Text des Monats

Mein Stadttheater

 
In unserem aktuellen Monats-Beitrag schreiben zwei junge Freiburger Theaterenthusiasten über ihre Perspektiven aufs Theater. 
Die Beiträge erscheinen gedruckt in der Reihe "Fankurve" in der Februar-Ausgabe der Deutschen Bühne.
 

Uns interessiert, wer ähnliche oder ganz andere Erwartungen an sein Theater vor Ort hat. Über Zuschriften freuen wir uns, direkt an die Redaktion oder direkt ins Forum, dann können wir den Text auch gleich online stellen.

 

 

 
    
 
Geboren 1986, 2006 Abitur in Hösbach. Ab 2006 IberoCultura- und Geschichtsstudium in Freiburg und Barcelona, Verlagspraktikum in Valencia. November 2009 bis Januar 2010 Praktikum in der Öffentlichkeitsarbeit des Theaters Freiburg.
 
Theaterbegeistert war ich schon immer. Nicht nur als Zuschauer, auch das Geschehen rund um die Bühne fasziniert mich. Zu Schulzeiten besuchte ich regelmäßig Vorstellungen im Stadttheater Aschaffenburg – Klassiker, klassisch inszeniert – und hin und wieder das Schauspiel Frankfurt. 2006 in Freiburg angekommen, war mir das Verhalten des Theaters völlig fremd. Das Theater Freiburg kleidet sich in knalliges Orange, macht mehr durch sein bittersüßes Revoluzzer-Bambi von sich reden als durch seine Stücke und schreit kritische Sätze von der Fassade: Gibt es eine Alternative zum Kapitalismus? In welcher Zukunft wollen wir leben?
 
Was genau hat das mit Theater zu tun? Ganz einfach, frei nach Kant: Schalte dein Hirn ein, denke selbst darüber nach! Antworten findest du bei uns; vielleicht.
 
Das Theater Freiburg beteiligt sich rege am politischen und gesellschaftlichen Diskurs. Es präsentiert sich weltoffen. Kritik wird laut gedacht, ob an Kapitalismus oder Bildungssystem. Ein Theater, das mitmischt, stört, nervt. Stillhalten ist tabu, ebenso wie Anpassung. Freiburg braucht dieses Theater und seine Aufrufe zu mehr Reflexion und Aktion. Das Leben in diesem schönen Schwarzwaldstädtle plätschert manchmal gar zu gediegen vor sich hin. Die Freiburger sind bekannt für ihr biogrünes Gewissen. Ein bisschen Wachrütteln kann da nicht schaden.
 
Aber das Theater als eine moralische Anstalt zu betrachten, wie einst Schiller? Ist das heute noch möglich? Es gibt zu viele alternative Einrichtungen und Medien, die sich dem Erziehungsauftrag verschrieben haben.
 
Das Theater als eine politische Anstalt vielleicht? Oder besser, eine kritische Anstalt?
Durch Theater ein ganzes Volk zu besseren Menschen zu erziehen scheint gegenwärtig undenkbar. Aber zu kritischen Menschen, die über ihre Umwelt, ihre Zukunft, ihre Mitmenschen nachdenken. Und schließlich aktiv werden. Theater muss der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten, ohne den moralischen Zeigefinger auszustrecken. Indem es alternative Wirklichkeiten vorstellt, kann das Theater auch in Zukunft gesellschaftlich relevant bleiben. Hier kann probiert werden. Ob mit alten oder neuen Stoffen spielt dabei keine Rolle.
 
Das Theater ist auf der Suche nach neuen Wegen und Lösungen, welche dann als Inszenierung angeboten werden. Jede für sich ein Experiment, eine Auswahl aus unzähligen Ideen, die auf der Bühne zusammenfließen. Vermutlich übt Theater deshalb eine solche Faszination aus. Ein Theaterbesuch ist ein Abenteuer, eine Reise mit ungewissem Ausgang. Alles kann passieren– oder nichts.
 
Das kann zu einem unvergesslichen Theatererlebnis werden. Wie bei den „Buddenbrooks“, die gerade am Theater Freiburg ihren Niedergang zelebrieren und all meine Wünsche an das Theater erfüllen: Tragische Schicksalswirren und Gesellschaftskritik durchzogen von treffender Komik. Das Leben ist ernst, Lachen erwünscht. „Es könnte alles ganz anders sein“, wird hier verlautet. Die Inszenierung, genau wie das Leben, hängt von Möglichkeiten und Entscheidungen ab. Alternativen gibt es immer, und das Theater spielt mit ihnen, während sie im Leben nur vereinzelt erprobt werden können. Theater darf alles, was die Realität verbietet.
 
Je besser ich Freiburg kennen lernte, desto mehr legte sich auch die anfängliche Skepsis dem Theater gegenüber. Aus Neugier wurde Interesse und schließlich Begeisterung. Die politische Tatkraft gibt den Stücken einen weiteren Bedeutungsrahmen. Die Stadt schreitet nachhaltig voran und das Theater hinterfragt die Zukunft – das sorgt für Spannung.

