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Volker Ludwig mit Theaterpreis

und seine Frau

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Das Stück "Cengiz & Locke" am Berliner Grips-Theater

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Volker Ludwig bei der Preisverleihung in Stuttgart

 

 

Text des Monats

"Das Glück zulassen"

 

Volker Ludwig, Gründer und Leiter des Berliner GRIPS-Theaters, wurde Ende 2008 mit dem Deutschen Theaterpreis DER FAUST für sein Lebenswerk ausgezeichnet. In seiner Dankesrede, die hier zu lesen ist, beließ es der Vorkämpfer des Kinder- und Jugendtheaters nicht bei harmlosen Worten...

 

 

 

Als ich von dieser Verleihung erfuhr, war ich beklommen. Vor Ehrfurcht hätte ich mir – zum ersten Mal seit 68 – fast einen Schlips umgewürgt. Denn den gleichen FAUST hier bekam vor zwei Jahren George Tabori verliehen, der größte und liebste Theatermann, mit dem ich je arbeiten durfte. Das Gedicht, das ich ihm zum 80. schrieb, möchte ich bei dieser Gelegenheit noch einmal in vollem Wortlaut vortragen: „Glory Glory / George Tabori“.

Andererseits traf mich die Nachricht mitten im gewohnten Chaos: Probenbeginn mit halb fertigem Stück, Katastrophen an allen Theaterfronten, Schulklassenschwund, kein Spielplan, die zweite Spielstätte von der Staatsoper geklaut, dazu ein Projekt in Namibia, ein Gastspiel in Seoul – und dazwischen die Feier von: Was bitte? Lebenswerk? Wo ich nie mit was fertig werde? Was haben sich die ganzen herzensguten Intendanten denn dabei gedacht?

Die Antwort, die ich mir gebe, macht mich allerdings sehr glücklich: Diese Jury-Entscheidung kann nur ein Versprechen sein. Eine Art Treueschwur. Ein Bekenntnis zu einem Theater, in dessen Mittelpunkt nicht die Eitelkeiten und Befindlichkeiten des Künstlers stehen, sondern die wahren Bedürfnisse seines Publikums, also von uns allen. Einem Theater, das vor 40 Jahren mit GRIPS begann und aus dem sich die reiche Kinder- und Jugendtheaterlandschaft von heute entwickelte, das jedoch auf der Leistung von vielen beruht. Also hat diese Ehrung nur ihren Sinn, wenn sie dieses andere Theater insgesamt meint, wenn sie allen gilt, die, unbeirrt von der Arroganz und Ignoranz eitler Schmierfinken und falscher Lobbies, ihr Leben, ihre Kreativität, ihr hohes professionelles Können dieser menschenfreundlichen Arbeit widmen, statt reich und berühmt zu werden.

Mit der „Linie 1“ haben wir vor 20 Jahren nur einmal zeigen wollen, dass dieses andere, dieses Mutmach-Theater für alle Altersgruppen und alle Bevölkerungsschichten funktioniert. Man muss sich nur trauen. Das Glück zulassen. Ivan Nagel, der als erster Intendant wagte, „Linie 1“ nachzuinszenieren, und zwar hier in Stuttgart, schrieb nach dem Besuch unserer Aufführung: „Ist dieses Glück erlaubt? Ober haben wir in diesen hoffnungsfremden Jahren uns und die Zuschauer aus Ehrlichkeit aufs Unglück zu verpflichten?“ Er kommt zu dem schönen Schluss: „Wie soll man denn das Unglück des real existierenden Kapitalismus je loswerden, wenn man über es nicht lachen darf.“

 

 

„Die ganze Welt beneidet Deutschland um seine milliardenschwere Theaterlandschaft, aber die Hälfte bis drei Viertel der Schüler bekommen kein Theater zu Gesicht ...
Es ist ein Skandal, an dem auch das neue Gewedel mit ‚kultureller Bildung‘ nichts ändern wird. Oder doch? Diese Preisverleihung könnte ein Zeichen geben. Arm in Arm mit dem Bühnenverein und der Politik in eine neue Zeit!“

 



Was nützt uns aber ein Theater, das Hoffnung zulässt, das glücklich macht, wenn es dem Publikum unmöglich gemacht wird, es zu erleben? Der Geburt des GRIPS aus dem Geist des Kabaretts Ende der Sechziger folgte einst ein fünfzehnjähriger Kampf ums Überleben, mit heute unvorstellbaren Hetzkampagnen. Wir gewannen diesen Kampf, dank einer engagierten Lehrerschaft, die sich gegen eine reaktionäre Politik auf unsere Seite stellte. Heute ist es eher umgekehrt. Die Politik ist uns herzlich zugetan, auf meinen Kultursenator lass ich nichts kommen, auf ihn ist Verlass, dafür trauen sich immer weniger Lehrer, dank eines theaterfeindlichen Schulwesens, mit ihren Schulklassen ins Theater. Doch die sind für 95 Prozent aller Kinder die einzige Möglichkeit, Theater überhaupt kennenzulernen. Die ganze Welt beneidet Deutschland um seine milliardenschwere Theaterlandschaft, aber die Hälfte bis drei Viertel der Schüler bekommen kein Theater zu Gesicht, von kleinen Inseln der Seligen mal abgesehen. Eine Schande.

In anderen Ländern ist Theater Schulfach. „Theaterspiel  ist das machtvollste Bildungsmittel, das wir haben.“ spricht mein Freund Hartmut von Hentig seit Jahrzehnten in den Wind. In anderen  Ländern sind Theaterbesuche selbstverständlicher Bestandteil der Rahmenpläne der Schulen. Ich fordere dies seit 35 Jahren und ernte dafür seit 35 Jahren Gelächter. Es ist ein Skandal, an dem auch das neue Gewedel mit „kultureller Bildung“, die wir übrigens seit 40 Jahren betreiben, nichts ändern wird. Oder doch? Diese Preisverleihung könnte ein Zeichen geben. Arm in Arm mit dem Bühnenverein und der Politik in eine neue Zeit! Sonst wird das nie was mit der Vollendung meines Lebenswerks. Dann ist aber auch mein Freund, der Kultursenator, in seinem Nebenjob als Regierender Bürgermeister gefordert, seinen Schulpolitikern auf die Füße zu treten.

Ein Wort zum Schluss: Ich bin kein Regisseur, kein Schauspieler, kein Techniker. Was das Theater ausmacht, kann ich nicht. Ich heimse nur den Ruhm ein. Das ist ein schreiendes Unrecht. Darum umarme ich alle die wunderbaren GRIPS-Mitarbeiter, ohne die ich hier nicht stünde, von Herzen und mit großer Scham. Und ich küsse meine geliebte Frau und meinen großherzigen 13-jährigen Sohn für die Güte und den Gleichmut, mit der sie mich aushalten.
Vielen Dank.