Thema des Monats

Foto: Ron Gerlach
Foto: Ron Gerlach

Theater ungehindert

 

Von Elisa Giesecke

 

Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des Theaters RambaZamba haben wir uns entschlossen den folgenden Text, der bereits in der aktuellen Ausgabe der "jungen bühne" erschienen ist, zusätzlich online zu veröffentlichen.

 

Für Michael läuft es heute nicht so gut. Während seine Schauspiel-Kollegen im Foyer der Berliner Kunstwerkstatt "Sonnenuhr" an einem großen runden Tisch genüsslich zu Mittag essen, sitzt er etwas abseits und wimmert, den Kopf erschöpft gegen die Wand gelehnt. Dabei soll er doch am Abend auf die Bühne.Die "Winterreise" nach dem berühmten Liederzyklus von Franz Schubert steht auf dem Programm des Theaters RambaZamba. Ensemble-Chefin Gisela Höhne ist besorgt. Nicht um die Aufführung, sondern um ihren Darsteller. Der wird nämlich immer blasser. Als sie ihn an die frische Luft führen will, fällt er auch noch um. Todkrank, denkt man. Doch weit gefehlt. "Jetzt spielt er wieder", stöhnt die Regisseurin. "Keiner will so sehr spielen wie Michael, das demonstriert er auch gerne außerhalb der Bühne. Er kennt alle Rollen und ist jederzeit in der Lage, für seine Kollegen einzuspringen; manchmal bemerkt er erst kurz vor dem Auftritt, dass er das Kostüm eines anderen noch über sein eigenes gezogen hat." Wenn das keine Leidenschaft ist. Und jetzt ist ausgerechnet er krank. Oder doch nicht?

 
Im Theater RambaZamba tickt die Uhr ein wenig anders. Bemerkenswert anders. Denn das Ensemble besteht größtenteils aus Menschen mit geistiger
Behinderung. Michael beispielsweise hat das Down-Syndrom. Genauso wie Mario, Juliana, Moritz, Jan-Patrick, Jennifer, Martin, Johannes, Helmut, René, Rita und Nele (Beim Down-Syndrom handelt es sich um eine unveränderbare genetische Besonderheit. Anstatt der üblichen 23 Chromosomenpaare weisen die Zellen der Menschen mit Down-Syndrom ein zusätzliches Chromosom auf. Das Chromosom 21 ist bei ihnen dreifach vorhanden, deswegen spricht man auch von einer Trisomie 21). Einige von ihnen sind seit über zehn Jahren, teilweise sogar seit der ersten großen Inszenierung des Ensembles 1991, dabei. Ein großer Glücksfall für sie, denn Gisela Höhne und Klaus Erforth, die vor zwanzig Jahren die "Sonnenuhr" für ihren mit Down-Syndrom geborenen Sohn Moritz erfanden, haben ein Kunst-Refugium geschaffen, das seinesgleichen sucht. Die Kombination von Kunst-Atelier und Theater, bestehend aus den Ensembles Höhne, Erforth (Kalibani) und Circus Sonnenstich macht möglich, was behinderten Menschen im sozialen Alltag verwehrt bleibt. Hier werden sie nicht ständig mit ihren Grenzen konfrontiert, sondern können sich entsprechend ihrer Fähigkeiten entfalten. Es sind wahre Meister ihres Fachs,die Abend für Abend auf der Bühne stehen und die Welt nicht nur in Frage, sondern auf den Kopf stellen. Absurd, leidenschaftlich, komisch, ernst, charmant, beseelt, pfiffig, verbissen – die Klaviatur des Lebens wird mit Lust und Fantasie bespielt. Inzwischen ist RambaZamba weit mehr als nur ein Theater für Menschen mit Behinderung. Längst gehören Gastspielreisen und Auftritte in großen Häusern zum Alltagsgeschäft der Schauspieler. Künstlergrößen wie Frank Castorf, Meret Becker oder Otto Sander zählen sich zu erklärten
Anhängern und traten teilweise schon selbst mit den Darstellern auf. Selbst der Dramatiker Heiner Müller sprach seinerzeit von "einer Qualität des Andersseins im Zeitalter der Nivellierungen".
 
