Macbeth, R: Jürgen Gosch, F: Sonja Rothweiler
Macbeth, R: Jürgen Gosch, F: Sonja Rothweiler

Text des Monats

Seid ihr denn nie nackt?

 

Nach unserem Artikel zum Ekeltheater in der aktuellen Ausgabe der jungen bühne, haben wir hier mal ein paar Stimmen zum polarisierenden Thema Nacktheit auf der Bühne zusammengetragen. Wie fühlt sich eigentlich ein Schauspieler, wenn er blank ziehen muss? Wie inszenieren Regisseure Nacktheit? Und was sagen die Zuschauer?

 

Von Elisa Giesecke

 

Wir befinden uns im Zuschauerraum irgendeines Theaters in Deutschland. Die Inszenierung ist in vollem Gange, leichtes Hüsteln und Rascheln begleitet, wie gewohnt, das spannungsgeladene Treiben auf der Bühne; gleich zieht der Held sein Schwert, um dem Feind den Todesstoß zu versetzen. Doch, was ist das? Statt zur Waffe greift der Rächer zum Gürtel. Noch ehe man sich versieht – O Schreck! – fällt die Hose und mit ihr endgültig der Glaube, dass Theater die Welt zum Besseren verändern könnte.

 

Nun ist dieses vergleichsweise harmlose Szenario frei erfunden, aber sicherlich hat es sich so oder in ähnlicher Weise nicht nur einmal zugetragen, und manch eifrigen Theatergänger am deutschen Regiesystem zweifeln lassen. So wie eine Besucherin des schauspielhannover, die in einer E-Mail sorgenvoll anfragte, ob der Hauptdarsteller, Christoph Franken, in der von ihr favorisierten Inszenierung „wieder einmal – wie schon mehrmals – von der Regie genötigt wird, nackt aufzutreten“. Man weiß nicht, mit wem man mehr leiden soll, mit der traumatisierten Dame oder dem missbrauchten Schauspieler. Dessen erstaunliche Antwort (Auszug) lautete: „Es kostet mich bei Weitem mehr Überwindung, in die Sauna zu gehen oder mit Badehose im Freibad herumzulaufen, als auf der Bühne zu stehen, wo ich mich durch die Figur, die ich spiele, geschützt fühle. Die Nacktheit ist dann wie ein Kostüm für mich, sie soll etwas über die Figur erzählen […].“

 

Natürlich, was soll es auch anderes sein als ein Kostüm. Schließlich handelt es sich nicht um die Privatperson Christoph Franken, die sich auf der Bühne auszieht, sondern um eine Rolle, die nun eben nackt zu spielen ist. Nur, dass diese Tatsache nicht jedem so selbstverständlich erscheint. Denn Nacktheit ist nach wie vor ein Tabu, eine Provokation, wenn der Mensch unmittelbar mit ihr konfrontiert wird. Man mag sich darüber wundern, denn wo, wenn nicht im Theater, geht es darum, den Menschen in seiner ganzen Kreatürlichkeit zu zeigen. Dass dies mitunter auch die Schauspieler Überwindung kostet, lässt sich leicht nachvollziehen. „Ich freue mich nicht darauf, den Leuten mit dem nackten Arsch ins Gesicht zu springen, sondern habe eher Angst davor“, gesteht der Schauspieler Lars Eidinger in einem Interview, erkennt aber zugleich, dass er nicht dagegen angehen könne, „indem ich mich klein mache, schäme und wegdrehe, sondern indem ich in die Offensive gehe. Das setzt dann natürlich eine wahnsinnige Energie frei“. Verschwendete Energie, wie es oft scheint, denn bis über den Bühnenrand hinaus ins Publikum schafft sie es nur manchmal.

 

Lisa Hagmeister, Ensemblemitglied des Thalia Theaters Hamburg, kommt mit Nacktszenen in der Regel gut klar. Doch oft wundert auch sie sich über die Intention der Regisseure: „Manchmal wird Nacktheit als Mittel eingesetzt, um Wahrhaftigkeit zu symbolisieren, weil manche Regisseure glauben, sie seien damit per se pur und ehrlich. Dann wird das Ausziehen zu einer hohlen Geste, die für alle Beteiligten ziemlich peinlich sein kann.“ Wie erholsam, wenn sich ein Regisseur diesem Drang nach Authentizität zu widersetzen weiß und genau erkennt, wann Nacktheit in einer Inszenierung begründet erscheint und wann nicht. „Manchmal muss ich [zu einem Darsteller] sagen, nein, ich brauche das jetzt nicht. Warum bist du nackt? Es ist an dieser Stelle des Stücks nicht notwendig“, erklärt Opernregisseur Calixto Bieito, der immer wieder wegen seiner „Skandal“-Opern in die Schlagzeilen gerät.

 

Das ist das eine. Anders verhält es sich, wenn sich das peinliche Gefühl, das zeitweise während der Proben entsteht, nach außen verlagert und Nacktheit zum „Politikum“ wird. „Oft bin ich erstaunt und erschrocken, wie sehr Nacktheit im Theater immer noch thematisiert wird und wie verklemmt viele darauf reagieren. Eine Nacktszene im Stück, und zack ist dieses Bild nach der Premiere in der Presse, und das Publikum diskutiert nur darüber. Das steht in keinem Verhältnis zum Stellenwert dieser Szene im Stück“, wundert sich Hagmeister und verweist auf Andreas Kriegenburgs „Urfaust“-Inszenierung am Thalia Theater, in der sie das Gretchen spielte. „[Faust und Gretchen] sind sehr verliebt und schlafen miteinander. Ich trage dabei nur eine Unterhose. Das Publikum sieht nur die Schemen unserer Körper, trotzdem höre ich hin und wieder Zuschauer genervt stöhnen. Das ach so religiöse Gretchen hat Sex, das passt doch nicht. Schüler kichern peinlich berührt. Ich denke dann immer: Hey, seid ihr denn nie nackt? Das gehört doch zum Leben dazu, und genau darum geht es doch im Theater!“

 

Genau darum geht es im Theater. Und vielleicht hilft es ja, das Thema aus einem anderen Blickwinkel etwas entspannter zu betrachten und den nackten Körper auf der Bühne, als das zu sehen, was er ist: ein Kunstkörper.