Text des Monats

Pottfiction 3

Pottfiction

 

von Mona vom Dahl
 
„Du willst die Welt verändern? Dann mach doch!“ – mit dieser provokanten Aufforderung macht das Jugendprojekt von „Ruhr.2010“ auf sich aufmerksam. Dahinter steckt ein Netzwerkprojekt: Sieben Ruhrgebietstheater unterschiedlichster Struktur haben sich zusammengeschlossen, um Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, eigene Erfahrungen mit verschiedenen Kunstformen zu machen, eigene Projekte zu erarbeiten und diese im Sommer 2010 im Rahmen eines Festivals zu präsentieren. Nach einem gemeinsamen Start, einem Kunstcamp im Sommer 2009, arbeiten einzelne Gruppen an den verschiedenen Häusern an ihren eigenen Projekten, zwischendurch gibt es Netzwerktreffen, am Ende soll das große Abschlusscamp stehen.
 
Die Themen sind so vielfältig wie die Kunstformen: Am Consol Theater in Gelsenkirchen heißt das Thema „Himmel & Erde“ und wird in eigener Musik, Video-Art und Theater umgesetzt, in Dortmund geht es um „Arbeit &Wirtschaft“, in Bochum um „Liebe & Sexualität“, in Herne um „Werte & Moral“, in Castrop-Rauxel um „Demokratie & Macht“. In Hamm beschäftigen sich Jugendliche zwischen 14 und 20 Jahren mit dem „Zusammenleben“ in unserer Gesellschaft.
 
Die Jugendlichen der Hammer Gruppe scheinen trotz des unterschiedlichen Alters und den damit verbundenen völlig unterschiedlichen Lebenssituationen sehr gut zusammen leben und auch arbeiten zu können. Bei einer Probe in Hamm entstehen beispielsweise in zwei Stunden im Zuge eines Schreibworkshops sechs Geschichten, die jeweils zwei der Jugendlichen gemeinsam präsentieren.
Die Gruppe sitzt im Halbkreis, auf zwei Stühlen an der Wand sitzen die Spieler, ein weiterer Stuhl befindet sich in der Mitte der Bühne. Kira und Stefan gehen langsam vor, Stefan setzt sich; Kira bleibt neben ihm stehen und beginnt, Stefans Geschichte zu erzählen. Nur mit einer einzigen Geste stellt er seine Situation innerhalb der Geschichte dar. Die Szene endet, nachdem beide wieder ihre Ausgangsposition an der Wand eingenommen haben. Es ist zu spüren, dass hier sehr persönlich und sehr intensiv gearbeitet wird – und es ist gut, dass pottfiction das möglich macht. Den Jugendlichen steht ein geschützter Raum zur Verfügung, in dem sie sich ausprobieren, diskutieren und arbeiten können, ohne dabei unter dem Druck zu stehen, in kurzer Zeit ein Ergebnis präsentieren zu müssen.
 
Trotzdem bleiben sie nicht im Theaterraum, sondern sind auch in der Öffentlichkeit immer wieder präsent. Das passiert in direkten Begegnungen mit Hammer Bürgern, die Impulse zum Thema „Zusammenleben“ bringen sollen, aber auch, wenn spontan durch eine Performance in der Hammer Innenstadt gegen die auch dort geplante Kürzung der finanziellen Förderung des Theaters protestiert wird. Dieser Aspekt ist den Jugendlichen offensichtlich wichtig. Sie wollen Veränderung. Sie sind sich aber auch bewusst, dass der Anspruch des vom Berliner Künstlerkollektiv anschlaege.de entworfenen Slogans nicht die Messlatte sein kann. Kira ist 18, macht in diesem Jahr ihr Abitur und schätzt ihre Möglichkeiten, Gesellschaft zu verändern, so ein: „Ich war schon im Startcamp im Sommer in der Projektgruppe „Legotopia“, in der es darum ging, Utopien zu entwerfen. Es gefällt mir gut, wenn man endlich mal etwas machen kann. Ich glaube, wenn man mit anderen zusammen arbeitet, hat man die Chance, in seinem Umfeld etwas zu verändern.“ Sie erkennt außerdem, dass es wichtig ist, die Mitmenschen anzusprechen und aufmerksam zu machen auf das, was verändert werden muss: „Das Leben in einer Stadt ist wie das Leben in einer Blase. Man will nicht gestört werden“. Ein schönes Bild – auch im Blick auf die nächste geplante Aufführung der Hammer Gruppe: eine Lesung im selbst gestalteten Caféhaus. Unvermittelt sollen Texte von Enzensberger, Tucholsky und Lasker-Schüler den Caféhausbesuchern – vielleicht von ihren Tischnachbarn – präsentiert werden, sie „stören“, zum Nachdenken anregen.
 
