Thema des Monats

Manderlay in Shanghai

 

von Matthias Renger

 

Der Autor dieses Textes hat bereits in der aktuellen Ausgabe der "jungen bühne" über die erste Chinareise seines Studiengangs berichtet.

 

Matthias Renger studiert im 4. Jahr des Studiengangs Schauspiel an der Bayerischen Theaterakademie August Everding und der Hochschule für Musik und Theater München.

 

 

Erst ein Jahr ist es her, dass wir mit Dogville zum China Shanghai International Arts Festival eingeladen waren und keiner von uns hätte damals ernsthaft zu hoffen gewagt, dass wir genau ein Jahr später mit Manderlay, dem zweiten Stück der Amerika-Trilogie von Lars von Trier, erneut in Shanghai auf der Bühne stehen würden. Wir, das heißt der mittlerweile vierte Jahrgang der Bayerischen Theaterakademie August Everding aus München. Das begleitende Team ist dasselbe wie letztes Jahr: Jochen Schölch, Direktor des Studiengangs Schauspiel und Regisseur von Dogville und Manderlay, Veronika Jabinger, seine Assistentin, Thomas Koch, der genau wie letztes Jahr das Gastspiel inklusive Finanzierung organisiert hat und in der Direktion der Akademie für Kommunikation und Internationale Beziehungen zuständig ist. Außerdem Friedrich Rauchbauer, Gesangsdozent der Akademie und musikalischer Begleiter auf der Bühne und das eingespielte Team der Bühnentechniker: Stefan Wintersberger, technischer Leiter des Bühnen- und Lehrbetriebs der Akademie, Christof Schaaf, technischer Direktor der Akademie, Peter Platz, Lightdesigner und Domagoj Maslov, Inspizient der Produktion.


Unsere 10-tägige Reise beginnt am 11. Oktober 2010 und am 7. November wird unser Absolventenvorsprechen in München sein, dementsprechend sind wir alle etwas weniger aufgeregt als letztes Jahr, denn die tägliche Vorbereitungsarbeit für dieses Vorsprechen beschert uns allen ein bisschen das Gefühl von Routine und – so falsch das auch klingt – diesmal ist unser Shanghai-Gastspiel ebenfalls ein bisschen Routine. Zumindest zu Beginn. Wir genießen den Direktflug und können uns bewusster als letztes Jahr auf die Zeitumstellung vorbereiten, um keinen Jetlag zu kriegen. Bei der Ankunft ist auch die gigantische Metropole nicht mehr ganz so überwältigend wie beim ersten Anblick. Und unserem Gefühl von Routine folgend wollen wir dann zu unserem vertrauten Hotel, in dem wir letztes Jahr waren. Dass wir wieder hier unterkommen würden, war auch eigentlich klar, aber jetzt kriegen wir auf halbem Weg die Info, dass unser Hotel dann doch ein anderes ist. Zwar nur zwei Minuten weiter entfernt, aber ein Schreck für uns alle: die Zimmer stinken nach Rauch, es gibt kein einziges Bad ohne Schimmel in den Fugen, vom Fenster jedes Doppelzimmers bis zum rund um die Uhr stark befahrenen Highway sind es etwa 6 Meter, an der Rezeption steht man gefühlte Stunden und das Frühstück bestellen wir am dritten Morgen ab, damit kann man keinen Tag beginnen! Glücklicherweise wird in Shanghai kein Europäer arm, wenn er sein Essen nicht im Hotel zu sich nimmt, sondern die Stadt in kulinarischer Hinsicht ein bisschen erforscht. Und was wir bei dieser Erforschung so alles auffinden, versöhnt uns dann wieder ein wenig mit den Umständen; besonders lecker und günstig finden wir die Garküchen in den Straßen, bei denen man für umgerechnet 50 Cent satt wird.


