Thema des Monats April 2011

Mein Theater ist das, was ich bin

Wie lernt man Regie? Was muss eine Theaterregisseurin können?

Einblicke in das Studium der Regie an der Bayerischen Theaterakademie.

 

Von Johanna Wehner

 

Ein Regiestudium beginnt nicht zwingend damit, dass man jahrelange Erfahrung am Theater sammelt als Hospitant oder Assistent; auch nicht damit, dass man jede Menge Wissen anhäuft und auch nicht damit, dass einem irgendjemand Talent für diesen Beruf attestiert. Es beginnt noch nicht einmal damit, dass man als einer von jeder Menge Bewerbern für einen der knapp bemessenen Studienplätze ausgewählt wird. Ein Regiestudium beginnt mit einem sehr persönlich Schritt, einem der für die gesamte Studiendauer, für jedes Projekt und im Grunde auch für das Leben als Regisseur oder Regisseurin nach der Ausbildung unumstößlich und unbedingt erforderlich ist: mit einer Entscheidung. Regieführen beginnt in einem selbst, mit einer Haltung, einer persönlichen Wahrnehmung der Dinge, einer ästhetischen Vision, einem Drang nach Veräußerung. Die Entscheidung, diese inneren Position zur und in der Welt einer unüberschaubaren Menge von Fragezeichen auszusetzen, sind der Beginn des Regiestudiums, vielleicht sogar des Regieführens überhaupt.


Rückblick: Ein langer Tisch, acht Leute mit strengen Blicken dahinter, alle Augen gerichtet auf einen einzelnen Stuhl im leeren Raum davor; dort sitzen später jene Bewerber, die zum Auswahlgespräch für einen Regiestudienplatz eingeladen wurden und nun hoffen, mit intelligenten und geistreichen, im besten Fall überraschenden, im schlimmsten Fall zuvor auswendig gelernten Ausführungen zu brillieren und die aufmerksam musternden Ritter der Prüfungstafelrunde davon zu überzeugen, dass man hier als zukünftiger Regiestudent gut sitzt. Das ganze mutet ein bisschen an wie eine Verhörsituation, Zeugenstand –Anklagebank? Immerhin soll es im Theater um etwas gehen, warum also nicht gleich damit anfangen, hier und jetzt? Der Druck für potentielle Regiestudenten, die zum größten Teil aus ganz Deutschland angereist sind und oft schon mehrere solcher Prozeduren mitgemacht haben, ist extrem groß und die Studienplätze für Regie sind so heiß begehrt wie rar: pro Jahrgang werden bloß zwei bis vier Studenten hier aufgenommen.

 

"Ein Traumspiel"; Regie: Johanna Wehner


Die Begrüßungsworte des strengen Mannes links außen heißen willkommen und beschönigen nicht, dass die wenigsten Bewerber für einen Studienplatz ausgewählt werden könnten, und von den Ausgewählten schließlich würden die wenigsten tatsächlich später als Regisseure arbeiten, noch weniger davon erfolgreich. Meine innere Stimme, die seit Jahren tönt, dass Regisseurin zu werden Traum und Albtraum in einem sei, sagt ein weiteres Mal „siehste!“ und ich verspreche ihr, mich bei meinem Auswahlgespräch nicht nur blind befragen zu lassen und zu hoffen, dass andere mir die Entscheidung abnehmen, ob ich hier richtig bin, sondern selbst zu prüfen, ob diese Theaterakademie und die Menschen am Tisch mir das geeignete Umfeld stellen, um mich lustvoll ins vollkommen Ungewisse zu stürzen. Theater ist im Gespräch sein, und das schon im Studium. So sind die Mitglieder der Prüfungskommission, zum großen Teil selbst aktive Theatermacher, zwar im Moment auf der anderen Seite, aber später werden sie als Dozenten des Studiengangs meine Gesprächspartner sein, mit denen ich die nächsten Jahre verbringe, und zwar mit sehr persönlichem Einsatz. Bereits im Auswahlverfahren für den Studiengang Regie geht es daher um ein Prinzip, das für die gesamten Studienjahre an der Bayerischen Theaterakademie entscheidend ist, nämlich den Dialog und die Frage, ob man (sich) etwas zu sagen hat. Dabei sind die Inhalte der ersten Gespräche extrem unterschiedlich, so unterschiedlich wie die Bewerber selbst eben. „Man soll die Menschen lehren, wie sie denken sollen und nicht, was sie denken sollen.“, hat Georg Christoph Lichtenberg gesagt und damit eine der entscheidenden und immer wieder gern zitierte Grundauffassung des Regiestudiengangs der Theaterakademie bereitgestellt. Denn hier geht es vor allem darum, Wege zu Inhalten zu erschließen, Haltungen zur uns umgebenden Welt zu konkretisieren und schließlich persönliche Themen, Gedanken und letztlich auch Geschmäcker als zentrale Quelle für das eigene künstlerische Schaffen zugänglich zu machen. Worum es nicht so sehr geht, ist Antworten finden; eine wichtige aber, die ich neben unzähligen Fragen während meines Studiums gesammelt habe, war für mich schon nach dem ersten Gespräch mit meinen zukünftigen Dozenten klar: Ja. Hier bin ich richtig.


