Text des Monats

Gesichter des europäischen Dramas

 

Vom 17. Bis 27. Juni findet in Wiesbaden und Mainz die Theaterbiennale „Neue Stücke aus Europa“ statt. Zur Auswahl er eingeladenen Inszenierungen schrieb die Festivalmachern Yvonne Büdenhölzer in der April-Ausgabe der Deutschen Bühne.
 

Deutschsprachige Gegenwartsautoren scheinen auf den Spielplänen Europas einen festen Platz zu haben. Dea Loher, Roland Schimmelpfennig, Falk Richter, Fritz Kater und nicht zuletzt Tankred Dorst: immer wieder sind mir diese Namen auf meinen zahlreichen Reisen für die Theaterbiennale begegnet, von Island über Finnland nach Bulgarien und Rumänien bis nach Portugal. Allein Dea Lohers Stücke wurden bereits in 30 Sprachen übersetzt, darunter Chinesisch, Hebräisch und Arabisch. Man kann also festhalten, die deutschsprachige Dramatik wird im Ausland gespielt. Aber wie sieht es umgekehrt aus? Finden sich die neuen europäischen Dramatiker genauso auf unseren Spielplänen wieder? Als eine durchgesetzte Autorin denkt man sofort an Yasmina Reza. Oder Jon Fosse, Mark Ravenhill… und dann? Laut Statistik des Deutschen Bühnenvereins nimmt die Anzahl der Uraufführungen zwar zu, die der deutschsprachigen Erstaufführungen aber ab. Hier anzusetzen, neue Theaterstücke zu präsentieren, neue Autoren auf dem deutschsprachigen Theatermarkt vorzustellen hat sich die Theaterbiennale Neue Stücke aus Europa zum Ziel gesetzt. Seit 18 Jahren steht die europäische Gegenwartsdramatik im Fokus des Festivals.

 

Wenn man nach allgemeinen Tendenzen der europäischen Dramatik fragt, lässt sich das vielleicht am besten an der sich verändernden Rolle des Autors ablesen. Der Autor als der Urheber eines Theaterabends, als derjenige, der unsere Gesellschaft kritisch hinterfragt, neue Perspektiven aufzeigt, Denkanstöße gibt. In den letzten Jahren wurde viel diskutiert über das Verhältnis von Dramatiker und Theaterbetrieb, zuletzt in großer, vielstimmiger Runde bei einem Symposium der Berliner Festspiele zur Zukunft der zeitgenössischen Dramatik. Zeichnet sich aber nicht – zumindest was die deutschsprachigen Autoren angeht – eine Veränderung des Stellenwerts der neuen Dramatik ab? Die Auswahl für das Theatertreffen 2010 mit so vielen zeitgenössischen Stücken wie noch nie könnte man auf jeden Fall in diese Richtung interpretieren.

 

Verglichen mit anderen europäischen Ländern profitiert das Theater in Deutschland in großem Maße von staatlichen Geldern. Den Autoren, obwohl sie nicht direkt in dieses System eingebunden sind, geht es verhältnismäßig gut – auch dank zahlreicher Förderprogramme, Stückemärkte und Ähnlichem. Davon können Autoren in Albanien, wo die Theater kaum staatlich unterstützt werden und keine lebendige Theaterszene existiert, nur träumen. Viele verdienen ihr Brot dort mit dem Fernsehen: Bei mehr als 70 albanischen TV-Kanälen gibt es genug Arbeit für die jungen Talente. Aber auch in vielen anderen Ländern wie Island beispielsweise können die meisten Autoren nicht allein vom Schreiben leben. In Bukarest gründeten einige Dramatikerinnen, unter ihnen Gianina Carbunariu und Andreea Valean, das Projekt dramAcum (Drama jetzt!) zur Entdeckung neuer Dramatik, die sie, genauso wie ihre eigenen Stücke, im Teatrul Luni des Jazzclubs Green Hours auf die Bühne bringen. Eine rumänische Erfolgsgeschichte zeigt ganz aktuell Andreea Valeans Theaterstück „Wenn ich pfeifen möchte, pfeife ich“, das vor zehn Jahren auf der Bonner Biennale in einer Inszenierung des Nationaltheater Târgu Mures zu sehen war. Soeben wurde der gleichnamige, auf dem Stück basierende Film bei der Berlinale 2010 mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet.


