Thema des Monats Juli 2011

Für das Theater braucht es Mut


 Am Staatstheater Mainz hat ein Projekt mit interkulturellen "Theaterscouts" begonnen. Sie sollen Menschen mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund den Zugang zum Theater erleichtern - und schrecken auch vor Wortungeheuern wie „Migrationshintergrund“ nicht zurück.
 

Von Vanessa Renner

 

Freitagnachmittag im Probenraum des Staatstheaters Mainz: Zwischen Requisiten, Bühnenstrahlern und Spanplatten sitzen sich zwei dunkelhaarige Mädchen auf zwei Stühlen gegenüber. Sie spielen eine Schulszene. Innerhalb weniger Minuten verwandelt sich der Raum in ein Klassenzimmer. Elif, die ältere der beiden Mädchen schlüpft in die Rolle der strengen Lehrerin. Nesrin, ihre Schülerin, muss einen Aufsatz schreiben. Über den Raum legt sich eine stille Anspannung: Klassenarbeitsatmosphäre. Prüfungsstimmung. Applaus löst die Szene auf. Die beiden Mädchen verbeugen sich vor einer Gruppe von ungefähr 20 Jugendlichen, Kindern und Erwachsenen. „Das war gut“, lobt Erden Alkan, deutsch-türkischer Schauspieler, Regisseur und Mainzer Theatergründer, „aber sprecht laut und deutlich. Die Zuschauer müssen euch schließlich verstehen können“, fügt er hinzu.

 

Nilay Ekiz, Elif Uyar


Auch Nilay und ihre jüngere Schwester Ipek haben zu Hause eine kleine Szene vorbereitet. Ein Sketch, in dem eine besorgte Patientin dem Arzt ihre Ängste vor der bevorstehenden Herzoperation offenbart. Woraufhin sie der erfahrene Arzt mit den Worten, er habe schon 80 Herzen operiert, zu beruhigen versucht. Nachdem die Patientin sichtlich erleichtert aufatmet, fügt er in einem Nebensatz hinzu, irgendwann müsse es schließlich einmal gelingen. „Was?“, bricht es laut aus Nilay als Patientin heraus. Ihre Augen weit aufgerissen, ihre Hände, vor das Gesicht geschlagen, bedecken Mund und Nase. Lachen. Applaus.

 
„Für das Theater braucht es Mut“, ist Erden Alkan überzeugt, „Mut, etwas auszuprobieren, sich womöglich vor Publikum lächerlich zu machen. Aber das gehört zum Leben dazu.“ Das weiß auch Nilay, die gemeinsam mit Elif regelmäßig bei den Treffen des interkulturellen Theaterworkshops mit Erden Alkan auf der Probenbühne des Staatstheaters steht. „Als ich das erste Mal im Workshop war, war ich unsicher und hatte Angst, etwas falsch zu machen“, erzählt die 18Jährige mit den großen dunklen Augen. Aber das sei schließlich normal und gehöre dazu.

 

Nilay Ekiz, Erden Alkan, Ipek Ekiz beim Theaterworkshop


Unsicherheit und Mut. Beides spielt nicht nur auf der Bühne, sondern häufig auch beim Thema Integration und beim Dialog zwischen verschiedenen Kulturen eine Rolle. „Es ist wichtig, sich nicht gegenüber Menschen aus anderen Ländern zu verschließen“, findet Elif, die in diesem Jahr ihr Abitur am Mainzer Gutenberg-Gymnasium gemacht hat. Sie streicht sich eine dunkle Locke aus dem Gesicht und überlegt: „Ich glaube aber, dass sich einige Menschen leider einfach anderen Kulturen nicht öffnen und dann Vorurteile aufbauen.“ „Ja das stimmt. Aber unser Workshop bietet zum Beispiel einen Raum, in dem verschiedene Kulturen aufeinandertreffen können“, wirft Nilay ein. Für sie ist gerade das Theater ein Ort, an dem Integration gelingen kann. „Denn da geht es nicht um die Andersartigkeit der Menschen und auch nicht um Politik oder so“, argumentiert die Schülerin des Beruflichen Gymnasiums für Gesundheit und Soziales, „es geht doch darum, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen“, fügt sie hinzu. Der Optimismus und die Energie, die sie dabei ausstrahlt, überzeugen.


