Gerd Plankenhorn in "Stauffenbergs Schwur"

 

Text des Monats

Ein großes Ereignis auf kleiner Bühne

 

Tom Cruise spielt im Hollywood-Film "Operation Walküre" den gescheiterten Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Doch schon vor einem Jahr hat ein kleines Theater auf der Schwäbischen Alb in »Stauffenbergs Schwur« dieses dramatische Ereignis der deutschen Geschichte mustergültig im Theater reflektiert.

 

In der Printausgabe der jungen bühne hatten wir schon im September von dem Theaterstück berichtet. Hier noch einmal der Bericht – als Anlass für Diskussionen zum Film, der Theateraufführung und dem Thema Widerstand überhaupt.

 

von Hartmut von Hentig

 

In einem Vortrag über die Brüder Stauffenberg im Stuttgarter Neuen Schloss habe ich im vorletzten Jahr beiläufig und ohne eindeutiges Ergebnis darüber nachgedacht, warum es ein Drama, das den Widerstandskämpfern gegen den Nationalsozialismus gewidmet ist, noch immer nicht gibt. Anschließend kam ein junger Mann auf mich zu und lud mich mit den Worten: »Es stimmt, was Sie gesagt haben, aber in drei Wochen wird es eines geben!« ein, die Uraufführung desselben mitzuerleben.

 

Ich bin der Einladung nach Albstadt auf der Schwäbischen Alb gefolgt – die Reise von Berlin dorthin mit dreimaligem Umsteigen, durch die streikenden Lokomotivführer aufgehobenen Fahrplänen und heftigem Schneegestöber auf den Bahnsteigen hat sich gelohnt. Die Aufführung von »Stauffenbergs Schwur« im Thalia-Theater des entlegenen Ortes am 14. November 2007 hatte einen doppelten Anlass: Dieses ist das dem Familiensitz der Stauffenbergs in Albstadt-Lautlingen nächstgelegene Theater, und am 15. November sollte man dort den hundertsten Geburtstag von Claus Stauffenberg festlich begehen.


Das Theater Lindenhof in Melchingen, das die Uraufführung des Stücks von Andreas Vogt besorgte, ist eine jener erstaunlichen Einrichtungen, die es wohl in keinem anderen Land gibt: eine Mischung aus Residenztheater, Kammerspielen und Wanderbühne, das ein Repertoire von einem Dutzend eigenen Inszenierungen in der Saison aufstellt (von »Leonce und Lena« bis »Geierwally«), mit diesem die weitere Umgebung zwischen Trochtelfingen und Blaufelden, Gammertingen und Strümpfelbach, Altingen und Hildrizhausen und (damit man nicht meint, ich habe mir diese putzigen Städtenamen ausgedacht:) zwischen Tübingen und Friedrichshafen bedient und es durch Gastspiele anderer gleichartiger Bühnen zu Hause ergänzt. Das etwa fünfhundert Sitze fassende moderne Haus war bis auf den letzten Platz gefüllt – und wird es vermutlich auch an den fünf weiteren Abenden im November gewesen sein, an denen das mit gewaltigem Applaus bedachte Stück auf dem Spielplan stand.

 

Die Aufführung hat meinen beiden in Stuttgart geäußerten
Vermutungen darüber, warum es bisher kein Stück über die
Männer vom 20. Juli 1944 gibt, eine Gewissheit hinzugefügt.
Nicht nur fehlt uns einfach, wie ich unterstellt hatte, ein
Shakespeare oder ein Schiller, die die Gegensätze unter den
Verschwörern, die Konfl ikte in den einzelnen Handelnden,
die politische Zwangslage und die Launen der Umstände zu
einem großen Entscheidungs-Drama geschürzt hätten, zu
einem »Julius Cäsar« oder »Hamlet«, einem »Wallenstein«
oder »Demetrius« des 20. Jahrhunderts. Auch würde ein
heutiges Stück über den Aufstand gegen Hitler – so hatte ich
zu bedenken gegeben – vor allem davon handeln müssen,
warum so wenige Deutsche sich so spät zu ihm bereitfanden, ja, warum wir noch immer eher Argumente für den folgenschweren Gehorsam aufbringen als für den vergeblichen Versuch der Befreiung. Jedes Stück über ein Aufbegehren gegen die Nazis ist ein peinliches Stück für uns. Wer wollte so etwas ansehen und wer also wollte so etwas schreiben!


Die Aufführung in Tailfingen hat mich davon überzeugt, dass ein klassisches Drama von zwei Stunden mit Exposition, Entfaltung und Steigerung des Konflikts, Peripetie und tragischem Ende nicht zugleich den historischen Ereignissen des 20. Juli gerecht werden könne und seinem poetischen Zweck. Dieser Zweck, so habe ich vom Autor Andreas Vogt
und Philipp Becker, seinem kongenialen Regisseur gelernt, besteht zuallererst darin, eine hohe Gestalt sichtbar zu machen, nicht ein Geschehen wiederzugeben. Der Mann, der sich durch sein ungewöhnliches Handeln auszeichnete, ist nicht durch Handlung, griechisch drama, darzustellen.


