Thema des Monats - Januar 2018

Eigentlich wollten sie ein Theaterfrauennetzwerk gründen...

 

...das taten sie dann zwar nicht, stattdessen gründeten sie eine WG. Nun arbeiten beide am Berliner Ensemble - und haben den kritischen Blick nicht verloren.


In ihrer Stammkneipe in Berlin-Prenzlauer Berg haben sich die Schauspielerin Sina Martens und die Dramaturgin Valerie Göhring mit uns zum Gespräch getroffen.


Interview: Antonia Ruhl


Antonia Ruhl: Seit dieser Spielzeit arbeitet ihr beide zum ersten Mal in Berlin, am Berliner Ensemble - ein beeindruckender und sehr geschichtsträchtiger Ort, an dem Theatergrößen wie Bertolt Brecht und Heiner Müller gewirkt haben. Wie fühlt sich das für euch an, an diesem Haus zu arbeiten?


Valerie Göhring: Für mich ist das Berliner Ensemble schon länger Alltag, weil ich diese Spielzeit mitvorbereitet habe und deshalb in den letzten beiden Jahren oft in Berlin war. Natürlich ist es jetzt schön, endlich vor Ort zu sein. Wir sind in der Dramaturgie ein kleines Team und beschäftigen uns gerade kritisch mit der Geschichte des Hauses. Es gab neben Brecht an diesem Haus nämlich viele andere Protagonisten und vor allem Protagonistinnen, die oft unerwähnt bleiben - das sollte man ändern.


Sina Martens: Bei mir ist das anders. Für mich ist es noch sehr aufregend, was ich aber erst bei der Spielzeiteröffnung und den Endproben davor wirklich realisiert habe. In diesen Wochen habe ich mich komplett zurückgezogen. Und ich glaube, als nach der Premiere das Saallicht anging, habe ich zum ersten Mal überhaupt den zweiten Rang ganz oben wahrgenommen. Trotzdem bin ich mir der Geschichte des Hauses bewusst. Gerade auch, was die Möglichkeiten von Frauen im Theater angeht. Wir tragen hier das Erbe von so großen Spielerinnen wie u.a. Ilse Ritter, Angela Winkler, Katharina Thalbach, Margarita Broich oder Helene Weigel, die nach dem 2. Weltkrieg Intendantin des Berliner Ensembles wurde - eine der ersten Intendantinnen überhaupt. Also könnte man uns alle jetzt auch als Echo von ihr und den anderen besonderen Kolleginnen verstehen.

 

Valerie Göhring (l.) und Sina Martens (r.); Foto: Linda Rosa Saal


Antonia: Ihr habt vorher beide am Schauspiel Frankfurt gearbeitet und auch in Frankfurt zusammen in einer WG gewohnt. Ist das Thema Theater omnipräsent bei euch?


Valerie: Natürlich ist das Theater sehr präsent, weil es uns interessiert und weil wir beide am Theater arbeiten. Wir profitieren auch beide sehr davon, dass es hier so viele Theater gibt und wir uns über diese Vielfalt austauschen können.


Sina: Wenn man über Theater redet, kann das oft sehr inhaltslos sein. Ich glaube, es ist bei uns ein sehr inhaltlicher, manchmal emotionaler Austausch, der über das Theater hinausgeht hin zu gesellschaftspolitischen oder sehr persönlichen Fragen. Wir haben eine gemeinsame Art, über das Theater und seine Themen zu kommunizieren, entwickelt, und diese Art mag ich sehr.


Valerie: Das hat während unseres Studiums in Leipzig angefangen. Wir haben uns dort durch Zufall kennengelernt und eher spaßeshalber gesagt: Wir müssten ein Theaterfrauennetzwerk gründen. Und dann haben wir uns häufig getroffen, um über Theater zu reden. 


Sina: Aber aus Junge-Frauen-Perspektive. Denkende Junge-Frauen-Perspektive.


Antonia: Hat es eine Auswirkung auf diese Kommunikation, dass ihr beide in unterschiedlichen Bereichen am Theater arbeitet?


