Thema des Monats - Juni 2017

Auf dem Festival-Catwalk

 

Wir haben zwei junge Nachwuchs-Journalistinnen zum Berliner Theatertreffen 2017 geschickt und sie gebeten, in Text und Bild ihre ganz persönlichen Eindrücke festzuhalten


Von Saskia Burzysnki


Motiv 1 - Einleitung

An vier Tagen des zweiwöchigen Berliner Theatertreffens kann ich mir einen Einblick verschaffen, tauche ein in die pinke Welt des Berliner Festspielhauses. Denn hier strahlt während des Theatertreffens alles in Pink: Beleuchtung, Bar, Pflanzen, Tischdecken, Theaterkasse und teilweise sogar der Boden - alles pink! Hier verbringe ich nun täglich fast acht Stunden, sehe mir insgesamt drei Vorstellungen an und schaue mich ansonsten um, genieße den Garten, der zum Haus der Berliner Festspiele gehört, besuche Projekte wie den RHIZOMAT VR, die während des Theatertreffens zugänglich sind und beobachte die Hektik und das Umhertreiben, das herrscht, bevor die Zuschauer täglich kommen. Anstatt sich in ein Café zu setzen, um Menschen zu beobachten, kann man sich zu diesem Zweck auch einfach in einen Zuschauerraum setzen. Zu entdecken gibt es eine Menge.

 

Ich habe das Glück, während der Zeit zwei der zehn ausgewählten, bemerkenswertesten Inszenierungen der letzten Saison zu sehen, nämlich „89/90" vom Schauspiel Leipzig und „Traurige Zauberer" vom Staatstheater Mainz. Die dritte Vorstellung, die ich besuche, ist eine Produktion aus der Reihe Circus der Berliner Festspiele: „All Genius All Idiot" von vier Absolventen der Circus-Universität in Stockholm, die sich als Gruppe Svalbard Company nennen. Bemerkenswert ist, dass keine der Aufführungen im selben Raum stattfindet. Das macht es spannend und abwechslungsreich und ermöglicht mir viele verschiedene Eindrücke. „89/90" findet traditionell auf der Großen Bühne statt, „Traurige Zauberer" auf der Hinterbühne mit Blick auf den eigentlichen Zuschauersaal und „All Genius All Idiot" auf der Seitenbühne. Jeder Produktion wird so eine ganz eigene Atmosphäre verliehen, die jedes Stück schon aufgrund der Räumlichkeiten irgendwie besonders und sehenswert macht.

 

Motiv 2 - Einblicke

Da ich so viel Zeit vor Ort verbringe, kriege ich natürlich auch etwas von den Proben mit, die hier den ganzen Tag ablaufen und kann einen Blick hinter die Kulissen werfen. Mittags schon einen Teil dessen zu sehen, was abends auf der Bühne stattfinden wird, ist spannend und führt dazu, ein Stück vielleicht dann etwas anders wahrzunehmen, da man zumindest einige wenige Elemente schon mal gesehen hat. So geht es mir bei „Traurige Zauberer". Schon bevor ich das Stück abends auf der vollbesetzten Hinterbühne anschauen darf, weiß ich beispielsweise, dass einige Schauspieler die Bühne immer wieder verlassen werden, im Foyer umherrennen, um dann auf der anderen Seite die Bühne wieder zu betreten. Auch Eindrücke zum Bühnenbild bekomme ich schon mittags, als ich sehe, dass auch im Zuschauersaal, auf den das Publikum abends blicken wird, ein Teil des Stückes spielt. Vorbereitungen scheinen hier den ganzen Tag zu laufen, denn neben Proben werden auch die drei Bars, die sich im Theater befinden, mit Essen und Trinken aufgefüllt, Programmhefte ausgelegt, Karten verkauft, Stände aufgebaut. Die Hektik scheint unterm Tag oft größer als abends wenn die Zuschauer endlich da sind.


Motiv 3 - Peymann ist da!

