Sebastian Hartmann in Aktion

 

Text des Monats

"Ich will alle!"


von Joachim Lange


Das Interview erscheint in ähnlicher Form im April-Heft der Zeitschrift Die Deutsche Bühne


Herr Hartmann, sind Sie in Leipzig angekommen?

Sebastian Hartmann: Das ist für mich nicht so sehr die Frage, weil ich immer stark auf das konzentriert bin, was ich gerade mache. Ich habe aber das Gefühl, dass wir vor allem als Theater angekommen sind. Die anfänglich hochschlagenden Emotionen uns gegenüber weichen inzwischen einem wachsenden Interesse. Und einem Vertrauen.

Haben Sie die ablehnenden Reaktionen in Leipzig eigentlich überrascht?
Sebastian Hartmann: Die vermeintliche Ablehnung habe ich gar nicht als so groß empfunden. Mich hat die breite Zustimmung gefreut. Die Zuschauer, denen gefällt, was wir machen, gründen aber keine Bürgerinitiative, die kommen einfach ins Theater. Und das ist ja das deutlichste Zeichen.

Es gibt also kein Auslastungsdesaster?
Sebastian Hartmann: Ganz im Gegenteil. Im großen Saal haben wir im Durchschnitt um die 350 Zuschauer pro Abend! Wenn wir die der vorangegangenen Spielzeit zugrunde legen würden, dann lägen wir nicht bei etwas über 52 Prozent, sondern deutlich darüber. Auslastungszahlen sind eine extrem dehnbare Angelegenheit.

Wie geht das denn?
Sebastian Hartmann: Natürlich gibt es Vorstellungen, in die nach der Premiere weniger Zuschauer kommen. Aber die „Klimarevue“ mit Rainald Grebe zum Beispiel ist auch montags ausverkauft, „Eines langen Tages Reise“ wird hervorragend angenommen, unser kleines „Schwarztaxi“ ist auf Monate im Voraus zu 100 Prozent ausgebucht. „Macbeth“ ist Kult…

Aber es gibt auch Vorstellungen, die vor weniger Zuschauern spielen– Kruses „Don Juan“-Version beispielsweise.
Sebastian Hartmann: Wir werden uns immer mal wieder einen Jürgen Kruse leisten und den Leipzigern anbieten. Gleichzeitig zeigt die „Klimarevue“, welche Bandbreite wir schon nach relativer kurzer Zeit anbieten können. Bei den Abos gibt es einen Rückgang, der ist nicht so gravierend. Erfreulich ist, dass wir mehr über die Abendkasse verkaufen. Die Publikumsstruktur hat sich verändert, weg vom klassischen Abonnenten, hin zu spontanen Besuchern. Wir sind für alle offen.

Haben Sie denn das neue, junge Publikum schon gefunden?

Sebastian Hartmann: Viel besser: Das Publikum findet uns, das junge und das alte! Die Findungskommission hatte ein Profil aufgestellt. Man wollte einen jungen Künstler, möglichst mit Ostbiographie, der jüngeres Publikum mobilisieren kann. Aber das würde mir selbst gar nicht genügen: Ich will alle mobilisieren. Als ich meine Zusage gegeben hatte, sprachen die Politiker von einem Generationswechsel beim Publikum. Darauf reagierten einige Stimmen sehr sensibel. Es war eine Kluft da, die wir gar nicht aufgerissen hatten. Wir schließen sie mit einem Haus, das grundsätzlich jedem offen steht.

Aber erstmal sind Sie in eine bestimmte Schublade einsortiert worden.

Sebastian Hartmann: Ja, aber was kann man machen, wenn man unisono als erstes gefragt wird, ob man auch Theater für die älteren Generationen machen wird? Wenn Sie meine Biographie verfolgen, dann sehen Sie, dass ich mich nicht kreiert habe, sondern kreiert worden bin. Ich habe in den letzten zehn Jahren sehr fleißig gearbeitet und auch unterschiedliche Handschriften angeboten.

 

Was für ein Theater haben Sie in Leipzig vorgefunden?
Sebastian Hartmann: Es gibt eine große Diskrepanz zwischen dem Gebäude, also der Kraft des Gebäudes, und dem, was man darin machen kann. Nach heutigem Stand unterscheidet sich die personelle und finanzielle Ausstattung nur unwesentlich von der, die vorher da war. Wir stehen also vor dem Problem, mit gleichen Mitteln viel mehr anbieten zu wollen. Welche Rolle das Theater hier in den vergangenen Jahren gespielt hat, wissen Sie wahrscheinlich besser als ich.

 

Jetzt sind Sie seit September der Intendant. Haben Sie sich das so vorgestellt– immer den Kopf hinhalten zu müssen?
Sebastian Hartmann: Den Kopf für etwas hinzuhalten, wofür man einsteht, ist gar kein Problem. Wer A sagt, muss auch B sagen. Wir erleben in unserer Zusammenarbeit am Haus viele glückliche Momente. Wir machen gemeinsam etwas, von dem wir überzeugt sind, was uns anspornt und was vor allem nach außen hin ausstrahlt.

Aber es ist ein dezidiert anderes Theater als bisher.
Sebastian Hartmann: Wer Theater als eine konservative Wertbestandswahrung sieht, der darf das gerne tun. Unsere Haltung ist eine andere, offenere. Der Künstler ist Teil einer demokratischen Gesellschaft, den sich diese leistet. Nach den Umbrüchen, die Leipzig erlebt hat, spüren wir die große Potenz der Stadt und die Kraft der Menschen hier. Ich habe das Gefühl, dass wir unterwegs sind. Und das macht Spaß. Was mir keinen Spaß macht, ist, dass ich so gut wie keine Zeit habe für meine Familie.

 

Aber dann sind Sie hier ja doch ganz gut angekommen, oder?
Sebastian Hartmann: Ich bin Leipziger. Verwandte leben hier, und ich habe hier studiert – das waren sehr glückliche Jahre. Ich kenne hier viele Leute, viele Leute kennen mich.

Und die Politik steht nach wie vor zu Ihnen?
Sebastian Hartmann: Warum sollte jemand kalte Füße kriegen? Wir haben eine große Aufmerksamkeit, und es wird wahrgenommen, was wir hier machen. Für die Politiker ist es manchmal schwierig, mit mir umzugehen, weil ich mich mit bestimmten Sachen nicht so schnell zufrieden gebe. Wir werden uns über mehrere Jahre das Publikum erarbeiten, und das Publikum wird sich uns erarbeiten. Wir haben jedenfalls signalisiert: Wir sind da! Dass wir Widerstand erzeugen, muss sein. Unterhaltung allein genügt nicht. Es kommen keine einfachen Zeiten auf uns zu – von der Klimakatastrophe bis zum Finanzkollaps. Darauf müssen und werden wir mit unseren Mitteln reagieren.