Thema des Monats März 2011

"Ich möchte keinen Chef haben, ich bin ja auch kein Chef von irgendwem"

 

Porträt über den Ausnahmeschauspieler Fabian Hinrichs (zuerst erschienen in der Februar-Ausgabe der "Deutschen Bühne")

 

Von Jens Fischer

 

Ausgangspunkt: Unauffälligkeit. Also ein akkurater Herr, der arglos bis kläglich brav die Behauptung von abgesicherter Normalität in Haltungen übersetzt. Aber gleichzeitig getrieben wirkt, sehnig, hellwach und innerlich bebend bis fiebrig zuckend: die Spannung in Person. Was ist das große Unerfüllte, das hier nach Auffälligkeit drängt und die Ventile der Wohlanständigkeit zu überfordern droht? So beginnen Film-, aber vor allem Theaterabende mit Fabian Hinrichs.

 

Mit „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ avancierte der Hamburger an der Seite von Julia Jentsch zum Filmjungstar, verdient sich auch weiterhin Auszeichnungen und Geld mit Kino- und TV-Rollen. An der Westfälischen Schauspielschule in Bochum wurde der 34-Jährige aber mit dem Theatervirus infiziert, bildete sich an der Berliner Volksbühne unter Leander Haußmann, Christoph Schlingensief, Frank Castorf weiter – und ist als Blödeltheoretiker inzwischen Star-Clown der Verbal-Stakkati-Abende des René Pollesch. Statt als Dienstleister des Regietheaters steht er dort als „autonomer Intellektueller“ (Pollesch) auf der Bühne und verabscheut seither Spezialisierung. „Arbeitsteilung reduziert den Menschen. Ich bin Politologe, Musiker, Autor, Sportler, Schauspieler, Faulenzer, Dilettant, Liebhaber, studiere gerade Staatsrecht“, erklärt Hinrichs im Interview. Überschäumend dabei seine Freude, gemeinsam fröhlich laut zu denken. Er zitiert gern Soziologisches, Philosophisches, Pop-Lyrics und gibt den anspruchsvollen Individualisten. Aus dieser Haltung hat er für die Bühne einen versponnenen Entertainment-Typus entwickelt: kantig wie sein Kinn die Bewegungen, strubbelig wie sein Haupthaar die Wortgirlanden, schlaksig wie sein Asketenkörper das besessene Haschen nach Ambivalenzen von Rollen, Situationen, Worten, Sätzen. Jeweils möglichst viele Facetten reißt Hinrichs an und auf, seziert sie ironisch und lässt sich gleich wieder affektiv von ihnen mitreißen. Die Ästhetik seiner Darstellungskunst entspricht der lustvollen Gebrochenheit seines Denkens: Auftritte als Suchbewegungen.

 

 

 "Rust - Ein deutscher Messias"                   Foto: Kerstin Behrendt

 

Beispielsweise als deutscher Spießer im Deutschen Schauspielhaus Hamburg: Fabian Hinrichs erkundet das Phänomen des Moskau-Fliegers Mathias Rust, zeigt wie in einer armselig kleinbürgerlichen Hölle die Kränkungswut über die eigene Mittelmäßigkeit losschäumt und sich in Allmachtsfantasien entlädt. Präsentiert wird „Rust – Ein deutscher Messias“ von Studio Braun (Rocko Schamoni, Heinz Strunk, Jacques Palminger) als Revue, gemixt wird Laientheater-Jux, spektakulär verschwenderischer Ausstattungszauber und Anarcho-Comedy. Hinrichs arbeitete daran mit, wie er es bei Pollesch gelernt hat: Das gesamte Team sammelt Material, bearbeitet es, alle sind mitverantwortliche Schöpfer und Interpreten, Darsteller, Autoren und Regisseure. Hinrichs: „Ich mache gern alles, nicht weil ich die tolle Kanone bin, sondern gern partnerschaftlich arbeite. Ich möchte keinen Chef haben, denn ich bin ja auch kein Chef von irgendwem.“ Mit seiner berserkerhaften Allesausprobiererei ist Hinrichs allerdings auch zum Solisten geworden, spielt entweder gleich alle Rollen selbst – wie unter Laurent Chétouanes Regie die „Iphigenie“, den „Hamlet“ und „Lenz“ – oder degradiert das Ensemble zu Statisten seiner Solo-Performance. Wie teilweise an den Münchner Kammerspielen in René Polleschs „XY Beat“. Dort erkundet er das Phänomen Diedrich Diederichsen, destilliert aus dessen verschwurbelter Texthölle „Sexbeat“ mit Händen, Füßen, Grimassen und überdeutlichem, pädagogisch eiferndem Tonfall drei Diskursebenen heraus: Hinrichs suhlt sich höhnisch im Klatsch, agitiert gegen Meinungen, propagiert die Sehnsucht nach harten Wahrheiten. Ist Showmaster der Desillusionierung.

