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"Der Prozess" nach Franz Kafka. Eine Inszenierung von Andreas Kriegenburg in den Münchner Kammerspielen auf einer Bühne von Andreas Kriegenburg.

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"Aus dem Leben der Marionetten" am Hamburger Thalia Theater. Regie und Bühne: Andreas Kriegenburg

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Andreas Kriegenburg

 

Text des Monats

"Der Bühnenbildner entscheidet"

 

Der Regisseur Andreas Kriegenburg
(siehe auch junge bühne 1/2007) entwirft für manche seiner Inszenierungen selbst seine Bühnenräume. Das führt zu interessanten Konstellationen zwischen Regisseur und Bühnenbildner...

 

Interview: Anne Fritsch, Detlev Baur

 

Wir drucken hier die gekürzte Version eines Interviews ab, das im Dezemberheft der Zeitschrift Die Deutsche Bühne erschienen ist

 



Herr Kriegenburg, welche Rolle spielt in Ihren Regiearbeiten der Bühnenbildner?
Andreas Kriegenburg Der Bühnenbildner ist für mich ein wesentlicher und autonomer Partner. Wenn ich als Regisseur ein Stück zum ersten Mal lese, versuche ich, meinen Kopf frei zu halten und keinen visuellen Entwurf zu entwickeln. Dem Bühnenbildner beschreibe ich vage mein Leseerlebnis. Dann überlasse ich es ihm, mit welchem Raum er mich konfrontiert. Der Bühnenbildner muss in der Zusammenarbeit mit mir seine künstlerische Eigenständigkeit und Freiheit ertragen. Ich mische mich nicht ein und bin kein Regisseur, der an Entwürfen herumdoktert.

Es gelingt Ihnen bei der Arbeit mit einem Bühnenbildner, Ihre Phantasie vom Raum komplett zu unterdrücken?

Andreas Kriegenburg Ich versuche, meine Ideen so unkonkret und un-originell zu halten, dass ich sie nicht preisgeben will. Wenn ich mit einem Bühnenbildner über ein Stück rede, sprechen wir nie über Räume. Ich rede eher über meine dynamischen Intentionen: dass ich eine schnelle oder eine offensive Bühne brauche, dass ich das Stück in einer großen Dynamik oder einer Verharrung sehe. Es gab auch glückliche Begegnungen mit Bühnenbildnern, die einen für mich ganz fremden, unerwarteten und mühselig behindernden Raum gemacht haben. Ich erlebe Behinderung fast immer als konstruktiv, weil sie die Routine und das schnelle Arbeiten verhindert.

Diese Arbeitsweise setzt ein großes Vertrauen zwischen Regisseur und Bühnenbildner voraus.
Andreas Kriegenburg Das trifft auf jede Zusammenarbeit zu. Schwieriger ist es für manche, die Unabhängigkeit zu ertragen. Für sich zu akzeptieren, dass man in seiner Arbeit in höchstem Maße eigenverantwortlich ist. Dass man ohne den Schutz einer Vorgabe mit dem konfrontiert ist, was man will.

Hatten Sie diese Vorstellung von Zusammenarbeit zwischen Regisseur und Bühnenbildner von Anfang an?
Andreas Kriegenburg Ja, glücklicherweise. Selbst wenn ich mit ganz jungen Bühnenbildnern zusammenarbeite, sage ich: „Ihr seid verantwortlich, macht mir euren Raum.“ Wenn die fragen, was ich brauche, wehre ich fast unfreundlich ab.

Wie und wann kamen Sie denn auf die Idee, Ihre Bühnenbilder selbst zu entwerfen?
Andreas Kriegenburg Das erste Mal war in Wien bei einem Doppelprojekt von Georg Büchners „Dantons Tod“ und Heiner Müllers „Der Auftrag“. Da ist es mir beim Lesen einfach nicht gelungen, keine Vision zu haben. Ich wusste zu früh, wie der Raum aussehen sollte, und wusste, dass ich mich davon nicht mehr frei machen kann. Da ich den Bühnenbildner nicht zu einem Ausführungsvasallen machen wollte, musste ich die Verantwortung für den Raum selbst übernehmen. Obwohl ich das immer auch als Verlust erlebe.

Weil die Reibung fehlt?
Andreas Kriegenburg Weil die Reibung und die Überraschung wegfallen. Auch der Prozess der Fremdheit und des Entschlüsselns eines Raumes bleibt aus. Fatalerweise hat das aber großen Spaß gemacht und kam gut an. Ich habe der Lust, Bühnenwelten zu kreieren, seitdem immer wieder nachgegeben.

Könnten Sie sich auch vorstellen, für einen anderen Regisseur ein Bühnenbild zu entwerfen?

Andreas Kriegenburg Ich würde mich sehr darüber freuen!

Aber es hat sich bisher nicht ergeben?
Andreas Kriegenburg Das ist einerseits ein Zeitproblem. Auch müssten wir beide ähnlich eigenständig und auch befreundet sein, damit wir das aushalten. Schließlich hätte ich ja Zugangsrecht zu einer mir fremden Probe.

Und Sie müssten den Raum quasi alleine lassen.
Andreas Kriegenburg Das fällt mir schon bei mir selber schwer.

Als Bühnenbildner in ihren eigenen Regiearbeiten?
Andreas Kriegenburg Ich kann mich tatsächlich aufsplitten in Regisseur und Bühnenbildner. Und die beiden reden relativ wenig miteinander.

