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Norman Hacker in Dirk Lauckes "alter ford escort dunkelblau" am Hamburger Thalia Theater, Inszenierung: David Bösch Bild vergrößern


Dirk Lauckes neues Stück "Wir sind immer oben" am Schauspiel Essen. Mit Jenniver Lorenz und Markus Vischer. Bild vergrößern


Dirk Laucke

Text des Monats

Ein erfolgreicher Außenseiter

Der 26-jährige Dramatiker Dirk Laucke ist gerade ziemlich erfolgreich in der deutschen Theaterszene. Dabei hält er sich selbst gerne am Rande des rummeligen Betriebs auf. Als Beobachter der Gesellschaft, in der wir leben.

von Stefan Keim
Der Text ist in ähnlicher Form im Novemberheft der Zeitschrift Die Deutsche Bühne erschienen


"Ich gehe wenig ins Theater“, sagt der junge Mann. „Ich versuche den Kontakt auf das Geschäftliche zu konzentrieren. Sonst habe ich damit nichts zu tun.“ Dabei führen die Geschäftskontakte der deutschen Bühnen mit Dirk Laucke zu Aufführungen, die gerade Leute seines Alters ansprechen. Aber vielleicht ist die Distanz notwendig, damit Laucke unabhängig bleibt. „Ich hab keine Ahnung, wer und was wichtig ist in diesem Betrieb.“ Es gibt nicht viele Theaterautoren, denen man solche Sätze glaubt. Dirk Laucke ist einer davon.

Er sitzt im Café, eine halbe Stunde nach der Uraufführung seines neuen Stückes. Auf der Premierenfeier sind die anderen. Sich umjubeln zu lassen, ist Dirk Lauckes Sache nicht. Zufriedenheit ebenso wenig. Er schreibt über Menschen, die nicht mit einer  halbmiesen Lebenslage klar kommen. Lauckes Charaktere wollen was verändern, ihre Träume verwirklichen, einen Moment der Freiheit empfinden. In „alter ford escort dunkelblau“, dem Stück, mit dem Laucke bekannt wurde, nimmt Kraftfahrer Schorse seinen Sohn an dessen Geburtstag mit auf eine wilde Spritztour über die Autobahnen. Die Mutter, Schorses Exfrau,  weiß nichts davon, das Kind gerät in Gefahr, Schorse handelt völlig verantwortungslos. Er will einmal richtig Vater sein, so wie er sich das immer vorgestellt hat, wenigstens ein paar Stunden lang. Ein Liliom der Landstraße, dessen Liebe anderen weh tut.

Der junge Regisseur David Bösch – auch eine Art Nachwuchsstar – hat den Text im Hamburger Thalia in der Gaußstraße mit umwerfender Emotionalität und dem großartigen Norman Hacker als Schorse inszeniert. Den Schluss, einen Unfall des Sohnes, erzählt Bösch über einen Trickfilm im Mangastil. Eine tolle Aufführung, findet der Kritiker. Dirk Laucke guckt nicht sehr glücklich. „Ich will auf keinen Fall rührselig werden.“

„Kämpfernaturen, die in ihrem eigenen Kleinscheiß stecken bleiben“, so  ­be­­­­­­­­­­sch­reibt der Autor die meisten seiner Figuren und vergewissert sich kurz, dass einen die mitunter deftige Wortwahl nicht stört. Solche Naturen hat Laucke in Halle kennen gelernt, wo er aufwuchs, bevor er nach Leipzig ging, um Psychologie zu studieren. „Da habe ich aber nicht bekommen, was ich wollte.“ Dirk Laucke wechselte nach Berlin, zum Studiengang für szenisches Schreiben an die Universität der Künste. Da gefiel es ihm besser. „Texte werden nicht nur kritisiert und abgefertigt. Wir umgehen gemeinsam Klischees, beseitigen Schwächen, entwickeln eine Sensibilität.“ Ein erstes Stück über Abschiebung entstand fürs Grips-Theater.

Dirk Laucke interessiert sich sehr für Politik. Ohne dass er mit seinen Stücken Botschaften verkünden will. „Das hier ist ein Scheißhaufen von Welt, solange es hier weiter geht.“ Mehr Aussage ist nicht in „alter ford escort dunkelblau“. Sagt der Autor. Aber Laucke meint auch „Stücke sind klüger als Autoren.“

Das neue Stück in der Casa des Essener Schauspiels: Der junge Sven will gegen den niederdrückenden Alltag kämpfen,  sich nicht ständig mit seiner versoffenen Mutter und aggressiven Neonazis in der Diskothek rumschlagen. Er gründet mit seinem Freund Stamm einen Plattenladen in der Laube seiner Mutter, halblegal, wenn man es freundlich umschreiben möchte. DIY – Do it yourself – das Motto der Punkbewegung steht Pate, entsprechend ist die Musikauswahl der Inszenierung.  „Wo ich bin, ist immer oben“, hat René Weller einmal gesagt, der Boxchampion und Playboy, der nach seiner Karriere zum Drogenhändler wurde. „Und wenn ich mal unten bin, ist unten oben.“ Dirk Laucke hat diesen Satz leicht verändert und zum Titel seines neuen Stückes erkoren: „Wir sind immer oben“.

