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Artikel des Monats

"Es geht nur, wenn ich offen bin"

Das Geheimnis von Nina Hoss ist ihre Freiheit - aber die musste sie auch erst lernen.

Ein Porträt der Schauspielerin und ihrer Entwicklung.

von Henrike Thomsen


»Das erste Mal, dass ich auf der Bühne stand, daran kann ich mich genau erinnern, war an einem Geburtstag meines Vaters. Er feierte ihn zusammen mit einem Freund, hundert Jahre, weil beide fünfzig geworden sind. Ich war fünf Jahre alt und wollte unbedingt hoch auf die Bühne und etwas singen. Später habe ich auch in Esslingen, als meine Mutter die Landesbühne leitete, viel an Liederabenden mitgewirkt. Ich erinnere mich, dass ich mir in meinem Zimmer praktisch selber Schauspielunterricht gegeben habe. Ich habe Lieder wie Jaques Brels ›Ne me quitte pas‹ genommen, ich war vierzehn und habe Rotz und Wasser geheult.«

 
Rund 20 Jahre später sitzt Nina Hoss im Reinhardt-Zimmer des Deutschen Theaters Berlin. Der große, lichte Raum ist mit Porträts, Bühnenbildentwürfen und Inszenierungsplakaten geschmückt und gibt den Blick frei auf den kopfsteingepflasterten Vorplatz mit weiteren Büsten alter Theatermeister. Wir sind im innersten Heiligtum des Theaters: Hier hat man sich Inszenierungen ausgedacht, die Geschichte machen sollten – von Max Reinhardts berühmter Uraufführung von »Frühlings Erwachen« 1906 bis zu Barbara Freys Neuinterpretation der antiken »Medea«-Tragödie 2006. Hier wurde (und wird) über Besetzungen entschieden, die für einen jungen Schauspieler alles bedeuten können. Der damalige Theaterdirektor Max Reinhardt setzte 1906 auf die sprühende, tänzerisch biegsame Schauspielerin Gertrud Eysoldt, die zum Stern ihrer Generation wurde (und gesetztere Geister so sehr verschreckte, dass sie sogar Prozesse gegen sie anstrengten). Eine der höchsten Auszeichnungen des deutschsprachigen Theaters, der jährlich vergebene Eysoldt-Ring, ist nach ihr benannt. Diesen Ring erhielt Nina Hoss 2006 für ihre »Medea«. Sie ist also wirklich angekommen im Innersten des Heiligtums von Kunst und Ruhm. Doch das scheint sie gar nicht zu interessieren. Nina Hoss ist im Moment wieder 14 Jahre alt. Sie trällert Jacques Brels berühmten Refrain auf Deutsch: »Verlass mich nicht!« Dann bricht sie ab und lacht ihr helles, frisches Lachen. «Mit vierzehn kann ich davon ja nicht so viel Ahnung gehabt haben«, bemerkt sie verschmitzt. »Aber in diesen Liedern gibt es ja durchaus eine Situation, und in die habe ich versucht, mich hineinzuversenken. Da half die Musik, wie sie mir heute hilft, mich in Stimmungen zu versetzen.«

Erfolgreiche Schauspieler, die es so weit geschafft haben, stehen normalerweise vor dem Problem, wie man sich die Frische des Anfangs bewahrt. Wie erhält man sich jene Magie der ersten, unverbrauchten Schritte auf der Bühne? Wie schützt man sich gegen tödliche Routine? Für Nina Hoss hat sich die Entwicklung eher umgekehrt vollzogen. In ihren ersten Rollen nach der Ausbildung an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch«, als sie 1998 erstmals an das DT engagiert wurde, wirkte ihr Spiel viel schematischer und mechanischer. Gerne sagte man der gebürtigen Stuttgarterin schwäbische Sekundärtugenden wie Verlässlichkeit, Präzision und Pflichteifer nach. Doch Nina Hoss lernte weiter in der angewandten Schule, die ihr die Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Luc Bondy, Robert Wilson, Einar Schleef, Michael Thalheimer und Barbara Frey bot. Impulsiv und zart spielt sie heute die Graphikerin Lotte in ihrer jüngsten Rolle am DT, in »Groß und klein« von Botho Strauß; versehrt und grausam ihre Zauberin Medea in Barbara Freys Euripides-Inszenierung. Görenhaft und rotzfrech sind ihre Töne als Dienstmädchen Franziska in »Minna von Barnhelm« (alle drei in der Regie von Barbara Frey), herzzerreißend die ihrer Helena in »Faust II« (Regie: Michael Thalheimer). Und im Film Yella schafft sie es praktisch ohne Worte, eine vollkommen rätselhafte junge Frau zu porträtieren, die mehr tot als lebendig von den Schatten ihres Lebens gejagt wird – von früheren Männern und früheren Fehlern, von stummen Sehnsüchten und Reuegefühlen.

