Thema des Monats Oktober 2011

Good News aus der Glotze

 

Von Bianca Praetorius

 

Als Kind war ich ein Fernsehjunkie. Ich sah alles. Mangas über Fuß- oder Volley-ball, Sitcoms, Teleshopping, Televoting, interaktives Musikfernsehen, Popstars, Big Brother, Salesch, Kalvas, Supernanny, Superstars, Klingeltöne, Sparabo. Bis ich plötzlich erwachsen war und mir auffiel, dass es im Fernsehen gar nichts zu sehen gibt. Meine Augen waren auch schon etwas länger beleidigt und meine Ohren hatten Jamba-Tinitus. Also, kalter Entzug, Zeit zu gehen.

 

Pegah Ferydoni in ihrer Rolle als Moderatorin des ZDF.kulturpalast


Das war vor einer Hand voll Jahren. Seit dem habe ich keinen Fernseher mehr, bin damit nicht die Einzige in meinem Einzugskreis, aber stolz darauf wie ein Hühnchen an Ostern. Was ich von der Welt auf den Tisch bekomme, nehme ich online ein. Videoschnipsel, die sich heimlich verabreden und sich mir vor die Füße schummeln, Soziale Netzwerke in ihrer einbläuigen Farbenpracht, Links und Livestreams aus fernen Ländern, Synapsen-Parties aus glitzerndem YouTube-Trash, gehalten zur Feier des königlichen Mehrwerts virtueller Völlerei.


Das Fernsehen hingegen lässt mich nach wie vor kalt. Wir hatten unsere Zeit, Baby, it's over. Blöderweise interessierte das das Fernsehen nicht. Das Fernsehen ist mein abgelegter, langweiliger Ex-Geliebter, der plötzlich wieder an meine Tür klopft. Mit neuer Frisur, trainiert, aufgeschlaut, downgesexed und up-gegradet. Na gut, komm rein. Alte Liebe rostet nicht.


Das ZDF reagiert auf die Abgewandtheit meiner Bildungsgruppe und/oder Generation und schreibt uns nicht ab. „Ich weiß, ich habe eine Menge Fehler gemacht, damals, aber ich habe mich verändert, wirklich.“ Aha. Das Format, das mich – nein: uns – zurückholen soll, heißt „zdf.kulturpalast“ und wird von einer Frau moderiert, die ich nur schwer einordnen kann. Comedy? Ach, was. Volksbühne? Ja, auch, aber warte. Arthouse-Kino? Genau, stimmt und mmm... Migrationsbotschafterin? Oh ja, und Schauspielerin. Pegah Ferydoni. Wer ist sie und warum macht sie das? Wurde hundert Mal gefragt und hundert Mal beantwortet, ist zweitrangig und mindestens einen eigenen Bericht wert. Bitte selbst googeln.


Der Versuch des „zdf.kulturpalast“ ist es, die Seh- und fern-Seh Gewohnheiten der nach 1980 geborenen anzuzapfen, zurechtzuschlachten und endlich mal gut zu finden. Eine solche Pracht-Schlachtbank fehlte dem Fernsehen, das ich verließ. Bisher erhielt ich leider mehr Angebote einer Verhaltens-Therapie für angemessenen Medienkonsum als Wertschätzungsbekundungen meiner Krankheit. Denn: Chronisches Multitasken und der Wunsch nach kurzen Aufmerksamkeitserwartungen sind nicht Behinderung oder mentale Verwahrlosung, sondern Teil einer Kulturentwicklung. Als Sklavin und Königin eines genau solchen Wahrnehmungsapparats sage ich außerdem: Ein Vorteil. The Kulturpalast tries hard and succeeds. Die Berichte sind kürzer und huschen immer wieder mal vorbei, nehmen Bezug zueinander, widersprechen sich, koexistieren und befüttern sich. I Iike.


Vor allem aber will der „Kulturpalast“ eins sein: Jünger. Frischer. Jüngerfrisch, frischjünger. Aber was soll das heißen? Was kann dabei rauskommen, wenn sich Fernsehmacher bemühen, junges Publikum anzustupsen? Es müsste doch eigentlich das passieren, was passiert, wenn ein Lehrer sich zu einem Teenager setzt und fragt was denn so abgehe. Meeeerrrp. Error.


Sich-Bemühen macht Bemüht-Sein. Und das gilt, im allgemeinen Sprachgebrauch traurigerweise als Downgrading. Zu bemüht, tut uns leid. Next. Will ich der Ente beim Ertrinken zusehen? Auf geht’s. Ich mache mich also auf den Weg, und sehe mir den Kulturpalast von Nahem an. Ich setze mich zu denen, die mich erreichen wollen und gucke ihnen beim Kochen zu.


