Eine Bettszene aus „Jenseits – Bist du schwul oder bist du Türke?“ beim Festival „Dogland“.

Foto: David Baltzer

 

Text des Monats

Tabufreies Theater

 

 

Mit dem Dogland-Festival hauchen junge Theatermacher der dritten Migranten-Generation

dem Berliner „Ballhaus“ neues Leben ein

 

 

von Henrike Thomsen
Der Text ist in ähnlicher Form im Märzheft

der Zeitschrift Die Deutsche Bühne erschienen

 

 

"Die Naunynstraße füllt sich mit Thymianduft, mit Sehnsucht und Hoffnung, aber auch mit Hass“ – so steht es auf einem Banner quer über der Straße zu lesen. Das Zitat des türkischen Dichters und Journalisten Aras Ören, der vor 40 Jahren nach Berlin kam, ist in dicken Blocklettern gedruckt – ein selbstbewusstes Zeichen, fast schon das Siegesbanner einer Handvoll junger Theaterleute. Seit November hat Shermin Langhoff, die am Theater Hebbel am Ufer (HAU) unter Matthias Lilienthal gearbeitet hatte, das Ballhaus in der Naunynstraße übernommen, das als Kiezkulturstätte vor sich hindöste. Sechs Neuproduktionen und eine Wiederaufnahme bot das Auftaktfestival Dogland mit dem Untertitel „Junges postmigrantisches Theater“. Hinzu kam – als Festival im Festival – das 13. Theaterfest Diaylog  mit zehn Inszenierungen und Konzerten, darunter ein Gastspiel von Shermins Ehemann Lukas Langhoff. Fast 20 Produktionen in drei Monaten! Und sie haben ihr Versprechen eingelöst: Wenn man Thymianduft als ahnungsvolle Erinnerung und Beschwörung des Lebens jenseits von Deutschland deutet (sei es am Bosporus, an der Adria oder noch weiter fort) und Hass als eine radikale Energie, potenziell destruktiv aber auch fruchtbar, dann haben die Dogland-Abende eindrucksvoll auf dieser Klaviatur gespielt.

„Postmigrantisches Theater“ erinnert an „postdramatisches Theater“, ein Label, unter dem vor Jahren diskursfreudige Regisseure wie René Pollesch, Stefan Pucher und Gruppen wie She She Pop firmierten. Doch Shermin Langhoffs Neuprägung fasst – wie damals im Grunde auch – sehr unterschiedliche und keinesfalls theoretisch-anämische Ansätze zusammen. Gemeint ist ein Theater, das seine Wurzeln nicht in der ersten Generation der Migranten und ihren Institutionen (wie den zahlreichen türkischen Kulturvereinen) hat, sondern überwiegend sogar von der dritten Generation gemacht wird. Ein Blick auf die Lebensläufe der Dogland-Regisseure sagt viel: Neco Çelik wurde 1972 in Berlin geboren, er drehte zuvor Filme und schrieb mit Feridun Zaimoglu zusammen das Stück „Schwarze Jungfrauen“, das 2006 im HAU für Furore sorgte. Die Choreographin Canan Erek stammt aus Istanbul und studierte bei Pina Bausch und an der Ernst-Busch-Hochschule. Von dieser ging auch Nurkan Erpulat (geboren 1974 in Ankara) ab, Branko Simic aus dem bosnischen Tuzla absolvierte das Regiestudium am Institut für Theater in Hamburg. Es ist eine Nachwuchs­elite des deutschen Theaters, die in zwei Kulturen zu Hause ist und einen doppelten ästhetischen und erzählerischen Schatz anzubieten hat. Shermin Langhoff hat sie zusammen gebracht –
erst in ihrer Reihe Beyond belonging am HAU, nun in ihrem eigenen Haus in der Naunynstraße.

Die erste Produktion fand jedoch nicht in dem liebevoll restaurierten Saal des Ballhauses statt. „Kahvehane: Turkish Delight“ war eine Expedition in die Kaffeehäuser von Kreuzberg und Neukölln. Die künstlerischen Interventionen von Çelik, Erpulat, Simic und anderen gaben dem Theater- und dem Kaffeehauspublikum Gelegenheit, mit den neuen Machern auf Tuchfühlung zu gehen. Später gelang es mit der von Çelik inszenierten Theater-Soap  „Gazino Arabesk“ voller ägyptischer, türkischer und westlicher Ohrwürmer und einer wilden Gefühlssaga um fünf Frauen (darunter die Sängerin Idil Üner aus Fatih Akins Film „Gegen die Wand“), die türkischen Familien ins Haus zu locken.