»Ich muss einen direkten Zugang zu

der Situation, zu den Figuren und der

Atmosphäre einer Szene haben.«


Was Nina Hoss diese Bandbreite von Charakteren ermöglicht, ist weit mehr als Handwerk – und auf den ersten Blick vielleicht sogar das Gegenteil davon: Freiheit. Doch der Weg dorthin führte sie durch das Handwerk, das sie sowohl auf der Schauspielschule als auch bei ihren späteren Regisseuren aufmerksam annahm. »An der Schule war meine Sprecherzieherin Margot Dreves fast mit am Wichtigsten«, erzählt sie. »Sie hat mich die ganzen vier Jahre begleitet. Die Dozenten wechseln ja, aber die Erzieherin verfolgte alles kontinuierlich. Ab dem zweiten Jahr gab es Einzelunterricht und sie ging auf Schwachstellen und Fehler ein. Da habe ich wahnsinnig viel gelernt, nicht nur sprechtechnisch, auch für die Umsetzung, wie man einen Text liest. Dass man nicht immer sofort meint, man wüsste schon, wie es zu interpretieren sei, sondern den Text erst einmal wirken lässt. Er sinkt ein, man kann ihn noch mal lesen, und dann findet man die Interpretation. Diese Ruhe habe ich auf der Schauspielschule gelernt.« Sie erinnert sie auch an ein Szenenstudium zu Schillers Maria Stuart mit Professor Ulrich Engelmann: » Da habe ich gelernt, wie man sich alleine darauf vorbereiten kann, einen Zugang zu finden auch zu Themen, die eher weit entfernt sind. In diesem Fall fragte ich mich, wie komme ich in diese Welt von Königinnen, die um ihre Reiche kämpfen und fürchten? Ich war zwanzig... Engelmann hat während der Arbeit viele Anekdoten erzählt, die aber, wenn man genau hingehört hat, immer etwas mit der Situation zu tun hatten. Er hat mich praktisch angefüttert mit Bildern, die ich mir vorstellen konnte, während ich die Sätze sprach.«

Die Kunst der einfühlsamen Bilder, die einen Schauspieler weiterbringen, ohne ihn im eigenen Zugang zu beschneiden, beherrscht auch Barbara Frey – ein wichtiger Grund für die seit drei Jahren anhaltende Zusammenarbeit mit Nina Hoss. Wie für viele andere erfolgreiche Kollegen – zum Beispiel Martin Wuttke – war für diese außerdem der 2001 verstorbene Einar Schleef wichtig. »Bei Einar Schleef habe ich, glaube ich, Zugang zu meiner Kraft gefunden. Er hat mich gefordert bis zum Umfallen, und ich habe gemerkt, ich halte das durch. Ich meine, eine mentale und physische Kraft, beides habe ich damals entdeckt. Das war eine tolle Erfahrung«, berichtet sie.
Nach allem ist Nina Hoss heute auch aus ihrer eigenen Sicht auf einem Höhepunkt ihrer Entwicklung angekommen. »Ich habe diesen Beruf angefangen, weil mich interessiert, so zu spielen, wie ich es jetzt versuche«, sagt sie. »Wenn jeden Abend etwas anderes passiert oder zumindest passieren könnte. Ich muss einen direkten Zugang zu der Situation, zu den Figuren und der Atmosphäre einer Szene haben. Aber das geht nur, wenn ich offen bin und die Freiheit habe, überhaupt festzustellen, was sich verändert. Dass ich einen anderen Ton höre beim Partner und denke, da kann ich ansetzen. Vor kurzem war ›Medeas‹ Stimmung noch intensiver als sonst und Michael Neuenschwander, der den Jason spielt, reagierte darauf und wir trieben das Spiel gemeinsam höher.«

Der Jazz-Saxophonist John Coltrane hat einmal gesagt, man müsse sein Instrument so gut beherrschen, bis man durch es hindurchgehen könne wie durch einen magischen Spiegel – erst dann mache man wirklich Musik. Das gleiche gilt für Nina Hoss: Sie ist durch ihre Instrumente – ihren Körper und ihre Stimme – gleichsam hindurch gegangen und kann nun wirklich damit spielen. Das, so scheint es, ist das Geheimnis ihrer Freiheit: Keine verrückte, anarchische Freiheit Nr.7, sondern eher eine buddhistisch beherrschte, die ihr die Möglichkeit gibt, radikale Gegensätze zu vereinen und höchste Kontrolliertheit mit höchster Auslieferung an den Moment zu verbinden. In der buddhistischen Lehre ist es keine Frage des Intelligenzquotienten oder des Talents, ob jemand Vollendung erreicht. Es ist eine Frage der regelmäßigen Übung und des Engagements, der geistigen Wachheit und des Muts. Nina Hoss ist so gesehen ein vollendeter Buddha und wird von manchen entsprechend verehrt für ihre gleichmäßig strahlende, starke und in sich ruhende Erscheinung. Merke: Jeder kann Buddha sein! Es ist keine Frage der Berufung, sondern der persönlichen Entwicklung.

Nina Hoss betont eine andere wichtige Voraussetzung. »Sicher hat es grundsätzlich etwas mit dem Vertrauen zu tun, dass man schon richtig ist da oben, dass man etwas zu sagen hat. Ich hatte nie Angst vor dem Publikum«, verrät sie. Ihr eigenes Vertrauen geht auch darauf zurück, dass ihre Mutter selbst Schauspielerin (und später Intendantin) war. »Ich war als Kind schon auf Proben oder durfte in der Kantine dabei sitzen«, erzählt sie. »Theaterluft, sagt man ja – und da liegt wirklich etwas in der Luft, so eine Energie und Kreativität. Manchmal auch eine Depression, aber das macht ja nichts, es passiert etwas. Es passiert jeden Tag etwas Neues.« Alle, die später dazu stoßen, sollten sich einfach von der Atmosphäre anstecken lassen und ja nicht zuviel nachdenken. »Jugendlichen würde ich einfach die Empfehlung geben: Macht drauf los! In dem Alter darf man nicht daran denken, was Wirkung ist und all das. Man muss seine Spielfreude füttern. Geh auf die Bühne und spiel und spiel und spiel!«

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