Das wäre ja auch krankhaft.
Andreas Kriegenburg Ja. Es gibt aber wirklich Situationen, wo der Bühnenbildner dem Regisseur widerspricht, indem er zum Beispiel sagt: „Es kommt mir kein Blut auf mein Bühnenbild.“

Und wie machen die beiden das dann untereinander aus?
Andreas Kriegenburg Der Bühnenbildner entscheidet. Der lässt nicht mit sich diskutieren. In den ersten Proben muss ich entschlüsseln, welche Mechanik und Spielweise in dieser Bühne verborgen sind. So als würde ich mit einem anderen Bühnenbildner arbeiten. Auch wenn ich meine Bühnenbilder selbst mache, versuche ich, mich selbst nicht zu bedienen.

Wie läuft das dann konkret ab?

Andreas Kriegenburg  Ich habe in Hamburg Ingmar Bergmans „Aus dem Leben der Marionetten“ inszeniert. Als Regisseur wollte ich einen starken psychologischen Fokus auf die Figuren legen. Als Bühnenbildner habe ich völlig unabhängig davon über das Wesen der Bürgerlichkeit nachgedacht: über das Gefängnis der mit Geld durchgestalteten Wirklichkeit. Ich habe dann einen überästhetisierten japanischen Garten mit zwei blühenden Kirschbäumen auf die Bühne gebaut. Die Aufführbarkeit des Stückes in diesem Raum habe ich tatsächlich vergessen. Als Regisseur hatte ich dann einen Raum vor mir, der nicht wandelbar war, der keine Dramaturgie angeboten hat. Ich habe als Regisseur den Bühnenbildner verflucht, der die gesamte Arbeit des Einmontierens der Aufführung, die in verschiedenen Zeiten spielt, mir als Regisseur überlässt.

Ist es nicht auch gefährlich für eine Inszenierung, wenn der Raum stark eine Richtung vorgibt?
Andreas Kriegenburg Für die Inszenierung kann es nicht gefährlich sein, weil es die noch nicht gibt. Sie entsteht erst durch den Raum. „Der Prozess“ zum Beispiel hat ein Bühnenbild, das die Aufführung stark prägt. Dieser Bühnenentwurf war so aufwendig, dass ich ihn für nicht realisierbar hielt. Weil ich ihn aber richtig fand, hab ich ihn als kleines Modell gebaut und zum Spaß mitgebracht. Ich hatte noch einen anderen Entwurf, der das Stück aus einer sehr viel größeren Linearität heraus erzählt hätte. Nun wollten die Kammerspiele sich aber mit dem Schwierigen, dem Aufwendigen und Aberwitzigen belasten. So ist eine Inszenierung, die in meinem Kopf schon im Entstehen war, wieder verschwunden. Und eine Inszenierung, die vorher nicht denkbar war, ist entstanden.

Welche Bedeutung hat es, für welches Theater Sie einen Raum entwerfen?
Andreas Kriegenburg Es ist immer eine Herausforderung, sich in einem Haus, an dem man oft arbeitet, selbst zu überraschen. Ich versuche, immer neue Nischen zu finden, mit denen ich mich provoziere. Beim „Prozess“ wollte ich diese befremdliche Welt zeigen und trotzdem ein Vorbühnenstück machen: ein Stück, das sehr abgeschlossen und trotzdem nah an den Zuschauern ist. Das widerspricht sich zunächst, aber ich schaffe mir gerne Behinderungen, um daraus Inspiration zu ziehen.

Mögen Sie es, wenn Räume sich bewegen?

Andreas Kriegenburg Ich habe nicht diese kindliche Lust an der Maschine. Wenn ich einen Raum habe, der sich in simpler und überraschender Weise bewegt, kann ich damit umgehen. Die Frage ist nur, wie man einen Raum mit einer großen Eigenmechanik als Arbeitsraum für Schauspieler erhalten kann: Wann frisst der Raum den Spieler auf?

Wie sieht ein idealer Theaterraum aus?
Andreas Kriegenburg Mein Ideal ist, dass Schauspieler, Licht und Kostüme mit dem Raum verschmelzen. Ein Raum, der als einziger Gewinn nach einer missglückten Premiere übrig bleibt, ist ein missglückter Raum.

Und Sie als Bühnenbildner sind mit sich als Regisseur zufrieden, wenn alles zu einer Einheit verschmilzt?
Andreas Kriegenburg Dann bin ich erleichtert. Ich habe als Regisseur mitunter vor mir als Bühnenbildner Angst, weil meine Räume manchmal übermächtig sind und sich nicht mit dem Spiel verknüpfen.

Hatten Sie schon mal das Gefühl, dass Sie als Bühnenbildner versagt haben?
Andreas Kriegenburg Ja. Der Raum, den ich für „King Lear“ in Hamburg gemacht habe, war schlecht. Ich habe mit Aufführungsklischees gespielt, die wichtig sind, aber keinen interessieren. Ich wollte mich mit einer klassischen Brettlbühne und der Strenge des japanischen No-Theaters konfrontieren. Als Bühnenbildner konnte ich mir das sehr gut erklären, aber es war eine reine Kopfgeburt. Die Aufführung war genau so indifferent: Sie war erklärbar, aber nicht gut.

Wie entstehen Ihre Raumideen?

Andreas Kriegenburg Das kann ich nicht beantworten. Irgendwie im Grenzbereich zwischen Noch-Wach-Sein und Schon-Schlafen. Der Kronleuchter in „Drei Schwestern“ zum Beispiel: Ich bin in der Nacht hochgeschreckt, sah diese Form vor mir und wusste: Jetzt endlich ist der Raum fertig.