Thema des Monats -März 2017

Hello Africa!

 

Von Ronja Baumhaus und Feyza Oktay

 

2002 richtete das HELIOS Theater zum ersten Mal das internationale Theaterfestival „hellwach" in Hamm und der Region Hellweg aus. Dieses Jahr fand „hellwach" zum 7. Mal statt. Sieben Theatergruppen aus sieben Ländern spielten in sieben Städten der Region Stücke für Kinder ab zwei Jahren, Jugendliche und Erwachsene und begeisterten damit Jung und Alt.

 

Neben Theaterproduktionen aus Europa waren in diesem Jahr auch vier Arbeiten von afrikanischen Ensembles eingeladen - ein großes Highlight! In diesem Artikel berichten wir von den drei Inszenierungen aus Ruanda und Südafrika, die sich vor allem an Jugendliche richteten.

 


Our House - Ishyo Arts Centre & HELIOS Theater, Ruanda & Deutschland

 

Das Ishyo Arts Centre aus Kigali und das HELIOS Theater eröffneten „hellwach" mit ihrer Koproduktion „Our House" für alle ab 12 Jahren.

 

In der Regie von Barbara Kölling und Carole Karemera erzählten fünf ruandische und deutsche Schauspieler*innen wahre Geschichten über Häuser: Häuser, die verlassen werden mussten; Häuser, die heute gar nicht mehr stehen; Häuser, aus denen Menschen vertrieben wurden; und Häuser, die auf einmal nicht mehr sicher sind. Dabei spielten die Spieler*innen keine fiktiven Rollen, ob es sich um ihre eigene Geschichte oder die einer anderen Person handelte.

 

Hervé Kimenyi sucht das Haus seiner Kindheit in seinem alten Wohnviertel. Foto: Walter G. Breuer

 

Eingewickelt in Teppiche, ihren eigenen, ganz persönlichen Raum, kamen die Spieler*innen zu Beginn einzeln auf die Bühne. Gemeinsam bauten sie nach und nach ein Haus aus einfachen Holzstäben auf. Im Laufe der Vorstellung setzten sie sich zu weiteren Bildern zusammen: mit den Stäben wurden Bahnschienen auf dem Weg nach Deutschland, ein Stadtplan, der Schutthaufen eines Hauses, das Schilf im ruandischen Busch und wiederum ein Haus dargestellt.

 

Die Zuschauer*innen konnten in einer 360-Grad-Konstellation ihre eigenen Bilder und Assoziationen im Kopf entwickeln. Sie waren nahe am Geschehen. Livemusik eines Musikers untermalte die Atmosphären der einzelnen Geschichten. Die Spieler*innen sprachen größtenteils Englisch, in bestimmten Momenten auch ihre jeweilige Muttersprache.

 

Ein Haus mit eigenen individuellen Räumen für die Spieler*innen war am Ende das Resultat, gefüllt mit Geschichten und Erlebnissen, ausgesprochenen und unausgesprochenen.

We Call It Love - Ishyo Arts Centre, Ruanda

 

„We Call It Love", ab 15 Jahren, basiert ebenfalls auf einer wahren Begebenheit. Es erzählt von einer Frau, die nach dem Genozid von 1994 den Mörder ihres einzigen Sohnes Albert aufsucht. Um den traumatischen Verlust zu verarbeiten, befragt sie ihn nach dem Hergang von Alberts Tod.

 

In Ruanda ist die Aufarbeitung des Genozids eine zentrale Herausforderung: Vor gut 20 Jahren wurden zwischen 800.000 und eine Million Menschen, nicht selten von ihren eigenen Nachbarn, ermordet. Das Ishyo Arts Centre sucht als Kulturzentrum nach Wegen, den Prozess der Aufarbeitung mit Kunst und Kulturprojekten zu unterstützen.

 

Nach den Regeln eines Kinderspiels beginnt das schwierige Gespräch zwischen Mutter und Mörder inmitten des Publikums. Foto: Walter G. Breuer

 

Im Stück saßen sich die Zuschauer*innen auf zwei Seiten direkt gegenüber. Nur eine schmale Gasse, in der sich die drei Spieler*innen bewegten, trennte die Seiten voneinander. Durch die Nähe packte das intensive, emotionale und detailliert ausgearbeitete Schauspiel umso mehr. Die Raumkonstellation stellt ein Gacaca-Gericht dar, zu dem sich die Mitglieder einer Dorfgemeinschaft zur Rechtsprechung und Ausgleichsschaffung nach dem Genozid einfanden. Dadurch bekamen die Zuschauer*innen eine wichtige Bedeutung.