Die Proben laufen gut, die Bühne kennen wir ja auch schon und diesmal ist die Zensur auch kaum ein Thema. Eigentlich erfreulich, könnte man denken, aber zunehmend zeichnet sich die völlige Reibungslosigkeit des Abenteuers ab. Niemand holt uns diesmal in einen großen roten Raum und lässt uns an den skurrilen Abläufen kommunistischer Etikette teilhaben, niemand verlässt während der Vorstellungen den Saal, irgendwie könnte dieses Gastspiel auch in einer deutschen Kleinstadt stattfinden, nur dass wir dort keine Übersetzungstafeln links und rechts der Bühne bräuchten. Das ist der einzige Punkt, in dem wir – wenn es denn Absicht ist – Widerstand spüren: in zwei von drei Vorstellungen spinnen die LED-Boards, sie verzögern die chinesischen Übersetzungen, springen dann plötzlich 20 Repliken auf einmal vorwärts und verhindern so, dass das Publikum der Handlung wirklich folgen kann, was bei Manderlay ohnehin schon schwieriger ist als es bei Dogville war. Die Bilder der Inszenierung erklären sich nicht von selbst, im Gegenteil, sie geben ohne Übersetzung eher Rätsel auf. Abgesehen von dieser Schwierigkeit lässt man uns ganz schön ins Leere laufen mit unseren Erwartungen, aufrüttelnde Kunst nach Shanghai zu bringen, so wie wir das 2009 mit Dogville empfunden haben. Später erfahren wir, dass genau das die Veränderung in China seit dem letzten Jahr ist: die Strategie, gefürchteten Einflüssen mit Zensur, strenger Überwachung und widersprüchlichen Informationen zu begegnen, ist einer neuen, bequemeren Methode gewichen. Man begegnet ihnen einfach überhaupt nicht mehr. Die chinesischen Zuschauer reagieren in den drei gut besuchten Vorstellungen zwar überraschend emotional auf entsprechende Stellen im Stück, aber unsere Irritation über das Fehlen jeglicher Friktion bleibt bestehen. Diese Strategie ist wirksam, einige von uns sind zunehmend demotiviert und würden nach den Vorstellungen gerne wieder abreisen!


Zum Glück finden aber nach dem Gastspiel die Workshops mit den Studenten der Theaterakademie Shanghai statt, die dieser Reise den eigentlichen Sinn geben. So empfinden wir das alle, denn hier treten wir endlich richtig miteinander in Kontakt. Was uns letztes Jahr mithilfe kurzfristiger Organisationsänderungen unmöglich gemacht wurde, wissen wir dieses Jahr beherzter einzufordern, indem wir gleich am ersten Workshop-Tag den Studenten persönlich auf Englisch sagen, dass wir noch zwei weitere Tage mit ihnen arbeiten werden und dass wir sie auch privat kennenlernen möchten und sie deshalb am Abend ins Hofbräuhaus im Stadtteil Pudong einladen. Eigentlich waren diese Pläne vorher deutlich kommuniziert worden, aber die Studenten wissen offensichtlich von nichts, denn sie sind freudig überrascht und sie kommen tatsächlich zu diesem Abend. Davon sind wir wiederum freudig überrascht, wir wären nicht allzu erstaunt gewesen, wenn wir wie letztes Jahr allein im Hofbräuhaus gesessen hätten. Nein, fast alle 34 chinesischen Studenten des zweiten Jahrgangs erscheinen und genießen den Abend ebenso wie wir, ständig schießen sie Fotos, bombardieren uns mit Fragen und beantworten unsere, schließen Freundschaften mit uns und verlieben sich zum Teil sogar… Vom typisch deutschen Essen zeigen sie sich ebenso befremdet wie wir uns gelegentlich vom chinesischen, sie zeigen mit widerstrebender Neugier auf Kartoffelpüree und Sauerkraut und wollen wissen, was das ist. Leider gehen die meisten um spätestens 23 Uhr nach Hause, sie brauchen Schlaf, denn sie stehen früher auf und müssen früher zum Unterricht als wir. Nur die vier Mongolen aus dem Jahrgang bleiben noch ein bisschen und singen uns ihre Lieder vor, wir antworten mit unserem nicht nur deutschen Liederrepertoire. Auf die Frage, warum sie länger bleiben, antworten sie, dass sie es als Mongolen nicht leicht haben, unter den chinesischen Kommilitonen Freunde zu finden und dass sie unsere Gesellschaft deshalb noch mehr genießen.