Neben einem Stand der DEUTSCHEN BÜHNE, der unser Magazin vorstellt, und Ständen, die über das Theatertreffen informieren, ist auch der scheidende Intendant des Berliner Ensembles, Claus Peymann, präsent beim beim Berliner Theatertreffen, und zwar höchstpersönlich. Draußen betreut er einen kleinen Buchstand, an dem er sein Buch „Mord und Totschlag" bewirbt und dieses auch verkauft. So haben die Besucher Gelegenheit zum Gespräch mit dem großen alten Theatermann.

 

Motiv 4 - Gartenfreuden

Fernab vom Trubel der lauten und schnellen - oft für mich zu schnellen - Stadt Berlin liegt das Berliner Festspielhaus zwar in der Nähe des Kurfürstendamms, aber dennoch in einer sehr ruhigen und grünen Ecke. Man kann es hier also durchaus gut aushalten. Das denke wohl nicht nur ich, sondern auch viele Menschen, die an meinem ersten Abend „89/90" besuchen wollen und schon fast zwei Stunden vor der Vorführung langsam eintrudeln, die eigens für das Theatertreffen gebauten Bänke vor dem Theater (natürlich mit pinkem, indirekten Licht versehen!) bevölkern und den schönen Garten bei Wein, Bier oder Snacks genießen.

 

Motiv 5 - Gesehen werden

Berlin wäre nicht Berlin, wenn hier nicht auch ein paar schrullige, schillernde Figuren rumlaufen würden. Wenn nur nicht auch immer ein wenig der Eindruck von Oberflächlichkeit und Überheblichkeit in der Luft läge, der mir bei meinen vielen Berlinbesuchen und mehrmonatigen Aufenthalten immer wieder begegnete. Oft frage ich mich, ob einige Menschen nur hier sind, um in einem Theater - einem Ort, der mit Intellektualität verbunden wird - gesehen zu werden. Und ich erfahre die Überheblichkeit am eigenen Leibe dadurch, dass ich in unterschiedlichen Rollen unterschiedlich beachtet und behandelt werde. Einmal die junge Studentin, die mit Rucksack, Stift und Zettel bewaffnet, den ganzen Tag durchs Festspielhaus streunt und einmal die, die im Auftrag der DEUTSCHEN BÜHNE kommt und Stücke besucht. Nichtsdestotrotz ist es schön, sich von der oft herrschenden Individualität der Menschen hier inspirieren und berauschen zu lassen. Zumindest wenn diese Individualität nicht Gefahr läuft, gar nicht mehr individuell zu sein, wenn plötzlich in seiner vermeintlichen Einzigartigkeit doch jeder gleich aussieht.


Motiv 6 - Wein ist fein

Auch für ehrlich Theaterinteressierte, die es sich vielleicht nicht leisten können, viele Vorstellungen zu besuchen, ist beim Berliner Theatertreffen gesorgt: Im Berliner Festspielhaus werden die meisten Aufführungen live übertragen. Zwar geht natürlich bei einer Übertragung viel verloren; die Atmosphäre ist halt eine andere, wenn man nicht unter vielen Besuchern im Saal selbst sitzt. Aber als Alternative, ein Stück auf diese Weise dennoch zu sehen, obwohl es vielleicht sonst Karten mehr gibt oder das nötige Geld fehlt, ist diese Möglichkeit sehr ansprechend. Im Laufe der Zeit unterhalte ich mich auch mit vielen Menschen darüber - unter anderem mit einem Schauspieler aus Berlin, der diese Möglichkeit, ein Stück zu sehen, sehr lobt. Eine gute Idee also! Anders als im Saal kann man diese Übertragung sogar mit einem Glas Wein genießen.


Motiv 7 - Hintergründe

Im Anschluss an viele Stücke lädt das Berliner Festspielhaus noch zu Gesprächsrunden ein. Hier kann kommen, wer will, und sich mit den Schauspielern des vorher gesehenen Stückes unterhalten. Während ich in Berlin bin, kann ich das Treffen mit den Schauspielern und der Regisseurin Claudia Bauer von „89/90" miterleben. Das Gespräch findet im oberen Foyer des Festspielhauses statt und wird als interessantes Angebot von vielen Zuschauern gerne genutzt, um Hintergründe über das Stück, die Schauspieler, Dramaturgen, Regisseure und anderes mehr zu erfahren.

