Pascal Goffin auf Stefanie Ammann in "Unvollkommen"

Text des Monats

ANFÄNGE

Das 6. Körber Studio Junge Regie soll nicht das letzte seiner Art gewesen sein. Und das ist gut, auch wenn die Nachwuchsregisseure nicht durch gewagte Visionen auffielen.

Von Detlev Baur. Der Text ist im Mai-Heft der Deutschen Bühne erschienen.

"Erklärtes Ziel des Treffens ist es“, laut Programmheft des diesjährigen Körber Studios Junge Regie, „die Vielfalt von Begabungen und Visionen der zukünftigen Regie-Generation öffentlich zu präsentieren“ und „ein Forum für den Austausch“ zwischen den Studierenden zu bieten. Letzteres gelang dem Vernehmen nach in den internen Gesprächsrunden. Auch auf der öffentlichen, von Barbara Burckhardt moderierten Diskussion um dramatisches versus postdramatisches Theater diskutierten die Festivalteilnehmer mit den Podiumsgästen Bernd Stegemann und Thomas Ostermeier ausgesprochen intensiv und sachbezogen. Das Festival funktioniert also tatsächlich als ein konzentriertes Arbeitstreffen. Und es soll unter der neuen Intendanz des Thalia Theaters fortgesetzt werden, wie der zukünftige Intendant Joachim Lux durch seine Präsenz am Eröffnungs-abend unterstrich und wie es Universität und Körber-Stiftung anstreben. Auch der Geschäftsführende Direktor des Bühnenvereins, Rolf Bolwin, stellte in seinem Grußwort in Aussicht, dass der Bühnenverein zu einer Fortsetzung der Unterstützung des Festivals bereit sei.

Vielfältig war das Programm des Festivals, das nicht kuratiert wird, sondern sich durch eine jeweils selbst bestimmte Entsendung der beteiligten Regie-Ausbildungsinstitute in Deutschland, Österreich und der Schweiz entsteht, allemal. An jenem letzten Märzsonntag waren nach der Diskussion zwei ganz unterschiedliche Inszenierungen in der Gaußstraße zu sehen. Erstmals wurde beim Körber Studio ein Laienprojekt gezeigt. Ausgerechnet die für ihre traditionelle, handwerklich hervorragende Ausbildung bekannte Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ schickte ein Projekt mit Hamburger Kindern namens „Wir sind Zukunft!“. Allerdings war es vermutlich eher zum Schaden der Inszenierung von Maria Magdalena Ludewig, dass ihre Diplominszenierung schon vor einem Jahr Premiere hatte und seitdem über Berlin, Magdeburg, Frankfurt und New York weit gereist ist. Die Frische, die die 22 Kinder im Grundschulalter noch beim Fußballspiel auf dem Hof (während der oben erwähnten Diskussion) zeigten, war nach ihrem charmanten Eröffnungs-Chor an die erwachsenen Zuschauer zu Beginn bald einer etwas mühsamen Nummernrevue von überwiegend rhetorischen Selbstpräsentationen gewichen. Ihren dramaturgischen Anspruch, die unterschiedlichen Chancen von Akademiker- und „Hartz IV“-Kindern zu zeigen, erfüllte die Produktion kaum.

Nicht nur das Sujet, sondern auch die Ästhetik der Darstellung waren eine Stunde später im „Ödipus“ der Theaterakademie Hamburg eine total andere. Felix Rothenhäusler inszenierte mit vier Darstellern einen konzentrierten Sophokles-Hölderlin, der durch seine Abstraktion bei gleichzeitiger körperlicher Statik wie Intensität dem Zuschauer viel abverlangte. Nach langen – und dabei intensiv gespielten – Blicken der zwei Frauen und zwei Männer ins Publikum setzen sich die Figuren ganz allmählich in Bewegung, mit Bewegungen des Halses, der Arme und schließlich der Füße auf der mit dünnem Sand bestreuten schwarzen Bühne. Das ist sehr präzise gearbeitet – kann aber mit seiner bedeutungsschweren Zeichen-, Körper- und Sprechsprache auch leicht ennervierend wirken. So stampfte der „Schwellfuß“ Ödipus über weite Strecken der 70 Minuten ununterbrochen rhythmisch auf den Boden. Andererseits war der Versuch die körperlich-faktische Kraft des Dramas zu zeigen, in den Chorpartien oder im Aufeinandertreffen von blindem Seher und verblendetem Herrscher von schlagender Klarheit: Da greifen sich die Kontrahenten im Ertasten des Wahrheitsgehalts der Rede an und in Augen und Mund oder sie bilden als kranker „Volkskörper“ einen engen Knäuel aus Händen und Köpfen. In der (über-)deutlichen Reduktion ermöglichte die starke Regie (des auch schon an größeren Theatern inszenierenden Regisseurs) den Schauspielern eine starke Bühnenpräsenz.