Valerie: Es heißt oft, es sei schwierig, als Dramaturgin und Schauspielerin befreundet zu sein, erst recht an einem Haus. Ich empfinde das aber als sehr bereichernd. Wenn Sina mir zum Beispiel erzählt, welche Biographien sie sich für eine Figur ausdenkt, wird mir wieder deutlich, wie unterschiedlich der Zugang zu Texten ist. Das vergesse ich bei so viel Theorie manchmal. Und so etwas erfährt man ja nur im Gespräch.


Sina: Auf der anderen Seite ist es auch spannend, den theoretischen Hintergrund von der Dramaturgie zu bekommen. Wir haben auch manchmal schwierige Diskussionen über Theaterthemen und stellen dann meist fest: Das eine ist die Schauspielersicht und das andere die Dramaturgensicht. Und dann gibt es bestimmte Dinge, die wir von Anfang an klar getrennt haben: Ich erfahre nichts davon, was in der Dramaturgie geplant wird, und umgekehrt erzähle ich nichts aus einem Probenprozess, was intern bleiben muss. Wir haben uns diese Grenze gesetzt und deshalb funktioniert das sehr gut, toitoitoi.


Antonia: Ihr seid beide recht aktiv in den sozialen Netzwerken, zum Beispiel Instagram. Welche Rolle spielen die Social Media für euch?


Valerie: Mir macht das schlicht großen Spaß. Instagram nutze ich, um interessanten Künstlern und Künstlerinnen oder meinen Freunden und Freundinnen zu folgen. Mir geht es dabei weniger um Selbstdarstellung als darum, ein Netzwerk aufrechtzuerhalten, das natürlich nicht mit realen Beziehungen zu vergleichen ist, durch das ich aber immer wieder Tipps und Inspirationen bekomme.


Sina: Ich suche noch nach einem Weg, wie das für mich funktioniert, wie ich die Social Media mit einem Augenzwinkern nutzen kann. Dass man beispielsweise unter Fotos von sich etwas Lustiges oder Kluges postet, das etwas anderes ist als das typische „#actorslife"... Was aber kein geschützter Begriff ist. So kann die Jogging-Runde um den See oder jemand der gerne einfach so Schauspieler wäre genauso „#actorslife" sein, wie 15 Stunden lange Dreharbeiten und Proben. Was ist echt und was ist falsch?


Valerie: Oder „#lifeofadramaturg" gibt's auch mittlerweile.


Sina: Man muss es dosieren, glaube ich, und nicht zu ernst nehmen. Und dann fängt es an, Spaß zu machen. Aber schlußendlich hat der Tag nur 24 Stunden und ich mag es nicht, mich mit Dingen zu sehr zu beschäftigen, die in der Realität nicht existieren. Durch die Social Media bekommen sie oft eine Bedeutung, die ihnen gar nicht zusteht und zustehen kann: Weil sie einfach nicht real sind. Theodor Adorno sagte mal: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen." Zudem gehen die meisten Menschen nicht ins Internet, um freundlich zu sein. Und plötzlich addiert man Sauerstoff zu einem Feuer, das kaum einer beherrschen kann.


Antonia: Valerie, wie sieht denn so ein „#lifeofadramaturg" aus?


Valerie: Klassischerweise gibt es in der Dramaturgie die Kombination von Spielplan- und Produktionsdramaturgie. In der Spielplandramaturgie denken wir gemeinsam über Stücke nach, die wir spielen könnten, über RegisseurInnen und SchauspielerInnen, die man dafür engagieren sollte. Und in der Produktionsdramaturgie begleitet man eine Produktion von Anfang bis Ende und berät das Team künstlerisch. Was ich am BE programmatisch betreue, ist das Rahmenprogramm in Form von Thementagen oder Diskussionsveranstaltungen - da gibt es beispielsweise mit dem Magazin „Das Wetter" eine Kooperation, die mir sehr am Herzen liegt. Das ist gerade für jüngere Menschen interessant. Beziehungsweise gehe ich einfach immer davon aus, dass das, was mich interessiert, auch andere interessiert.


Antonia: Viele Dramaturgen kommen nicht unbedingt direkt zu ihrem Beruf...


Valerie: Ich habe während meiner Schulzeit, in einer Kneipe mit dem Namen „Kunst und Bühne" gekellnert. Da saß ich abendelang auf der Treppe neben der Bar und habe Kabarett geguckt. Nebenbei habe ich klassisch im Jugendclub der Schule mitgespielt. Dann führte eins zum anderen. Ich habe Praktika gemacht und während meines Studiums meine Liebe zum Centraltheater (mittlerweile Schauspiel Leipzig, Anm. d. Red.) entdeckt. Das war ein besonderer Ort für mich, an den ich immer noch gerne zurückdenke.