Pottfiction ist auch in anderer Hinsicht mehr als gewöhnliches Jugendclubtheater. Das hängt eng mit seiner Struktur als Netzwerkprojekt zusammen. Die Jugendlichen aus den verschiedenen Städten begegnen sich außerhalb ihrer Workshops in Netzwerktreffen. Mitte Januar 2010 hat ein solches in Hamm mit 100 Jugendlichen stattgefunden. Das Programm erstreckte sich über zwei Tage und beinhaltete eine Schreibwerkstatt und szenisches Arbeiten zum Thema „Zusammenleben“ als kreative Elemente, aber auch einen Vortrag des Attac-Mitgliedes Peter Schönhöffer über „Veränderung“ mit anschließender Diskussion der Jugendlichen in Kleingruppen zu verschiedenen Themen, die unsere Gesellschaft im allgemeinen und auch das Leben der beteiligten Jugendlichen ganz konkret betreffen.
 
Eine der Gruppen setzte sich unter der Überschrift „Bildung: Ist Druck der moderne Rohrstock?“ mit ihren Erfahrungen im Bildungssystem auseinander. Das Thema hat angesichts des bundesweiten Bildungsstreikes im letzten Jahr ganz offensichtlich große Dringlichkeit und so zeigte sich auch in der entsprechenden pottfiction- Diskussionsgruppe schnell der Unmut über vieles, das im Kontext dieses Themas immer wieder angesprochen wird: den Schülern geht es darum, die Verkürzung der Schuljahre bis zum Abitur wieder aufzuheben und die Forderung nach kleineren Klassen, die beiden Studentinnen in der Gruppe sind vor allem erbost über Konsequenzen des Bachelor-Studiums, allen voran das sogenannte „Bulimielernen“. Es blieb aber nicht bei Beschwerden. Schnell wurde deutlich: die Jugendlichen haben sich längst Gedanken darüber gemacht, wie ihre Probleme zu beheben wären. Lösungsvorschläge gehen von einer Nötigen Stärkung der Position der Lernenden an Schulen und Universitäten in den demokratischen Strukturen über mehr Druck auf die Politik durch weitere Protestaktionen bis hin zu Überlegungen über eine Aufweichung des Abhängigkeitsverhältnisses zwischen Lernenden und Lehrenden
 
Im Anschluss an das Gespräch in der Kleingruppe traf man sich wieder im großen Saal, wo auch die Ergebnisse der anderen Themengruppen präsentiert wurden, die sich unter anderem mit Zivilcourage, dem Klimawandel oder der modernen Familie auseinandergesetzt haben. Bei der Präsentation der Ideen fällt auf, das an mancher Stelle vielleicht doch der „Input“ eines Experten zu wünschen gewesen wäre, zum Beispiel, wenn aus einem persönlichen Erlebnis Schlüsse darüber gezogen werden, dass letztlich doch nur die klassische „Mutter-Vater-Kind“-Familienkonstellation richtig sein kann – was freilich von einem anderen Gruppenmitglied sofort mit einem Aufruf zu Toleranz, Offenheit und Beachtung individueller Situationen kommentiert wurde. Genau hier liegt vielleicht die Stärke dieser Form der Arbeit über solch komplexe Themen: sie findet auf unterschiedlichen Ebenen und zwischen Menschen, die sich sonst nie begegnet wären, statt. Im Idealfall bleibt der Prozess an dieser Stelle ja auch nicht stehen - der Austausch bringt Denkanstöße, die sich vielleicht später an anderer Stelle, zum Beispiel in den Kunstprojekten der Jugendlichen, wiederfinden. Während der offizielle Auftritt, zum Beispiel auf der Homepage www.pottfiction.de sehr oberflächlich wirkt und auf wenig überzeugende Art versucht „cool“ zu sein, ist die tatsächliche Arbeit der Jugendlichen sehr konzentriert und stellt sich schwierigen Themen.