Thema des Monats Januar 2011

So könnt ihr nicht nach Israel fahren!

 

Das Leipziger Theater der Jungen Welt gastierte mit „Kinder des Holocaust“ in Israel. Ein Reisebericht über die Reaktionen von Überlebenden und die überwältigende Lebensfreude in einem widersprüchlichen Land.

 

Von Tobias Prüwer


„Come as you are” – Nirvanas Ode an die Eigentlichkeit hüllt mich wohlig ein in dieser namenlosen Tel Aviver Bar und gibt zugleich das Motto für das Lebensgefühl dieser Stadt vor, in der man offenkundig einfach Mensch sein kann. Vom 10. bis 15. Oktober war das Theater der Jungen Welt (TdJW) auf Einladung des Goethe-Instituts Israel in der „weißen Stadt” zu Gast und gab drei Aufführungen von „Kinder des Holocaust” in der benachbarten Kleinstadt Herzliya. Ich durfte die Tour begleiten – und erlebte einen Ort voller Lebensfreude in einem widersprüchlichen Land.


Der Holocaust auf der Bühne? Und dann auch noch in Israel? – Theodor W. Adornos berühmte Sentenz von der Unmöglichkeit, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben, mahnt weiterhin zur Vorsicht bei der künstlerischen Beschäftigung mit dem industriellen Massenmord an Jüdinnen und Juden. Wie spricht man angemessen über Opfer und Überlebende der deutschen Vernichtungsmaschinerie? Läuft nicht jedes konkrete Benennen des Grauens darauf hinaus, es zu relativieren oder zu verharmlosen? Und was hat Jugendtheater zum Nationalsozialismus zu sagen? Lässt sich ein junges Publikum 65 Jahre nach der Befreiung hierfür überhaupt sensibilisieren? Das TdJW ging das Wagnis ein und machte das Buch Kinder über den Holocaust (1) zum Bühnenstoff. Darin sind 55 Interviewprotokolle jüdischer Kinder enthalten, die der Vernichtung entkamen. Diese bilden den Rahmen der Inszenierung, bei der Regisseur Martin Kreidt auf den Charakter eines klassischen Stücks verzichtet. Vier Sprecher sitzen an Pulten im hinteren Teil des sonst leeren Bühnenraums und rezitieren Auszüge der Berichte. Die ruhigen Monologe brechen immer wieder ab, werden von anderen abgelöst. Der mehrstimmige Vortrag verknüpft die Textfragmente zu einer Art Endlosschleife der Verbrechen und des Leids, die ohne Bilder auskommt. Neben den professionellen Sprechern treten elf jugendliche Laien auf. Innerhalb eines halben Jahres entwickelten sie eigene Improvisationen, die sich mit Situationen der (Ohn-)Macht auseinandersetzen, seien es das Coming-out, das Mobbing in der Lehre oder die Clownsnase, die einem Schläger nicht passt. In einer fiktiven Schlachtordnung stehen sich wütende Orks und finstere Magier gegenüber. Das Spiel der Jugendlichen neutralisiert den protokollierten Schrecken dabei keineswegs. Es geht mit dem Vortrag eine symbiotische Beziehung ein, welche die Eindringlichkeit verstärkt. Diese nicht einfache Inszenierung muss auch in der Levante zu sehen sein, meinte Georg Blochmann, Leiter des Goethe-Instituts Tel Aviv. In Kooperation mit dem Habima Theater Tel Aviv, das zurzeit eine Baustelle ist, bot sich das Herzliya Theater als Spielort an.

