Thema des Monats Mai 2011

Über Rimini Protokoll

Von Katrin Vogel

 

Warum gehen die Menschen in Theater? Vielleicht wollen sie ein spezielles Stück sehen. Oder sie finden eine bestimmte Schauspielerin toll. Sie kennen einen Schauspieler aus dem Fernsehen und wollen ihn einmal live erleben. Oder es ist der Regisseur, der sie mit seinem bekannten Namen lockt.


Bei den Theaterabenden der Gruppe Rimini Protokoll könnte vielleicht der Name locken. Seit gut zehn Jahren arbeiten Helgard Haug, Daniel Wetzel und Stefan Kaegi in wechselnden Konstellationen unter diesem Label. Das ist für die Frei Szene nichts ungewöhnliches, dass sich ein Kollektiv zusammenfindet, um gemeinsam unter einem Label Theater zu machen. Aber nur vereinzelt findet man dann diese Gruppen (wie Gob Squad, She She Pop oder eben Rimini Protokoll) an den großen Theaterhäusern. Seit 2004 haben Rimini Protokoll ihre Zentrale im Hebbel am Ufer (HAU) in Berlin und koordinieren von da aus Auftritte in Deutschland, Europa, Amerika und Asien, wo sie an Festivals und in etablierten Stadttheatern auftreten und mit ihren Stücken touren.


Mit dem Begriff Protokoll deutet sich dann auch an, was sie machen. Wie ein Protokoll gewöhnlich als Mitschrift einer Verhandlung, Sitzung oder eines Zeugenverhörs eine Wahrheit festhalten soll, so dokumentieren Rimini Protokoll in ihren Stücken ein alltägliches Thema, welches dann dokumentarisch erzählt wird – allerdings ohne das dabei Anspruch auf einen Wirklichkeits- oder Wahrheitsbeweis erhoben wird.


Nicht nur der Labelname, auch die Namen ihrer Inszenierungen beziehen sich oft auf Orte: „Call Cutta“, „Cargo Sofia X“ oder „Prometheus in Athen“, was die Zuschauer vielleicht mit ein wenig Fernweh und einem Spielort jenseits der Guckkastenbühnen lockt. Andere Stückbezeichnungen wie „Der Besuch der alten Dame“, „Wallenstein. Eine dokumentarische Inszenierung“ oder „Der Zauberlehrling“ knüpfen an Kanonisch-Altbekanntes an. Sollte man dann aber eine konventionelle Aufführung mit Schauspielern erwarten, die reichlich kunstvoll und technisch professionell Theater machen, wird man enttäuscht werden. Denn bei Rimini Protokoll findet man nur äußerst selten professionelle Schauspieler auf der Bühne. Meist sind es Laien, die also nicht speziell ausgebildet sind um auf einer Theaterbühne etwas darzustellen. Mit dem Begriff des Laien verbindet man aber allzu leicht ein Nicht-Können, die unvollständige Ausdruckskontrolle oder gar ein schlechtes Theaterspiel. Rimini Protokoll wollen aber kein konventionell-professionelles Theaterspiel. Sie casten „Experten des Alltags“, die in ihrer alltäglichen Rolle zum Experten für ein bestimmtes Thema werden, das sie dann auf der Bühne vorstellen und erklären. Das ist ihr Ausgangspunkt für eine andere Professionalität als die der glamourösen Scheinwelt des gewöhnlichen Stadttheaters.

 

Blick auf den Parkplatz als Bühne                                          Foto: Rimini Protokoll


Die Experten des Alltags sind nicht nur keine bekannten Theaterstars, sie spielen auch keine Theaterstücke. Die meisten werden wohl mit „Der Besuch der alten Dame“ das Drama von Dürrematt in Verbindung bringen und denken bei Wallenstein an Schiller und beim Zauberlehrling an Goethe. In Rimini Protokolls „Der Besuch der Alten Dame“ berichten Menschen von der Uraufführung des gleichnamigen Theaterstücks. In ihrer Wallenstein-Doku-Inszenierung erzählen Menschen davon, was sie heute in ihrem Leben mit Wallenstein verbindet. Diese Geschichten von Politik, Krieg und Verrat sind spannender und aktueller als so manche konventionelle Wallensteininszenierung. Und in „Der Zauberlehrling“ trifft die gesamte isländische Armee auf den Zauberkönig von Berlin und den Anwalt von Uri Gellar sowie den Mann, der vermutlich den dritten Weltkrieg verhindert hat. Als Zuschauer bekommt man eine Idee davon, was Zauberei mit Krieg zutun haben könnte.


Und darum geht es in den Themenabenden eigentlich: Eine neue Idee zu bekommen. Jemanden zu treffen, den man vermutlich sonst nicht treffen würde. Etwas kennenzulernen, das zwar alltäglich ist, aber vom eigenen Alltag weit entfernt stattfindet. Rimini Protokoll holen all das auf die Theaterbühne und unterbreiten so ein Angebot eine Erfahrung zu machen und vielleicht etwas anders sehen oder neu zu verstehen.


Eben ein solches Angebot war auch „Deutschland 2“, dass 2002 in Bonn im Rahmen des Theater der Welt-Festivals entstand. Geplant war eine Art Kopie einer Bundestagsitzung in Berlin, bei der Bonner Bürger eine akustische Live-Übertragung aus dem Berliner Bundestag im alten Plenarsaal in Bonn eins zu eins nachsprächen. Stattdessen kam es zunächst zu einem Mini-Theaterskandal. Der damalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse befürchtete, dass eine derartige Inszenierung die „Würde des Bundestages“ gefährden könne – und sprach als Hausherr den Veranstaltern das Hausrecht ab. Denn die eigentliche Aufführung konnte er nicht unterbinden. In der anschließenden Debatte sahen die meisten weniger die Würde des Bundestages gefährdet, als vielmehr die oft unsichtbare Inszenierung von Politik. Die meist wohlgeformten öffentlichen Politikerreden klangen nämlich nicht mehr wohlgeformt, als sie nahezu zeitgleich von den Bonner Bürgern, die diese über Kopfhörer live mitverfolgten, in der Theaterhalle Bonn-Beuel nachgesprochen wurden. Aus den politisch repräsentierten Bürgern wurden Repräsentanten der von ihnen gewählten Repräsentanten – und das zeigt die theatrale Dimension von Politik und das politische im Theatralen nur allzu deutlich auf.