Antonia: Sina, wann hast du dich dafür entschieden, Schauspielerin werden zu wollen?


Sina: Ich wusste lange Zeit überhaupt nicht, dass man das offiziell werden kann. Bei mir war es letztlich ein Glücksfall, dass ich meine Abi-Klausuren verhauen hatte und nicht Psychologie studieren konnte - so bin ich dann in die Hamburger Theaterlandschaft gekommen. Es kam einiges zusammen und ich bin vorsprechen gegangen, als ich irgendwann erfahren habe: Das kann man studieren. Ich sammelte erste Bühnenerfahrungen in einer freien Theatergruppe in Hamburg, bevor ich an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy" in Leipzig Schauspiel studiert habe.


Valerie: Das erlebe ich auch bei Dramaturgie. Meine Eltern sagen mir immer: Valerie, sagst du uns bitte in zwei Sätzen, was wir unseren Freunden sagen, wenn sie wissen wollen, was du beruflich machst. Weil das niemand kennt. Oder für einen seriösen Beruf hält.


Sina: Es ist kein geschützter Beruf.

 

Die beiden Theatermacherinnen im Gespräch; Foto: Linda Rosa Saal


Antonia: Könntet ihr euch vorstellen, etwas anderes als Theater zu machen?


Valerie: Ich würde sicher immer etwas im kulturellen Sektor machen. Mich würde auch die Arbeit an einem Museum oder beim Film interessieren, wo es ganz andere Ästhetiken gibt als im Theater. Darum finde ich es auch sehr interessant, wenn bildende Kunst und Theater sich gegenseitig beeinflussen. Und: Man kann ja immer weiter- und wieder zurückkommen.


Sina: Derzeit will ich noch sehen, wie Schauspiel auch außerhalb des Theaters, im Film, in Performances, in Zusammenarbeit mit anderen Kunstformen funktioniert. Aber ich denke auch darüber nach, was passiert, wenn bestimmte politische Richtungen stärker werden. Vielleicht wird es irgendwann schwierig, am Theater zu arbeiten, weil man nicht mehr das erzählen kann, was man erzählen will. Und dafür ist meine Leidenschaft zu groß, um das unter bestimmten Umständen weiterzumachen.


Antonia: Letzte Frage: Warum sollen junge Menschen Theater machen?


Sina: Ich glaube, dass Theatermachen eine Horizonterweiterung und eine Entdeckungsreise ist und unheimlich viele Möglichkeiten bereithält, etwas zu entfalten. Und zwar in politischer Hinsicht, in persönlicher Hinsicht, in kultureller Hinsicht. Zudem ist es eine besondere Form, unsere Geschichten zu erzählen, und es ist bei jeder einzelnen Vorstellung eine ganz andere Möglichkeit für die Zuschauer und Spieler, sich und ihre Geschichten zu erfahren.


Valerie: Es ist ein Ort, an dem die Möglichkeit besteht, sehr viel auszuprobieren. Warum reicht das als Antwort eigentlich nie?


Sina: Ich gehe einfach gerne an diesen Ort.


Valerie: Ich auch!


Sina: Es gibt auf der Bühne manchmal Momente, in denen ich spüre, dass die Zuschauer sich mit dem, was auf der Bühne passiert, verbinden, sich daran erfreuen, aber auch daran reiben, dass sie nicht einer Meinung sind. Das beeindruckt mich als Schauspielerin, denn dann hat ein Theaterabend etwas bewegt und ein Nachdenken angeregt. Es ist gut, sich zu reiben, sich zu streiten, in einer Zeit, in der wir uns zwangsharmonisieren, um von jedem auf der Welt, der irgendwie über uns elektronisch stolpert, „geliked" zu werden. Im Kroatischen gibt es eine Redewendung, die sagt: „Wo kein Streit ist, ist auch keine Liebe." Das stimmt für mich: Wer sich nicht auseinandersetzen, reiben will, empfindet auch meistens nichts für den/die/das Andere/n.


Valerie: Wir reiben uns auch!