 

Motiv 8 - Surreales Sprießen

Wer vor oder nach einem Stück und dem anschließenden Gespräch noch immer Zeit hat, der kann beispielsweise noch den RHIZOMAT VR besuchen. Hier wird den Besuchern eine Virtual-Reality-Brille aufgesetzt und zwölf Minuten lang ein 360°-Film gezeigt, der Grenzen zwischen Realität und digitaler Welt verschwimmen lässt. Sowohl akustisch als auch optisch von der Welt der Berliner Festspiele abgegrenzt, wird hier eine einmalige und surreale, teils verstörende Erfahrung geboten - und das im Rahmen des Theatertreffens sogar umsonst!


Motiv 9 - Striptease!

Normalerweise werden natürlich, wie bei einem Theaterstück nun mal üblich, Platzkarten verkauft - nicht so bei „ALL GENIUS ALL IDIOT", das sowieso mehr Performance, Akrobatik, Tanz und Musik ist als klassisches Schauspiel. Der Andrang ist riesig, und das nicht ohne Grund! Die vier Absolventen der Circus-Universität in Stockholm reißen das Publikum in ihrem einstündigen Programm mit. Die Talente der Vier sind weitreichend: Sie turnen, tanzen, singen, machen selbst die Musik live auf der Bühne und spielen dazu auch noch Theater. Die Zuschauer drehen während der Vorstellung vollkommen durch, pfeifen und grölen mit - es scheint, dass sie ganz und gar vergessen, in einem Theater zu sein, sondern eher denken, einer Party beizuwohnen. Es wird gestrippt auf der Bühne und auch offensichtlich und demonstrativ mit den Zuschauern geflirtet. Kein Wunder, dass die Vorstellung immer erst zwischen 22 und 23 Uhr startet - denn hier wird schon auf eine Aftershowparty hingearbeitet, die dann im Berliner Festspielhaus stattfindet. Zwar geht es bei der Svalbard Company neben dem künstlerischen Anspruch auch um bloße Unterhaltung des Publikums - aber das auf sehr hohem Niveau!

 

Motiv 10 - Finale mit Spinatquiche

Die anschließende Party findet in der oberen Bar der Berliner Festspiele statt und kann während meiner vier Tage in Berlin von den Zuschauern sowohl im Anschluss an „All Genius All Idiot" und auch nach „Traurige Zauberer" besucht werden. Bei der Premierenfeier zum Stück aus Mainz sogar mit Catering! Natürlich ist auch Thomas Oberender, der seit 2012 Intendant der Berliner Festspiele ist, oft im Festspielhaus - so auch auf der Premierenfeier, auf der er sich angeregt mit Thomas Luz unterhält, Regisseur von „Traurige Zauberer". Hier bietet sich für die Besucher noch einmal die Chance, mit den Schauspielern in Berührung zu kommen, Fragen zu stellen oder über die Stücke zu diskutieren. Dazu wird rhythmische, zum Tanz einladende Musik gespielt. Im pinken Licht findet so mancher den Weg auf die Tanzfläche, aber ich verlasse die Party schon, bevor sie richtig startet, denn meine Tage am Berliner Festspielhaus waren lang und die vielen Eindrücke haben mich müde gemacht. Mit einer Spinatquiche vom Buffet in der Hand verlasse ich das Berliner Festspielhaus und bin froh, einige Tage dort gewesen sein zu dürfen. Beim Hinausgehen bekomme ich noch ein Gespräch mit, das zwei Frauen vor dem Theater führen. Die eine fragt die andere, ob sie meine, dass Berlin vielleicht ja doch die größeren, die besseren, die pompöseren Bühnen hätte als andere Städte. Hier ist sie nochmal zum Abschied - diese Überheblichkeit, die ich so oft verspüre. Denn nein - ich zumindest glaube nicht, dass die Berliner Bühnen größer, besser, pompöser sind als der Rest der Theaterwelt. Das Berliner Theatertreffen ist sicher ein wichtiges und gut zusammengestelltes Event. Aber auch in anderen Städten können sie richtig gut Theater oder auch Festival machen!