Alle schwanger: die Draufgängerinnen; Foto: Arno Declair

Sieben auf einen Streich

 

Sieben dreizehnjährige Mädchen werden gleichzeitig schwanger: und jetzt? Das fragen sich sieben junge Draufgängerinnen (und Draufgänger!) in der Box des Deutschen Theaters Berlin - und fordern die Selbstbestimmung ein, die ihnen verwehrt bleibt. Tanja Šljivars Stück „Draufgängerinnen. All Adventurous Women Do" feierte am 15. April Uraufführung - getragen von energetischen Spielerinnen und Spielern des Jungen DT.

 

 

Von Magdalena Sporkmann

 

 

Fünf Tage hat die Klassenfahrt nur gedauert, aber von ihr kehren sieben Mädchen schwanger zurück. So geschehen 2014 in Bosnien und Herzegowina. Infolgedessen ging ein Aufschrei von Eltern und Erziehern durch die Medien, denn Teenager-Schwangerschaften waren längst keine Seltenheit mehr. Es wurde über Sexualkunde in der Schule und Aufklärung Zuhause gesprochen. Über die sieben Mädchen, die schwanger von ihrer Klassenfahrt zurückkehrten, wurde vor allem gemutmaßt und geurteilt. Sie selbst kamen nicht zu Wort.

 

Die Autorin Tanja Šljivar gibt ihnen in „Draufgängerinnen. All Adventurous Women Do" eine Stimme. Das Stück wurde am 15. April 2018 im Deutschen Theater Berlin unter der Regie von Salome Dastmalchi uraufgeführt. Die sieben Darstellerinnen und Darsteller des Jungen DT lassen dabei einen vielstimmigen Chor erklingen, der vehement das Recht auf Selbstbestimmung einfordert und die Kraft dafür aus der Gemeinschaft, einer Gemeinschaft der Ungehörten, zieht.

 

„Draufgängerinnen" lässt keinen Zweifel daran: Die kollektive Schwangerschaft der sieben Mädchen ist gewollt. Zigarette in der einen und den positiven Schwangerschaftstest in der anderen Hand, feiern die werdenden Mütter ihre Empfängnis. Beim Gedanken an die Zukunft, die sie in sich tragen, schäumen Glück und Hoffnung über. Der Herzschlag der Ungeborenen vermengt sich mit den Beats schneller Rockmusik, die Mädchen tanzen. Nach Facebook, Twitter und Co. scheint sich endlich ein realer Ausweg aus der Tristesse ihres vorbestimmten Lebens zwischen dementen Großmüttern, bettnässenden Brüdern, dem geschlachteten Vieh und dem Schraubstock der Religion aufzutun. Die kollektive Erfahrung der Wandlung des eigenen Körpers und des Widerstands der Gesellschaft schweißt die sieben Teenager fest zusammen. Sie erträumen sich für ihre Kinder eine Gemeinschaft, in der jeder auf den anderen achtet, in der es eine ganze Stadt braucht, um ein einziges Kind aufzuziehen. So soll es Gesetz werden. Der Druck durch die Erwachsenen - Lehrer, Eltern, Ärzte - wächst und zwingt die werdenden Mütter schließlich, sich mit einer Abtreibung auseinanderzusetzen. Ihre Vorstellungen und Ängste schlagen sich in martialischen Zeichnungen an den Bühnenwänden nieder, flankiert von launigen Hashtags.

 

Bis auf einen Strauß roter Ingwerblüten ist der Bühnenraum gänzlich weiß, auf den Wänden ein Muster aus schwarzen Rautenzeichen. In diesem unschuldigen oder zumindest sterilen Raum, der mal ein realer, mal ein virtueller ist, bewegen sich die sieben Darsteller und Darstellerinnen als die personifizierte Sünde in knallroten Overalls (Bühne/Kostüm: Paula Wellmann). Tanja Šljivar schickt sie auf eine Odyssee zum fernen Ziel der Selbstbestimmung, derer die Erwachsenen die sieben minderjährigen Mütter 2014 beraubten. Dabei scheuen weder Autorin noch Ensemble drastische Worte und Gesten. Es wird geflucht, gebrüllt und im Geburtsvorbereitungskurs nicht gerade zimperlich an den Barbie-Baby-Puppen exerziert. Das harmonisch-dynamische Ensemble begibt sich in souveränen Interpretationen auf die Suche nach den Gedanken und Gefühlen der Teenager und lässt sie so über ihre Stigmatisierung als Sünderinnen hinauswachsen.


Es spielen: Peter Steden, Eren Gündar, Livia Marlene Wolf, Marthe Müller Lütken, Chenoa North-Harder, Emmi Büter und Bruno Liebler. Die Gruppe hat gemeinsam mit Birgit Lengers, Leiterin des Jungen DT, ihre Proben über Wochen hinweg auf dem Instagram-Account von junge bühne (@jungebuehne) begleitet. Wer also persönliche Einblicke in die Produktion bekommen möchte, besuche uns doch einfach auf Instagram. Die nächsten und bereits ausverkauften Vorstellungen finden am 22. April, 2. Mai, 17. Mai und 29. Mai statt.

 

 

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Heimliches Foto: "Der Schrei des Pfauen in der Nacht"

Einladung zum Lauschen

 

Die Deutsche Oper Berlin zeigt in ihrer Spielstätte Tischlerei ein musiktheatrales Projekt mit Jugendlichen, die teils aus Berlin stammen, teils Geflüchtete sind. Die Produktion „Der Schrei des Pfauen in der Nacht" wurde gefördert durch das Förderprogramm „Zur Bühne" des Deutschen Bühnenvereins im Rahmen von „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung". Bevor es in der nächsten Ausgabe der jungen bühne, die im Herbst erscheinen wird, eine Bilderreportage dazu veröffentlichen werden, schildert unser Redakteur Detlev Baur hier schon mal seine Eindrücke.