 

 

„Connewitz, da hat’s geblitzt” – das Gastspiel
„Connewitz, da hat’s geblitzt”, erzählt mir vor der Vorstellung eine ehemalige Leipzigerin, die einst in der Arno-Nitzsche-Straße wohnte. Es gelang ihr, vor dem Nazionalsozialismus und der deutschen Mordlust zu flüchten. Vor langer Zeit hat sie in Israel ein neues Zuhause gefunden. Sie war nur eine von vielen älteren Menschen im Publikum, darunter einige ehemalige Leipziger, von denen viele in der NS-Zeit ihre Angehörigen verloren haben. Hoch interessiert, dass und wie sich deutsche Jugendliche mit dem Holocaust, der Shoa, auseinandergesetzt haben, besuchen sie die erste Aufführung – was die Anspannung bei den TdJW-Leuten weiter ansteigen lässt.

 

Nach einem Grußwort der Oberbürgermeisterin von Herzliya, Yeal German, erklärt Leipzigs Bürgermeister Thomas Fabian, die Stadt Leipzig müsse sich ihrer historischen Verantwortung stellen, auch sie trage eine Schuld. Zudem kündigt er die Städtepartnerschaft von Herzliya und Leipzig ab dem kommenden Januar an. Die Aufführung schließlich verläuft absolut souverän, die besondere Aufregung der Schauspieler ist im Publikum nicht zu bemerken. Heikel ist noch einmal der Moment, als die Clowns das erste Mal auftauchen: Wie reagiert das Publikum? Die jungen Israelis aber lachen über die Slapstick-Nummer – womit sich die Älteren auseinandersetzen müssen – und es wird klar: Das Stück funktioniert auch in Israel. Hernach gibt es Applaus – er klingt verhalten, ist aber in seiner bestimmten Kürze durchaus üblich, wie mir mitgeteilt wird. Zur sich anschließenden Diskussion bleiben überraschend viele Zuschauende im Saal, was auch an den beiden anderen Abenden der Fall ist.

 

 

Die Publikumsfragen betreffen zum Teil die Herangehensweise an das Stück, das Casting der Amateurschauspieler und die Art der Aufführung. Eine Besucherin bringt zum Ausdruck, dass die Bearbeitung des Themas für Israel außerordentlich unemotional sei, begrüßt diese Herangehensweise aber in ihrer Eigenart. Dass es nicht um die Emotionalisierung durch ein Identifizieren geht, betont TdJW-Intendant Jürgen Zielinski. Ein solches sollte gerade vermieden werden, weil die Grundprämisse dieser Inszenierung die Undarstellbarkeit des Holocausts sei. Auch andere Sprecher loben das Engagement, sagen aber auch, sie müssen erst darüber nachdenken, ob ihnen die Inszenierung gefalle. Dafür ist diese sicherlich nicht gemacht, bringt aber in den Diskussionen zutage, dass es auch in Israel Schwierigkeiten gibt, die junge Generation für das Thema Shoa zu interessieren und man daher auch hier an anderen Ansätzen interessiert ist. Die Anzeichen im Vorfeld haben also nicht getrogen: Im Grundtenor unterstützt das Publikum das TdJW-Projekt.

 

Die weiße Stadt: Tel Aviv
Natürlich führen unsere kulturellen Kreise über das Theater hinaus, wohnen wir doch in Tel Aviv. Sie lässt sich als Stadt der Widersprüche und der Lebenslust beschreiben, als Hort des Hedonismus und der Offenheit, der kaum erahnen lässt, wie sehr er durch Sicherheitsmaßnahmen und Grenzziehungen beschützt werden muss. Und doch gibt es in Tel Aviv an fünf Tagen weniger Polizei zu sehen als an einem Wochenende auf der Karli. „Über diese Stadt am Mittelmeer gehen die Urteile, der Besucher wie der Einheimischen, weit auseinander. Die einen meinen, Tel Aviv sei hässlich, hektisch und laut, ohne Charme und Geschichte. Für die anderen spielen solche Äußerlichkeiten, selbst wenn sie zutreffen sollten, keine Rolle. Sie schätzen – und lieben – Tel Aviv als einen modernen, demokratisch-toleranten Gegenentwurf zum religiös geprägten Jerusalem. Tel Aviv läßt sich als eine vitale Demonstration für das Diesseits auffassen, eine Stadt, die das Motto ,Leben und leben lassen’ in ihrem Wappen tragen könnte.” (Holger Gumprecht: Israel. Literarische Spaziergänge durch das Heilige Land)