Von Starallüren ist trotz einer solch prominenten Fangemeinde nicht viel zu spüren. Dafür ist auch gar keine Zeit. Nach der Mittagspause ist erst einmal eine halbstündige Probe für die Abendvorstellung angesetzt. Michael wurde inzwischen von seiner Mutter abgeholt – sein malades Erscheinungsbild war diesmal wohl doch nicht seinem Schauspieltalent zuzuschreiben. Für Gisela Höhne bedeutet das, sie muss umdisponieren. Mit zarter Strenge fordert sie die Schauspieler auf, ihre Positionen einzunehmen, alle folgen ihrer Anweisung, nur Hans-Harald bleibt, in Gedanken versunken, stehen. Sein Hörgerät liegt noch in der Garderobe. Etwas verstimmt nimmt die Regisseurin die dadurch entstandene Verzögerung hin, doch schließlich sind alle bereit. Für fremde Augen beginnt nun ein kaum nachvollziehbares Treiben, dessen Sinn sich nur der Regisseurin und den Akteuren erschließen mag. Hinter einem langen Tisch, der beinahe die gesamte Länge der Bühne einnimmt, sitzen zunächst, wie Perlen an einer Schnur aufgereiht, die Darsteller. Sie reden erst wild durcheinander, dann rennen sie auf den vorderen Teil der Bühnen und kreisen in schnellen Drehungen um die eigene Achse. Weißes Papier wird mechanisch in Fetzen gerissen, während sich die Körper hin und her wiegen oder sich scheinbar in einem Anfall des Schmerzes zusammen krampfen. Immer wieder ruft die Regisseurin dazwischen, lobt oder bittet um Konzentration und treibt diejenigen an, die gerade den Faden verloren haben. Nach einer halben Stunde ist alles vorbei. Kaum vorstellbar, dass daraus am Abend eine vollständige Aufführung entstehen soll. Dennoch ist sich Höhne sicher: "Das war keine schwierige Probe, aber da Michael nun fehlt, muss man natürlich entsprechend ausprobieren." Aber seine Lücke wurde problemlos gefüllt.

 
Überhaupt ist das Probieren und Improvisieren die wichtigste Methode, die Akteure an einen Stoff heranzuführen. Dabei zeigen sie schnell, was sie spielen wollen und was nicht. "Sie mimen grundsätzlich nur das, wozu sie einen Zugang haben", erklärt Höhne. »Es bringt daher auch nichts, sie beispielsweise eine Szene in einem Café spielen zu lassen, wenn sie noch nie in einem Café waren. Ich muss dann umdenken und eine Tür öffnen, etwa wenn ich sage, wir spielen das Café unserer Träume, in dem ihr alles sein dürft, was ihr euch wünscht. Nur so funktioniert es." Die Stoffe, denen auf der Bühne Leben eingehaucht wird, sind solche, die in der Gesellschaft wurzeln, die aber gleichzeitig in engem Zusammenhang mit dem Leben der behinderten Menschen stehen. So wie "Mongopolis", einer Inszenierung, in der es um den perfekten Menschen geht, um Themen wie Euthanasie und Bioethik. Dennoch ist die Theaterwissenschaftlerin Höhne sehr darauf bedacht, die Schauspieler mit solch ernsten Themen nicht zu überlasten, und sorgt daher für einen abwechslungsreichen Spielplan. Zwischen "Medea" und "Winterreise" sind daher auch "leichtere" Stücke wie "Weiberrevue" oder "Das Herz ist kein Fußball"  zu finden.

 
Beeindruckend die Professionalität, die die Schauspieler an den Tag legen. Keine Spur von Aufregung, dafür leuchten die Augen in der Vorfreude auf die Vorstellung. Mario und Grit sehen überhaupt nicht ein, warum sie nervös sein sollten. "Ist doch toll, auf der Bühne zu stehen", sind sie sich einig. Tatsache. Doch auch ein Profi fällt nicht einfach vom Himmel. Gisela Höhnes Ton wird strenger, wenn es um dieses Thema geht: "Die Schauspieler müssen wissen, das alles wichtig ist, was auf der Bühne passiert. Jedes Detail muss sitzen, da bin ich gnadenlos. Erst so schafft man eine gewisse Professionalität, alles andere ist schlechtes Theater." Eine deutliche Entwicklung seit den Anfängen sei insgesamt zu erkennen. "Sie spielen mittlerweile mit so viele Tiefe und Ernsthaftigkeit und wollen auch Altes gar nicht mehr wiederholen. Wenn ich ein Stück neu aufnehmen, kann ich also auch etwas dazu tun oder weglassen, ohne dass sie das durcheinander bringt."
 

