Thema des Monats Januar 2012

Orientierungssuche

 

Zwei neue Stücke und zwei neue Roman-Bearbeitungen im Jugendtheater: „No Mans Land“ am Jungen Staatstheater Braunschweig, „Fatima“ am Jungen Schauspiel Hannover, „Nichts“ am Jungen Schauspiel Düsseldorf und „Tschick“ am Staatsschauspiel Dresden

 

Detlev Baur

 

Der Artikel erscheint auch im Januar-Heft der Deutschen Bühne.

 
Benjamin Pauquet und Sebastian Wendelin orientieren sich in „Tschick“.
Foto: Matthias Horn

Was macht ein Stück zum Jugendstück? Das Alter der Hauptfiguren alleine kann es nicht sein, sonst wären „Antigone“, „Das Käthchen von Heilbronn“ oder „Romeo und Julia“ klassische Jugendstücke. Dass diese es in außergewöhnlichen Inszenierungen auch sein können zeigt allerdings, dass die Trennung zwischen „großem“ und Jugendtheater sehr relativ ist. Viel eher zeichnen sich Jugendstücke wohl durch die Perspektive des Stücks auf die Welt aus, durch den Blick des Dramas auf die Figuren. Die Welt der Erwachsenen und Eltern spielt in allen vier hier besprochenen Inszenierungen wohl auch eine Rolle, allerdings bleibt sie eher im Hintergrund und bildet die Folie für die Orientierungssuche der Jugendlichen. Denn darum geht es immer: Um die Suche der Heranwachsenden nach ihrer Rolle in Familie, Schule und der Gesellschaft insgesamt. Das bedeutet wohl weniger einen grundsätzlichen Unterschied zu „erwachsenen“ Stücken, in denen die Hauptfiguren auch um ihre Stellung in der Um-Welt kämpfen, als einen in der Intensität: Junge Leben sind noch weniger festgelegt als erfahrenere Zeitgenossen. Auffällig ist bei (fast) allen hier behandelten Stücken, dass die großen Ferien eine zentrale Rolle spielen: als Zeit, in der die Heranwachsenden sich ohne den Druck der erwachsenen Schulwelt oder des alltäglichen Elternhauses frei entfalten können und ihrem Leben neue Entwicklungen geben.

 

So auch Fatima, einer Schülerin mit muslimischen Wurzeln, die bislang gut in ihrem europäischen Umfeld „integriert“ schien und sich offenbar während der Sommerferien entschlossen hat, nur noch verschleiert zu erscheinen. In „Fatima“ taucht die Titelfigur gar nicht selbst auf und doch dreht sich in diesem gut geschriebenen englischen Drama alles um sie. Mit Tempo und keiner Angst vor Übertreibung entwickelt die junge englische Autorin Atiha Sen Gupta die Geschichte von sechs befreundeten Schülern zwischen jugendlichem Alltag voll Liebesverwirrungen und politisch-religiösem Durcheinander in der Epoche nach dem 11. September. An genau diesem Datum haben auch die Zwillinge Mohammad und Fatima Geburtstag. Das Phantom der schleierhaften Fatima will sich – so ist von Mitschülern, Bruder und Mutter zu hören – zu ihren Motiven weder ihrer Mutter noch ihrem Freund Georg gegenüber äußern. Am Ende ist die Clique trotz langjähriger Freundschaft durch vermeintlichen Rassismus – Georg hat Fatima den Schleier vom Gesicht gerissen und muss die Schule verlassen – kräftig durcheinander gewirbelt, die Beziehung zwischen Georg und Fatima scheint am Ende.

 

Holger Foest, Nina El Karsheh und Lysann Schläfke als reale und virtuelle Gestalten in „No Mans Land“ .
Foto: Karl-Bernd Karwasz

 

Die iranischstämmige Regisseurin Mina Salehpour und ihr Ensemble aus erfahrenen Schauspielern und Schauspielstudenten fühlen sich am Jungen Staatstheater Hannover auf der Fernsehset-Bühne (Jorge Enrique Caro) sichtlich wohl. Die Inszenierung wirkt (bei der Premiere) allerdings teilweise etwas unfertig; schauspielerische Kabinettstückchen und grandiose Slapstickszenen stehen neben Ungenauigkeiten in Tempo und Figurengestaltung. Dennoch verraten die (mit Anfang 20) wirklich junge Autorin wie die Regisseurin mit diesem Stück bzw. dieser Inszenierung mehr als viel versprechendes Talent. Durch Leichtigkeit im Umgang mit gesellschaftspolitisch brisanten Fragen (ähnlich wie in „Verrücktes Blut“) gelingen der international-jugendlichen Inszenierung in Hannover mit den schlagfertigen Dialogen schöne Fragezeichen in Integrations-Debatten und Beziehungs-Problemen unter Jugendlichen. Einen starken Abgang hat dabei der von Daniel Nerlich als ziemlich arrogantes und charmantes Ekel gespielte Georg, der mit Fatimas schleierhafter Wandlung gar nicht zurecht kommt: Er tritt bei einer Kostümparty als Hitler auf, obwohl er sich eigentlich mit Fatima bzw. ihrem Bruder versöhnen wollte. Für die nächste Szene im Hause von Fatimas Familie bleibt er dann gleich als groteskes Mahnmal sitzen. Keine Hilfe bieten in „Fatima“ die Erwachsenen, sowohl Mutter als auch Lehrerin.

