Thema des Monats

"Ich find', die singen da so komisch" - Oper für Anfänger

 

Ein Dokumentarfilm über ein besonderes Projekt am Theater Osnabrück: Schüler waren an der Entstehung der Oper „Der Freischütz“ beteiligt.

 

 

 

Rund um die Entstehung der Inszenierung DER FREISCHÜTZ überlegten GMD Hermann Bäumer, Intendant Holger Schultze und ihr Team, wie es Realität werden kann, junge Menschen, die bisher in keiner Weise mit dem Metier Oper in Berührung gekommen sind, dafür zu interessieren. Nach zahlreichen Gesprächen mit Lehrern und Direktoren stand fest: Es wird eine Premierenklasse der besonderen Art gegründet! Erste Begegnungen mit Schülern der Hauptschule „Felix-Nussbaum-Schule“ und des „Gymnasiums in der Wüste“ fanden statt. Ein Projekt wurde vorgestellt, bei dem die Jugendlichen beider Schulformen gemeinsam von Anfang dabei sein sollten, um das musikalische Werk Carl Maria von Webers, aber auch den Probenalltag von Künstlern, Technikern, Maskenbildnern, Ausstattern etc. kennen zu lernen und zu erfahren, was alles notwendig ist, damit sich am 26. September 2009 der Premierenvorhang für die Oper öffnen kann. Die Schüler sollten ohne Vorerfahrungen, also "Opernfremd" das Projekt beginnen, und es nach zahlreichen vielseitigen Einblicken und Aktionen als "Opern-Insider" beenden.

 

Erste spielerische Begegnungen am Kennenlerntag machten die Schüler miteinander bekannt, denn sie kannten sich nicht nur persönlich nicht, auch die Schulformen waren sich fremd und mit gegenseitigen Vorurteilen belastet. Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Gymnasiasten und Hauptschülern wurden spielerisch thematisiert, Begegnungshürden überwunden und sehr schnell eine Gemeinschaft erzielt.
Die Schüler lernten den Theaterbetrieb aus der Perspektive der Macher kennen, waren bei Proben mit dabei und konnten sich direkt mit allen Mitwirkenden austauschen. Sie wurden in Workshops und Projektarbeiten nicht nur an das Thema "Oper" herangeführt, sondern auch zur eigenen Kreativität animiert. Neben Führungen und Konzeptionsgesprächen zeigte z.B. Generalmusikdirektor Hermann Bäumer den Orchestergraben, den Probensaal und erklärte die Struktur eines Orchesters. Chordirektor Peter Sommerer verführte die Jugendlichen zu eigenen kleinen Probedirigaten. Die Musiktheaterpädagogin half den Schülern mit einer szenischen Vorbereitung, sich in die Figuren der Oper hinein zu versetzen. Gemeinsam spielte die Gruppe die Handlung der Oper durch, verglich die Figuren miteinander und diskutierte über die Musik.

 

Anhand eines Videodrehs mit dem Opernregisseur Lorenzo Fioroni beteiligten sich die Jugendlichen sogar selbst und aktiv an der szenischen Umsetzung der Wolfsschlucht-Szene. Es wurde ein professioneller Drehtag mit den Jugendlichen organisiert. Der Einsatz von Waffen war Ausgangspunkt für sehr intensive Diskussionen aller Beteiligten bei der Aufnahme dieser Filmsequenz. Erörtert wurden Fragen von Sinn und Unsinn solcher Spiele: Sind es Spiele? Wie lange bleibt es ein Spiel? Wann wird eine Hemmschwelle überwunden? Verlieren die ‚User’ den Bezug zur virtuellen Welt und aus dem vermeintlichen Spiel wird Ernst? Wie verhält sich die Realität in der Kunst? Ernsthafte Fragen, die die Neuntklässler bewegten, die aber auch von den Theaterleuten als solche aufgenommen und behandelt wurden. Das Video mit den Projektteilnehmern, das das Computerspiel simuliert, wurde Bestandteil der Inszenierung und somit in jeder Vorstellung des „Freischütz“ zu sehen.

 

Da „Der Freischütz“ eine Oper ist, die auch die Natur und insbesondere Wald-Atmosphäre thematisiert, ging es gemeinsam mit dem Bezirksförster Werner Scholz auf eine Exkursion in einen Wald bei Kalkriese. Die Schüler erfuhren Unterschiede der Berufsbilder Förster und Jäger. Begleitet wurde sie außerdem von einem Symphoniker, dem Hornisten Sascha Hermann. Er stellte in der Natur die Klangunterschiede seines Instrumentes vor, das Horn als Naturklang, als Signalinstrument, und wie es zum Zuspielen von Signalen benutzt wird.

 

Im Rahmen des konzertpädagogischen Projektes MOVING THEATRE luden Mitglieder der Osnabrücker Symphoniker Marco Liechti, Matthias Wernecke und Sascha Hermann zu einem Kompositionsworkshop ein. Durch die Schüler sollten einige Passagen aus der Oper neu vertont und arrangiert werden, z. B. das Volksfest, Passagen von ‚Agathe’ und ‚Max’ sowie das Freikugelgießen in der Wolfsschlucht. Wer musikalisches Vorwissen besaß, konnte dieses selbstverständlich einbringen. Wer erstmals mit dem Komponieren und Instrumenten in Berührung kam, konnte das Horn, den Kontrabass, Schlaginstrumente oder das ein Mikrophon zum Rappen für sich entdecken. Die Schüler präsentierten das Ergebnis dieser Arbeit im Rahmen der Einführungsmatinee zur Premiere DER FREISCHÜTZ vor gestandenem Opernpublikum und ernteten einen nicht endenden wollenden Applaus. Chordirektor Peter Sommerer stellte den Antrag das Instrumentenlexikon zu erweitern: um das neu durch die Schüler erfundene HIP-HOP-Horn.

 

Ein Kamerateam begleitete Haupt- und Gymnasialschüler von Juni bis September bei ihrer Entdeckungsreise durch das Osnabrücker Theater (den Film könnt ihr oben sehen, Anm. d. Red.). Das NDR Fernsehen dokumentierte die Entdeckungsreise der Beteiligten, ihre Erfahrungen, Eindrücke und Entwicklungen. Es war faszinierend zu beobachten, wie die Jugendlichen nach und nach in die ihnen so fremde Welt eintauchten, sie verstanden und am Ende von der Oper begeistert waren; zwar nicht alle - aber was im Theater passiert, das hatten alle verstanden. Der 60-minütige Film wurde mit dem puK-Journalistenpreis ausgezeichnet. Die Musiktheaterpädagogin Annette Schekahn erhielt als Auszeichnung für ihre Arbeit an dem Projekt ein Stipendium der Richard-Wagner-Stiftung.

 

                                                           Annette Schekahn

 

Der Film kann auch in der Mediathek des NDR angesehen werden.