Gute Voraussetzungen also für einen weiteren gelungenen Theaterabend. Als die Vorstellung der "Winterreise" beginnt, liegt eine eigenartige Spannung in der Luft, ein Flimmern, so als bestünde der Raum nur noch aus der Energie der Schauspieler. Vom Chaos der Nachmittagsprobe ist nichts mehr zu spüren. Die Tür öffnet sich, ein letzter Zuschauer schlüpft hindurch – es ist die berühmte Schauspielerin Angela Winkler, deren Tochter Nele im Ensemble spielt. Man merkt, sie ist hier zuhause; den Auftritt ihres Kindes genießt sie hörbar, immer wieder ist ein glockenhelles Lachen zu vernehmen. Nele ist einfach wunderbar, ihre leicht stockende, aber leidenschaftliche Art zu sprechen, ihre hingebungsvolle Art zu tanzen, wie sie ihr ganzes Sein auf der Bühne zum Strahlen bringt. Joachim, einer der Erfahreneren im Ensemble, beeindruckt mit seiner kraftvollen Präsenz und rührt zugleich mit seinem klaren, beseelten Tenor. Grit, die Unsentimentale, pfeffert ihre Worte ganz unverblümt über die Bühne, so dass man nur staunen kann angesichts der Kraft, die aus ihr herausströmt. Und Juliana zieht mit ihrer ungeheuer liebreizenden Ausstrahlung alle Blicke auf sich. Jeder der Darsteller imponiert mit seiner ihm eigenen Fähigkeit, Geschichten zu erzählen. Die anfängliche Befürchtung, die behinderten Künstler könnten auf unangenehme Weise vorgeführt werden, ist mit einem Mal erloschen. Wenn das keine Kunst ist, was dann? Gisela Höhne ist überzeugt, dass man ein Projekt wie RambaZamba nur leiten kann, wenn man die Würde dieser besonderen Menschen zu wahren weiß. "Das, was sie sind, muss Teil des Kunstproduktes sein. Zu zeigen, was sie alles nicht können, geht überhaupt nicht, das wäre dann ein Vorführen ihrer Behinderung, und das wollen wir nicht. Wir haben bisher immer erreicht, dass die Zuschauer nach wenigen Sekunden vergessen, dass die Schauspieler anders sind."
 

Auch an diesem Abend ist dieses Phänomen zu bemerken. Die Zuschauer blicken wie gebannt auf die Bühne und belohnen die Leistung der Akteure anschließend mit tosendem Applaus. Sofort wird klar, es gibt keinen besseren Ort für diese kreativen Menschen als das Theater. Denn als Instrument der Verkehrung dessen, was gemeinhin als Normalität betrachtet wird, als Ort des Absurden, Phantastisch-Unlogischen eröffnet es den Akteuren in ihrem "Anderssein" ungeahnte Möglichkeiten. Logische Strukturen gibt es nicht – und gerade das macht den Charme und die Authentizität des Spiels aus. "Ich kann diese Energie, die zwischen Schauspielern und Publikum entsteht, nicht trainieren, ich kann nur die Voraussetzungen dafür schaffen. Das ist natürlich eine Herausforderung, aber das ist auch das, was ich an diesem Theater so liebe, erklärt Höhne. Dass dies auch ohne klassische Schauspielausbildung funktioniert, bestätigt sich immer wieder. Dennoch werden den Ensemble-Mitgliedern täglich Grundtechniken vermittelt, um das
künstlerische Niveau aufrecht zu erhalten. Von Zeit zu Zeit reisen Choreografen und Sänger an, um mit ihnen Bewegungs- oder Stimmtechniken zu erarbeiten. Und das zahlt sich aus. Was vor drei Jahren lediglich Freizeitbeschäftigung war, ist mittlerweile zu einem festen Arbeitsplatz für die professionell spielenden Künstler geworden. Ein großer Erfolg für alle Beteiligten.
 

Und die Akteure? Die sind nach der Aufführung glücklich, aber erschöpft. Nele hat sich am Finger verletzt und möchte lieber gleich nach Hause. Joachim gönnt sich noch ein Bier und Mario lehnt sich lässig in seinem Stuhl zurück. Aber vielmehr als ein "Ist gut gelaufen!" ist auch ihm nicht mehr zu entlocken.

 

www.theater-rambazamba.org