 

In „Nichts“ am Jungen Schauspielhaus Düsseldorf, in Andreas Erdmanns Bühnenadaption des umstrittenen Kultromans der dänischen Autorin Janne Teller, tauchen Erwachsene erst gar nicht auf. Dafür geben sich die Jugendlichen selbst hier ziemlich philosophisch-erwachsen; die ambitionierte Inszenierung von Marco Stormann gerät dabei etwas überzogen. „Nichts. Was im Leben wichtig ist“ geht aufs Ganze und verliert dabei die konkreten Fragen des Lebens und des Theaters aus den Augen. Dabei spielt das sechsköpfige Ensemble stark, geschlossen und mit gutem Timing, bietet die Bühne von Ramona Rauchbach eine spannungsvolle Bretterplateau-Landschaft.

 

Denis Geyers-bach, Daniel Nerlich, Anne-Marie Lux, Ali Berber und Maja Haddat in der Schule von „Fatima“.
Foto: Arzu Sandal

 

Am Ende bringen die Klassenkameraden Pierre Anthon um. Er baumelt über der Bühne. Das ist ein starkes Bild, das aber auch sinnbildlich für die etwas lose baumelnde Erzählkraft der Inszenierung steht. Der Erzählduktus mit dem Blick zurück dominiert diese Romanbearbeitung um Pierre Anthon, der am ersten Schultag nach den Sommerferien behauptete, nichts auf der Welt habe Bedeutung. Moritz Löwe als schlauer Außenseiter dominiert das Geschehen, auch indem er auf dem zentralen Podest wie ein DJ das Spiel mit Geräuschen vorantreibt. Seine Kameraden sind ganz anderer Meinung, merken aber bald, dass die Sinnsuche nicht ganz so einfach ist. Sie beginnen einen „Berg aus Bedeutung“ aufzuschichten – vielmehr, sie erzählen davon, wie jeder das für ihn Bedeutungsvollste für den Haufen opfern muss. Dabei entsteht ein skurriler und horrender Kreislauf aus Gruppenzwang und Aggressionen, der bis zu einem zu opfernden Finger des begnadeten Gitarristen Jan-Johan führt. Der künstliche Berg, der von einem Museum für viel Geld aufgekauft wird, ist in der Düsseldorfer Inszenierung bezeichnenderweise nicht Teil der Entwicklung, sondern erst im Finale zu sehen, wenn die rückwärtige Holzwand geöffnet wird und das Publikum auf die Bühne gebeten wird. Manchmal möchte man den Figurenfragmenten zurufen, dass es vielleicht auch kleine sinnliche Dinge sein können, die dem Leben Sinn verleihen. Doch dafür haben die Figuren wie die Inszenierung mit ihrer großen Ambition keinen Blick. Fast scheint es, als sei dieses Jugendtheater (immerhin schon ab 13 Jahre) zu erwachsen. Zwar entstehen köstliche Bilder auf den schrägen Podesten vor einer Holzwand, wenn die fünf im Kreis (wie Sportler) hyperaktiv nach Ideen suchen, insgesamt entstehen aber kaum Figuren, nacherzählende Berichte dominieren. Wie weit das am Text liegt, lässt sich in zahlreichen anderen Inszenierungen dieser Spielzeit überprüfen. Denn genau wie „Tschick“, die andere Roman-Bestseller-Inszenierung – und anders als bei den beiden Dramen „No Mans Land“ und „Fatima“ – wird „Nichts“ in dieser Spielzeit noch an zahlreichen Bühnen inszeniert werden.

 

Ähnlich ambitioniert erwachsen geriet auch die Deutschsprachige Erstaufführung von „No Mans Land“ am Jungen Staatstheater Braunschweig. In Roel Adams Stück gerät die 14-jährige Nele eher durch Zufall in den Sog ihres digitalen Partners Kisho. Ihr Vater ist gemeinsam mit einer japanischen Firma an der Entwicklung eines neuen Online-Spiels beteiligt. Nach der Trennung von Frau und Tochter kommuniziert er nur noch per Skype mit Nele und schickt ihr dabei aus Versehen das Original des Spiels. Sie gerät nun in eine sterile Märchenwelt, in der sie die Identität einer perfekten Prinzessin annehmen kann. Zwar hält Nele wenig in der Schule oder im Elternhaus, aber am Ende wird sie ausgerechnet durch den Todesgott Anubis, den Übervater des Spiels, wieder ins Elternhaus zurück gelenkt.