Dieser schöne Abend mit den Studenten ist eine ideale Grundlage für die weiteren Workshops, in denen wir sehr intensiv miteinander arbeiten. Ungewohnt für die Chinesen ist unser Ansatz, dass wir Studenten selbst verschiedene Übungen anleiten, einander unsere Beobachtungen mitteilen und uns auch mit dem Dozenten auf Augenhöhe darüber austauschen. Wir unterhalten uns alle zusammen lange über Ähnlichkeiten und Unterschiede unserer Ausbildung und unseres Theaterverständnisses, experimentieren mit unseren mitgebrachten Masken, die wir für Manderlay verwenden, und haben großen Spaß beim gemeinsamen Improvisieren. Die große Schwierigkeit bei dieser gesamten Zusammenarbeit ist immer die Übersetzung. Aus Deutschland darf kein Dolmetscher mitgebracht werden und unsere Übersetzerin vor Ort kommt aus dem wirtschaftlichen Bereich, dementsprechend schwierig gestaltet sich die Kommunikation über künstlerische Inhalte. Davon, sich zu öffnen, menschliche Prozesse theatral sichtbar zu machen und Authentizität im Ausdruck anzustreben, hat sie augenscheinlich noch nie gehört und kann das auch nicht auf Chinesisch sagen. Entweder übersetzt sie schwierige Punkte gar nicht oder aber in sehr förmliches Amtschinesisch, das die Studenten in diesem Kontext gar nicht begreifen können. Natürlich ist ihr kein böser Wille zu unterstellen und ihre Beklommenheit ist ihr deutlich anzusehen, aber damit sie ihr Gesicht wahrt, können wir trotzdem nur ab und zu aufs Englische zurückgreifen, das ein paar Studenten sehr gut beherrschen und dann für alle ins Chinesische übersetzen.
 

Was wir im direkten Kontakt mit den Leuten erfahren, ist teils verstörend. Besonders bestürzt sind wir, als wir hören, dass die chinesischen Studenten manchmal geschlagen werden. Richtig mit einem Rohrstock zur Strafe, wenn sie etwas falsch machen. So wie das in Deutschland früher noch Bestandteil einer normalen Kindheit war und wie die meisten von uns es erst vor kurzem in Michael Hanekes „Das weiße Band“ gesehen haben. Diese Atmosphäre erzieherischer Brutalität erscheint im Schwarz-Weiß-Film zwar greifbar realistisch, aber doch auch eindeutig vorüber und vorbei. In China aber ist sie noch immer aktuell. Letztes Jahr hörten wir davon nicht ein Wort – wahrscheinlich, weil das nicht zu den Informationen zählt, die wir Europäer uns über China erzählen sollen. Die Konsequenz dieser Erziehungsmethode ist ein erhebliches Problem in der künstlerischen Zusammenarbeit zwischen den Chinesen und uns. Denn viele unserer Übungen sind darauf ausgerichtet, dass wir Fehler machen und daran wachsen können, und dass wir nicht in Kategorien wie „richtig und falsch“ denken. In solchen Kategorien bleibt Darstellung immer ein Klischee, so spielt jeder seine Rolle, wie man sie richtig spielt – statt individuell und interessant. Bei den Chinesen war jedoch in den Workshops immer wieder zu beobachten, dass sie alles richtig machen wollten und auch ihre Fragen zielten darauf ab. Die Essenz mancher unserer Übungen war so kaum zu vermitteln.


Insgesamt stellen wir fest, dass unsere Erfahrungen nicht so leicht wiederzugeben sind wie im Vorjahr. Damals schien unsere Reise rückblickend ein wenig überschaubarer, diesmal ist alles so viel differenzierter, die meisten Punkte kann man von verschiedenen Positionen aus betrachten. Qualitativ kann man die unterschiedlichen Theater- und Gesellschaftsauffassungen Chinas und Deutschlands ohnehin nicht vergleichen, auch wenn viele Situationen dazu verführen. Natürlich kann in China nicht die Rede sein von einem gewissen Maß an persönlicher Freiheit, das hier so selbstverständlich scheint. Aber diese große Freiheit ist manchmal auch sehr kompliziert. Jeder von uns zieht seine eigenen Schlüsse aus der Erfahrung dieses Shanghai-Aufenthaltes 2010, und die Eindrücke sind so unterschiedlich, dass es schwer fällt, sie zusammenfassend aufzuschreiben.

 

Das Gastspiel wurde gefördert von dem Nachwuchsförderprogramm des Goethe-Instituts, der Richard-Stury-Stiftung, dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München, der Stiftung Ex Oriente und der Lanxess AG.

 

Die Aufführungen fanden statt im Rahmen des 12th China Shanghai International Arts Festivals im Großen Theater der Shanghai Theatre Academy. Die Workshops wurden gemeinsam organisiert mit der Schauspielabteilung der Shanghai Theatre Academy.

 

Links zum Thema:

 

www1.chinaculture.org/focus/focus/2010sh12jgjysj/2010-10/20/content_397254.htm

 

www.expo2010-germany.de/erleben/events/details/event/manderlay-nach-lars-von-trier-gastspiel-der-bayerischentheaterakademie-in-sh/

 

www.theaterakademie.de