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Artikel des Monats

Rampenfieber!

Im Kreschtheater in Krefeld fand im Juni das 19. Bundestreffen Jugendclubs an Theatern statt


Die Inszenierungen dort waren sehr verschieden: Komisch und ernst, laut und leise, phantasievoll und erschütternd. Bloss eines waren sie nicht: langweilig.


Von Nikita Mathias

»Yippie yippie yeah, yippie yeah, Krawall und Remmidemmi!« Der Partyhit der Gruppe Deichkind brandet aus zehn grölenden Kehlen in den Zuschauerbereich. Dazu das Scheppern von Mülltonnen, das Wummern von Plastik, das Knacken von Holz. Die Schauspieler trommeln mit allem, was sie haben. Eine Mischung aus »Stomp« und Popkonzert. Das Publikum tobt und feiert das Stück »Exit« mit Standing Ovations.

»Rampenfieber« hieß das Motto des 19. Bundestreffen Jugendclubs an Theatern, das vom 23. bis zum 28. Juni im
Kreschtheater Krefeld stattfand. Und der Slogan bringt dieses einwöchige Theatererlebnis auf den Punkt. Die sieben gezeigten Inszenierungen waren so ziemlich alles, bloß eins nicht: langweilig. Die 16–20-Jährigen gehen aus sich raus, von Scham keine Spur. Stattdessen Energie und Spielfreude. Wer aber dahinter bloß pubertären Krawall wittert, liegt falsch. Klar wurden irgendwie die Themen behandelt, die Jugendliche interessieren: Liebe, Wut, Zukunftsangst, die Suche nach Individualität und Glück. Doch die Spannweite, in der diese Themen umgesetzt wurden, könnte kaum größer sein.

»Exit« etwa, die Eigenproduktion aus Halle, ist ein fulminanter Mix aus den unterschiedlichsten Formen und Einflüssen. Die Ausgangssituation des Stücks ist wohlbekannt: Zehn junge Leute warten auf den Zug, der einfach nicht kommen will. Bis sie nach Hause, zum Glück, zu sich selbst fi nden, müssen es diese verschiedenen Menschentypen irgendwie miteinander aushalten. Dabei wird gestritten, geknutscht, musiziert, gerappt, diskutiert und erzählt. Nichts ist so, wie es zunächst scheint. Die fünf Erfolgsregeln des Gewinnertypen Markus sind bloß noch Fassade, seine Lobreden auf den Porsche Cayenne ein letzter Strohhalm. Und Julia hasst ihren Kellnerjob, bei dem sie sich gegen die Aufdringlichkeiten mancher Gäste wehren muss.

All diese kleinen, alltäglichen Momente des Scheiterns werden mit viel Witz und Situationskomik gespielt. Der Kampf um eine Thunfischdose im Supermarkt, bei dem die Schreckschraube Sabine den unsicheren Peter k.o. schlägt, ist herrlich schräg und dabei doch aus dem Leben gegriffen. Überhaupt ist wenig Zeit zum Trübsal-Blasen. Rasant vermischen sich Schauspiel, Video, Tanz, Akrobatik und Gesang zu einem atemlosen Spektakel. Ohne Berührungsängste wird der Drogenfilm »Trainspotting« zitiert, genauso wie der Westernklassiker »Spiel mir das Lied vom Tod«. Trotzdem passt alles zusammen und macht riesigen Spaß. Da lässt sich der irgendwie unlogische Mord am Ende locker verschmerzen.

Während »Exit« das Leben trotz aller Schattenseiten feiert, kommt bei der Inszenierung von Thomas Freyers Stück »Amoklauf, mein Kinderspiel« düstere Endzeitstimmung auf. Gezeigt werden Schüler ohne Vorbilder und Perspektiven. Die Eltern sitzen vor dem Fernseher. Die Lehrer versuchen bloß noch den Schein einer heilen Schulwelt aufrecht zu erhalten. Was bleibt, ist beidseitiges Verstummen und die aufgestaute Wut der Jugendlichen. Selbst Tabubrüche wie das Schmieren von Hakenkreuzen und das Ritzen ins eigene Fleisch können die vermeintlichen Autoritäten nicht wachrütteln. Als letzten Ausweg malen sich die Schüler in ihrer Phantasie einen blutigen Amoklauf aus. »Headshot!«, skandieren die Schützen im Chor, als handelte es sich um ein Videospiel. Sie hasten durch Gänge, überfallen die Klassen, alle Lehrer sterben. Den Soundtrack zum Blutbad bilden kalte Elektro- Klänge. Die Bewegung greift schließlich auf andere Schulen über, nimmt die Ausmaße einer Revolution an, bis sie von der Elterngeneration grausam niedergeschlagen wird. Die Inszenierung lebt von ihrer düsteren Atmosphäre. Dazu trägt vor allem Mario Müllers Bühnenbild bei. Der Zuschauer blickt auf eine karge Betonwand, davor nur ein rostiges Klettergerüst und ein paar bräunliche Medizinbälle. In dieses Manifest der Hoffnungslosigkeit fügen sich Anke Kalks Kostüme nahtlos ein. In ihren Lederjacken, Trainingsklamotten und verwaschenen Jeans sehen die Kids aus wie Aufständische aus den Pariser Banlieues. Obwohl, oder gerade weil, sich das Massaker nur in Gedanken abspielt, ist »Amoklauf, ein Kinderspiel« vom Jugendtheaterclub am Theaterhaus Jena ein erschütterndes Stück Bühnenkunst.

Mit Büchners »Lenz«, Rostands »Cyrano« und Lorcas »Bernarda Albas Haus« waren daneben auch drei Klassiker vertreten. Doch auch da suchen die Gruppen sich vor allem ihre eigene Sprache. In der »Lenz«-Inszenierung ist der Text auf einige Sprachfetzen reduziert. Im Zentrum stehen die Schweriner Schauspieler, die den langsam einsetzenden Wahnsinn des Helden mit dem ganzen Körper nachempfinden. Ihre Gesten, Mimiken und Laute steigern sich in einen Zustand wilder Raserei. Schreien, Aufschluchzen und heftige Krämpfe ersetzen
Büchners Beschreibungen des Wahnsinns. Jegliche Distanz geht verloren, was sowohl aufregend als auch anstrengend ist.

Die Potsdamer Inszenierung des »Cyrano« verzichtet zwar nicht aufs Erzählen, überträgt die Sprache aber ironisch ins Hier und Jetzt. Reichlich unverblümt kommt die Liebesund Leidensgeschichte des hässlichen, aber poetischen Cyrano de Bergerac daher. So lästert der italienische Geiger über die »Scheiß Franzosen« und der Graf Guiche schickt Cyrano und Christian »an die verfickte Front«.

Wenn das Festival im nächsten Jahr sein 20. Jubiläum feiert, wird es schwierig werden, die 19. Folge zu toppen, aber Deutschlands Jugendclubjugend wird schon was einfallen. Unterm Strich steht ein tolles Festival mit herausragendem, vielseitigem Jugendclubtheater. Schade bleibt allein, dass die Zuschauerränge nur den Teilnehmern des Festivals Platz boten, denn was hier auf die Beine gestellt wurde, sollte man gesehen haben.