 

Das etwas krude Pubertätsstück aus den Zeiten alltagsbestimmender Computerwelten wird von Marie Rodewald am Jungen Staatstheater Braunschweig durchweg multimedial inszeniert. Dabei bügelt sie manche Schwäche des Textes aus – und verschiebt den Schwerpunkt vom einsamen Mädchen, das nicht mehr zur Schule geht und von seinen Eltern vernachlässigt wird, zu den kindischen Eltern hin. Die sind im Text arg klischeehaft angelegt: Der Vater glaubt auch aus der Ferne digital Papa bleiben zu können und gibt sich ansonsten ganz seiner Leidenschaft für eine blonde friesische Bäuerin hin, während die Mutter dem Alkohol verfallen ist. Rodewald und ihre Videogestalter (Marat Burnashev und Gregor Dobiaschowski) machen von Beginn an die Eltern (Nina El Karsheh und Holger Foest) zu Geistern, die hinter einem Spaghetti-Vorhang hausen und noch verdoppelt werden, indem Video-Projektionen auf die fragile Wand geworfen werden. Das wertet diese gescheiterten Erwachsenen als Leidende deutlich auf („Wir sind nicht erwachsen. Und das ist das eigentliche Problem.“). Zugleich gerät Neles (die Rostocker Schauspielstudentin Lysann Schläfke) Welt inmitten vieler Stofftiere vorne rechts fast in den Hintergrund (Bühne: Caroline Schwarz). Die Mutter gräbt unter dem Holzboden Hochprozentiges aus und erscheint mit ihrer Tochter projiziert auf dem Sofa. Das alles ist mit starken Film-Bildern bemerkenswert hergestellt und ins Spiel hineinkomponiert. Die Identifikation mit der Hauptfigur dürfte jugendlichen Besuchern dadurch allerdings nicht gerade leicht gemacht werden.

 

Moritz Löwe im Vordergrund von „Nichts“.
Foto: Sebastian Hoppe

 

Die Ausgangslage für die Hauptfigur in „Tschick“ ist ziemlich ähnlich: Maik ist in der Schule ein Außenseiter, gilt als Langweiler und wird zuhause vernachlässigt, die Mutter ist Alkoholikerin. Aber schon wie offen und zugleich liebevoll Maik, der Erzähler in Wolfgang Herrndorfs Bestseller-Roman, über seine Mutter spricht, zeigt, dass Herndorf und der Bearbeiter (für die Dresdner Uraufführung) Robert Koall auch aus Klischees noch liebevolle Tiefe gewinnen. Diese Romanbearbeitung und ihre Inszenierung durch Jan Gehler am Staatstheater Dresden liefert pralles Erzähltheater, das aus der Rückschau heraus glaubwürdige, interessante Figuren zeichnet, und durch klare Sprache und kluges Spiel ein lustiges Roadmovie entwickelt. Auch hier geht es um die Ferienzeit, um eine außergewöhnliche Zeit, „die tollste und aufregendste Woche“ des 14-jährigen Maik. Sein Mitschüler und Mitaußenseiter Tschick, ein russischstämmiger Junge, erscheint mit einem geklauten Lada bei Maik – auch hier ein Mensch voller Klischees, aus denen in Sebastian Wendelins Darstellung eine wunderbare Figur wird.

 

Der zögerliche Maik steigt schließlich in das Gefährt ein. Und die Fahrt der beiden Minderjährigen nach Nirgendwo beginnt. Als Auto dient in Dresden ein Ghettoblaster, die Landschaften entstehen auf einer halbierten Halfpipe, die die Bühne (Sabrina Rox) nach hinten begrenzt. Dahinter erscheinen (von Anna-Katharina Muck und Holger Hübner gespielte) sehr eigenartige, fast kasperleartige Erwachsene – und Isa. Die streunt auf einem Schrottplatz herum und wird zur Mitreisenden auf einer Etappe. Die Leipziger Schauspielstudentin Lea Ruckpaul fügt sich hervorragend in das starke Ensemble ein. Benjamin Pauquet als Maik bewältigt seine Erzählpassagen mit viel Tempo und einer präzisen Darstellung jugendlicher Unsicherheiten – und lapidaren Einsichten. Letztlich gelingt mit „Tschick“ in Dresden im besten Sinne süffiges Theater. Spannend, geistreich, sinnlich, mitreißend. Ohne Technik (der Ghettoblaster gibt nur Richard Clayderman her) und mit viel Witz und Herz. Jugendtheater kann ganz einfach sein – und damit alle Generationen ansprechen.

 

Ob nun Theater für Jugendliche so ambitioniert ist, dass es wohl weniger Jugendliche als erfahrene Theaterzuschauer anspricht; ob es für Jugendliche relevante Geschichten mit viel oder bewusst wenig technischem Aufwand erzählt: Die vier Jugendstücke in Düsseldorf, Dresden, Hannover und Braunschweig zeigen, dass Regie und Darsteller inzwischen sehr professionell geworden sind.