Text des Monats

Wie geht`s denn woanders?

 

Das Deutsche Staatstheater Temeswar – Deutsches Theater in Rumänien
Von Andreea Zelinka
 
Schon seit ich denken kann bin ich an Theater interessiert und ich möchte mich auch beruflich in diese Richtung orientieren. Für mich war klar, dass ich nach meinem Abitur durch Praktika in die Theaterwelt hineinschnuppern wollte. Da ich halb Rumänin bin und in Temeswar mit dem Deutschen Staatstheater noch eines der letzten Überbleibsel der deutschen Kultur in Rumänien existiert, ergriff ich die Chance meine Liebe zum Theater mit meiner Neugierde für mein Mutterland zu verbinden und bewarb mich als Praktikantin in der Dramaturgie.
 
Das DSTT befindet sich in einem Gebäudekomplex in der Innenstadt, das – einmalig in Europa – Sprechtheater in drei verschiedenen Sprachen beherbergt: Rumänisch, Deutsch und Ungarisch, sowie die Temeswarer Nationaloper und das Nationaltheater Temeswar.
Nach den Massenabwanderungen der Rumäniendeutschen bis Ende der 90er Jahre, war es für das Deutsche Staatstheater Temeswar daran, ein neues Publikum für sich zu gewinnen. Dieses bilden die vielen jungen Rumänen, die sich für die deutsche Sprache interessieren.
 
Dieses junge Publikum war es auch, die mir sofort bei meinem ersten Theaterbesuch im DSTT ins Auge stachen. Aus Deutschland noch eher intellektuelle Strenge gewöhnt, eröffnete sich mir hier ein Theater, das auch für junge Menschen interessant ist und Frische und Leichtigkeit ausstrahlte.
 
Mit diesem ersten Eindruck begann ich das Praktikum Ende Januar. Mein Empfang war sehr herzlich und ich merkte sogleich, dass ich nicht die einzige Deutsche bin, die es an den Rand des Balkans verschlug. Neben der Dramaturgin Cornelia Winkler, bei der ich mein Praktikum absolvieren darf, sind immer wieder auch Schauspieler, Bühnen- und Kostümbildner oder Gastregisseure aus dem deutschen Sprachraum hier tätig. Das DSTT ist also ein Theater, in dem Menschen aus der ganzen Welt zusammen kommen um kreativ zu sein und den interkulturellen Austausch zu pflegen.
Eine meiner Hauptaufgaben ist die Arbeit an Programmheften und theaterpädagogischen Begleitmaterialien. Dafür arbeite ich eng mit der Dramaturgin zusammen und gemeinsam versuchen wir immer wieder interessante Texte und anregendes Arbeitsmaterial zu finden.
Zudem darf ich als Regiehospitantin bei den Proben der Theaterstücke mittendrin im Geschehen sein! Da mich Regie schon immer interessiert, freut mich das besonders!
 
Die Arbeit hier macht mir riesigen Spaß und man fühlt sich am DSTT wie in einer großen Familie. Oft kommen die Schauspieler direkt von der deutschen Schauspielabteilung der West-Universität Temeswar an das Deutsche Staatstheater Temeswar und bleiben auch hier. Viele kennen sich schon seit mehr als zehn Jahren. Klar, dass sich da richtige Freundschaften entwickeln.
 
Dass sich die Schauspieler untereinander so gut kennen, ist auch während den Proben bemerkbar. Außerdem sind es junge Rumänen, die mit Herzblut bei der Sache sind. So meint der deutsche Schauspieler Peter Papakostidis, der seit dieser Spielzeit am DSTT tätig ist: „Natürlich merke ich, dass ich hier in einem anderen Kulturkreis lebe, meine Kollegen sind impulsiver und körperlicher. Es ist ein sehr junges Ensemble und ich habe den Eindruck, als wollten sie gerne physischer arbeiten, sich mehr bewegen. “ Das rumänische Schauspieler oft anders an Rollen herangehen als es in Deutschland der Fall ist, kann auch die Regisseurin Christiane J. Schneider aus Frankfurt a.M., die in dieser Spielzeit als Gast am DSTT inszeniert hat, bestätigen. Hier haben die Schauspieler mit denen sie gearbeitet hat, mehr „über den Bauch gedacht “ als über den Kopf. Im Allgemeinen mussten sie „erst eine Gesprächsebene finden, eine andere Art von Kommunikation aufbauen. Mit deutschen Schauspielern kann es leichter sein, sich auf Begrifflichkeiten, wie z.B. technischer Art, zu einigen. Doch sind die Schauspieler das Abenteuer eingegangen, waren mit Herz und Seele dabei und haben nicht locker gelassen.“ Aufrichtig erklärt sie: „Ich hatte hier bestimmt eine der schönsten Probenzeiten!“.
 
Dass es heutzutage Rumänen sind, die das Deutsche Staatstheater Temeswar am Leben erhalten, merkt man nicht nur aufgrund ihres Temperaments und ihrer Mentalität, es ist auch das Deutsch, das sie sprechen. Denn dieses ist weit entfernt vom Bühnendeutsch der Theater in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Jedoch verleiht ihnen allen dieser Akzent einen ganz besonderen Charme, sodass ich es bald als selbstverständlich ansah und es mir kaum noch anders vorstellen kann.
 
Außerdem eine Besonderheit während der Vorstellungen: die Simultanübersetzung. Jede Vorstellung wird in Deutsch aufgeführt und gleichzeitig ins Rumänische übersetzt. Dies geschieht entweder mit Übertiteln, die auf eine Fläche über der Bühne projiziert werden, oder das bedeutet, dass „viele Rumänen zu den Vorstellungen kommen und währenddessen Kopfhörer tragen“, erzählt Peter Papakostidis, weil dann nämlich ein Simultanübersetzer den Text spricht. Dieser Anblick wirkte auf mich anfangs befremdlich. Peter Papakostidis erklärt jedoch, dass es ihn nicht störe. Er findet es „schön, dass viele Rumänien Interesse am deutschen Theater haben, obwohl es eben nicht ihre Sprache ist“.
 
„Wie geht`s denn woanders?“ hat Christiane J. Schneider sich einmal gefragt und kam nach Rumänien um deutsches Theater zu machen. Theater in deiner dir eigenen Sprache in fremden Ländern zu machen und zu erleben ist für mich etwas ganz Besonderes, etwas Ungewöhnliches und vor allem nichts Alltägliches. Das DSTT hat Wurzeln, die bis in das 18. Jahrhundert zurückgehen und ich finde, es gilt dieses letzte deutsche Theater in Rumänien zu schützen und zu pflegen. Für mich bedeutet dieses Praktikum am Deutschen Staatstheater Temeswar in Rumänien eine der besten Erfahrungen, die ich je gemacht habe. Ich finde, man sollte sich öfter mal fragen: „Wie geht`s denn woanders?“. Wer weiß, was dann alles passieren kann…

 

Andreea Zelinka

Andreea Zelinka kommt aus einem kleinen Städtchen namens Leutkirch im Allgäu, Baden-Württemberg. Nach ihrem Abitur 2009 bereiste sie für zwei Monate Vietnam und arbeitete dort in einem Waisenhaus. Danach absolvierte sie am Landestheater Schwaben in Memmingen ein zweimonatiges Praktikum im Büro für Öffentlichkeitsarbeit, um erste Eindrücke von der Arbeit an einem Theater zu bekommen.