Thema des Monats - Januar 2017

Ein Gedicht für alle Dramaturgen

 

Der Dramatiker Philipp Löhle über sein Verhältnis zu Dramaturgen

 

(Zuerst erschienen in "Die Deutsche Bühne" 1/2017)

Ihr seid immer im Büro.
Ihr seid immer erreichbar.
Ihr seid immer im Stress, aber nie gestresst.
Ihr versprecht immer, euch bald zu melden.
Ihr habt immer alles gelesen. Ihr wisst alles.
Man kann euch alles fragen.
Ihr seid immer schon da.
Ihr seid auf der Probe, in einer Besprechung,
am Telefon und mit Künstlern im Kontakt.
Gleichzeitig!
Ihr dient immer jemand anderem
über euch
neben euch
aber nie euch selbst.
Ihr seid mächtig.
Ihr seid machtlos.
Ihr dürft keine Meinung haben
Aber eure Meinung zählt.
Ihr leitet
Aber ihr regiert nicht.
Ihr redet viel.
Ihr habt noch nie Applaus bekommen.
Man kennt euch nicht.
Ihr habt euch noch nie verbeugt.
Ihr fndet jeden Fehler.
Ihr könnt gut mit Texten.
Ihr seid keine Künstler.
Ihr seid schlechte Autoren.
Ihr seid schlechte Regisseure.
Dafür seid ihr zu klug.
Und
Erst wenn ihr nicht da seid, merkt man, wie sehr man euch braucht.

 

Für mich als Autor ist das so: Im besten Fall profitiere ich enorm von einem Dramaturgen. Ansonsten geht es auch ganz gut ohne. Ich bringe auf irgendeine Art und Weise, die mir ebenfalls immer noch unklar ist, einen Text zu Papier. Ich habe eine Ahnung, was ich da geschrieben habe und ich habe eine Idee, was ich schreiben wollte, aber ich bin nun mal alleine an meinem Schreibtisch und in meinem Kopf und ich brauche genau jetzt jemanden (bester Zeitpunkt nach Vollendung der ersten Fassung), der sich diese zarte Pflanze Erstentwurf durchliest und mir dann erzählt, was er da gelesen hat.

 

So: und dann will ich gelobt werden, aber nicht nur. Ich will kritisiert, auseinandergenommen und zerfleddert werden. Aber nicht nur. Ich will Verbesserungsvorschläge hören, ich will Anklagen hören, ich will erste Striche vorgeschlagen bekommen. Ich will für einzelne Textstellen bewundert werden. Ich will zerstört und motiviert werden. Ich will eine aktive, intelligente, genaue und schlaue Auseinandersetzung mit meinem Text hören. Ich will diskutieren und mich verteidigen. Ich will hinterfragt werden. Auch DIE DEUTSCHE BÜHNE 1/2017genau da, wo es am meisten wehtut: bei den Stellen von denen ich dachte, die sind mir aber mal wirklich gelungen. Kurz, ich will mich einmal mit jemandem über meinen Text unterhalten, der auf dem gleichen Stand ist, wie ich, aber – ganz wichtig – ich will keine Bewertung hören, nur eine Beschreibung.

 

Weil, und das ist der Eigennutz an der ganzen Sache, wenn ich, als Autor, der gerade in seinem Text steckt, mich einmal darüber austauschen konnte, gehe ich danach mit einer Frische und Energie erneut ans Werk, wie sie mir vor dem Gespräch nahezu vollständig abhanden gekommen war. Nur wenn ich weiß, was ich ändern will, komme ich ins Arbeiten. Das kann man doch aber auch mit jedem Regisseur, Lektor oder Bekannten machen, werden Sie jetzt sagen. Und ich sage nein: Der Regisseur liest meinen Text nur auf Inszenierungsmaßstäbe hin, der ist zu nah an der Bühne; der Lektor liest meinen Text als reinen Theatertext, der ist zu weit weg von der Bühne; und der Bekannte liest meinen Text wahrscheinlich als Literatur, was er eigentlich gar nicht ist. Ich brauche jemanden, der zwischen all diesen Positionen steht, nicht ganz drin, aber auch nicht ganz draußen: Der Dramaturg.