Antigone in der Rohversion
Antigone in der Rohversion

Text des Monats

Comic-Figuren müssen Ausdruck haben

 

Interview und Fotos: Elisa Giesecke
 
Michael Marks, der Illustrator des „Antigone“-Comics, das in der aktuellen Ausgabe der jungen bühne zu sehen ist, hat mir einige Einblicke in die Entstehungsgeschichte des Projekts gewährt. Für einen Comic-Laien wie mich, der nie über „Tim und Struppi“ hinausgekommen ist, hat sich eine faszinierende Welt eröffnet, die genauer zu erforschen sich durchaus lohnt. Wer Lust hat, kann hier ein bisschen eintauchen…
 
Michael Marks beim Zeichnen Michael Marks Michael Marks Michael Marks 
So entsteht eine Figur...
 
Wenn ich an Comics denke, habe ich lustige, bunte Figuren vor Augen, die merkwürdige Dinge tun. Bei deinen Arbeiten fällt auf, dass die Figuren häufig sehr düstere, fast melancholische Züge aufweisen.
Comics sind sehr vielschichtig und längst nicht mehr nur lustig. Ich habe aber eigentlich mit Cartoons angefangen, also alles andere als melancholisch. Irgendwie ergab sich das einfach so, dass ich mehr ernste Sachen gemacht habe. Ich werde häufig mit solchen Arbeiten beauftragt oder an der Uni danach gefragt. Ich mache das auch gerne, aber nicht ausschließlich. Mit mir als Person hat das wenig zu tun, ich bin eigentlich ein sehr fröhlicher Mensch. Als melancholisch würde ich das auch gar nicht bezeichnen, sondern eher sagen, dass meine Figuren Ausdruck haben.
Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Cartoon und Comic?
So klar definiert ist das nicht. Aber Cartoons sind einzelne Bilder, die einen Witz auf unkomplizierte Weise erzählen, sodass man ihn schnell versteht. Ein Comic dagegen kann alles sein, von „Asterix und Obelix“ über „Superman“ bis hin zu Grafiknovellen, also Romane, die als Comic erzählt werden.
Du hast Sophokles‘ „Antigone“ für die junge bühne als Comic verarbeitet. Wie lange hast du dafür gebraucht?
Also richtig intensiv, drei bis vier Wochen. Das lag aber auch daran, dass ich relativ spät mit der eigentlichen Umsetzung begonnen habe. Das Storyboard war ziemlich schnell fertig, aber die Detailarbeit hat viel Zeit in Anspruch genommen. Dafür hätte ich auch gerne noch mehr Zeit gehabt. Aber natürlich könnte man noch zehn Mal etwas daran verbessern, so betrachtet ist man nie fertig.
Hast du dich in irgendeiner Weise auf die Arbeit vorbereitet?
„Antigone“ hatten wir mal in der Schule durchgenommen, daher konnte ich mich noch ein bisschen daran erinnern. Ich habe mich aber noch mal eingelesen, und es war wirklich nicht leicht, sich in diesen dramatischen Stoff rein zu versetzen, zumal er recht langwierig erzählt ist. Aber es hat sehr viel Spaß gemacht, Bilder zu entwickeln, weil sich die Dramatik des Stücks visuell, also als Zeichnung, sehr gut umsetzen lässt.
Dir war also sofort klar, welche Bilder du zeichnerisch umsetzen willst?
Vieles, eigentlich der ganze Text, war in diesem Fall schon vom Redakteur vorgegeben. Dazu habe ich dann die Bilder entwickelt. Das heißt, das war schon relativ komprimiert und auf die wesentlichen Bilder beschränkt.
 
Michael Marks Klar, dass ein Illustrator auch Griechischkenntnisse haben muss...
 
