Weltbürgertum. Ein Spiel

 

Zu einem Zeitpunkt, an dem nationalistische Strömungen eine erschreckende Kraft und Popularität entwickeln, erinnert das Deutsche Theater Berlin mit der Stückentwicklung "Die Welt in uns" des Berliner Theater- und Performancekollektivs Turbo Pascal an die nahezu vergessene Weltbürgerbewegung, die 1948 von Garry Davis angestoßen wurde. Die Uraufführung fand am 23. April 2017 statt.

 

Von Magdalena Sporkmann

 

 

Garry Davis kämpfte als US-Bürger im Zweiten Weltkrieg. Gezeichnet von seinen Erlebnissen suchte er einen Weg, der zukünftige Kriege verhindern sollte und kam zu dem Schluss, dass die Auflösung der Nationalstaaten dazu unumgänglich sei. Er gab seinen US-amerikanischen Pass ab und erklärte sich stattdessen zum Weltbürger. Seine Idee zog so viele Anhänger an, dass er eine eigene Institution gründete, die Weltbürgerpässe ausstellte. Tatsächlich gelang vielen Mitgliedern der Bewegung anhand der Argumente, die Davis für sie in dem Leitfaden Passport to Freedom: A Guide For World Citizens auflistete, mit dem Weltbürgerpass zu reisen.

 

Diese Erfolgsgeschichte erzählen Berliner Schülerinnen und Schüler der Hector-Peterson-Oberschule/Kreuzberg, des Barnim-Gymnasiums/Lichtenberg und der Willkommensklasse der OSZ Bekleidung und Mode/Mitte einander und dem Publikum. Selbst unterschiedlichster Herkunft, lassen sich diese jungen Menschen von der Idee des Weltbürgertums infizieren und hinterfragen die Legitimation von nationsgebundenen Identitäten. Als sie den Weltbürgerpass selbst ausprobieren, stoßen sie schnell mit den Grenzautoritäten zusammen. Diese erklären den Weltbürgerpass für schlichtweg unecht. Richtig fragt die selbsternannte Weltbürgerin daraufhin: „Wann ist denn etwas echt?" Für den Grenzbeamten ist die Antwort ganz einfach: „Wenn viele Menschen etwas für echt halten. Diese Grenze beispielsweise wird von vielen Menschen für echt gehalten, also ist sie echt." - „Dieser Weltbürgerpass wird auch von vielen Menschen für echt gehalten", versichert die Weltbürgerin: „Warum sollte also die Grenze echter sein als dieser Pass?" Hier vollzieht sich endlich eine überraschende Wende in der Dramaturgie des Stücks.

 

Lange Zeit dümpelt die Inszenierung in der Erinnerung an die Weltbürgerbewegung herum, und das mehrstimmige Erzählen domestiziert die rebellische Tat zunehmend zum Mythos. Die „wahre Begebenheit" rückt in immer fernere Vergangenheit, bevor die Inszenierung sich spät doch noch in ein zukunftsgerichtetes Gedankenexperiment aufmacht. - Die Versuche der Jugendlichen, sich den Fragen nach Nationalität und Nationalismus zu stellen, sind charmant und fantasievoll, aber meistens viel zu unbekümmert: Da berät die Beamtin den Staatsbürger hinsichtlich der Vorteile (acht Monate visafrei auf die Bahamas) und Nachteile (hohe Steuern) der zur Auswahl stehenden Staatsbürgerschaften. Da probiert einer, welcher Pass sich auf dem Foto besser macht - der türkische hat eine schöne Farbe, der deutsche macht eher blass, sieht dafür aber etwas professioneller aus. Da will ein Afghane ohne jegliche Ausweispapiere einen deutschen Pass, damit er in die Ferien fahren kann. Diese Banalität ist rückblickend schmerzhaft, zumal das Ensemble nach der Premiere um juristische Unterstützung bittet, da einem Mitglied binnen der kommenden 30 Tage die Abschiebung droht.

 

Im harmlosen Spiel verprasst Die Welt in uns ihr Potential den erschütternden gegenwärtigen Entwicklungen mit der Wirkkraft einer immer noch aufrührenden Idee zu begegnen. Das Erstaunliche am Weltbürgertum ist schließlich seine erprobte Tauglichkeit und das Wissen darum, dass eine Idee umso wirklicher und effektiver wird, je mehr Menschen an sie glauben.