Elif und Nilay nehmen nicht nur regelmäßig am Theaterworkshop mit Erden Alkan teil. Sie sind beide interkulturelle Theaterscouts. Die interkulturellen Theaterscouts sind ein Projekt, das Mirko Schombert, Theaterpädagoge am Staatstheater Mainz, zu Beginn dieser Spielzeit ins Leben gerufen hat. Das Ziel des Projektes ist es, das Mainzer Staatstheater stärker für Menschen mit Migrationshintergrund zu öffnen. Die interkulturellen Scouts spielen hierbei als Botschafter, die selbst einen Migrationshintergrund haben, eine zentrale Rolle. Sie sollen eine Brücke zwischen Theater und Migranten bilden.
Theater und Migration. Ein Thema, das an vielen deutschen Bühnen präsent ist – sei es in Form von interkulturellen Workshops, Aktionstagen oder Besonderheiten im Spielplan. Im Mittelpunkt steht hierbei häufig die Debatte, mit welchen Strategien oder auf welchen Wegen das Theater mehr Menschen mit Migrationshintergrund erreichen kann.

 

Nilay Ekiz im Theaterworkshop


Elif und Nilay, deren Eltern aus der Türkei stammen und nach Deutschland eingewandert sind, sitzen nach dem Workshop mit Mirko Schombert in der Theaterkantine zusammen. Sie sprechen über das Projekt, über Migranten im Theater und das Thema Integration. Schnell wird klar: es ist genau dieses Diskutieren, das Fragen stellen und Zuhören, was das Mainzer Projekt ausmacht. Ein Aspekt, der Mirko Schombert von Anfang an wichtig war. Menschen mit Migrationshintergrund selbst zu fragen, was Theater für sie interessant oder uninteressant macht und sie so bei der Entwicklung von Projekten aktiv miteinzubeziehen, erzählt der Theaterpädagoge.


Die interkulturellen Theaterscouts, eine Gruppe von rund 50 Jugendlichen und Erwachsenen, kommen ein Mal im Monat zusammen. Darüber hinaus treffen sich einige der Scouts wöchentlich beim interkulturellen Theaterworkshop, der ein Teil des Projektes ist. „Auch über Facebook sind wir miteinander vernetzt und können uns so austauschen“, erklärt Nilay. Die Idee, die Facebookgruppe „Interkulturelle Theaterscouts Mainz“ zu gründen, entstand beim ersten Treffen der Scouts. „Das ist eine gute Möglichkeit, auf uns aufmerksam zu machen“, erklärt Nilay. Ein Weg, mehr Menschen mit Migrationshintergrund für das Theater zu gewinnen.

Bei den Treffen der Theaterscouts werden auch grundlegende Fragen diskutiert. Zum Beispiel, welche Personen überhaupt hinter dem Wortungeheuer „Migrationshintergrund“ stecken. „Es ist schon seltsam. Menschen, die aus anderen europäischen Ländern nach Deutschland kommen wie Franzosen oder Engländer, werden seltener als Migranten empfunden“, wundert sich Elif. Sie hat einen türkischen Pass. „Ich bin in Deutschland geboren, aber vom Gefühl her bin ich Türkin. Dennoch lebe ich gerne hier, bin hier zu Schule gegangen und habe meine Freunde hier“, beschreibt die 19Jährige ihre Situation, „das ist für mich und mein Umfeld überhaupt kein Problem.“ „Mir geht es ähnlich“, sagt Nilay. Sie sei schon deutsch. „Aber im Vergleich zu anderen halt doch nicht so ganz deutsch“, fügt sie lachend hinzu.


