Thema des Monats August 2011

Anna tanzt - Ein Jugendprojekt des Bayerischen Staatsballetts

 

Muffathalle, München: Als Ende Juli wieder knapp hundert Jugendliche auf der Bühne stehen und der Öffentlichkeit das zeigen, was sie in den letzten vier Wochen erarbeitet haben, ist diese Abschlusspräsentation für die Jungdarsteller das Ende eines gemeinsamen Wegs. Sie haben hart für den Erfolg gearbeitet, haben zusammen gekämpft und so manchen Freund gefunden. Dieses Jahr stand die Liebe im Vordergrund.

 

von Felix Hentschel
 

 

"Oh, wie sie auf die Hand die Wange lehnt! / Wär' ich der Handschuh doch auf dieser Hand / Und küßte diese Wange!" – wünscht Romeo sich. Julia entgegnet: "Wenn du mich liebst: / Sag's ohne Falsch! Doch dächtest du, ich sei / Zu schnell besiegt, so will ich finster blicken, / Will widerspenstig sein, und nein dir sagen". Die Romeos und Julias sind Schüler und Schülerinnen des St. Anna Gymnasiums, die dieses Jahr zusammen mit Schülern der Berufsschule für den Einzelhandel nichts Geringeres als die Liebe auf die Bühne bringen. Bei der Generalprobe für den großen Moment wird es langsam ernst für die Jugendlichen. Die Juliwochen haben sie in den großen Probensälen des Bayerischen Staatsballetts zugebracht und konnten einen Einblick in die Welt des Tanzes gewinnen, eine neue und anregende Erfahrung.

 

 

Dabei hatten am Anfang sicher nicht alle Lust auf das Projekt – nicht immer eine einfache Aufgabe für die Performerin Ruth Geiersberger, die Choreographin Lenka Flory, den Komponisten Mathis Nitschke und zahllose Assistenten. Sie behandeln die jungen Menschen wie Künstler und fordern dann aber auch Mitarbeit und Disziplin. Sich mit der Liebe auseinanderzusetzen und das auch noch vor den Mitschülern, braucht Mut und die Offenheit, auch mal Dinge zu machen, die einem peinlich vorkommen. Der erste Schritt war dabei, zu verstehen, dass die Bühne kein privater Raum ist, aber jedem Mitwirkenden auch großen Schutz bietet.

 

 

Shakespeares „Romeo und Julia“ ist das Gerüst fürs Stück – darin steht der Liebe von Romeo und Julia der jeweilige Familienhintergrund im Weg. Bei „Anna tanzt“ wird dieser Konflikt deutlich, wenn sich in der Schlussszene die beiden Familien gegenüber stehen und versuchen, sich mit kleinen Tanzsolos auszustechen. Jede Gruppe will die andere übertrumpfen, hier wächst jeder der Jugendlichen über sich hinaus.

 

 

Dabei geht es bei dem Tanzprojekt gar nicht um Wettbewerb, vielmehr sollen die Schüler und Schülerinnen sich gegenseitig respektieren, einander zuhören und auf die Partnerklasse zugehen, deren Schüler häufig einen anderen sozialen Hintergrund haben, eine andere Sprache sprechen und manchmal jünger oder älter sind. Dass sie auf der Bühne alle gleich sind, zeigt auch das Bühnenbild hinter den Tänzern: auf einer übergroßen Postkarte erscheint an der Stelle, wo sonst die Briefmarke ist, das Portrait eines Jeden für 40 Sekunden, dann wechselt das Bild.

 

 

Texte, Musik und Bewegung auf der Bühne – das alles hat so rein gar nichts zu tun mit dem, was wir heute immer im Fernsehen sehen. Nicht die Modelqualitäten von 'Germany's Next Topmodel' werden verlangt oder gesangliche Ausflüge à la 'Deutschland sucht den Superstar'. Jeder Jugendliche hat für die Stunde die Möglichkeit, aus alten Bewegungsmustern auszubrechen und einmal etwas völlig anderes zu machen. Dass mit der letzten Vorstellung eine unvergessliche Zeit zu Ende geht, die einem was fürs Leben bringt, mag nicht jedem bewusst sein. Manche ahnen es aber schon und freuen sich umso mehr auf fünf aufregende Vorstellungen, bei denen sie ein Stück über Toleranz und Liebe auf die Bühne bringen – am Ende ziehen Romeo und Julia vereint von dannen.

 

 

Fotos: Oskar Henn
 

Infos zum Autor

Felix Hentschel hat einen Master in Musikjournalismus und ist Autor verschiedener Dokumentarfilme zu Themen aus dem Bereich der klassischen und Neuen Musik. Er begleitete den gesamten Produktions-prozess von „Anna tanzt VI – Anna liebt…“.

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