 

 

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Tanz, das Abenteuer der Kontraste

 

Tanzmainz-Festival #2 zeigt ein aufwendiges Programm, in dem Dinge zusammenkommen, die Raum, Zeit, Stil oder alles drei eigentlich trennt: Von englischer Renaissance-Musik über ostafrikanischen Stammestänzen bis hin zu karibischem und europäischem Streetdance. Wie das künstlerische Sammelbecken Tanz unterschiedlichste Ausdrucksformen vereint, zieht sich als Leitmotiv durch ein vielfältiges Festival.

 

Von Meike Hickmann

 

 

Alle zwei Jahre - wobei es in den Zwischenjahren eine kleinere Version gibt - will „Tanzmainz" die neuesten Strömungen zeitgenössischen Tanzes zeigen. Zehn Tage vom 23.3. bis zum 1.4 Tanz auf allen Bühnen des Staatstheaters Mainz, das namhafte internationale Künstler in die Landeshauptstadt des doch eher provinziellen Rheinland-Pfalz locken will. Dieses Experiment funktioniert erstaunlich gut - die Neugier des Publikums bleibt ungebrochen, alle Veranstaltungen sind bis auf den letzten Platz ausgebucht. Direktor Honne Dohrmann ist bei jeder Einführungsansprache zu den Abenden mit seinem breiten Lächeln der Stolz anzumerken, dass Mainz, Tanzmainz, alles andere als unbedeutend für den zeitgenössischen Tanz ist. Völlig zurecht - „Tanzmainz-Festival #2" zeigt eine spannungsgeladene Bandbreite unterschiedlichster Einflüsse.


Den Auftakt macht „Aterballetto", eine innovative Tanzcompagnie aus Italien, die in den vergangenen Jahren auch viel Internationale Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Der Abend mit den drei Choreografien „Antitesi", „Hybrid" und „Bliss" spannt den Fächer auf, den das Festival in den kommenden Tagen bespielen will. „Antitesi" zeigt Spannungen: Die Musik wechselt von hämmernden Industrieklängen zu dem zierlichen Geklimper italienischen Barocks, dazwischen Leere. Mal mit der Musik, mal gegen sie, mal ohne sie, wird getanzt, dynamisch und kraftvoll, eine Choreografie voller Kontraste, ebenso beeindruckend wie anstrengend bei den vielen Wechseln zu folgen. Es folgt mit „Hybrid" ein Pas de deux mit dem Thema Spitzenschuh trifft Streetdance - ein Motiv, das an manchem Abend wiederkehren wird. Der Abend schließt mit der deutschen Erstaufführung von „Bliss" ab, einer tänzerischen Interpretation eines Konzerts des Jazzpianisten Keith Jarrett. Es entlässt den Zuschauer entspannt mit einer leicht wehmütig-neoklassischer Note bei der leichtfüßigen, spielerischen Choreografie von Johan Inger. Das Ergebnis ist schlicht Begeisterung - selten hat man im Mainzer Theater so lange Ovationen gesehen.


Inspiration zu Tanz kann aber auch viel älter und weiter weg sein: Georges Momboyes Choreografie „Empreintes Massai" zeigt wie Ritualtänze, körperliche Gebete und Traditionen aktuelle Bewegungsmuster bereichern und erweitern - und wie fließend die Übergänge zwischen archaisch anmutend und kontrolliert technisch sein können. Inspiration fand der gebürtige Ivorer bei den Massai-Stämmen Kenias und Tansanias. Die Ausstattung des Werks von dem Choreografen, der auch die Show „Afrika Afrika" konzipierte, kommt leider nicht ganz ohne Klischee aus - vielleicht aber auch nur weil Fernsehfilme mit blond gelockten Frauen in der Hauptrolle die Kultur der Massai als Kulisse unmöglich gemacht hat.


Das daran anschließende Stück ist ein Kontrast und eröffnet einen weiteren Aspekt aktuellen Tanzgeschehens. „Falcon!" ist mehr Theater, es wird ziemlich viel gesprochen und gar nicht so viel getanzt - Iztok Kovač und Janez Janša reflektieren gemeinsam Kovač berühmtes Solo „How I caught a Falcon", das ihm und seinem 1991 noch ziemlich jungem Land Slowenien internationale künstlerische Aufmerksamkeit sicherte. Sie treten in einen Dialog über ihre eigene Biografie und die ihres Heimatlandes, sowie über das Altern als Tänzer. Obwohl streckenweise witzig und geistriech, bleibt „Falcon!" doch sehr in einer Selbstreflexion hängen, die zwar nicht uninteressant, aber außerhalb der Kovač-Fangemeinde doch auf die Dauer nervt.