 

Die Wachheit und Energie des vibrierenden Spiels schürt beim Betrachter eine Angstlusterwartung: wie Tiger-Akrobatik in zaunloser Manege. „Ich brauche die Offenheit, Aufmerksamkeit in dieser besonders konzentrierenden Situation des Theaterraumes, die im Kaufhaus oder im Bundesbahnabteil höchstens durch einen Sprenggürtel herzustellen ist“, erklärt Hinrichs. So sei es möglich, unberechenbar zu sein, stets den Eindruck zu vermitteln, gleich zu explodieren. Und dann gibt er auch dem Affen Zucker, wird zunehmend unangenehmer, irrlichtert als Guru durchs Publikum (in Hamburg), gießt sich eine Maß Bier über den Kopf und durchwühlt rezitierend die Interviewbeichte der HIV-infizierten Ex-No-Angels-Sängerin Nadja Benaissa (in München) – Identität als Krise feiernd. Und als Aufbruch – zum ultimativen Kick, nach Grenzerfahrungen, zum Dampfablassen? „Ich bin das immer total“, so Hinrichs, „lebe alles aus, wofür ich im Alltag sanktioniert werden würde.“ Gesucht wird – Intensität. Über Momente intensiven Empfindens ein Miteinander herstellen. „Früher habe ich Drogen genommen und gesoffen – und hatte so immer mal wieder die Illusion einer Kommunikation, wo keine da war, mit mir selbst, mit einem Baum, mit anderen Betrunkenen.“ Heute soll Schauspielkunst für Kommunikation sorgen. „Wenn ich in München sage, wir haben nichts miteinander zu tun, wir kommen nicht an unsere Leben heran – dann will ich ja das Gegenteil, berühren.“ Was er so leidenschaftlich wie mit betörender Leichtigkeit betreibt. „Auf dem Weg dahin sucht Hinrichs in den Proben wie auf der Bühne aus einer Unschuld heraus das Unerwartete, Spontane, die Improvisation, ist reaktionsschnell, provozierend, fordert durch seine Lebendigkeit heraus“, beschreibt „Rust“-Dramaturgin Gabriella Bußacker den „Kriseneuphoriker“ Hinrichs. „Der Fabian genießt seinen Beruf als Möglichkeit, den Wahnsinn auszuprobieren, der ihn umtreibt.“ Den wahnwitzigen Kampf gegen das Scheitern der Verständigung. Hinrichs: „Theater ist Festkultur, Unterbrechung, Moratorium des Alltags, ich breche kurz aus, bin mir dann auch schon sehr fremd im Spiel, aber damit komme ich mir sehr viel näher als mir das an der Supermarktkasse gelingt. Ich habe die Iphigenie gespielt, da flossen im selben Moment der Aufführung immer die Tränen, wie ein Automat, ich habe mich damit immer selber überrascht, das ist mir auch ein Rätsel, das heißt, das suche ich, das Fest auf der Bühne mit den Kollegen, mit den Zuschauern, ich komme an etwas heran in dem Moment – bei mir und anderen. Das heißt, es gibt im besten Sinne eine Gegenwärtigkeit, da sind wir wirklich zusammen. Vielleicht verkörpere ich so mehr von mir als ich weiß.“ Und deswegen muss auch stets der ganze Hinrichs-Körper präsent sein, also ein Großteil der suggestiven Auftritte in Unterhose absolviert werden? „Ich bin so aufnahmefähiger, schutzloser, bekomme so eher eine Beziehung zu meinem Körper, die Unterhose ist Voraussetzung fürs Spielen, nicht Illustration eines Inhaltes.“ Und inzwischen so wichtig, dass sie vom Theater als Kostüm gestellt wird – Theaterbesucher zahlen also dem Hinrichs seine Unterhose für die Vermittlung extremistischer Erfahrungen, die so auffällig gut unterhalten wie unauffällig gut verunsichern. So beglückend enden meist Theaterabende mit Fabian Hinrichs, dem Schillernden.

 

Foto Startseite: Kerstin Behrendt

Foto: Thomas Leidig
Foto: Thomas Leidig

Video-Porträt des Schauspielers in der Sendereihe "Abgeschminkt" des ZDFtheaterkanals