als Plädoyer, die Rollen und Kategorien hinter sich zu lassen, nicht passender sein.
Es reicht, wenn ich ich bin.

 

 

 

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Foto: Arno Declair

Zwischen Sandkasten und Straßenstrich

 

 

In ihrem Roman "Tigermilch" hat Stefanie de Velasco den ganzen Wahnsinn der Pubertät ausgebreitet. Regisseur Wojtek Klemm und Dramaturgin Birgit Lengers haben Nini, Jameelah und ihre Freunde nun auf die Bühne des Deutschen Theaters gebracht. Die Inszenierung feierte am 10. Januar 2018 Premiere und überzeugte durch ihren besonders starken Jahrgang jugendlicher Laiendarsteller des Jungen DT.


Von Magdalena Sporkmann

 

Es ist Sommer und die Ferien haben gerade begonnen. Die Freundinnen Nini und Jameelah aus einer Berliner Hochhaussiedlung schmieden Pläne für diesen scheinbar endlosen Ozean aus Zeit. Schnell wird klar, welcher Wunsch keinen Aufschub mehr duldet: die Entjungferung.

 

Tigermilch heißt der Cocktail aus Maracujasaft, Milch und Mariacron, den Nini und Jameelah in einem umfunktionierten Müllermilchbecher zusammenrühren. Die Mixtur intus und Ringelstrümpfe an den Beinen, stellen sie sich auf die „Kurfürsten". An ihren Freiern üben sie Sex wie Medizinstudenten das Operieren an Fröschen. So vorbereitet, erhoffen sie sich, beim „ersten Mal" mit einem ihrer Freunde zu wissen, wie es geht und nicht wehtut. Die Jungs treffen sie auf dem Spielplatz, auf dem sie schon als Kinder gespielt haben. Das Miteinander der Jugendlichen folgt einer rasanten Choreografie, immer zwischen Spiel, Streit und Flirt.

 

Pubertät zu spielen, während man selbst mittendrin steckt, ist sicher eine Herausforderung. Den jugendlichen Darstellern zwischen 16 und 21 Jahren gelingt es aber bemerkenswert gut. Saron Degineh spielt eine Jameelah, die ihrer drohenden Abschiebung mit inbrünstiger Lebensfreude, hoffnungsfrohen Liebeszaubern und einer unbedingten Mädchenfreundschaft trotzt. Nini von Antonie Lawrenz in ihrer Nachdenklichkeit und Zurückhaltung hervorragend getroffen, lässt sich gern von Jameelahs Energie mitreißen. Während Prince Mohammad Arslan Chughtai in seinen Rollen als Tarik und als Freier eine kraftstrotzende und frühreife Machofigur in die Gruppe bringt, demonstriert Emil von Schönfels in der Rolle des Nico seine Männlichkeit im Umgang mit Nini lieber durch Gentleman-Verhalten und Verantwortungsbewusstsein.

 

Auf der Bühne - zwischen einem Automaten, der manchmal nichts, meistens aber alles Nützliche vom Kondom bis zum Regencape ausspuckt, und einem Sandkasten - spielen die Jugendlichen sich durch die ganze Klaviatur der pubertären Gefühlswelt. Einfühlsam und scharf beobachtet kommen Fragen zur Sprache, die in diesem Alter von existentieller Bedeutung zu sein scheinen: Wie fühlt sich Verliebtsein an? Wie gewinnt man die Kontrolle über den sich entwickelnden Körper wieder? Wer sind zuverlässige Freunde? Welche Mutproben gilt es zu bestehen, um die Anerkennung der anderen zu gewinnen?
Doch die Unbekümmertheit, mit der die jungen Menschen diese Fragen angehen, wird zum ersten Mal auf eine harte Probe gestellt, als eines der Mädchen schwanger ist, und erst recht, als in ihrem Freundeskreis ein Ehrenmord geschieht. Plötzlich gewinnen die Fragen nach Loyalität, Verantwortungsbewusstsein und Mut tatsächlich existentielle Ausmaße.

 

Wojtek Klemm, Birgit Lengers und den Darstellern des Jungen DT ist mit Tigermilch eine atemberaubend spannende und tief berührende Inszenierung des Erwachsenwerdens in einem rauen sozialen Klima gelungen.