Text des Monats

Motor Angst

 

Die Schauspielerin Jule Böwe über Glück und Elend des Schauspielerlebens
 
Interview: Detlev Baur
Das Interview erschien zuerst in der Februar-Ausgabe der Deutschen Bühne im Schwerpunkt „Schauspieler – Zwischen Identität und Entfremdung“
 
Jule Böwe wurde 1997 als Lulu in Thomas Ostermaiers Inszenierung von „Shoppen und Ficken“ in der Baracke des Deutschen Theaters bekannt, 1998 wurde sie daraufhin zur Nachwuchsschauspielerin des Jahres gewählt. Jule Böwe gehört seit 1999 fest zum Ensemble der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz. Sie arbeitete mit Regisseuren wie Thomas Ostermeier, Falk Richter, Luc Perceval oder Benedict Adrews zusammen. Ihre letzte Rolle war die Blanche in Andrews‘ Inszenierung von „Endstation Sehnsucht“. Sie wirkt außerdem regelmäßig in Hörspielen und Filmen mit.

 
Frau Böwe, im Internetlexikon Wikipedia ist über die Wirkung der Schauspielerin Jule Böwe zu lesen: „Böwe fällt vor allem durch ihre Darstellung von physisch und psychisch beschädigten Figuren auf.“ Wie gehen Sie damit um, so in eine Schublade gesteckt zu werden?

Jule Böwe Die Schublade stimmt schon. Diese Bewertung ist auch gar nicht verletzend, weil das ja die spannendsten Figuren sind, die man spielen darf. Und es macht Spaß, gebrochene Charaktere zu spielen. Aber ich wusste gar nicht, dass ich in Wikipedia drin stehe.
 
Schauspieler stehen nicht nur im Fokus der Öffentlichkeit. Bei Ihnen fällt auch die Persönlichkeit und die künstlerische Leistung in der eigenen Person zusammen. Damit sind Schauspieler doch persönlich extrem angreifbar und verletzbar.
 
Jule Böwe Das ist natürlich das Gefährliche an dem Beruf. Eigentlich gibt es keinen Schutz gegen die Angreifbarkeit. Ich weiß, was ich gearbeitet habe, weiß, was ich kann. Aber so ganz egal ist einem trotzdem nicht, was gesagt oder geschrieben wird.
 
Und wie nah sind Ihnen die Figuren, die Sie spielen?

Jule Böwe Ich trenne das sowieso nicht. Ich zeige ja nicht die Figur her, sondern lasse die Gefühle und die Rolle gleichsam einmal durch mich hindurchfließen. Insofern ist die Rolle auch ich selbst oder ein Teil von mir.
 
Inwieweit ist Schauspielerei dann überhaupt ein Beruf?
 
Jule Böwe Ich sage ja immer, es ist ein Hobby. Aber es ist natürlich ein Beruf. Man traut sich nur nicht zu sagen, dass man unglaublich viel arbeitet und hart arbeitet. Es ist ja eine Mär, dass man morgens nicht früh aufstehen muss. Man spielt abends, und ist dann nicht vor zwei im Bett und hat um zehn morgens wieder Probe. Aber es gibt andererseits natürlich wenige Berufe, in denen Menschen genau das machen können, womit sie sich auch in ihrer Freizeit beschäftigen: dass es so deckungsgleich ist. Ich empfinde es schon als Privileg, Schauspieler zu sein. Und ganz besonders in Deutschland, wo die Theater mit Steuergeldern unterstützt werden. Ich habe einen Traum verwirklicht, dass ich an einem Theater arbeiten, Hörspiele machen und zusätzlich etwas drehen kann. Und darüber bin ich, ehrlich gesagt, total glücklich.
 
Ein perfekter Beruf?

Jule Böwe Es ist auch ein Beruf, der überhaupt nicht sicher ist. Man kann von heute auf morgen nichts mehr zu tun haben. Das ist eine psychische Belastung. Weil auch jeder Kollegen kennt, tolle Schauspieler, die aus irgendwelchen Gründen nicht mehr gefragt werden. Und man weiß nicht, warum. Deswegen hat man immer auch Angst, dass man nicht mehr besetzt wird oder Regisseure nicht mehr mit einem arbeiten wollen, weil man so schwierig ist.
 
Angst bestimmt also den Berufsalltag?
 
Jule Böwe Angst ist ohnehin mein Motor. Ich bin nicht der Schauspieler, der gelassen an eine Rolle geht. Zwar auch mit Spaß, aber auch getrieben und mit Angst. Ich habe – vor meiner Schwangerschaft – direkt vor jeder Vorstellung sieben, acht Zigaretten geraucht, mir die Konzentration „erraucht“. Es gibt bei mir eine völlige Aufgeregtheit vorher und dann, nach dem ersten Schritt oder Satz auf der Bühne, bin ich glücklich; vor allem wenn ich merke, dass das Publikum konzentriert dabei ist. Aber vorher ist es immer eine Qual. „Heute habe ich gar keine Lust“, sage ich in der Maske, und die anderen können es schon nicht mehr hören. Das nimmt auch keiner ernst, weil jeder weiß, wie glücklich ich von der Bühne zurückkommen werde. Aber es ist ernst gemeint: Ich habe in dem Moment keine Lust. Diese Unlust hat natürlich mit der Angst zu tun.
 
Was waren denn die entscheidenden Kriterien dafür, dass Ihre Karriere bisher so erfolgreich verlaufen ist?