„Deutschland 2“ als Kopie einer Bundestagsdebatte wurde von Rimini Protokoll auch noch in Form eines Hörspiels protokolliert – in dem Sinne, dass nicht eins zu eins die Bonner Re-Inszenierung von Berliner Politik aufgezeichnet wurde, sondern einzelne Teilnehmer mit ihren Berliner Politikern telefonisch Kontakt aufnehmen oder das damalige Aufführungsgeschehen aus dem Off kommentieren.


Es gibt eine ganze Reihe von Rimini-Hörspielen, die Theaterabende protokollieren, diese aber nicht einfach als abgehörtes Theater-Hörspiel verkaufen, sondern weitere Experten des Alltags zu Wort kommen lassen sowie andere Aspekte des betrachteten Themas aufgreifen. So zum Beispiel in dem Hörspiel „Karl Marx. Das Kapital Erster Band.“ Neben den bereits von der Bühne bekannten Experten hört man hier weitere Experten, die mit den Bühnen-Experten reden, das Bühnengeschehen kommentieren oder auch die Bühnen-Experten, die sich auf rein-akustische Weise mit dem Buch „Das Kapital“ auseinandersetzen. Wie auch im Stück bekommt der Hörer zunächst Herrn Jürgen Harksen vorgestellt, der als verurteilter Betrüger von seinen Finanzgeschäften berichtet. Er erzählt davon, wie er Geld verdient, indem er vorgibt jemand zu sein, der er nicht ist. So wie ein Schauspieler. Oder wie ein Ghostwriter. Denn eigentlich hat man es nicht mit dem „echten“ Jürgen Harksen zu tun, der zum Zeitpunkt der Uraufführung 2006 noch in Haft saß, sondern mit dessen Ghostwriter Ulf Mailänder, der als Harksen-Experte auf der Bühne steht. Aber was passiert eigentlich, wenn der Mann auf der Bühne angibt, dass er sein Geld damit verdient, vorzugeben, er sei jemand anderes? Lügt er? Eigentlich nicht. Es ist vielmehr einer dieser Überraschungsmomente, die es immer wieder in den Rimini Protokoll-Inszenierungen gibt und die widerspiegeln, dass unser theatraler Alltag nicht immer eindeutig ist.

Vor allem lässt sich das Rimini Protokoll-Theater nicht eindeutig in die etablierten Theaterkategorien einordnen. Oft vereinen die einzelnen Regisseure die Aufgaben von Autor, Regisseur und Bühnenbildner unter dem Label Rimini Protokoll und eine programmheft-typische Angabe von Schauspieler und Rolle ist auch nicht möglich. Besonders viel Verwirrung gab es im Zuge der Mühlheimer Stücke-Preisverleihung 2007 als das Stück „Karl Marx. Das Kapital Erster Band“ ausgezeichnet wurde. Denn einen mit den anderen Preisträgern vergleichbaren Stücktext gibt es nicht. Als Hilfestellung für die nicht aufs Auswendiglernen trainierten Experten des Alltags gibt es zwar ein Ablaufprotokoll (oft auf der Bühne sichtbar), dieses wird jedoch nicht veröffentlicht und bezweckt eben keine Neu-Inszenierungen.

 

Hin und wieder ist Rimini Protokoll Theater auch Mitmachtheater. Wenn etwa der Zauberkönig von Berlin Zuschauer als Freiwillige für seine Zaubertricks miteinbezieht. Oder in „Best Before“, wenn jeder der Zuschauer einen Controller bekommt und gemeinsam mit den Experten auf der Bühne ein Videospiel spielt. Oder in „Call Cutta“ bei dem die Zuschauer per Handy eine Stadtführung von einem Telefonisten in Indien geboten bekommt.

 

Warum sollte man nun für eine Rimini Protokoll-Inszenierung ins Theater oder zum Festival gehen wenn es da weder berühmte Schauspieler noch bekannte Theaterstücke zu sehen gibt? Vielleicht weil alle Rimini Protokoll-Inszenierungen etwas mit den Zuschauern machen. Sie stellen spektakulär-unspektakuläre Menschen mit einer spannenden und alltäglichen Geschichte auf die Bühne. Sie decken Verbindungen zwischen scheinbar völlig verschiedenen Themen auf und hinterfragen so die einfachen Denkmuster und Assoziationsrahmen - in denen Theater leider viel zu oft verhaftet bleibt – und generieren sie auf äußerst unterhaltsame, professionelle Weise neue.

 

All das und vieles mehr wird auf Rimini Protokolls Homepage protokolliert, wo sich auch ein aktueller Terminkalender für Interessierte finden lässt: www.rimini-protokoll.de

 


Katrin Vogel, Stipendiatin des Evangelischen Studienwerk Villigst e. V., studierte von 2004 bis 2011 Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften,
Germanistik und Skandinavistik in Köln, Kristiansand und Oslo (Norwegen). Seit 2008 bestreitet sie zudem ein Betriebswirtschaftsstudium. Im vergangenen Winter war Katrin Vogel Praktikantin in der Redaktion der Deutschen Bühne.