Text des Monats

Im Juni sind zwei außergewöhnlich wichtige deutsche Theatermacher gestorben. Der Regisseur Jürgen Gosch und die Choreographin Pina Bausch. Wir wollen an dieser Stelle an beide erinnern. Ihre Arbeit hat das Theater der Gegenwart extrem stark geprägt.

 
 
Kurzer Nachruf auf Pina Bausch
 
Pina Bausch war die bedeutendste deutsche Choreographin. Die Schülerin des Ausdruckstänzers Kurt Jooss entwickelte den Ausdruckstanz zum Tanztheater weiter. Mit Werken wie „Café Müller“ oder „Kontakthof“ bereicherte sie nicht nur die Sprache des Tanzes, sondern wirkte auch befruchtend auf die anderen Theaterformen ein. Gemäß ihrem bekannten Satz – „Mich interessiert nicht, wie Menschen sich bewegen, sondern was sie bewegt.“ – schuf sie eine neue Form theatralischen Erzählens. Ihre Tänzer sind keine reinen Kunst-Darsteller mehr, sondern zeigen sich als bewegte Individuen. Dabei strahlten Pina Bauschs Choreographien bei aller Ernsthaftigkeit der Themen wie gesellschaftliche Zwänge, Geschlechterrollen oder verzweifelte Lebensgier stets eine große Leichtigkeit und Lebensbejahung aus.
 
Ihr Tanztheater Pina Bausch Wuppertal feierte seit den 1970er Jahren in Deutschland und der ganzen Welt immense Erfolge. Noch vor wenigen Wochen fand die jüngste Premiere von Pina Bauschs Tanztheater statt. Ihr Tod bedeutet einen unersetzlichen Verlust für die Theaterwelt.
 
 
 
 

 


Ein Artikel aus dem aktuellen Heft der Deutschen Bühne zur Würdigung von Jürgen Gosch

 

Komplexe Klarheit

 

Jürgen Goschs großartige letzte Jahre als Regisseur

Von Detlev Baur

 

Wo andere sich bestenfalls wiederholen, entwickelte Gosch mit seinen Schauspielern eine neue, so einfache wie komplexe Theatersprache. Das hat wohl mit seinen persönlichen Rückschlägen zu tun – so musste er 1978 die DDR verlassen und scheiterte zehn Jahre später als Mitglied der künstlerischen Leitung der Berliner Schaubühne –, aber eben auch mit seiner Bereitschaft und Fähigkeit noch im Alter zu lernen. Und mit seiner Distanz zum Theaterbetrieb: Gosch siezte bis zuletzt die ihm vertrautesten Schauspieler und arbeitete ohne Dramaturgen. Im persönlichen Gespräch erinnerte er an einen mönchischen Einsiedler, der stark in sich ruht und zugleich bereit ist, alles, auch sich selbst, in Frage zu stellen. Aus dieser Ruhe heraus muss er auf den Proben ein ungewöhnlich offener und entspannter, inspirierender und gnadenloser Zuschauer gewesen sein.

Gosch brachte erfahrene Staatsschauspieler wie angehende Bühnenstars dazu, sich auf eine Art Kindertheater einzulassen. Das Ergebnis war ein ungemein direktes, aber keinesfalls naives Theater. In der Zürcher Inszenierung von Ronald Schimmelpfennigs Stück „Hier und Jetzt“ aus dem letzten Jahr, die gerade sowohl beim Berliner Theatertreffen wie bei den Mühlheimer Stücken gezeigt wurde, lässt sich besonders deutlich sehen, dass Gosch statt der üblichen ironischen Distanz zum Text eine direkte Umsetzung, ja eine (eigentlich total verpönte) Illustration wagte. Wenn in dem Text von Ameisen und ihrer Kraft die Rede ist, trägt ein (nackter Schauspieler) einen anderen Nackten durch den Raum. Dieses direkte Nachspielen scheute Gosch nicht – und entwickelte dabei mit den Schauspielern ein Theater, das über naives Kinderspiel weit hinausweist. Im einfachen Bild der nackten Kreatur zeichnete das Zürcher wie die anderen Gosch-Ensembles ein liebevolles und schonungsloses, mitfühlendes und heiteres Bild des Menschen. In diesem spielerischen Theater, in das sich die Schauspieler im gemeinsamen Spiel (oft aus der ersten Zuschauerreihe als Startplatz und oft bei nicht gelöschtem Licht im Zuchauerraum) wagten, entstanden Bilder, die Texte von Schimmelpfennig und Reza, Tschechow und Shakespeare, in ihrer Illustration mehr als verbildlichten.