Jule Böwe Absolutes Glück. Wenn ich das gleiche wie die Lulu in „Shoppen & Ficken“ statt in der DT-Baracke außerhalb von Berlin gespielt hätte, wo mich niemand gesehen hätte, wäre es vielleicht folgenlos geblieben. Und wenn man dann zum Theatertreffen eingeladen wird und von allen drüber geschrieben wird und man einen Preis bekommt, ist das Glück. Und das geht ja von heute auf morgen, dass man einen Namen in der Theaterlandschaft hat, den jeder kennt. Und das andere Glück ist, dass man eine Rolle bekommt, die zu einem passt: Am richtigen Ort, mit dem richtigen Regisseur und der richtigen Mischung aus erfahrenen und frischen Leuten mit unterschiedlichen Energien und Unsicherheiten. Sonst wäre ich nicht an der Schaubühne gelandet. Und es war auch sicher gut, dort zu bleiben und mich mit diesem Theater weiter zu entwickeln, obwohl ich andere Angebote hatte. Begabung ist vielleicht, dass ich es schaffe, weiter dran zu bleiben, insofern habe ich Begabung oder bin gut im Organisieren. Ich bin schon immer dran geblieben. Auch nachdem ich an den Schauspielschulen nicht genommen wurde – völlig zu Recht, weil ich meinte, etwas vormachen zu müssen und auch ganz falsche Rollen gewählt hatte. Meine Identität gab es bei diesen Vorsprechen gar nicht. Aber ich habe aus diesen Niederlagen auch Kraft gezogen und sie in positive Energie verwandelt.
 
Wie verhält es sich denn mit den Machtstrukturen am Theater? Man ist als Schauspieler einerseits sehr frei, aber von Intendant und Regisseur auch sehr abhängig.
 
Jule Böwe Vor allem ist man vom Zeitplan des Theaters abhängig. Man kann nicht sagen, ich würde lieber dann und dann proben oder das Stück lieber dann aufführen. Das ist eine große Unfreiheit. Unter Umständen kann man nicht einmal zum 70. Geburtstag seiner Mutter fahren. Außerdem ist es möglich, das man bis 16 Uhr angerufen wird und am Abend einspringen muss. Alles andere, den Umgang mit Regisseuren, kann man lernen, dass man sich selbst einbringt und sich nicht beherrscht fühlt. Es kann schon ein Kampf sein bei dominanten Regisseuren, aber auch das finde ich legitim.
 
Aber totale Unterwerfung gibt es nicht?

Jule Böwe Ich habe auch schon klein beigegeben und gesagt: „Okay, ich find’s zwar scheiße, aber dann probier ich es halt so.“ Und dann muss man rausfinden, wie man es wieder zu Seinem machen kann. Aber das ist wahrscheinlich in jedem Beruf so.
 
Aber in anderen Berufen hat man wohl kaum die Chance, dass man es wieder zu „Seinem“ machen kann. Muss ein Schauspieler sich also gut selbst manipulieren können?

Jule Böwe Ja, deswegen bin ich Schauspielerin geworden, weil ich diese Gabe habe. Das Zu-Seinem-Machen ist auch eine Art Selbstüberlistung. Wenn ich das nicht könnte, wäre ich keine Schauspielerin geworden. Ich bin aber, glaube ich, auch Schauspielerin, weil ich gut lügen kann. Das kann ich im Leben auch ganz gut oder konnte ich als Kind sehr gut. Natürlich spielt auch Handwerk eine Rolle, aber ich filtere alles einmal durch mich hindurch, und deswegen ist das alles auch Jule.
 
Als Sie schwanger waren, haben Sie die Blanche in „Endstation Sehnsucht“ geprobt und gespielt; und nun wollen nach drei Monaten Pause im Januar wieder anfangen in dieser Rolle. Hat sich dadurch, dass Sie Mutter geworden sind, Ihr Verhältnis zu diesem prekären Beruf verändert?
 
Jule Böwe Als ich schwanger war, hatte ich so viele Hormone in mir, dass ich schon anders war. Ich war viel fraulicher und leichter mit einer wunderbaren Scheiß-egal-Haltung. Deswegen bin ich gespannt, wie ich „Endstation Sehnsucht“ ab Januar wieder spielen kann. Als ich kürzlich ein Hörspiel gemacht habe, hatte ich allerdings plötzlich Angst, dass ich nicht mehr die bin, die ich einmal war. Ich habe zu meinem Freund gesagt: Es könnte sein, dass ich gar nicht mehr spielen kann, weil alles komplett weggerutscht ist. Die Angst gibt es. Die Kollegen sagen zwar, das kennen sie und das ist Quatsch, das kommt dann schon. Und ich freue mich auch schon darauf, wieder zu spielen. Aber vielleicht ist es mir jetzt gar nicht mehr so wichtig, weil mir eben mein Kind so wichtig ist. Und dass deswegen etwas Kraft weggerutscht ist. Dass mir etwas weggenommen ist, die Angst, die mir immer auch Kraft gab.
 
Sie haben also Angst davor, keine Angst mehr zu haben.

Jule Böwe Ja. Vielleicht ist es Quatsch, aber ich denke darüber nach und habe auch schon davon geräumt. Jetzt muss ich da natürlich durch, ich kann nicht einfach sagen, das geht jetzt nicht und das Stück wird eben mal abgesetzt. Vielleicht ist nach der ersten Vorstellung auch alles in Ordnung.

 

 

J. Böwe in
J. Böwe in "Endstation Sehnsucht" an der Berliner Schaubühne