Das Regiestudium dauert an der Bayerischen Theaterakademie vier Jahre, in denen man in einem recht straffen und reichhaltigen Programm ganz verschiedene praktische und theoretische Unterrichte absolviert. Dabei gibt es in Fächern wie Dramaturgie und Regie neben der gemeinsamen Beschäftigung mit Stücken, Texten und Theaterthemen viel Platz für Gespräche und Diskussionen, die nicht den Austausch von Geschmacklichkeiten und Deutungen, sondern Raum für verschiedene Perspektiven, Grundverständnis und Vernetzung von auch allgemeineren Fragen ins Zentrum stellen. In praktischen Unterrichten, also Regieübungen, Schauspiel oder diversen Workshops geht es vor allem darum, anhand von konkreten Erfahrungen Ideen zu prüfen, Wege der Umsetzung zu probieren, für mich auch stets darum, mir konkrete Aufgaben für ein Vorhaben zu stellen. Dabei stehen die Themen der Unterrichte je Studienjahr so miteinander in Zusammenhang, dass man sich auf unterschiedlichen Ebenen mit etwa einem bestimmten Plot befassen kann. Man sammelt nicht isoliertes Wissen, sondern entwickelt eine Art Wahrnehmungswelt, in der unterschiedliche Erkenntnisse und Fragen zusammenwirken und im besten Fall die eigene Denkkurbel so anregen, dass die Phantasie gefüttert und eben nicht manipuliert wird. Jedes der vier Jahre wird mit einer Inszenierung beendet, aber auch hier geht es erst einmal um das Lichtenbergsche „Wie“, in ästhetischer Hinsicht natürlich. Man darf suchen, muss nicht gleich wissen, nach was. Es geht um Visionen mit Raum für Experimente und Lustvolles, auch für lustvolles Scheitern und so werden die Produktionen erst ab dem Hauptstudium, also ab dem dritten Jahr, noch mehr strengen Blicken als denen der Prüfer, nämlich dem Publikum ausgesetzt.


Bei aller äußeren Struktur ist das Zentrum des Regiestudiums, so wie es mit einem selbst beginnt, ebenfalls jeweils der Einzelne. Auch wenn die Jahrgänge maximal vier Personen, eher weniger umfassen, sind die Gemüter, die künstlerischen Wege, die Startpunkte und damit auch die Bedürfnisse sehr unterschiedlich. Das Klischee, das Theatermacher immer wieder als schräge Vögel zeichnet, trifft mit Sicherheit zu – dennoch ist die Gefahr groß, dass Individualismus zur Koketterie wird und nicht wirklich Merkmal eines besonderen persönlichen Ausdrucks ist. Umso wichtiger sind im Regiestudium die nie starren, wohl aber starken und stets zur Auseinandersetzung zur Verfügung gestellten Standpunkte der Dozenten, nicht nur, weil am Theater Konflikte zum täglichen Geschäft gehören (angefangen übrigens beim eigenen inneren...), sondern weil es beim Theatermachen nicht um die erstbeste Lösung geht. Es geht um Mut zur Lücke und die ständige Unzufriedenheit mit den eigenen Fragezeichen; wenn man das aushält und im besten Falle aus der ständigen Reibung schöpft, kann man sich selbst überraschen –und dann eben auch andere.


Es ist schwer, am Ende eines künstlerischen Studiums genau zu bemessen, was man gelernt hat, an konkreten Inhalten lässt sich das im Falle von Regie eher weniger festmachen. Am wichtigsten ist wohl, sich frei zu machen. Freiheit, kann man das lernen? Wenn damit gemeint ist, sich aufzumachen für Dinge, die um einen herum passieren und Prozesse in Gang kommen zu lassen, die den eigenen Mustern widersprechen, die eigene momentane Vorstellungskraft sprengen, dann ja. Diese Freiheit und ein guter Blick, um das innere Chaos für einen künstlerischen Prozess nutzbar zu machen, sind wohl die beste Vorbereitung für den Einstieg in die Theaterwelt.