Bei den interkulturellen Theaterscouts treffen ganz unterschiedliche Nationen aufeinander, von Türken über Iraner bis zu Finnen und Schweden. Neben dem Theaterworkshop besuchen die Scouts gemeinsam Endproben, blicken bei Führungen hinter die Kulissen des Staatstheaters und sprechen mit Regisseuren und Schauspielern über aktuelle Produktionen. „Dadurch lernen wir das Theater von allen Seiten kennen“, gibt Elif ihre Erfahrung wieder, „für mich ist das Theater noch relativ neu. Ich fühle mich da manchmal eher unwissend.“ Die Theaterscouts und der Workshop seien für sie ein wichtiges Projekt. Eine Chance, etwas Neues zu entdecken und zu lernen. Auch Nilay ist noch nicht lange dabei. „Ich bin über Erden Alkan erst zum Workshop und jetzt zu den Theaterscouts gekommen“, erzählt die 18Jährige. „Ich finde es sehr wichtig, dass Vertrauenspersonen wie Erden Alkan am Theater sind, also Menschen, die selbst einen Migrationshintergrund haben.“ Denn dann könnten sich Menschen aus anderen Ländern dem Theater eher verbunden fühlen, ist Nilay überzeugt. Sie sei früher selten zu Vorstellungen gegangen. „Aber mittlerweile wird das Theater immer wichtiger für mich. Vor kurzem habe ich Antigone gesehen. Das Stück hat mir richtig gut gefallen“, erzählt die 18jährige Schülerin. Elif stimmt ihr zu: „Ja mir geht es genauso. Aber ich glaube, es fehlen Migranten oft die Anknüpfungspunkte, das Vertrauen, ins Theater zu gehen.“ Für sie sei das Theater früher ein Ort gewesen, an dem nur bestimmte Personengruppen zusammenkommen, erzählt die Abiturientin. Dabei spiele auch der Spielplan und die Stückauswahl eine entscheidende Rolle, sind sich die beiden Jugendlichen einig: „Wir wünschen uns Stücke, in denen wir auch unseren Alltag und unsere Lebenssituation wiederfinden.“ So berichtet Nilay von ihren Eltern, die vor kurzem begeistert von einer Vorstellung nach Hause gekommen seien. Das Stück habe eine Einwanderungsgeschichte thematisiert.

 

Elif Uyar im Theaterworkshop


Die beiden Jugendlichen wollen künftig in ihrem Umfeld für das Theater werben. „Zum Workshop habe ich heute meine beiden Freundinnen eingeladen“, erzählt Elif. Nilay ergänzt: „In meiner Klasse habe ich auch schon über die Theaterscouts berichtet. Jetzt will ich noch meine Mutter überzeugen, mitzumachen.“ Zwei überzeugte Scouts in einem Projekt, das gerade erst gestartet ist. „Das Projekt ist noch ganz frisch, also erst im Entstehen. Wir wollen uns Zeit lassen und in Etappen denken“, umschreibt Mirko Schombert vorsichtig seine Ziele. Wichtig sei ihm, erst einmal ein Netzwerk aufzubauen. Für die kommende Spielzeit hofft er, mit den Scouts eine Art beratende Gruppe für das Theater zu etablieren. Theaterscouts, die Strategien diskutieren und Wege entwickeln, mehr Theaterleidenschaft zu wecken und zu festigen – vor allem unter Menschen mit, aber auch ohne Migrationshintergrund. „Ich stelle mir da ein unaufgeregtes Ausprobieren dessen vor, was klappt und was nicht klappt.“


Elif und Nilay sind optimistisch. „Es ist toll, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen“, weiß Nilay. Elif ergänzt: „Ich sage immer, nichts ist unmöglich. Aber wenn eine Kleinigkeit mal nicht klappt, darf man sich auch nicht gleich hängen lassen. Vor allen Dingen darf man dann nicht denken, dass die ganze Idee schlecht ist.“ Für das Theater braucht es Mut. So formuliert es Erden Alkan. Den Mut, sich auszuprobieren und Fehler zu machen. Diesen Mut scheint es auch für neue Projekte wie die interkulturellen Theaterscouts zu brauchen.


Vanessa Renner studiert in Mainz und hat gerade ein Praktikum bei der Theaterzeitschrift Die Deutsche Bühne absolviert.

 

Übrigens: Im nächsten Heft der jungen bühne, das Mitte September erscheinen wird, erkunden wir, wie die Berliner Bühnen mit interkulturellem Theater umgehen.


Fotos: Vanessa Renner