Das klingt so einfach. Aber ich kann mir vorstellen, dass sich Text und Bild nicht unbedingt decken sollten, oder?
Das stimmt. Man sollte nicht genau das abbilden, was im Text steht, sonst wird es langweilig. Wenn im Text steht „Er ging den Berg hinauf“, wäre es relativ unspannend zu zeigen, wie die Figur den Berg hinauf geht.
Also doch nicht so einfach, denn du musst ja dazu schon ein gutes Abstraktionsvermögen besitzen.
Das lief bei „Antigone“ eigentlich ganz gut. Ich hatte ziemlich schnell Bilder im Kopf, die ich dachte, zeigen zu müssen. Der Rest hat sich zusammen mit dem Redakteur entwickelt. Wenn mir mal kein Bild einfiel, hatte er eine Idee und umgekehrt.
Erfindest du für jedes Projekt neue Figuren?
Für „Antigone“ habe ich ganz neue Figuren entwickelt. In anderen Fällen kann es schon vorkommen, dass Figuren eines Projekts in einem anderen in abgewandelter Form wieder auftauchen. Aber das ist häufig auch die Idee der Auftraggeber, die dann sagen, so der bekommt noch einen Schnauzbart und der einen Hut. Aber im Grunde bleiben es dieselben Charaktere.
Vermutlich entstehen für deine Projekte mehr Zeichnungen, als du im Endeffekt verwerten kannst. Wie entscheidest du, was du verwendest?
Es gibt gar nicht so viel mehr fertige Zeichnungen. Meistens ist das ja auch schon vom Storyboard vorgegeben. Gerade um mir diese Arbeit zu ersparen, entwickle ich das Storyboard relativ präzise. Da gibt es natürlich schon ein paar Seiten, die rausfallen oder rumgeschoben werden. Aber an Zeichnungen entstehen nur die, die wirklich gebraucht werden. Ich arbeite da sehr konzeptionell, andere sind vielleicht spontaner. Das heißt, bevor ich mich an die Umsetzung mache, steht das Storyboard mehr oder weniger. Wenn mir dann ein Gesicht oder ein Ausdruck nicht gefällt, mache ich das natürlich nochmal neu, aber das ich eine Zeichnung komplett über den Haufen werfe, kommt selten vor.
 
Diese Darstellung der Antigone   Michael Marks wurde nicht verwendet.
                                                         
Das spricht vermutlich für dein Können.
Na ja, man entwickelt im Laufe der Zeit Strategien, um sich gewisse Arbeiten zu ersparen.
Bei „Antigone“ ist mit aufgefallen, dass kaum Hintergrund zu sehen ist. War das eine bewusste Entscheidung?
Ja, ich wollte einerseits das Ganze etwas aus dem historischen Kontext lösen und andererseits den Schwerpunkt auf die Figuren legen. Auch die Kleidung habe ich so gewählt, dass man sie nicht eindeutig der Antike zuordnen kann. Ich wollte die Handlung erzählen, aber nicht unbedingt in diesem geschichtlichen Umfeld.
 
Michael Marks      Michael Marks
Ein fertiger Hintergrund            ... und eine Vorversion.
 
Es ist ein offenes Geheimnis, dass Illustratoren für ihre Zeichnungen Vorlagen benutzen.
Ja, das ist durchaus legitim, denn man kann nicht jede Haltung aus dem Kopf zeichnen. Bei Kreon ist mir das relativ leicht gefallen, aber gerade wenn es darum geht, Proportionen und Drehungen des Körpers richtig umzusetzen, guckt man sich das schon mal von Fotos ab. Das heißt natürlich nicht, dass man das Foto 1:1 abzeichnet, sondern es dient mehr als Orientierungshilfe.
 
Kreon begegnet einer Maske
Michael Marks
 
Proportionslehre sollte man aber schon beherrschen?
Ja, ich habe das in meinem Studium natürlich gelernt. Man unterscheidet eigentlich zwischen zwei Richtungen, der akademischen, also der reinen Proportionslehre, und der Schule des Sehens. Ich bin absoluter Verfechter der zweiten Richtung, da lernt man richtig zu abstrahieren. Denn was nützt es, wenn du weißt, wie die Proportionen des Körpers aufgeteilt sind, du eine Figur aber schlafend darstellen musst. Oder zeichne dann mal ein Fahrrad.
 
Hier sieht man, wie schwierig die Darstellung der Proportionen in der Bewegung sein kann 
Michael Marks
 
Die Rohskizzen zeichnest du mit Bleistift, dann folgt die Fineliner-Version und dann erst kommt die Farbe hinzu. Warum die verschiedenen Stufen?
Bei den Rohskizzen möchte man manchmal noch die ein oder andere Linie verändern, das geht mit Bleistift natürlich besser, weil man radieren kann. Mithilfe eines Leuchttisches "pause" ich die Bleistiftskizze dann mit einem Fineliner auf einem separaten Blatt ab. Der Fineliner ist wichtig für deutliche Konturen und dafür das die Ergebnisse später einwandfrei reproduziert werden können. Aber im Grunde ist es egal, womit die Rohzeichnung angefertigt wird.
Was macht für dich einen guten Comic aus?
Dass er eine Geschichte erzählt, dass er Ausdruck hat und dass die Emotionen des Zeichners irgendwie mit einfließen. Ich lese selber gerne Comics, bei denen eine Emotion rüber kommt, beispielsweise Comictagebücher, die auch relativ nah am Leben sind. Mit Superhelden-Comics kann ich dagegen nicht viel anfangen.

 

Weitere Arbeiten von Michael Marks findet ihr auf seiner Homepage: www.mike-marks.de.