Von Detlev Baur

 

Oper ist nicht jedermanns Sache. Bei Jugendlichen hat der sehr spezielle Gesang in arg alten Stücken verständlicherweise nur wenige Anhänger. Opernhäuser gibt es vor allem in Europa, junge Menschen aus Afghanistan haben mit Sicherheit noch nie etwas von Mozarts „Zauberflöte" gehört. Wie und wieso sollen also Berliner Jugendliche, die dazu noch ganz unterschiedlicher Herkunft sind, miteinander Musiktheater in der „Deutschen Oper" machen?


Das Projekt der 30 Teilnehmer beginnt schon im Foyer: Eine kleine Gruppe spielt und singt ein Lied, das mir einerseits fremd vorkommt, jedenfalls in der Oper, das aber andererseits zeigt, dass Musik auch aus dem nahen oder fernen Osten längst in unseren Straßen und Kopfhörern bekannt ist - oder, dass schlichtweg auch fremde Musik ein Hörgenuss sein kann. Nach diesem kurzen Vorspiel und einer freundlichen Einweisung geht es durch Lamellenvorhänge in die Tischlerei. Dabei sind blubbernde Geräusche zu hören: aus dem Meer? Oder vielleicht doch eher wie bei unserer Geburt? Wir landen in einem Raum, der von schwarzen Vorhängen umgeben ist. Das Publikum aus etwa 100 Menschen sitzt in etwa sieben Blöcken, vor ihm tauchen jeweils zwei junge Darstellerinnen und Darsteller auf. Sie bewegen sich zu eingespielten Sätzen, die Erinnerungen an die Kindheit beschreiben. Dann singen sie, sprechen im Chor und bewegen sich im Kreis zu einer anderen Zuschauergruppe hin.


Ein Mädchen, vermutlich aus wohl behüteten bürgerlichen Berliner Verhältnissen, erinnert sich an ihre Mutter, die Bachs Brandenburgischen Konzerten flötete. Dazu holt ein Junge - ist es das Hirtenkind aus Afghanistan, das zuvor schon von seiner Flucht sprach? ¬- ein Flöte hervor und spielt eine schöne kurze Weise. Als Antwort singt ein Mädchen - ist es das Kind der musikalischen Mutter? ¬- eine Melodie von Bach, durch immer mehr Schwung und das Tempo wird daraus ein neues Musikstück. In diesem oft berührenden Teil aus kurzen Erinnerungen der Teilnehmer in Verbindung mit ihrer Präsenz um das Publikum herum, zeigt „Der Schrei des Pfauen in der Nacht", wie nicht nur das aktive oder gar geglückte Musik-Machen, sondern auch das Zuhören unseren Horizont erweitern kann. Töne, Gedanken, Gefühle des anderen sind hier kunstvoll miteinander verwoben, so dass uns fremde Menschen nah kommen, ohne ihre Privatsphäre zu verlieren. Gespielt wird gedichtetes Musik-Theater. Die Zuschauerinnen und Zuhörer fühlen sich angesprochen; und wie sehr die Gruppe der ganz unterschiedlichen 30 Aktiven des Projekts sich aufeinander eingelassen haben, wird spätestens beim Schlussapplaus deutlich, wenn sie einander gegenseitig Respekt zollen. Dabei hatten sie mit Regisseurin Bernarda Horres, den Musikern Sebastian Hanusa und Jan Brauer sowie Ausstatterin Hanna Rode und der Dramaturgin Tamara Schmidt nur einen Monat Zeit, um sich kennenzulernen und ihre Gedanken und Geräusche auf die Bühne zu bringen.


Eine klassische Bühne ist auch im zweiten Teil allerdings nicht zu sehen. Die Zuschauergruppen werden nun wechselweise und mit Kopfhörern ausgestattet an fünf verschiedene Stationen geleitet, wo sie zum Mitmachen eingeladen werden. In einem Becken, das einem Aquarium gleicht, hören wir die Geschichte von einer Flucht über das Mittelmeer - dabei können wir über Mikrofone im Wasser bedrohliche oder einfach dahinplätschernde Geräusche entstehen lassen. Mein Favorit war die eher ausgelassene Weihnachtserinnerung: Da umtanzen zwei Engel einen großen Block aus Schokolade und bitten dann die Umstehenden, ihn mit Messern, Meißel oder Hammer zu bearbeiten. Ein eingebautes Mikrofon überträgt dabei ausgesprochen schokoladige Rhythmen.
Zum Schluss sind alle Vorhänge aus der Tischlerei entfernt, eine Discokugel sorgt für bewegtes Licht, alle Teilnehmer animieren uns zum Mittanzen, bevor sie selbst zu Instrumenten greifen, ein junger Mann singt dazu. Die gemeinsame Reise der Teilnehmer und des Publikums ist zu Ende. Die Produktion bleibt noch für kurze Zeit im Repertoire der Oper. Hingehen und -hören lohnt, auch und gerade in diesem Fall. Musiktheater kann vielfältige Sounds bedeuten. Nur in Ruhe und beim aufmerksamen Zuhören können wir Vorurteile überwinden. Vielleicht kann der Abend ja auch eine Anregung für das „Große Haus" sein, sich weiter zu öffnen.

 

Die nächsten Vorstellungen finden am 12. und 13. April 2018, jeweils um 19 Uhr, statt.