Überhaupt waren antike Stoffe stark in Hamburg vertreten: Die „Alkestis“ von der Folkwang Hochschule Essen wurde von Achim Lenz ins Büro des Unternehmers Admet verlegt. Das Konzept erstickte bald Spiel und angestrebte Modernisierungen in Kunstgriffen wie Gesprächen am Handy. Statt der Ambivalenz von dieser falschen Tragödie des Euripides (die ursprünglich ein Satyrspiel war) blieb am Ende fast nur die Rettung der eindeutigen und dabei verengenden Regie-Vorgabe auf Kosten der Darsteller. Von der beim Körber Studio bislang meist preisgekrönten Zürcher Hochschule der Künste wurde eine bewegungstheatrale Variation zu Ovids „Metamorphosen“ gezeigt. Die Inszenierung namens „Unvollkommen“ von Daniel Pfluger erhielt denn auch prompt den Preis dieses 6. Körber Studios. Sieben schwarz gekleidete Darsteller mit weißen Hemden (zwei Männer) bzw. Blusen saßen anfangs im Halbkreis auf Stühlen und erwarteten die Ankunft des egozentrischen Musikers, der nach gemächlichem Auftritt am Keyboard seine Macht über die Tanzkörper genussvoll ausspielte. Mit wildem Barock oder elektronischen Klängen versetzte er die sieben in körperliche Abängigkeiten von sich und voneinander. Bald findet sich ein Paar zum Gesellschaftstanz, das von den anderen intensiv mit Blicken verfolgt wird. Macht und Liebe, Isolation und Dominanz sind konkret werdende Themen, die die Schauspieler erstaunlich tänzerisch bis akrobatisch erspielen. Dabei vermögen sie dem stummen Spiel der Körperbewegungen durch ihr Mienenspiel eine seelische Bewegung zu verleihen, wie es im Tanztheater kaum zu sehen ist. Zunehmend werden dann die Beziehungen untereinander rauher. Ein Mann klappt Stühle – und damit wohl auch Leben – zu. Am Ende stehen alle unglücklich und keuchend im Raum, während sich eine Darstellerin weiterdreht – und das unterhaltsame (etwas vorhersehbare und an Wendungen arme) Trauerspiel weitergehen dürfte. Die stumme Inszenierung machte Lust, mehr von den hier stummen Schauspielern zu sehen und zu hören.

Ohne gute Schauspieler ist – anders der Eindruck, den zuweilen Kritiken erwecken – jede Regieleistung nichtig. In der „Lecture-Performance“ „Pornstorm“ zu Shakespeares „Sturm“ aus einem Projektsemester an der Universität Hildesheim fehlte es beim gewitzten Kreisen um Shakespeares Problem-Stück nicht nur an einer dramaturgischen Linie, sondern auch an Schauspielern in professioneller Ausbildung. So unterstrich dieses Festival, dass die Zukunft des Regietheaters im Zusammenspiel der Regisseure mit außergewöhnlichen Schauspielern liegt.

Vielfalt zeigte auch Steffen Jägers Inszenierung von „Lantana“ aus Wien. Allerdings war die Darstellung des ursprünglich vier Personen kryptisch miteinander verbindenden Textes von Andrew Bovell durch acht Schauspieler des Max-Reinhardt-Seminars durch ein Übermaß an Aktion und mangelnde szenische Klarsicht gekennzeichnet. Auf einer gegenüber der Wiener In-szenierung allerdings reduzierten Bühne wurde nicht so recht klar, was die einzelnen Figuren oder deren Schatten eigentlich bewegte. Doch nicht nur in dieser Inszenierung fiel auf, dass die anfangs versprochenen Visionen der jungen Regisseure kaum aufzufinden waren. Gerade die herausragenden Arbeiten wie die Zürcher Tanz-Übung und der strenge Hamburger „Ödipus“ beeindruckten durch klugen und konsequenten Einsatz der Mittel, aber nicht durch das Versprühen von jugendlichem Elan. Die genaue Beobachtung von Anfängen von Bewegungen und Beziehungen spielen in der preisgekürten, reduzierten Zürcher Inszenierung eine ebenso große Rolle wie im Hamburger „Ödipus“. Nicht zufällig nahmen Stücke und Themen vom Beginn unserer Theaterkultur, aus der Antike, eine zentrale Rolle unter den Textvorlagen für die Inszenierungen ein. Auch im ästhehtisch ganz anders gelagerten Projekt mit Hamburger Kindern sollte es um einen Beginn gehen: den des beruflichen und sozialen Lebens. Die jungen Regisseure scheinen eher an Fragen über Anfänge fataler Entwicklungen interessiert als an Utopien und Visionen. Fehlende Visionen müssen jedoch keineswegs ins Kunstgewerbe führen.