In den letzten Jahren inszenierte Gosch fast pausenlos und wechselte dabei zwischen den Bühnen in Berlin (DT), Hamburg (Schauspielhaus), Zürich, Köln, Düsseldorf, Hannover; dabei war er kein Gehetzter, sondern ein ruhiger Gestalter, bei dem sich wie in einem ruhigen Fluss eine Inszenierung aus der anderen ergab. Der kongeniale Bühnenbildner, oder vielmehr Bühnenleerräumer, Goschs war dabei seit vielen Jahren Johannes Schütz. Bei aller inneren Konstanz war Gosch immer sehr nah an den Texten, ohne dramaturgische Konzeption, aber mit genauem Lesen um deren Vermittlung bemüht. Gerade durch den spielerischen Ansatz, der die Darsteller als Teil eines größeren Ganzen zeigte, wurde er für mich der Shakespeare-Regisseur, der in diesen oft so langatmig inszenierten Stücken das Zusammenspiel von schonungsloser Sicht auf die Menschen, nämlich die Enthüllung des falschen Scheins, und die gleichsam tröstliche Einbindung der Einzelakteure in den schönen Schein des gemeinsamen Spiels wunderbar miteinander verknüpfte.

Die Spielweise von Goschs Schauspielern war einzigartig. Indem sie ganz einfach spielten, wurden herausragende Akteure zu wunderbar ins Ensemble eingefügten Mitspielern, zugleich gab es nie nach „unten“ abfallende Darsteller. Eine der zahlreichen Sternstunden im Gosch-Theater der letzten Jahre war Kathleen Morgeneyers schlimmes Theaterspiel der Möchte-Gern-Schauspielerin Nina in der „Möwe“ – diese Künstlerkomödie Tschechows war bei Gosch naturgemäß weniger ein Spiel über die Kunst als über das Leben. Und Ninas überdeutliches Spiel hatte etwas vom Spiel aller Gosch-Darsteller der letzten Jahre: Es rührte an in seiner schonungslosen Menschlichkeit und Verletzlichkeit. Es war stark in seiner einfachen Schwachheit. Hoffentlich wird diese Inszenierung wie auch die anderen noch laufenden Gosch-Produktionen der letzten Jahre noch lange gespielt werden. Der Regisseur Jürgen Gosch wird dem Theater fehlen und dürfte dennoch in dieser so vergänglichen Kunst weiterwirken.
Der Regisseur Jürgen Gosch war vielleicht der einzige Theaterregisseur, dessen Schaffen im Alter über 50 Jahre seinen Höhepunkt erreichte. Wo andere sich bestenfalls wiederholen, entwickelte Gosch mit seinen Schauspielern eine neue, so einfache wie komplexe Theatersprache. Das hat wohl mit seinen persönlichen Rückschlägen zu tun – so musste er 1978 die DDR verlassen und scheiterte zehn Jahre später als Mitglied der künstlerischen Leitung der Berliner Schaubühne –, aber eben auch mit seiner Bereitschaft und Fähigkeit noch im Alter zu lernen. Und mit seiner Distanz zum Theaterbetrieb: Gosch siezte bis zuletzt die ihm vertrautesten Schauspieler und arbeitete ohne Dramaturgen. Im persönlichen Gespräch erinnerte er an einen mönchischen Einsiedler, der stark in sich ruht und zugleich bereit ist, alles, auch sich selbst, in Frage zu stellen. Aus dieser Ruhe heraus muss er auf den Proben ein ungewöhnlich offener und entspannter, inspirierender und gnadenloser Zuschauer gewesen sein.

