Text des Monats

Der Gewinner, der keiner sein will

 

Der folgende Text ist in der Dezember-Ausgabe der Deutschen Bühne erschienen.        

               

Der Newcomer der Stückwettbewerbe und Neue-Dramatik-Festivals kommt von der Insel: Nis-Momme Stockmann, geboren auf Föhr, hat den Heidelberger Stückemarkt und den Stückemarkt des Berliner Theatertreffens gewonnen und ist Hausautor am Schauspiel Frankfurt. Nur: eine richtig große Uraufführung hat er noch nicht erlebt – ein Beispiel dafür, dass die Wettbewerbsbetriebsamkeit allmählich das wirkliche Theaterleben überrundet.

 

Drei Preise bei zwei Stückemärkten: Nis-Momme Stockmann hat im Mai mit seinem Debütstück „Der Mann der die Welt aß“ einen Blitzstart hingelegt. Nun steht der 28-Jährige kurz vor drei Uraufführungen. Doch Erfolg, sagt er jedoch, ist für ihn kein Kriterium.


 

Von Andreas Jüttner

 

Frust ist ein starker Antrieb: „Geschrieben habe ich schon immer“, sagt Nis Momme Stockmann, „aber mit Theaterstücken habe ich angefangen aus Frust über all diese Texte in der zeitgenössischen Dramatik, in denen so ein Zwang zur Originalität herrscht, so eine Angst vor Figuren und einer Geschichte.“ Figuren und Geschichte hat er geliefert in seinem Debüt, dem ein weiterer Frust zugrunde liegt, nämlich der über das Einsickern kapitalistischen Denkens in alle Dimensionen des Alltags.

 

Seine Kapitalismuskritik („Ich weiß, dass das nicht neu ist, aber offenbar muss man es immer wieder sagen“) hat sich für Stockmann zum Katapult entwickelt. Im Februar war er noch einer unter vielen: ein Student für Szenisches Schreiben an der Berliner Universität der Künste, der seinen Debüttext an diverse Wettbewerbe schickte. Dann räumte „Der Mann der die Welt aß“ im Mai gleich bei den beiden großen Stückemärkten ab (Jury- und Publikumspreis in Heidelberg, Werkauftrag in Berlin), wird nun in Heidelberg uraufgeführt und in Magdeburg und Basel nachgespielt; außerdem hat Stockmann einen Dreijahresvertrag als Hausautor am Schauspiel Frankfurt.

 

Entstanden ist das Stück aus dem Wort „Kapitulation“ (wie auch eine Platte seiner Lieblingsband Tocotronic heißt) und es dreht sich darum, ob die im Kapitalismus überhaupt möglich ist. Titelfigur ist ein Mittdreißiger, für den diese Option nicht in Frage kommt – weshalb er sich, in Umkehrung des Titels, von der eigenen Misere schrittweise auffressen lässt. Getrennt von Frau und Kindern, frisch gefeuert und bald auch noch mit dem besten (bzw. letzten) Freund überworfen, rotiert er letztlich mit seinem zunehmend dementen Vater in einem Teufelskreis der Überforderung. Das kostet am Schluss, fast wie nebenbei, drei Menschenleben.

 

So ernst das ist, so wenig lamoryant arrangiert es Stockmann. Im Gegenteil: Gerade der kindisch-uneinsichtige Egozentrismus des Protagonisten, der konsequenterweise nur als „der Sohn“ bezeichnet wird, ermöglicht komödiantische Distanz zum Geschehen – von dessen traurigem Verlauf man sich umso bereitwilliger erschüttern lässt. Genau darauf zielt Stockmann: „Wenn man im Theater etwas erreichen will, dann geht das meiner Meinung nach nur über Empathie.“ So begründet er auch den Verzicht auf Drastik in Story und Sprache. „Es interessiert mich nicht, Nietzsche und Heidegger in der Hölle Skat spielen zu lassen“, sagt er dazu gern. „Ich denke, am meisten berührt die Leute das, was sie kennen.“ Sofort vertraut ist einem der Sound der Dialoge, denn die kommen echten Alltagsgesprächen so nahe, wie es Theatertexten selten gelingt: Ständig werden Sätze auf halbem Weg abgebrochen, zu den häufigsten Äußerungen zählen Ausrufe wie „Was?“, „Hallo“ und „Ach“. Doch Stockmanns Verknappungen zielen nicht auf Verrätselung, sondern lassen im Gegenteil Geistes- und Gefühlshaltung der Figuren enorm plastisch werden.

