Foto: Robin Junicke

Ceci n‘est pas un Theaterstück

 

Magritte's Pfeife war gar keine. Und als Julian Meding im Köln-Mülheimer Depot 2 auf die Bühne kam, war das auch nicht der Beginn des ersten Akts. Oder doch?


‚Hamlet‘, ein Projekt des Schweizer Theatermachers Boris Nikitin, war zu Gast beim Impulse Theater Festival in Köln.

 

Valeria Melis

 

Boris Nikitins ‚Hamlet‘ ist ein Angebot, das wir nicht ablehnen können. Nicht zuletzt, weil die Eintrittskarten bezahlt sind, die schweren Saaltüren geschlossen, die Blicke der Sitzenden auf die Bühne gerichtet - auf das große schwarze Quadrat, auf dem eigentlich nichts Besonderes steht oder zu sehen ist. Ein Stuhl hier, ein Mikrofon da. Im Hintergrund: eine Leinwand. Das Licht im Saal bleibt vorerst an, die Sitzenden blicken auf den Performer-Protagonisten. Er wiederum blickt ihnen entgegen und erkennt dabei vermutlich jedes einzelne Gesicht im Publikum. „Das ist nicht der erste Akt", stellt er klar und bietet sich dem Publikum kurz darauf als Projektionsfläche an - auch deshalb lehnen wir das Angebot nicht ab. Also, deswegen sind wir hier. Oder?

Sicherheitshalber wird die Darstellung aufgenommen und gleichzeitig über eine Leinwand im Hintergrund abgespielt, eine Gratis-Projektion und Extra-Perspektive für alle, die nur zum Rezipieren gekommen sind und es mit dem Projizieren nicht so haben. Die Anordnung der Bühne macht es dem Publikum nicht leicht, sich der Einladung zu entziehen - gibt es doch so gut wie keine räumliche Grenze zwischen Publikum und Performer.


Der Protagonist steht wackelig auf den Beinen; er spricht undeutlich, aber das macht sein Hadern mit dem, was außerhalb des Saals stattfindet, umso deutlicher. Mal scheu, mal trotzig spricht er das Publikum an, Verlegenheitswörter fragmentieren seine Sätze. „Ich weiß nicht, das ist so komisch irgendwie so. Man fragt sich halt irgendwie, was das so soll irgendwie." Auf diese Art und Weise erzählt der Protagonist uns sehr persönliche Geschichten aus seinem Leben, die die ganz großen Themen auf das Parkett bringen: Herkunft, Tod, Krise, Krankheit. Seine Eltern wohnten in einer entrückten, geradezu künstlichen Siedlung im vorstädtischen Nirgendwo Niedersachsens. Sein Vater war krank und starb schließlich ohne die ersehnte Sterbehilfe. Er selbst war in einer Heilanstalt und hat es sehr „okay" gefunden. Dass er nicht improvisiert, wissen wir lediglich durch die im Hintergrund mitlaufenden englischen Übertitel. Ceci est also doch ein Theaterstück.


Boris Nikitin hat sein Stück ‚Hamlet‘ genannt und wie Shakespeares Hamlet steht auch der Protagonist neben sich und der Welt. Sie überfordert ihn und tut ihm Gewalt an. „Fickt euch mit eurer Werteordnung", schreit er dem Publikum entgegen. Die von aller Welt an ihn gestellten Ansprüche stellen sich im reality check als asynchron heraus: Nicht allein im Staate Dänemark ist etwas faul, die Fäulnis und das Hadern kennen keine Ländergrenzen und bahnen sich den Weg in jedes Leben, um es aus dem Takt zu bringen. Was tun, sich verstecken, seine Unzulänglichkeit verbergen?


Auf die große Frage nach dem Sein oder Nicht-Sein in derart unerträglichen Lebensumständen hat der Protagonist mehrere Antworten. Eine davon: Steine werfen und Einfluss auf die Wirklichkeit nehmen - sehen, wie ein Fenster zerbricht, und genießen, den Ist-Zustand geändert zu haben. Eine Miniatur anarchischen Aufbäumens nicht als Entscheidung, sondern als Zwang und Überlebensstrategie, die die Re-Synchronisierung mit der Realität möglich macht. Die andere: den Raum finden, der sicher vor Fäulnis und Gewalt ist - in dem So-Sein und Sich-Offenbaren selbstverständlich ist und ungestraft bleibt. Folglich proklamiert Hamlet: Wir brauchen keine Privatsphäre, wir brauchen Solidarität. Fühlt sich jemand angesprochen?

Das Problem, das Hamlet quält, ist ein bekanntes und verbreitetes. Nicht dazuzugehören, anders zu sein ist sein Problem. Aber dazuzugehören würde bedeuten, die verhasste Werteordnung akzeptiert zu haben. Den Raum, den Hamlet ersehnt, hat er längst erschaffen, das Publikum hält sich gemeinsam mit ihm darin auf und setzt sich dem aus, was Hamlet glücklich macht: seine Wirksamkeit auf die Wirklichkeit erfahren - nur ohne Steine. Trotz dieser vermeintlichen Glückserfahrung beendet der Musiker Uzrukki Schmidt alias Julian Meding den Abend mit einem Lied vom Tod: Als Ich-Erzähler nimmt er die Perspektive einer Wasserleiche auf dem Seziertisch ein und ist seinem eingangs besungenen Wunsch nach Ruhe, gerne auch in der Tiefkühltruhe, somit ein erhebliches Stück näher gekommen.


Die Akte, die keine waren, waren dann doch ein Stück zwischen Theater und Performance, an der schwammigen Grenze zur Realität und hier und da auch über diese hinaus - ohne Abgänge aus dem gnadenlosen On ins Off, nicht für Julian Meding und auch nicht für das Publikum.