Kollektive Projekte und regieführende Autoren

 

Meistens ist der Weg jedoch umgekehrt. Nicht nur im deutschsprachigen Raum muss das Gegenwartsdrama mit Film- und Romanadaptionen konkurrieren, dazu kommen alle möglichen Arten von performativen Projekten. Auch die kollektive Stückentwicklung, der regieführende Autor und die so genannten „Arbeits-Ehen“ zwischen Autor und Regisseur scheinen europaweite Erfolgsmodelle zu sein. Neben vielen Inszenierungen, die auf „klassische“ Weise entstanden sind, habe ich auf den Recherchereisen für die Biennale 2010 auch Produktionen gesehen, bei denen kein Autor mehr im Sinne einer Einzelperson existiert, sondern ein Kollektiv inklusive der Schauspieler den Text während der Probenarbeit entwickelt hat. So verbergen sich hinter der isländischen Mindgroup die Theatermacher Hallor Ingólfsson, Jón Atli Jónasson und Jón Páll Eyjólfsson sowie ihr jeweiliges künstlerisches und technisches Team. „Gódir íslendingar“ setzt sich mit dem derzeit beliebtesten Thema auseinander: der Finanzkrise. Wie gehen die „guten Isländer“ damit um, dass sie gezwungen sind, ihre Designerklamotten wieder durch herkömmliche Wollpullis zu ersetzen? Camping anstatt Trips in die Karibik, Blutwurst statt Foie gras. Das Stück thematisiert auf humorvolle Art das Selbstbild der Bewohner eines Landes, in dem das Leben täglich absurder wird. Die freie türkische Gruppe oyun deposu um die Regisseurin Maral Ceranoglu erzählt in „Çirkin insan Yavrusu – Hässliches Menschlein“ aus dem Alltag dreier Frauen in Istanbul: einer Kurdin, einer lesbischen Frau und einer gläubigen Muslima. Auch bei diesem Stück, das die Suche der Frauen nach der eigenen Identität zwischen Selbstbewusstsein und Unterwürfigkeit in einer Gesellschaft voller Vorurteile zeigt, taucht kein Autor auf dem Besetzungszettel auf.

 

Das isländische Ensemble "Mindgroup" in der Inszenierung "Góðir Íslendingar"

 

Immer mehr Autoren sind auch ihre eigenen Regisseure. Wie Fritz Kater oder Falk Richter inszenieren der Lette Alvis Hermanis, der Finne Kristian Smeds und die Italienerin Emma Dante ihre Stücke selbst. Allen drei Genannten ist gemeinsam, dass sie mit festen Ensembles arbeiten, vergleichbar der „Marthaler-Familie“. Die Schauspielerin, Autorin und Regisseurin Emma Dante geht bei „Le Pulle – Die Nutten“, das für sie den Beginn einer neuen Schaffensperiode markiert, noch einen Schritt weiter und steht selbst auf der Bühne. Das Stück führt in die Unterwelt Palermos, wo in einem musikalisch-tänzerisch-poetischen Parcours die Geschichten, Träume und Alpträume von Transsexuellen und Feen ein Stück Italien zwischen religiöser Bigotterie und Mafia beschreiben.

 

Der Autor-Regisseur Kristian Smeds reflektiert in „Mental Finland“ – Untertitel: „A dark comedy about Europe in the year 2069“ – die gesellschaftliche Gegenwart Finnlands. In seinem Zukunftsszenario ist ganz Europa von EU-Truppen besetzt. Alle nationalen Traditionen und Bräuche sind verboten in diesem Einheits-Europa. Nur die Finnen konnten sich widersetzen und leben in einem Frachtcontainer mit Sauna und Karaoke-Ausstattung. Die schwarze Komödie stellt universelle Fragen nach nationalen Identitäten und ist eine bitterböse Abrechnung mit dem selbstgefälligen Finnlandbild von Smeds’ Landsleuten. Alvis Hermanis beschäftigt sich in „Zilakalna Marta– Marta vom blauen Hügel“ mit dem Mythos einer lettischen Hellseherin und Heilerin, die über 70000 Menschen geheilt haben soll. Ihn interessieren dabei nicht nur die wundersame Marta selbst, sondern auch die Geschichten derer, die mit ihren Problemen zu ihr gingen. Dieser Abend, getragen von zwölf fantastischen Hermanis-Schauspielern, scheint zwar vom Ursprungsstoff her sehr lettisch, die Geschichten sind aber universell und das Thema ist europäisch.

