Thema des Monats Februar 2012

Ich war verliebt in Rumpelstilzchen

Einblicke in einen Workshop mit dem Kölner Theaterpädagogen Frank Rohde

Von Elisa Giesecke

 

Frank Rohde ist ein Riese, ein sympathischer wohlgemerkt. Die etwa dreißig Viertklässler aus Erftstadt, die dicht gedrängt in einem Kreis vor ihm stehen, lauschen, die Köpfe in den Nacken gelegt, gespannt auf das, was ihnen der Hüne mit rauchig-weicher Stimme erzählt. Märchen nämlich, Szenen aus „Hänsel und Gretel“, die die Kleinen nachsprechen und mit einer passenden Geste untermalen sollen. „Mir ist so langweilig“, ertönt es da nacheinander in mehr oder weniger mühsam abgerungener mimischer Qual aus lauter kichernden Hänsel und Gretel-Mündern, bevor sich das fiktive Geschwisterpaar in den Wald aufmacht, wo die Geschichte ihren Lauf nimmt. Etwas zögerlich zu Beginn finden die Schüler schnell in einen Rhythmus und sind schon bald mit Begeisterung im szenischen Spiel versunken. Zarte, schüchterne Stimmchen behaupten sich neben lauten, dynamischen und zeigen sämtliche Facetten ihrer kindlichen Empfindungsmöglichkeiten.

 

Frank Rohde mit älteren Schülern während eines Workshops

 

Die Übung ist Teil eines Workshops, den der Theaterpädagoge Frank Rohde gemeinsam mit seiner Assistentin Hanna Steuber im Rahmen des Projektes „Theater und Schule“ an der Oper sowie am Schauspiel Köln als Vorbereitung für einen Vorstellungsbesuch anbietet. Die moderne „Hänsel und Gretel“-Interpretation des niederländischen Regisseurs Servé Hermans (Premiere des Singspiels nach Engelbert Humperdinck war im November 2011 am Schauspiel Köln), um die es in diesem Kurs geht, verlangt eine behutsame Einführung, denn der klassische Märchenstoff wurde hier einmal gründlich durcheinander gewirbelt. Doch auch wenn im Workshop die Hexen-Thematik im Vordergrund steht, verbirgt sich hinter der Idee ein größeres Ansinnen: nämlich deutlich zu machen, wie Theater eigentlich funktioniert. Das klappt am besten, wenn man es selbst ausprobiert: „Theater machen, statt darüber sprechen“, lautet Rohdes Devise. Für Kinder gilt das sowieso. „Kinder und Jugendliche brauchen Stoffe, die sie interessieren, Themen, die ihre Realität berühren“, meint er. Gerade bei den Jugendlichen sei das nicht mehr so einfach. Mit Schuld daran trage das Fernsehen, mit dem sie in der Regel mehr Erfahrung haben, und das von ihnen eine andere Wahrnehmung fordert als das Theater. „Wir müssen also in szenischen Workshops nicht nur über das Stück, sondern über die Darstellungsform von Theater arbeiten. Durch die Close ups im Film sind die Jugendlichen gewohnt, aus der Mimik zu entnehmen, wie sich die Figur fühlt. Im Theater funktioniert das nicht, weil die Schauspieler zehn Meter entfernt sind. Das heißt, man muss Dinge, die innen ablaufen, größer spielen, das ist etwas, womit nur wenige umgehen können“, fügt Rohde hinzu.

 

Bei den Viertklässlern geht es im Moment um wichtigere Dinge. Inzwischen ist etwas Ruhe eingekehrt, an Tischen wird eifrig über den Tagesablauf der Hexe gegrübelt: wann steht sie auf, wann putzt sie sich die Zähne, wann kocht sie Mittagessen. Und auch ihr Gefühlsleben bleibt den anderen nicht verborgen: „Ich war schon mal verliebt in Rumpelstilzchen“, erklärt ein aufgeregtes Hexenmädchen voller Inbrunst. Auch Frank Rohde, der coole Riese, muss angesichts dieses Eifers grinsen. Nicht unbedingt selbstverständlich, denn immerhin ist er schon seit mehr als fünfzehn Jahren als Theaterpädagoge tätig. „Mein Chef arbeitet schon sehr lange mit der Methode der Szenischen Interpretation, trotzdem steckt er in jeden Workshop, egal ob für Schüler oder Referendare, so viel Energie, dass man das Gefühl hat, als würde er ihn das erste Mal machen“, meint Hanna Steuber, die sich inmitten der Kinderschar ebenfalls pudelwohl zu fühlen scheint, und fügt hinzu: „Diese Begeisterung über so viele Jahre beizubehalten ist sehr beeindruckend und sicherlich ein Grund dafür, dass die Kurse so erfolgreich laufen.“

 

 

Derweil hat der Pädagoge vorne im Raum eine Anlage aufgebaut, nun beginnt der musikalische Teil des Unterrichts. Die Kinder hören den „Hexenbann“, ein kurzes Musikstück aus der Inszenierung. „Hokus pokus, Hexenschuss! Rühr dich und dich trifft der Fluss! Nicht mehr vorwärts nicht zurück! Bann dich mit dem bösen Blick! Kopf steh starr dir im Genick!“, heißt es da wenig einnehmend, und so fährt auch manchem kleinen Zuhörer erst einmal ein Schauder über den Rücken. Nach kurzer Zeit können sie den Text schon fast frei mitsprechen und passen sich dem Rhythmus des Sprechgesangs nahezu mühelos an. Wie ein ritueller Vers wird der Text immer wieder aufgesagt, so dass irgendwann tatsächlich ein Hauch von Magie in der Luft zu liegen scheint. Rohdes einzige Sorge ist, die Kinder könnten den Text so verinnerlichen, dass sie während der Aufführung laut mitsingen. „Die Sänger finden es nicht so lustig, wenn es aus dem Zuschauerraum zurück schallt.“ Und wenn schon, was kann es für einen Künstler Schöneres geben, als wenn sein Publikum derart mit fiebert, dass es alles um sich herum vergisst.

 

Nach einer kurzen Pause, geht es weiter im Programm. Nun sollen die Kinder in Dreier-Paaren ihre darstellerischen Fähigkeiten unter Beweis stellen und zeigen, wie die Hexe und ihre "Beute" auf der Bühne auftreten könnten. Jeder will die Hexe spielen. Da gibt es bucklige, zittrige, langsame, furchterregende, keifende, piepsende, schüchterne, schlurfende - Bibi Blocksberg hätte wahrlich ihre Freude daran.

Letztlich kann man nur staunen, dass mit so wenigen Mitteln ein solcher Spaß am Spielen entsteht. Die Freude der Kinder auf dieses Abenteuer, die mir schon zu Beginn entgegen schallte, wurde nicht enttäuscht; das Vergnügen strahlt ihnen buchstäblich aus dem Gesicht. Auch der Riese lächelt zufrieden.

 

Weiter Informationen zu den Workshops unter http://www.schauspielkoeln.de/service_tus.php oder unter http://www.operkoeln.com/theater-und-schule/

 

Fotos: Oper Köln