 

Trotz des allerorts herrschenden Getümmels sind die Menschen in Tel Aviv sehr freundlich. Scheele Blicke bleiben aus, hier zählen sowohl Individualität als auch Rücksicht. Diese offene Gesellschaft, welche als die toleranteste im Nahen Osten gilt, bringt das schon auf den ersten Blick zum Ausdruck: Die Hälfte der Autos auf den Straßen werden von Frauen gelenkt. Viele Gesichter strahlen Selbstbewusstsein aus, aber auch Gelassenheit und Daseinsfreude. Der Anteil schöner Frauen und Männer ist hochprozentig. Hier kann man vielfach seinen Vergnügungen nachgehen. Bei den meisten von uns heißt dies: Strandbad und Shoppen. Einkaufsgelegenheiten gibt es tausendfach. Und dabei hat skurrilerweise jede Branche ihren eigenen Bereich: Es gibt das Stoffquartier, die Brillenecke und den Schuhkarton – nur Klamotten bekommt man überall. Harald Martenstein würde wohl angesichts dieser Waren-Cluster von einer Bedarfsbüschelung sprechen. Im Ernährungssektor dominieren Falafelläden, die meinen Gaumen als Südvorstädter wenig reizen – die habe ich ja auch vor der Haustür. Dafür unterbreiten Bäckereien von Blätterteigteilchen mit Füllungen über Apfel-Mandel bis Kartoffelbrei ein umfangreiches Angebot. Diese süßen Dinger sind ein dienlicher Helfer gegen den kleinen wie großen Hunger oder ein Appetithappen für zwischendurch.

 

 

Komplett überwältigt mich aber das frische Obst, das einen an jeder Stelle anlacht und frisch gepresst als Saft genossen werden kann. Wo hat man schon einmal die Chance, Granatapfelsaft zu trinken – oder soll es Passionsfrucht und Papaya sein? Lieber Kiwi? Oder gleich ein Mix? Eine wunderbare Erfindung ist auch das göttliche „Yogurt Wonderland“ – ein Paradies. Neben verschiedenen Joghurt-Kompositionen wird in diesem Laden auch ein reichhaltiger Cocktail aus acht Früchten kredenzt. Und das Beste: Ananas fehlt! So muss man sich den Garten Eden vorstellen. Wer denkt bei solchen Geschmacksexplosionen noch daran, dass das auch noch gesund ist?

 

Die weltbeste Zitronenlimonade trank ich in Jaffa. Die uralte Stadt – sie ist heute Teil von Tel Aviv – taucht mit ihrem Andromeda-Felsen schon in der griechischen Mythologie auf und wird auch im Alten Testament genannt. Sie besitzt eine prächtige Altstadt, die zwar weitestgehend rekonstruiert ist, aber den verwinkelten Aufwurf der Gassen und Häuserzeilen in die Höhe am Berghang, von dem ältere Quellen berichten, noch erahnen lässt. Ähnlich wie im Leipziger Westen hat sich hier in den letzten Jahren ein In-Viertel entwickelt, das viele Künstler aus Tel Aviv anzieht, die dort die ansässigen, oft muslimischen Bewohner verdrängen. Gentrifizierung ist eben nicht bloß ein deutsches Phänomen.