 

Beeindruckend waren auch das Lichtspiel und die Geräuschkulisse: Gezielte Spotlights richteten die volle Aufmerksamkeit auf die Spieler*innen, wenn sie allein außerhalb des Publikums standen. Dabei war der Rest so dunkel, dass kleinste Gesten, Blicke und minimal ausgedrückte Emotionen umso stärker wirkten. Auch die Geräusche, die von einem Musiker live erzeugt wurden, verstärkten besondere Momente und die Atmosphäre: ein lautes Knallen, das Trampeln von Fußtritten, Gesang, ein surrendes Schwirrholz und andere Instrumente untermalten die Szenerie.

 

Musiker und Mitspieler Hervé Twahirwa erzeugt eine schwirrende Atmosphäre mit dem Schwingholz. Eliane Umuhire steht im Spot. Foto: Walter G. Breuer

 

Nach langem Zögern erzählt der Mörder, wie er Albert an einer Straßensperre das Genick gebrochen hat. Die Mutter heult auf. In einem Traum von ihrem Sohn und ihrem toten Mann findet sie Frieden. Sie entscheidet, die Liebe, die sie nun übrig hat, dem Mörder ihres Sohnes zu geben. Es braucht Anlauf für einen ersten Augenkontakt. Am Ende verlassen die beiden Hand in Hand den Raum.


I Turned Away and She Was Gone - Magnet Theatre, Südafrika

 

Eine Tochter, eine Mutter und eine alte Frau: Das Magnet Theatre aus Kapstadt brachte den Mythos um Demeter und Persephone als Solo auf die Bühne.


Die weiße Bühnenfläche war von den Zuschauerplätzen in U-Form eingeschlossen. Auf dem Boden standen drei Wannen, teils mit Wasser gefüllt, und ein weißer Stuhl. Hinten ein Tisch, ein Garderobenständer und Blumen in einer Vase. Schauspielerin Jennie Reznek erzählte die Geschichte mit poetischen Texten, die starke sprachliche Bilder enthielten. Zur Aufzählung „Was sie [Tochter und Mutter] aneinander liebten" machte Reznek fürsorgliche Gesten mit den Händen, die darstellten, wie sich die Mutter um ihr Kind sorgt und es mit Massagen verwöhnt. Inspiration war ein Bild von ihrem Kind, auf dessen Bauch ihre eigene Hand ruht.

 

Nach einer behüteten Kindheit verlässt die jugendliche Kore heimlich das Haus ihrer Mutter und begibt sich in die Unterwelt. Dort beginnt sie ein neues Leben als Persephone. Demeter verzweifelt und sucht fortan nach ihrer Tochter.

 

Im Lauf der Inszenierung schlüpfte Reznek in die Rollen von Demeter, Kore und der alten Hekate und beleuchtete das Geschehen aus den verschiedenen Perspektiven. Die Rollenwechsel meisterte sie mit Stimmlage und Körperhaltung. Bemerkenswert war ein radikaler Bruch im Spiel nach dem Verschwinden von Kore: Nachdem sie dies mit großen, abstrakten Bewegungen zu lauter, schneller Musik dargestellt hatte, ruhte Reznek sich in einer der Wannen aus und sprach als Schauspielerin zum Publikum. So verlagerte sich der Fokus auf sie, die die Geschichte erzählt - und auf die Zuschauer*innen und ihre Verbindung dazu. Bezüge auf die heutige Zeit und die Vielfalt an Perspektiven und Emotionen machten die Bindung von Mutter und Tochter, die Herausforderung von Erwachsenwerden, Altern und Loslassen in vielen Facetten direkt erfahrbar.

 

Das Wasser stand dabei als Zeichen für das Leben, das sich immer im Fluss befindet. Passend dazu fing das Stück vor Kores Geburt an und endete mit dem Tod der nun alten Persephone, die von ihren eigenen Kindern und Enkelkindern umgeben ist.

 

Ronja Baumhaus und Feyza Oktay sind beide 17 Jahre alt und besuchen das Beisenkamp-Gymnasium Hamm. Seit zwei Jahren nehmen sie am Jugendkunstprojekt pottfiction im HELIOS Theater teil. Darüber hinaus sind sie im Literaturkurs ihrer Schule aktiv, in dem sie an der Entwicklung eines Theaterstücks arbeiten. Feyza beschäftigt sich in ihrer Freizeit viel mit Theater und der freien Kunst. Ronja interessiert sich für Theater, malt und schreibt oft und gerne.

 

 

Ronja Baumhaus
Ronja Baumhaus
Feyza Oktay
Feyza Oktay