Stattdessen sah man: Drei junge Schauspieler – eine Frau, zwei brüderliche, typenähnliche Männer – betreten den durch zwei aufeinanderzulaufende Mauern begrenzten schwarzen Bühnenraum von Ilona Lenk. Sie sprechen den von Claus Stauffenberg im Juli 1944 verfassten Schwur – Bekenntnis und Verpfl ichtung – und werden ihn am Ende
des Stücks noch einmal sprechen; die Fremdheit des Schwurs bleibt, aber das Unbehagen ist aus der Seele gewichen. Der Vierte, im Wehrmachtsmantel, setzt sich auf den in der Mitte aufgestellten Stuhl – das
einzige Bühnenrequisit – und stimmt sein Cello, auf dem er Bach, Boccherini, Britten spielen wird, wenn der Zuschauer Anlass hat, in sich zu gehen. Die anderen drei Schauspieler sind in gleiches Hellgrau gekleidet. Die Frau sagt im Wechsel mit den beiden männlichen Darstellern: »Nach der Geburt der Zwillingsbrüder Berthold und Alexander 1905 kam zwei Jahre später, am 15. November 1907, Claus Schenk Graf von Stauffenberg zur Welt. Sein Zwillingsbruder Konrad Maria starb am folgenden Tag.« Der Hauptdarsteller sagt: »Ich bin der Eine und bin Beide.« Die Drei werden sich ständig gegenseitig beim Durchschreiten des Lebens von Claus, bei der Wiedergabe seiner Familie, seiner Begegnungen, seiner Entscheidungen, seiner Taten ablösen – manchmal mitten im Satz.

 

Mit Kriegsausbruch tragen die Männer Militärmäntel. Sie wechseln ihre Positionen auf der Bühne je nach der Situation, von der ihre Worte – nicht sie – handeln: Abschied, Vereidigung, Heirat, Beförderung, Streit, Trauer. Als Stalingrad fällt, fällt ihnen der Kopf auf die Brust. Ihr »Text« besteht aus überlieferten Zitaten, Briefen, Dokumenten, offiziellen Verlautbarungen – einschließlich Hitlers Rundfunkrede zum Attentat und Eintragungen in das Wehrmachtstagebuch – und immer wieder Gedichten: von Friedrich Hölderlin, Stefan George, den Stauffenberg-Brüdern selbst. Ihre gehobene, gelegentlich archaische Sprache, der Gestus der Erwähltheit, der in den Versen waltet, die Verbindung von Zucht und Zuneigung nehmen den Zuschauer in die geistige Welt Stauffenbergs mit – in die Gewitterzonen von Pfl icht und Ehre, Gewissen und Schicksal. Auf der strengen Stilisierung des Bühnenspiels erblüht die Ausdrucksmacht der Stimmen. Wir wohnen einem Oratorium bei, das uns auf Distanz hält. Wir sollen das Fremde sehen, die Fremdheit aushalten. Wir erleben keine »Entwicklung« mit, sondern gewandelte Zustände. Wir werden uns bewusst, dass wir uns dieser Gestalt nur mit einer großen eigenen Anstrengung annähern, dass Huldigung nicht einfach ist, ja dass wir mit noch soviel Geschichtskenntnis gewappnet nicht hoffen dürften, wirklich zu verstehen.


Autor und Regisseur haben sich zu einem Gegenstück zu allen bisherigen Stauffenberg-Filmen entschieden, die uns in den Strudel des Geschehens hineinreißen, und damit wohl auch gegen jedes künftige Schau-Spiel, wenn es den heutigen Aufführungsvorlieben folgt. Dass man als Zuschauer nicht gesagt bekommt, um welchen Text es sich jeweils handelt, ist wohl bewusst so angelegt. Dem, der die Texte kennt und, wie ich, Stauffenberg zu einem seiner wichtigsten Vorbilder gemacht hat, bangt freilich, was in den Köpfen der Mitzuschauer mit dieser Gestalt geschieht, wenn die Worte von Freund und Feind aus dem gleichen Munde kommen. Er fragt gleichfalls mit Bangen, was dem Stück weiterhin widerfahren wird. Welche Bühne mag es wo aufführen mit welchem »Zugewinn«? Wenn sie originell sein will und also vom Tailfinger Modell abweicht, dürfte sie die beabsichtigte Wirkung verfehlen; kopiert sie die Vorlage, wird man sie als einfallslos kritisieren.

  

Ich weiß nicht, was sich der Autor wünscht. Ich wünsche ihm, dass Stauffenbergs Schwur im nächsten Jahr das
meistaufgeführte Stück an deutschen Schulen wird. Eine bessere Lektion über das Verhältnis von Überzeugungstreue und geistiger Freiheit, über Gewissensnot und Opfermut, über heroes und hero worship, und dies alles aus der unmittelbaren Geschichte, dürfte es kaum geben. Sie beschert uns Deutschen zudem eine erlösende Überwindung von Hölderlins Tadel: »Auch wir sind / Tatenarm und gedankenvoll.«

 

 


Informationen zum Theater:
www.theater-lindenhof.de
 

Hartmut von Hentig, der Autor dieses Beitrags, ist Professor für Pädagogik. Seit 1987 ist er
emeritiert (im Teilruhestand), er lebt in Berlin. An der Universität Bielefeld gründete er eine
Laborschule und das Oberstufen-Kolleg. Von Hentig ist einer der wichtigsten Pädagogen der
letzten Jahrzehnte, Kritiker und Erneuerer der deutschen Schule nach 1945. Er und seine
Familie standen vielen der Verschwörer des 20. Juli nahe. Ginge es nach ihm, Bürgersinn,
Zivilcourage und Tatbereitschaft wären die wichtigsten Lernziele der Schule.