 

Stücke im Kollektiv zu entwickeln oder selbst zu inszenieren sind Wünsche von Autoren, denen ich bei meiner Arbeit für den Berliner Stückemarkt in den letzten Jahren häufig begegnet bin. Wird der Autor, der alleine am Schreibtisch produziert und seinen Text dann in die Hände eines Regisseurs gibt, um erst wieder zum Premierenapplaus auf der Bildfläche zu erscheinen, von diesen Entwicklungen abgelöst? Ein anderer für viele Autoren erstrebenswerter Weg ist die enge, dauerhafte Zusammenarbeit mit einem Regisseur. Von dem Stück „România! Te pup – Rumänien! Küss mich“ des jungen Autors Bogdan Georgescu (Jahrgang 1984) existierte zu Beginn der Probenarbeit nur ein Minidrama, gemeinsam mit dem Regisseur David Schwartz hat er es weiterentwickelt. Entstanden ist ein sinnliches Portrait Rumäniens, erzählt durch die Schicksale dreier Figuren, die alle von einem besseren Leben träumen und ihre Heimat verlassen wollen. Nicht ohne Augenzwinkern thematisiert die Komödie einerseits die Ablehnung, andererseits die Liebe der Rumänen zu ihrem Vaterland, einem Land, in dem der Aufbruch deutlich spürbar ist.


Regionale Unterschiede und Tendenz der Annäherung

 

Die Vielfalt an Themen, theatralischen Formen und Herangehensweisen an die Figuren, auf die wir – die Programmmacher der Theaterbiennale Manfred Beilharz, Tankred Dorst, Ursula Ehler und ich – bei unseren Reisen durch die europäischen Theaterlandschaften gestoßen sind,macht es schwer, allgemein-europäische Tendenzen zu bestimmen. Was den ästhetischen Ansatz, die Art zu inszenieren betrifft, zeigen sich jedoch deutliche Unterschiede zwischen den Ländern. In den skandinavischen Ländern beispielsweise ist Theater fast so etwas wie eine Volkskunst. Die Identifizierung des Publikums mit den Figuren wird angestrebt, oft ist in den Inszenierungen ein pädagogischer Unterton nicht zu überhören. Das Theater in Weißrussland mit seinen anrührend-kitschigen bis realistisch-pathetischen Spielweisen war mir auf altmodische Weise fremd. Ich habe dort aber auch Inszenierungen erlebt, die dem Fernseh-Format Soap-Comedy entsprungen schienen und mit vom Band eingespielten Lachern ganz auf die Unterhaltung der Zuschauer setzten. In Bosnien-Herzegowina ist der Krieg immer noch ein wichtiges Sujet der Theaterautoren, die Zuschauer scheinen sich aber nach etwas anderem zu sehnen. Beim Edinburgh Festival fiel mir in Gesprächen mit Autoren auf, dass die hierzulande von den Autoren geforderte „Welthaltigkeit“ ihrer Texte kein Thema zu sein scheint und in Großbritannien keine Scheu davor besteht, dass Stücke auch nur unterhalten. Und in Rumänien gibt es ästhetische Ansätze im Umgang mit Video und Sound auf der Bühne, die an den Volksbühnenstil der 90er Jahre erinnern. Insgesamt zeichnet sich ab, dass sich die europäischen Theatersprachen immer mehr einander annähern und gegenseitig beeinflussen. Verstärkt wird dies auch durch den temporeichen Informationsaustausch durch das Internet und Plattformen wie YouTube.

 

Beim Festival Neue Stücke aus Europa werden auch in diesem Jahr wieder die Stücke, die in einem bestimmten Kulturraum entstanden sind, außerhalb ihres Entstehungskontextes gezeigt und treten mit „fremden“ Zuschauern, aber auch untereinander in einen spannenden Dialog. Und es wird sich vielleicht zeigen, dass die kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Land auch gesamteuropäisch relevant ist.

 

Neue Stücke aus Europa
 

Yvonne Büdenhölzer

Yvonne Büdenhölzer war von 2005-2009 Leiterin des Stückemarktes des Berliner Theatertreffens. Im Herbst 2009 hat sie gemeinsam mit der Leiterin des Theatertreffens Iris Laufenberg bei den Berliner Festspielen ein Symposium zur Zukunft der zeitgenössischen Dramatik initiiert. Für die Theaterbiennale 2010 wurde sie als Mitglied der Künstlerischen Leitung und Festivalmanagerin in das Leitungsteam von Neue Stücke aus Europa berufen. 2011 wird sie zum Berliner Stückemarkt zurückkehren.