 

"Gib mir..."; Regie: Johanna Wehner


Diese Einstiege, für die es im übrigen leider kein Rezept gibt, haben viel damit zu tun, was man sich selbst zutraut, welche Aufgaben man sich für die persönlichen nächsten Schritte stellt, ganz einfach aber auch damit, welche Chancen man erhält. Ich hatte extremes Glück, bereits meine Diplominszenierung am Staatstheater Stuttgart unter Hasko Weber machen zu können, wo ich dann in meiner ersten Spielzeit als freie Regisseurin gleich wieder engagiert wurde; ein ganz fließender Übergang also in die professionelle Theaterwelt, der vor allem insofern flüssig war, als ich an meinem ersten „richtigen“ Theater gleich wieder auf eine ausgeprägte Kommunikationsstruktur traf. Der Sprung ins kalte Wasser ist doch deutlich angenehmer, wenn man ein Handtuch gereicht bekommt. Nur abtrocknen muss man sich eben selber. Interessanterweise werden die Füße in regelmäßigen Abständen von wiederkehrenden Wellen alter Grunddebatten aus der Akademiezeit umspült; die Schlüsselelemente, die heute für mich in jeder Arbeit entscheidend sind und mich auf immer turbulente, aber bislang immer inspirierende Wege bringen, sind solche, die vom ersten Tag, tatsächlich vom ersten Gespräch auf diesem einsamen Stuhl Thema waren: Es geht um einen Dialog mit anderen und mit sich selbst, darum, die eigenen Fragezeichen nicht zur Hürde, sondern zur Vision zu erklären, Konflikte fürs Theater zu nutzen. Und nach denen muss man erfahrungsgemäß nicht sehr lange suchen...
Das wichtigste, was ich momentan lerne – stimmt, ich lerne immer noch – ist, trotz des unglaublichen Arbeitspensums das Leben nicht zu vergessen. Das Theater darf kein Parallelkosmos sein: Nicht das Theater macht mich zu dem Menschen der ich bin, sondern erst einmal ist mein Theater das, was ich bin. Es speist sich aus mir, meinen Gedanken, Emotionen, meinem Blick auf die Welt, meinen Erfahrungen. In dem Moment, wo für all das keine Zeit mehr ist, gibt es auch keine Geschichten mehr zu erzählen und darum steht in diesen Tagen, kurz nach meiner letzten Premiere von Schimmelpfennigs „Der Goldene Drache“ am Schauspiel Stuttgart ganz fett im Terminkalender: LEBEN!!!


Klingt kitschig, aber so wie man das nicht wirklich lernen kann, kann man auch Regie nur begrenzt lernen. Wer Regie führen will, muss eine Haltung zur Welt haben, sie preisgeben, dem Angriff aussetzen, zur Debatte stellen, sich der Suche und der Möglichkeit des Irrtums stellen wollen, sich hingeben, leben und lieben und heulen und sich beherrschen und bereit sein, alles so wichtig zu nehmen, dass daraus eine Geschichte werden kann, die etwas über Menschen und Welten erzählt. Entweder das will man, oder nicht. Wenn man das will, dann kann man sich durch ein Studium aneignen, wie man sich für so eine Achterbahnfahrt ausstatten kann und mit welchen Handwerkszeug man bestimmten Fragen zuleibe rücken kann. Man kann auch lernen, seine Fragen zu verwalten und die wichtigeren von den vielleicht erst einmal nicht prioritären zu unterscheiden. Aber das Fragen-Wollen, diesen unfassbaren, ermüdenden und lebenserhaltenden Drang, kann man nicht lernen. Für alles weitere braucht man eben Menschen, die einem den Boden unter den Füßen wegreißen und gleichzeitig völlig unbemerkt ein Sicherheitsnetz bieten, in das man fallen darf. Mir ist das zum Glück passiert.

 

Was bleibt vom Regiestudium an der Bayerischen Theaterakademie? Ich glaube der Mut, sich mit all den genannten Unsicherheiten in aller Klarheit und auch durchaus beängstigender Gnadenlosigkeit zu konfrontieren, und zwar ohne Angst. Nein, stimmt nicht. Ich habe viel Angst, immer wieder. Aber das ist eben auch so ein innerer Motor, denn nach Jahren der gezielten Verunsicherung und der ständigen Irritation meines Wegs, die mich letztlich auf ganz neue Wege geschickt hat, habe ich gelernt, mir selber den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Dennoch bin ich froh, dass mir mein Linksaußen, nämlich mein ehemaliger Studiengangsleiter bis heute als Freund und scharfsinniger Ratgeber zur Seite steht. Auch heute noch sitzt er mir mit strengem Blick gegenüber. Aber nicht mehr auf der anderen Seite.
 

Johanna Wehner, 1981 geboren, studierte zunächst Philosophie und Germanistik in Bonn und St. Andrews, Schottland (2001– 2005). Danach folgte ein Regiestudium an der Bayerischen Theaterakademie August Everding (ab 2006), das sie 2010 beendete. Seitdem inszeniert sie an verschiedenen Theatern.