Text des Monats

Messer, Gabel und heilige Kühe

 

Der Text soll schon mal Appetit machen auf die neue Ausgabe der jungen bühne, die im September erscheinen wird. Dort werden wir neben vielen anderen spannenden Themen noch mehr über Theater in Indien berichten.


Von Anne Richter

 

Im Februar 2010 begann das größte berufliche Abenteuer für den 24-jährigen Schauspieler Shrunga B.V. aus Bangalore, der schon in 20 Inszenierungen auf indischen Bühnen stand. Die Regisseurin der Koproduktion des Ranga Shankara und des Schnawwl, Andrea Gronemeyer, nahm ihn in das deutsch-indische Ensemble auf, das gemeinsam in der Spielzeit 2010/11 eine Inszenierung erarbeitet, die in beiden Länder gespielt werden wird.

 

Am 7. Mai 2010 packte Shrunga seinen Koffer, um das erste Mal im Leben den indischen Bundesstaat Karnataka zu verlassen. Der Besuch der fünf indischen Kollegen aus dem Ranga Shankara diente zwei Wochen lang dem gegenseitigen Kennenlernen und der Konzeptfindung für die Inszenierung. In der ersten Woche arbeiteten die indischen Kollegen mit dem Schnawwl-Ensemble tagsüber in einem Workshop am gegenseitigen „Do I know U?“, abends besuchten sie gemeinsam Vorstellungen aller Sparten im Nationaltheater Mannheim. Noch waren die Deutschen Gastgeber und hatten einen Heimvorteil, doch schon in der zweiten Woche der Begegnung begaben sich alle zusammen in Stuttgart beim internationalen Kinder- und Jugendtheaterfestival „Schöne Aussicht“ auf eine abenteuerliche Theaterreise des gemeinsamen Erlebens und Arbeitens.

 

Gegen Ende seiner Deutschlandreise hantiert Shrunga schon ganz geschickt mit seinem Messer und verstreicht den flüssigen Honig kunstvoll auf seinem Brötchen. „Ich hatte von Messer und Gabel natürlich schon gehört, aber nun sehe ich es tagtäglich und findet es immer noch sehr befremdlich, mein Essen nicht anzufassen.“ Spargel und Pellkartoffeln konnte er aber gut essen, ebenso Käsespätzle mit Salat. Eine magische Vokabel für ihn ist „Leitungswasser“; dass aus der Leitung Trinkwasser kommt, ist ein Wunder, das er gerne und ausgiebig nutzt.

 

Für sich selbst überraschend sind Shrunga vor allem die Gemeinsamkeiten mit den deutschen Theaterkollegen aufgefallen: „Wir gehen, stehen und sehen wie ihr. Wir alle müssen schlafen.“ Die Workshops bezeichnet er lachend als „Funshops“. „Wenn ich Spaß habe bin ich 100% da. Dann bin ich ganz.“ betont er. Auch das unterscheidet ihn nicht von vielen deutschen Kollegen. Das Experiment der Stuttgarter Festivalleitung, einen Workshop für 50 internationale Teilnehmer anzubieten, fand er völlig okay. „In Indien sind wir immer viele.“ grinst er ganz entspannt. Manchmal musste er sich aber doch überwinden. „Ich weiß, dass ich ein gutes Rhythmusgefühl habe, aber ein indisches. Ich musste mich wirklich überwinden, in der „Open Stage“-Jamsession im JES mitzuspielen. Das war ein großer Schritt und dann so toll.“ stellt er mit Stolz fest.

 

Überraschend für die Mannheimer wie die Inder war auch die Erfahrung, bei der Beurteilung von Inszenierungen auf dem Festival in Stuttgart sehr, sehr oft gleicher Meinung zu sein. Die lettische Inszenierung „Oper Circle“ hat ihn wie viele Europäer sehr beeindruckt. „Das ging direkt von Herz zu Herz.“ Unterschiede gibt es aber doch: „Ich sehe Theater aber immer wie ein Kind. Ich finde es gut oder schlecht. Kritisieren und Differenzieren habe ich nie gelernt. Auf dem Gebiet nehme ich viel aus Stuttgart und Mannheim mit.“

 

Shrunga betont außerdem noch einen Unterschied: „Hier geht alles etwas schnell. Aber ich bin wie eine Kuh. Jetzt schlinge ich erstmal alles runter. Später werde ich es wieder hoch holen, langsam wiederkäuen und dann in Ruhe verdauen.“

 


Wer Shrungas Erlebnisse in der Deutschen Theaterlandschaft und die Begegnung des Schnawwl Ensembles mit dem Ranga Shankara Theater weiter verfolgen will, kann dies im dafür eingerichteten Blog tun.

 

www.schnawwlrangashankara.blogspot.com

Shrunga aus Indien; Foto: Tobias Metz
Shrunga aus Indien; Foto: Tobias Metz