Gosch brachte erfahrene Staatsschauspieler wie angehende Bühnenstars dazu, sich auf eine Art Kindertheater einzulassen. Das Ergebnis war ein ungemein direktes, aber keinesfalls naives Theater. In der Zürcher Inszenierung von Ronald Schimmelpfennigs Stück „Hier und Jetzt“ aus dem letzten Jahr, die gerade sowohl beim Berliner Theatertreffen wie bei den Mühlheimer Stücken gezeigt wurde, lässt sich besonders deutlich sehen, dass Gosch statt der üblichen ironischen Distanz zum Text eine direkte Umsetzung, ja eine (eigentlich total verpönte) Illustration wagte. Wenn in dem Text von Ameisen und ihrer Kraft die Rede ist, trägt ein (nackter Schauspieler) einen anderen Nackten durch den Raum. Dieses direkte Nachspielen scheute Gosch nicht – und entwickelte dabei mit den Schauspielern ein Theater, das über naives Kinderspiel weit hinausweist. Im einfachen Bild der nackten Kreatur zeichnete das Zürcher wie die anderen Gosch-Ensembles ein liebevolles und schonungsloses, mitfühlendes und heiteres Bild des Menschen. In diesem spielerischen Theater, in das sich die Schauspieler im gemeinsamen Spiel (oft aus der ersten Zuschauerreihe als Startplatz und oft bei nicht gelöschtem Licht im Zuchauerraum) wagten, entstanden Bilder, die Texte von Schimmelpfennig und Reza, Tschechow und Shakespeare, in ihrer Illustration mehr als verbildlichten.

In den letzten Jahren inszenierte Gosch fast pausenlos und wechselte dabei zwischen den Bühnen in Berlin (DT), Hamburg (Schauspielhaus), Zürich, Köln, Düsseldorf, Hannover; dabei war er kein Gehetzter, sondern ein ruhiger Gestalter, bei dem sich wie in einem ruhigen Fluss eine Inszenierung aus der anderen ergab. Der kongeniale Bühnenbildner, oder vielmehr Bühnenleerräumer, Goschs war dabei seit vielen Jahren Johannes Schütz. Bei aller inneren Konstanz war Gosch immer sehr nah an den Texten, ohne dramaturgische Konzeption, aber mit genauem Lesen um deren Vermittlung bemüht. Gerade durch den spielerischen Ansatz, der die Darsteller als Teil eines größeren Ganzen zeigte, wurde er für mich der Shakespeare-Regisseur, der in diesen oft so langatmig inszenierten Stücken das Zusammenspiel von schonungsloser Sicht auf die Menschen, nämlich die Enthüllung des falschen Scheins, und die gleichsam tröstliche Einbindung der Einzelakteure in den schönen Schein des gemeinsamen Spiels wunderbar miteinander verknüpfte.

Die Spielweise von Goschs Schauspielern war einzigartig. Indem sie ganz einfach spielten, wurden herausragende Akteure zu wunderbar ins Ensemble eingefügten Mitspielern, zugleich gab es nie nach „unten“ abfallende Darsteller. Eine der zahlreichen Sternstunden im Gosch-Theater der letzten Jahre war Kathleen Morgeneyers schlimmes Theaterspiel der Möchte-Gern-Schauspielerin Nina in der „Möwe“ – diese Künstlerkomödie Tschechows war bei Gosch naturgemäß weniger ein Spiel über die Kunst als über das Leben. Und Ninas überdeutliches Spiel hatte etwas vom Spiel aller Gosch-Darsteller der letzten Jahre: Es rührte an in seiner schonungslosen Menschlichkeit und Verletzlichkeit. Es war stark in seiner einfachen Schwachheit. Hoffentlich wird diese Inszenierung wie auch die anderen noch laufenden Gosch-Produktionen der letzten Jahre noch lange gespielt werden. Der Regisseur Jürgen Gosch wird dem Theater fehlen und dürfte dennoch in dieser so vergänglichen Kunst weiterwirken.