Und erstmal bin ich überrascht: Ich schaue in überhaupt gar nicht bemühte Augen und Köpfe, sondern in Gesichter mit klaren Standpunkten, die Lust haben auf das Fruchtfleisch des Kulturkompotts. Es tanzt Castorf neben Bonaparte und Kotz-Performances performen neben Oper und Schattenballett. Der Kulturpalast löst die Theater Sendung „Foyer“ aus ihrem angestaubten Sessel und tauscht es gegen in ein mobiles grünes Sofa. Auf diesem Raumschiff werden die Bühnen des Landes bereist und die Landkarte erweitert sich von Theater-only auf alles was performing Arts sein könnte. Also auch Rap. Also auch Tanz. Also auch Techno im Orchestergraben und Hallen füllende Seelenheiler. Und immer dabei: das in den Himmel klagende E der einsamen alten Dame E- Kultur, die hin und wieder in den Topf spucken darf. Der Kompott aus ausgewählten Zutaten wird dann wöchentlich ohne Theater-Schal und Rotweinglas aber mit etwas Ironie und Humor serviert. Oh wie schön ist Panama.
Der „Kulturpalast“ selbst ist ein Keller in Berlin Mitte. Die Sendung wird in einem winzigen Raum im Hinterhof produziert, der sich mit weißen Stoffwänden als Studio verkleidet hat. Einmal müssen wir fast abbrechen, weil der Donnergroll des Berliner Sommers uns in den Ton reinkleckert. Darüber, dass aus selben Gründen während des Drehs im Stock oben drüber die Toilette nicht gespült werden darf, soll ich – obwohl es mich entwaffnet und entzückt – bitte lieber nichts schreiben. Yeah, you wish.

 

Die vielen Gesicher der Pegah Ferydoni


Im Anschluss an die Aufzeichnung spreche ich noch kurz mit Pegah Ferydoni und versuche, migrationsthematische Fragen zu vermeiden, weil ich sie nicht fragen muss, um zu wissen, dass es egal ist. Wissen will ich aber, was sie für Theater machen würde, wenn ich ihr eine Intendanz schenken könnte. Es zündet ein herrliches, kleines Gespräch darüber, was das Land braucht. Sie würde „Othello“ rauf und runter spielen – und es nicht mit einem angemalten Deutschen besetzen. Außerdem würde sie „Verbrennungen“ von Wajdi Mouawad inszenieren und die Scharen an topausgebildeten Migrationshintergrundgeplagten Schauspielern dieses Landes Gretchens, Julias, Lenas, Leonces, Franz und Karls spielen lassen.


Ich höre, freue mich und nicke. Sie spricht länger, als meine Frage erzwungen hätte, und ich merke, dass das politische Bild, das über Pegah Ferydoni existiert, keine Inszenierung ist, im Gegenteil: Es geht ihr wirklich um Inhalte und darum, dass die gesellschaftliche Veränderungen über Theater stattfinden können, die genau dann nicht stattfinden, wenn wir visuell ein anderes Bild von der Welt malen. Umso mehr freut es mich zu wissen, dass das Programm für den „Kulturpalast“ von ihr mit ausgesucht wird. Die Redakteurin von ZDFkultur wird mir später erklären, dass die Diskussion über die Themen der Sendung in einer Telefonkonferenz stattfinden und auf höchst demokratische Weise entschieden werden. Das spürt man beim Sehen und es wird klar, dass niemand der sonst so um die Jugend bemühten Kulturredakteure hier versucht, sich in einen jungen Kopf zu quetschen wie in zu enge Jeans. Sondern: Junge Köpfe senden das, was sie selbst sehen wollen würden. In der Geschwindigkeit, in der auch mein Internet-trainiertes Augenpaar seinen Input zu sehen verlangt. So passt sich das Fernsehen meiner Seh-Realität an, und es passiert das, was sich Pegah Ferydoni auf deutschen Bühnen zu Recht noch wünscht: Eine Anpassung des Bühnenbuffets an die Realität der Gesellschaft. Auch visuell. Weil das Auge der König der Sinne ist und der Vorgesetzte des Hirns.
Ein kleines bisschen rückt der „Kulturpalast“ des Königs beleidigte Krone zurecht, und endlich lädt dieser den Feind Fernsehen noch mal zum Versöhnungstee in seinen Partykeller ein.


Auf jeden Fall gehen ich und mein aufgehübschter Ex-Geliebter seit neustem wieder miteinander aus. Mal sehn wie's wird. Aber es kribbelt schon.

 

Fotos: ZDFkultur

Bianca Praetorius, Jahrgang 1984, studierte erst Soziologie/Psychologie/Philosophie in Frankfurt am Main und absolvierte dann eine Schauspielausbildung in Berlin. 2010-2011 spielte sie in "Frühlingserwachen" und "Corpus" am jungen DT, der jungen Bühne des Deutschen Theaters in Berlin. 2012 war sie Autorin für die Produktion "Maskenzeiten" in der Box des Deutschen Theaters. Sie veröffentlicht regelmäßig Texte und Bühnenstücke auf ihrem Blog bancia.posterous.com. Bianca Praetorius lebt in Berlin.