Wieder erzählt der 26-Jährige von Menschen, die in wenig aussichtsreicher Lage um ihr Glück kämpfen. Sven will alles, den Plattenladen, eine tolle erste Liebe mit der an Visionen glaubenden Studentin Corinna, die alten Freunde und ein neues Leben. Aber er hat einen Stein auf einen Skinhead geschmissen, der nun im Koma liegt. Und als seine Mutter in verzweifelter, irrationaler Wut den Laden vor der Eröffnung zerstört, steht Sven vor der Wahl: Weggehen mit Corinna oder Bleiben in der Hoffnungslosigkeit? Sven kommt nicht weg, die Bindungen sind zu stark. Corinna geht allein.

Coole Sprüche und deftiger Slang werden bei Dirk Laucke zu einer faszinierenden sprachlichen Mischung aus Authentizität und Poesie. Manche Szenen laufen parallel, wenn Sven und Corinna sich näher kommen, erzählt die Mutter ihre erotischen Erlebnisse. Dirk Laucke zeichnet die Figuren mit viel Sympathie und Gefühl, gerät aber nie ins Sentimentale. „Wir sind immer oben“ ist keine Verliererballade, sondern ein Stück über Leute, die das Leben schon ordentlich verbogen hat und die sich nicht einfach so verhalten können, wie sich Politiker das vorstellen. Sie hängen an ihrer Heimat, dem Rest Nestwärme, den auch kaputte Beziehungen noch bieten. Henning Bock hat dieses Stück mit einem hervorragenden jungen Ensemble ganz im Dienst des Textes in­szeniert.

Mit seinem Respekt vor den Unangepassten, der Lust an der verdichteten Pointe, dem poetischen Flirren, das plötzlich neue Assoziationsebenen aufreißt, erinnern Lauckes Texte an die Stücke Ödön von Horváths. Es ist seltsam, dass dieser junge Dramatiker, dessen Stücke so viel Leben spiegeln, nicht häufiger an kleineren und mittleren Theatern gespielt wird. Er schreibt mit der sozialen Genauigkeit und sprachlichen Schärfe, die von vielen Dramaturgen seit Jahren gefordert wird.
 
Horváth? Die „Geschichten aus dem Wiener Wald“ hat Dirk Laucke mal gelesen. Er geht eben nicht oft ins Theater. Er schreibt über die Welt, verortet sich nicht ästhetisch in der Theatergeschichte. Das Etikett „Unterschichtendrama“ passt ihm nicht. „Was ist Unterschicht? Viele Theaterleute haben echt wenig Geld. Aber sind die Unterschicht? Meistens ist das Sozialverhalten das Kriterium für Unterschicht, aber dann wird es moralisch.“ Moralisch ist kein positiv besetzter Begriff für Dirk Laucke. Für ihn zählen die Fakten, das Reelle, kein Softiegeplapper, sondern Taten. Seine Figuren reflektieren selten, was sie tun. „Warum sollten sich Leute ständig mit der Wahrheit beschäftigen? Sie wissen‘s ja.“

Auch wenn Laucke sich vom Theater fern hält, hat er gerade inszeniert. In Halle, seiner Heimatstadt, mit Laien. „Silberhöhe gibt‘s nicht mehr“ erzählt von Einsamkeit und Gewalt in einer Plattenbausiedlung, die zum Ghetto verkommen ist. Viele Häuser wurden hier schon abgerissen. Wieder in Halle zu wohnen, die alten Kontakte aufleben zu lassen, beschreibt Dirk Laucke als „zurück im Sumpf. Es ist die gleiche Welt, aber du bist der Fehler.“ Er ist kein Kuscheltyp. Für Osnabrück schreibt er gerade ein Auftragswerk, „Papis Kerosin“ wird es heißen. Wie bei vielen jungen Autoren wollen die meisten Theater neue Stücke von ihm, Uraufführungen. Nachspielen finden eben die wenigsten sexy. Das macht das Leben eines jungen Dramatikers nicht leichter, mit Geldproblemen schlägt sich Laucke regelmäßig herum. Stromlinienförmiger macht ihn das nicht, im Gegenteil: „Auch wenn ich mich anstrengen würde, klug zu sein, wäre ich immer noch sehr dumm.“ Es steckt wenig bis keine Koketterie in diesem Satz, dafür die Ankündigung, dass Dirk Laucke die Gesellschaft weiterhin kritisch vom Rande aus betrachten wird.