Foto: Frank Wölfl
Foto: Frank Wölfl

Thema des Monats Februar 2011

„Fit fürs Abi in 5 Tagen“ oder Wie ich endlich Freundschaft mit Kafka schloss

 

Von Annelie Mattheis und Janine Quinger

 

Schulstoffe im Theater – warum denn eigentlich nicht? In Baden-Württemberg machen jährlich ca. 64.000 Schülerinnen und Schüler Abitur. 2012 werden es durch G8, das Abitur in 12 Jahren, voraussichtlich sogar 86.000 sein. Sie alle beschäftigen sich in Deutsch mit Kleists „Michael Kohlhaas“, Kafkas „Der Process“, Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ und Liebeslyrik, den so genannten Sternchenthemen. So viele Experten für ein Thema findet man selten. Eine ideale Gelegenheit, mit jungen Menschen über die Sternchenthemen und über Theater zu diskutieren, – am besten im Rahmen eines Festivals mit Vorstellungen, Workshops, Vorträgen, Nachgesprächen und Podiumsdiskussionen. Ein solches Festival gibt es seit der Spielzeit 2009 / 2010 am Theater Baden-Baden: „Fit fürs Abi in 5 Tagen“. Selbstverständlich ist der Festivaltitel mit einem Augenzwinkern zu verstehen. Denn das Festival bietet vielfältige Sichtweisen auf die zu bearbeitenden Stoffe und nicht die fünf Sätze, die man unbedingt in der Abiturklausur schreiben sollte. Die Vorstellungen und Vorträge können und wollen die Lektüre der Sternchenthemen nicht ersetzen. Sie zeigen vielmehr neue Perspektiven auf die Stoffe und beschäftigen sich mit der theatralen Umsetzung von Epik und Lyrik sowie mit den Besonderheiten und Mitteln von Theater.

 

 

 Foto: Frank Wölfl

 

Kohlhaas mit nur zwei Darstellern – wie funktioniert das? Wie kann man Kafkas komplexes Werk „Der Proceß“ auf die Bühne bringen? Durch die theatrale Umsetzung entstehen Möglichkeiten für Schüler und Lehrer über Auslegungen und Interpretationen zu diskutieren und sich so noch einmal auf einer anderen Ebene mit den Abiturthemen auseinanderzusetzen.

In diesem Jahr steht das Festival unter dem Motto „Interpretation und Werktreue“. Wie darf das Theater mit Texten auf der Bühne umgehen? Sollen Klassiker heutig oder so wie zur Entstehungszeit gespielt werden? Welche Interpretationen sind erlaubt? Was darf verändert werden? Was wollte der Autor mit seinem Text sagen, und kann man das heute überhaupt noch wissen? Ist das wichtig? Was ist das Werk – der Text oder die Inszenierung?

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„Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ Dieser Satz dürfte allen Abiturienten Baden-Württembergs bestens bekannt sein- es ist der erste Satz von Franz Kafkas Roman „Der Process“. Und genau dieser „Process“ sorgt bei den meisten Schülern für Verwirrung, Unverständnis und nicht zuletzt auch für ein klein wenig Unwohlsein - denn dieser Roman Kafkas ist eines der Abiturthemen im Fach Deutsch, eines der sogenannten „Sternchenthemen“.

 

Kafka: Der Process

Kafka: Der Process

 

Das bedeutet, dass dieser Stoff im Abitur abgefragt wird und man sich notgedrungen mit der oft undurchsichtigen Gedankenwelt Kafkas auseinandersetzen muss. Hier ist dann im Deutschunterricht von Paradoxon, Hypotaxen und Metaphern die Rede und im Grunde genommen versteht man zunächst nur Bahnhof. Ich persönlich habe den „Process“ als mein Abithema im Fach Deutsch gewählt und mich erfolgreich bewährt - nicht zuletzt auch wegen „Fit fürs Abi in 5 Tagen“, was mir einen Anreiz geliefert hat, den „Process“ noch mal neu zu durchdenken und auf eine spielerische Art zu betrachten.„Fit fürs Abi in 5 Tagen“: Raus aus dem stereotypen Schulalltag und rein in die bunte Theaterwelt!

 

Ich selbst habe im letzten Jahr, in dem „Fit fürs Abi in 5 Tagen“ zum ersten Mal stattfand, am Festival teilgenommen und nicht nur die verschiedenen Stücke gesehen sondern auch anhand von Nachgesprächen und Vorträgen viel Interessantes und Wissenswertes über die Autoren und die jeweiligen Werke erfahren. Außerdem habe ich an einer Podiumsdiskussion teilgenommen, bei der sowohl wir Schüler wie auch die geladenen Gäste eifrig über die Abiturthemen im Fach Deutsch sowie den Deutschunterricht generell diskutierten.

 

Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame

Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame

 

Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich berichten, dass das Festival eine tolle Chance ist, sich mal auf einer ganz anderen, sinnlichen Ebene mit den Abiturthemen auseinanderzusetzen. Schließlich eröffnet so ein Theaterbesuch völlig neue Sichtweisen auf den gelesenen Stoff und plötzlich sympathisiert man vielleicht mit dem verqueren Josef K. der sich immer mehr in seiner eigenen Gedankenwelt zu verlieren droht, oder aber mit Kohlhaas, der - obwohl er unzählige Menschenleben auf dem Gewissen hat - Mitgefühl verdient, da er immense Qualen in seinem Kampf um Gerechtigkeit leidet. Oder man verspürt eine gewisse Sympathie für Claire, die nach später Rache dürstet. In jedem Fall ist es ein ganz besonderes Erlebnis, die Protagonisten nicht mehr nur auf zahllosen Seiten in einem Buch verfolgen zu können, sondern auch real auf der Bühne agieren zu sehen.

 

Anhand von ebenfalls angebotenen Vorträgen und Nachgesprächen gelang es mir und meinen Mitschülern, die Begleitumstände rund um die verschiedenen Werke sowie die Intentionen der Autoren besser nachvollziehen zu können. Theaterbesuche sowohl im Rahmen des Festivals wie auch privat haben mich neugierig gemacht, wie das Theater denn „Hinter den Kulissen“ so ist – welche Tätigkeitsfelder gibt es und was für Aufgaben gibt es in der jeweiligen Sparte?

 

 Kleist: Michael Kohlhaas

Kleist: Michael Kohlhaas

 

Also habe ich mich für ein Freiwilliges Soziales Jahr Kultur beworben und hier bin ich nun – im Theater Baden-Baden und in die Abteilungen Dramaturgie, Theaterpädagogik und Öffentlichkeitsarbeit miteingebunden. Dieses Jahr erlebe ich „Fit fürs Abi in 5 Tagen“ nun nicht mehr nur als Zuschauer sondern vor allem „Hinter den Kulissen“ und bekomme zum ersten Mal mit, wie viel Arbeit, Stress und Kraft notwendig ist, um so ein Festival auf die Beine zu stellen.

 

Doch eigentlich kann ich es ja ganz gelassen sehen – zwar bin ich auch in viele organisatorische Tätigkeiten während des Festivals miteingebunden und erlebe meine erste Regieassistenz, aber immerhin mein Abi habe ich in der Tasche.

 

www.fitfuersabiin5tagen.de

 

Zeichungen: Janine Quinger

 

Mehr Informationen zum Festival gibt es im aktuellen Blog der "jungen bühne".