 

 

    
 
Geboren 1991, Schüler am Droste-Hülshoff-Gymnasium in Freiburg. Dort seit der 9. Klasse aktiv in der Theater-AG. Am Theater Freiburg bisher Teilnahme am Projekt „Ich, Cyborg!?“ zur Optimierung des menschlichen Gehirns und in „Das Tagebuch der Anne Frank“.
 
Theater stellt für mich eine Plattform dar, auf der jene Dinge und Stoffe präsentiert und verarbeitet werden können, die die gesamte Gesellschaft oder Teile von ihr betreffen und beschäftigen. Diese schulmeisterisch klingende Ansicht habe ich nicht aus dem Deutschunterricht, sondern sie ist eine eigens gemachte Erfahrung.
 
Wenn mich Theaterstücke zum Nachdenken über ein Thema anregen, über welches ich zuvor noch nicht oder kaum nachgedacht habe, so ist damit ein wesentlicher Aspekt, der das Theater für mich sinnvoll macht, bereits erfüllt. Aber Theater soll nicht nur sinnvoll sein, es soll auch Spaß machen. Neben dem Zum-Nachdenken-Anregen, gesellschaftliche/politische Themen zu diskutieren, sich zu bilden und die geistige Entwicklung der Gesellschaftsmitglieder mitzufördern gehe ich natürlich auch der Unterhaltung wegen ins Theater. Ich möchte gar keine Rangordnung zwischen den beiden Aspekten Unterhaltung und Inhalt machen, weil nicht das eine wichtiger ist als das andere, sondern sie nur zusammen spannend sind. Mit Unterhaltung verbinde ich dabei nicht unbedingt Komik: Ich meine generell das, was ein Theaterstück braucht, um nicht trocken zu sein. Das können ebenso traurige, berührende, ernste Momente sein. Wenn dieser Teil fehlt, wird es ein philosophischer, wissenschaftlicher oder moralischer Vortrag, der jeder Frische, jeder Sinnlichkeit entbehrt. Fehlt andererseits der Inhalt, besteht die Gefahr, dass es hirnlos und oberflächlich wird, dass es einen nicht bereichert und verändert, sondern man leer bleibt.
 
Es ist dies vielleicht gerade das Schwierige am Theater, diese beiden Zutaten, Kopf, Inhalt, das „Geistige“ und Herz, Unterhaltung, das Sinnliche harmonisch miteinander zu verrühren, sodass am Ende ein vollständiges Produkt entsteht, das beides enthält. Die Mengenangaben und das Verhältnis der Zutaten freilich sind reine Geschmackssache. Wenn ich also ins Theater gehe, dann um berührt zu werden, zum Lachen gebracht zu werden, gelegentlich aus dem Alltag „herausgehoben“ zu werden, ohne deshalb den Kopf völlig auszuschalten. Was das Verhältnis der Zutaten betrifft, lasse ich mich gerne immer neu überraschen.
 
Bezüglich dieses Aspekts habe ich im Freiburger Theater noch nie ein Stück gesehen, dem eine der beiden Zutaten wirklich fehlte. Hier bin ich besonders ein Opernfan, weil die Verbindung von Schauspiel und Musik schon so vollständig ist, dass ein Opernbesuch fast immer bereichert.
 
Das Zweite, das mir beim Nachdenken über das Theater einfällt, ist das große Zauberwort Kunst, unter dem jeder etwas anderes versteht. Für mich ist z.B. ein schlechter Horrorfilm keine Kunst, also auch kein Theaterstück, in dem es nur von Gewalt wimmelt. (Ich habe bisher glücklicherweise noch keins gesehen). Für mich geht der Begriff Kunst einher mit etwas Zartem, Sensiblem und Schönem. Womit ich nicht meine, nur schöne Geschichten sind Kunst, nein, auch Wut, Trauer, Hass, Gewalt usw. können in einem guten Theaterstück vorkommen, aber in einer Art und Weise, die einen feinfühligen Kopf und eine gewisse Konstruktivität dahinter vermuten lässt. Mit Konstruktivität meine ich, dass es mir nichts gibt, mir Gewalt und Horror „reinzuziehen“, wenn sie in einer Art und Weise präsentiert sind, die einfach nur die Gewalt auf die Bühne stellt, ohne sich damit konstruktiv auseinanderzusetzen. Es geht also nicht um das Was, sondern um das Wie. Kunst ist für mich also etwas, das bereichert, wachsen lässt; und Grobheit und Gewalt für sich genommen bereichern mich nicht und sind für mich deshalb nicht kunstvoll. Dass das nicht heißt, dass Kunst/Theater deshalb über Gewalt oder andere unschöne Themen einer Gesellschaft schweigen soll, ist völlig klar. Sie kann aber eine Instanz sein, die diese Probleme auf konstruktive Art und Weise zur Sprache bringt, und sie so nicht weiter vergrößert.
 
Bezogen auf das Theater Freiburg spricht das Theatermotto „In welcher Zukunft wollen wir leben?“ schon für sich, weil es, finde ich, gewiss keine destruktiv gestellte Frage ist.