 

Hinter diesem „Mut zur Banalität“, wie er es nennt, steckt eine arbeitsame Ernsthaftigkeit – die bei Stockmann auch zu gezielt eingesetztem Humor führt: „Beim Schreiben frage ich mich zwei Dinge: Was interessiert mich? Und was macht mir Spaß?“ In seinem zweiten Stück „Das blaue blaue Meer“ (Uraufführung im Januar in Frankfurt) entsteht die Komik durch den Kontrast von deprimierender Situation und lakonischer Kommentierung, wenn ein jugendlicher Alkoholiker namens Darko als beredter Ich-Erzähler durch eher wortkarge Szenen seines Sozialghetto-Alltags führt: „Die Leute bringen sich hier ständig um. Herunterspringen ist im sozialen Wohnungsbau der physikalischen Gegebenheiten wegen natürlich beliebt.“

 

Die Geschichte einer selbstzerstörerischen Jugend, in deren Dunkel nur kurz durch eine verzweifelt klammernde Liebe ein Licht fällt, ist in Tonart und Personal völlig anders gelagert als das Debüt. Gleichzeitig fordert Stockmann, dass in einem Stück Leben stecken muss. Wie geht das nun zusammen? „Das Leben in den Stücken sollte durch den Autor hindurchgegangen sein, aber das bedeutet nicht autobiografisches Schreiben“, beantwortet Stockmann indirekt die Frage, die der Frankfurter Chefdramaturg Andreas Erdmann in einem Essay über „Das blaue blaue Meer“ stellte: „Hat der das erlebt? Ist das die Realität?“

 

Auf diese Frage könnte man freilich genauso gut kommen angesichts der präzis-glaubwürdigen Schilderung jener Krise, die der demente Vater beim „Mann der die Welt aß“ auslöst. „Erstmal geht es mir um ein Thema“, erklärt Stockmann, „und dann überlege ich eben, wie die passende Situation dafür geschaffen werden kann. In dem einen Fall war das eben die Überforderung durch den Vater.“ Den Kontrast zwischen den Lebenswelten der beiden Stücke erklärt er mit seinem Interesse für Milieus: „Das hatte ich schon immer.“ Was ihn vielleicht eine Hürde leichter nehmen lässt, die er in der Theaterlandschaft ausgemacht hat: „Alle fordern immer welthaltige Stücke, aber für 2000 Euro, von denen der Verlag 25 Prozent kriegt, kannst du nicht sechs Monate recherchieren und dann drei Monate am Text feilen.“

 

Erlebt hat er in seiner kurzen Biografie schon einige Milieus: Geboren und aufgewachsen auf der Nordseeinsel Föhr („eine ziemlich einsame Kindheit, ich habe viel gelesen und mit sechs, sieben Jahren angefangen zu schreiben“) zog er mit 15 auf eigene Faust nach Flensburg, wo er das Abitur ablegte. Später machte er eine Kochausbildung, studierte in Hamburg kurz mal tibetische Sprache und Kultur („Meine Freundin war schwanger, da brauchte ich schnell einen Studienplatz, wo ich garantiert reinkomme und BaföG kriege – es hat dann aber Spaß gemacht und ich habe auch für die Freiheit Tibets demonstriert“), gründete mit Freunden in Flensburg ein Kulturzentrum in einem besetzten Haus und versuchte sich in Dänemark in Medienwissenschaft – ein Bogen zurück zu seiner Schulzeit, die er übrigens im dänischen System verbrachte. „Dadurch habe ich überhaupt das Abi geschafft.“ Wieso? „Da war der Druck nicht so groß. Zum Beispiel war es kein Problem, dass ich es einfach nicht gepackt habe, morgens früh aufzustehen.“

 

Möglicherweise rührt aus dieser Zeit die Distanz zu Erfolgsautomatismen, die Stockmann sich bewahren will. So ist er stolz, dass die Hausautorenschaft am Schauspiel Frankfurt nicht mit seinen Auszeichnungen zusammen hängt: „Oliver Reese hat das Stück gelesen, als es in Berlin und Heidelberg gerade angenommen wurde, und mich damals schon gefragt, was ich denn machen will.“ Stockmann wollte ein zumindest zeitweilig gesichertes Arbeitsverhältnis: „Ich habe jetzt zwei Kinder, da muss man für eine Struktur im Leben sorgen.“ Ob ihm diese Position die Ironie ermöglicht, mit der er in seinem dritten Stück „Kein Schiff wird kommen“ (Uraufführung im Februar in Stuttgart) die Träume des Ich-Erzählers vom Ruhm als Schriftsteller aufs Korn nimmt? Denn natürlich kennt er diese Träume aus eigener Anschauung: „Schon als Kind wollte ich Schriftsteller werden, mit einer ganz naiven Vorstellung davon, was das bedeutet. Ich wusste ja auch lange nicht, dass es Theaterautoren gibt. Ich dachte immer, Stücke sind das, was Prosa-Autoren schreiben, wenn es finanziell mal nicht so läuft. Und jetzt schreib’ ich selber gerade an meinem sechsten Stück und weiß gar nicht, wie das alles passiert ist.“

 


Nis-Momme Stockmann, Foto: Roald Christesen.
Nis-Momme Stockmann, Foto: Roald Christesen.

Uraufführungen

17. Dez. 2009 "Der Mann der die Welt aß" am Theater Heidelberg

22. Jan. 2010 "Das blaue blaue Meer" am Schauspiel Frankfurt

19. Feb. 2010 "Kein Schiff wird kommen" am Staatsschauspiel Stuttgart