Ein wenig verträumt und eher introvertiert und sehr schön kommt dafür „Paradoxe Mélodie" von Danièle Desnoyers daher. Es beginnt mit einer Frau in einem langen Tüllrock an einer Harfe, immer mehr Tänzer kommen hinzu, tanzen scheinbar zufällig bald zusammen, bald getrennt, eine Inszenierung über die Willkür alltäglicher Begegnung. Dazu werden der Harfe mit Hilfe elektronischer Verzerrung Klänge hinzugefügt und entlockt, die man dem zarten Instrument nicht zutrauen würde. Es gelingt ein ergreifender Abend über leichte, spontane Begegnungen, die sich zu einem Schicksalsschlag des Lebens entwickeln können.


Philippe Saire aus der Schweiz setzt am selben Abend mit einer weiteren Perspektive zu der Weiterentwicklung zu Tanz an, und zwar dem Bezug zur Bildenden Kunst. Der erste Teil „Neons (Never ever, Oh! Noisy Shadows)" wird mit der Unterstützung von Leuchtschrift eine bedrückende Erzählung über eine Trennung mit allem ihrem Schmerz, Verzweiflung und Selbstaufgabe. Wobei die flimmernd vorbeiziehende Neonschrift mit Kommentaren wie „Things are complicated" auch für eine erfrischende Selbstironie sorgt. Der zweite Teil „Vacuum" ist eher ein sich bewegendes Gemälde als Tanz. Immer wieder schieben sich verschiedene Körperfragmente ins Licht, schälen sich aus dem Schatten, scheinen sich im grellen Schein zweier Neonröhren zu verformen und verschwinden wieder im Schatten. Ein raffinierter Trick, der eine Ästhetik erzeugt, die in den Bann schlägt.


Die Tanzreise geht noch weiter, weitere berühmte Ensembles wie die São Paulo Dance Company sind noch zu Gast oder die kanadische Choreografin Marie Chouinard. Zum Schluss beschäftigt sich das Festival noch mit einem ganz besonderen Einfluss: Dem der Clubkultur und des Streetdance. „Borderline" von Honji Wang und Sébastien Ramirez fasziniert von der ersten Minute an. Das Spiel mit dem Drahtseil, dass die Tänzer immer wieder in die Höhe oder zur Seite zieht, sie in Zustände der Schwerelosigkeit und der scheinbaren Willenlosigkeit versetzt ist immer wieder Element des Abends. Ein Pas de deux erhält durch den raffiniert eingesetzten Effekt eine ganz besondere Melancholie, da das Paar immer wieder auseinandergerissen wird, die Tänzerin einfach entschwebt, nie fassbar. Eine Breakdance Einlage von Johanna Faye und Honji Wang in High Heels sorgt für kreativen Humor. Tänzer wie Louis Becker und Mustapha Saïd Lehlouh zeigen mit ihren hochakrobatischen Soli, dass man nicht unbedingt ein Drahtseil braucht um die meiste Zeit einer Choreografie in der Luft zu verbringen - „Borderline" lässt keinen Wunsch offen.


Der letzte Abend des Festivals fährt nochmal alle Stärken desselben auf: In DFS ist wieder das Spiel und die Spannung von Kontrasten das Thema eines aufregenden Abends. Es beginnt zunächst wenig aufregend mit englischer Madrigal. Übersetzt bedeutet der Begriff für die mehrstimmige Liedform aus dem 14. Jhd. soviel wie „schlichter, ungekünstelter, natürlicher Gesang". Die eher simple Harmonik und das Auf und Ab der melodiösen Stimmen lullt etwas ein - der Raegge-Dancehall- Sound kracht im Anschluss dafür umso mehr. Durch die Abwechslung mit dem schlichten und vergleichsweise leisen Gesang kommt kein Abstumpfen durch immerwährende laute Musik auf und die mitreißenden Beats verlieren so nie ihre Energie. Dasselbe gilt für den Tanz: Mal wirkt es vorsichtiger, ausprobierend und herantastend - passen Spitzenschuhe zu Jamaican Dancehall, passt Renaissance-Gesang zu selbstbewussten Streetdance? Dann wieder wild, frei und äußerst beeindruckend werden die eben auseinander dividierten Versatzstücke zu furiosen Tänzen mit und ohne Spitzenschuhen zusammengesetzt. Das Tanzmainz-Festival schlägt so eine Brücke zum ersten Festivalabend und verliert sich nicht in der präsentierten Vielfalt. Die in der Beschreibung propagierte Überschrift: „Frankreich: Clubkultur und Streetdance erobern die Theater" erschließt sich dafür nicht ganz, da es sich unter vielen anderen Arbeiten, die sich mit diesem oder anderen Kontrasten beschäftigen, etwas verliert.