 


Noch mehr Kultur: Jerusalem
Nur ein Wort: JERUSALEM. Beeindruckend gibt sich diese Stadt, um die drei große Religionen und diverse ihrer Strömungen, Bekenntnisse und Konfessionen streiten. „Schlachthaus der Religionen” nannte Aldous Huxley sie. Übersäht mit Heiligem wie Profanem aus zweitausend Jahren, ist die Altstadt anschauliches Museum und Touri-Falle in einem. Durch vier Viertel – armenisches, jüdisches, muslimisches und christliches – ziehend, sehen wir Felsendom, Klagemauer, Via Dolorosa und die Grabkirche. Pilger- und Touristenströme sowie Klimbimläden lassen diesen Ort in wenig Heiligkeit erstrahlen. Wenn sich walzende Massen in irgendeine Richtung schieben, um einen Stein zu küssen, eine Säule zu berühren oder Zettelchen in Ritzen zu klemmen, dann mag es dem individuellem Heilsgefühl entsprechen – warum dieses nicht mehr Rücksicht gegenüber anderen verträgt, bleibt die offene Wunde der religiösen Erfahrung.

 

Tief berührt alle der sich anschließende Besuch der Shoa-Gedenkstätte Yad Vashem. „Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts / wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland / wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken / der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau”. (Paul Celan: Todesfuge)

 

Kann Theater die Welt ein Stück weit ändern?
Wie nun lässt sich diese Reise bilanzieren? Ohne in Prozenten abzuwägen, kann man feststellen, dass das Gros des Publikums das Gastspiel positiv aufgenommen hat – unabhängig davon, ob sie diese nun in Form oder Inhalt als gelungen ansah. Oft wurde gelobt, allein der Umstand, dass sich deutsche Jugendliche auf eigene Art einen Zugang zum Thema erarbeitet haben, sei produktiv und gut. Manche, gerade Ältere, äußerten gar ihre Dankbarkeit für den Auftritt, was uns verwirrte. Besonders bewegend waren die Begegnungen mit Menschen, die der Shoa entkamen. „Ich bin ein Kind des Holocausts”, meinte etwa eine Dame im persönlichen Gespräch. Und fügte hinzu: „Das wollte ich bei der Diskussion aber nicht sagen, weil es nicht um mich, sondern um die Jugendlichen geht.” Sie selbst sei über jene berüchtigte „Odyssee der Kinder” nach Israel gekommen und froh über die Auseinandersetzung mit der Shoa durch das Theaterstück. Aber auch Anderes war zu vernehmen. So wurde von einer Zuschauerin geäußert, sie sei froh, dass ihre Großmutter das Stück nicht gesehen habe. Eine andere meinte, die deutschen Jugendlichen wüssten gar nicht, was während der Shoa geschehen sei und hätten sich solch eine Aufführung vor ein paar Jahren nicht getraut. Ähnliches war bereits in Deutschland zu hören gewesen: „So könnt ihr nicht nach Israel fahren.”

 

 

Und doch war es gut, so und mit diesem Stück nach Israel gekommen zu sein. Denn wir alle haben ein großes Bündel unterschiedlicher Erfahrungen als Gepäck mit zurücknehmen dürfen. „Change is starting with little things”, brachte es eine Beteiligte zum Ausdruck. Und ja, vielleicht kann Kunst doch etwas bewegen, kann Theater die Welt ein Stück weit verändern. Uns allen jedenfalls haben die Diskussionen viel gebracht. Und am Traum, dass die Kunst der Veränderung gerade mit künstlerischen Mitteln zu gestalten sei, möchte ich aufgrund dessen nur zu gern festhalten.

 

(1) Feliks Tych et al. (Hrsg.): Kinder über den Holocaust. Frühe Zeugnisse 1944 – 1948. Interviewprotokolle der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission in Polen, Berlin, 2008.

 

www.tdjw.de


 

Tobias Prüwer, der Autor des Artikels, lebt und arbeitet als Theaterredakteur (Magazin kreuzer), freier Autor, Philosoph und Lektor in Leipzig.

 

Fotos: Tobias Prüwer

Über die Wirkung des Stücks "Kinder des Holocaust" auf das israelische Publikum

 

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