Ein Familienvater tritt zu Beginn von Nurkan Erpulats „Jenseits – Bist du schwul oder bist du Türke?“ auf. Nichts an ihm erscheint ungewöhnlich, bis er sein Hemd ablegt und ein Kreuz aus schwarzen Lederriemen auf der nackten Brust entblößt. Mit fünf unterschiedlichen Typen gibt Erpulat dem Ergebnis seiner Recherchen zu Homosexualität unter türkischen Männern auf der Bühne Gestalt – von der Tarnung als Biedermann in der älteren Generation bis zum offenen Bekenntnis der jungen. Die ineinander montierten Monologe machen eindringlich klar, wie sehr aber alle diese Männer um die Akzeptanz ihrer Familien und ihr Selbstbild als Mann ringen. Das doppelte Feindbild für die heterosexuelle deutsche Mehrheit macht sie umso verletzlicher, Erpulat reagiert darauf mit Tabubrüchen in fast jedem Satz. Eine größere Kampfansage an falsches Folklore- und Multi-Kulti-Gesäusel ist nicht denkbar. Auch für das ältere Migranten-Publikum ist der Abend ein Fehdehandschuh: Tabus gelten hier nicht mehr, heikelste Themen werden benannt.

Ein starker Abend, dem die Anziehungskraft und Rivalität von Männern zugrunde liegt, war auch die letzte Festival-Premiere „Zey’break“ von und mit dem Breakdance-Star Kadir Memis. Im Zeichen der Straßenkultur – zu Beginn feilt ein Sprayer an einem Schriftzug an der Wand, ein anderer Typ im Kapuzenshirt fordert ihn heraus – werden traditionelle Musik und der türkische Zeybek-Tanz erkundet. Immer wieder arbeitet Memis auch mit der Schrift, lässt kalligraphische Zeichen über die Bühne kriechen und setzt die ungewöhnlichen Bewegungen, Rhythmen und Achsen der tanzenden Körper dazu in Bezug. An der Grenze zwischen europäischem Ausdruckstanz und anderen, stärker formalen Traditionen scheint dieser Abend angesiedelt. Doch unübersehbar sind auch hier ausgedehnte innere Stress-Phasen der beiden Charaktere und die Angst vor dem Blick von außen. In einer Sequenz schrumpfen Lichtwechsel den Raum für Memis, bis er sich nur auf einem kleinen Rechteck bewegen kann, proportional steigt die aggressive Wucht seiner Gesten. Ein zentrales Trauma der (Post-) Migranten scheint damit benannt: das Trauma der Beschränkung durch Stereotypen und Vorurteile, durch schlechte Sprachkenntnisse, aber auch durch eigenen Rückzug in die Familie und vertraute Milieus wie die Kaffeehäuser.

Eine Geschichte über drei Generationen erzählte Hakan Savas Miçan in „Der Besuch“. Die junge Türkin Melike reist aus der Provinz nach Berlin, um ihren Großvater zu suchen, der die Familie schmählich im Stich gelassen hat. Sie findet ihn in seinem kleinen Tomatengarten, als er kurz davor steht, den Garten zu verlieren: Eine jüdische Familie hat das Grundstück zurück erhalten und will es verkaufen. Zwischen Melike und dem jungen Israeli Eyal entspinnt sich eine Liebesgeschichte. Dass Miçan den Ehrgeiz hatte, parallel die Geschichte einer Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg zu erzählen, die unter der Erde liegt und sich in Gestalt von zwei Schauspielerinnen in Uniform zu Wort meldet, ist seinem Theaterdebüt nicht so gut bekommen, aber sympathisch blieb auch hier die Lust an Geschichten und Geschichte.

Das Ballhaus in der Naunynstraße hat für seinen Neustart Gelder von der Bundeskulturstiftung, der Lottostiftung und der Senatskanzlei Berlin sowie vom Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg erhalten. Die Investition hat sich gelohnt. Dogland war ein gelungener Auftakt mit weitgehend ausverkauften Vorstellungen und vielen Gastspielanfragen für die Produktionen. Man kann nur hoffen, dass Shermin Langhoffs Projekt weiter gefördert wird.