Thema des Monats März 2012

Das blinde Huhn und das Korn

Bericht einer Dramaturgin über ihre Studienzeit
Ein Fünfakter mit Vorspiel und Epilog
Von Sarah Israel

 

VORSPIEL


Ich sitze im Büro, in der kleinen Ecke ohne Fenster. Mein Kollege hat sich zum Telefonieren auf den Gang begeben und der Drucker, der bis eben auf Hochtouren lief, ist endlich still. Durch die Wand höre ich die Kolleginnen der ÖA das Monatsheft besprechen. Die Abgabe für die Ankündigungstexte fällt mir ein und das fertigzustellende Programmheft und das Stück, das für die Sitzung am nächsten Morgen gelesen sein will. Ach, es geht doch wieder alles nur „auf den letzten Drücker“. Diesen „letzten Drücker“ habe ich in meinen ersten drei Berufsjahren am Schauspiel Stuttgart zur Perfektion getrieben. Eine Arbeitsmethode – wobei es keine Methode ist, sondern eine Notlösung – die einen der größten Unterschiede zur Studiumszeit für mich bedeutet. Wer keine Methoden entwickelt oder nicht zur Notlösung greifen kann, der kommt mit dem Tempo des Theaterbetriebes, den Terminen, den Gesprächen und zu lesenden Stücken nicht mit. Der verliert die Nerven und wahrscheinlich auch den Blick für das Wesentliche: die Theaterkunst. Für eben diese Ruhe und einen Raum zu schaffen, in dem nicht nur erledigt, vielmehr auch wild gedacht wird, bedeutet permanenten Kampf. Was habe ich mich, als ich dies verstand, begonnen, nach der Zeit an der Universität und der Theaterakademie zu sehnen. Dabei war ich doch eine derjenigen, die während des Studiums wie ein Rohrspatz geschimpft hat: auf die „Alte Mühle“, die veralteten Ansichten von Theater mit denen wir uns befassten, dem fehlenden Freiraum für Projektarbeit, dem selbstverliebten München, in dem Theater kaum mehr für Aufruhr sorgen kann, der fehlenden Betreuung etcetera etcetera. Und dennoch kam es, dieses Heimweh nach dem eigenen Rhythmus, der im Studium gewählt werden konnte, dem intensiven Austausch mit den Studienkollegen und einem Forschen, das in die Tiefe geht und nicht nur an der Oberfläche kratzt.

Strindbergs "Ein Traumspiel" an der Bayerischen Theaterakademie


Aber jetzt in Ruhe und ohne Hast! Und vor allem kein Plädoyer gegen den Beruf des Dramaturgen. Denn der bereitet noch immer viel Freude, trotz der Fragen die sich aufgrund von Überarbeitung, verkrusteten Strukturen, fehlender Lust am Risiko einstellen. Also: kein Plädoyer gegen den Dramaturgen, aber auch kein Plädoyer für den Dramaturgen sondern einen Bericht. Einen Bericht über die Zeit an der Bayerischen Theaterakademie August Everding. Meine Erfahrungen und deren Entwicklungen in den ersten Berufsjahren am Schauspiel Stuttgart. Diesem Tanker von einem Schauspiel, diesem Koloss von Betrieb, der eben so liebenswert wie fragwürdig, aufwühlend wie nervend und wichtig wie reformbedürftig ist.

 

ERSTER AKT


Was Dramaturgie ist, was ein Dramaturg am Theater macht und wie Theater überhaupt funktioniert – all dies waren Fragen, die ich zu Beginn meines Studiums nicht beantworten konnte. Ich kam aus der Provinz in die Großstadt und hatte die Möglichkeit, Dramaturgie zu studieren, im Internet gefunden, ganz wie das berühmte blinde Huhn sein Korn. Theaterbegeistert war ich, das bildete ich mir in jedem Fall ein, und leitete dies von den freudigen Besuchen von Schultheatervorstellungen ab. Eine Lust an Literatur, Sprache, Recherche und dem Umgang mit Texten war zu Genüge gegeben, mit einer weiteren Qualifizierung für den Beruf des Dramaturgen konnte ich jedoch nicht aufwarten. Kein Praktikum, keine Assistenz und auch keine Teilnahme an einem „Theater-Jugendclub“.


Ein Huhn das, so wie ich, glücklicherweise das richtige Korn pickt, ist bei den aktuellen Aufnahmeverfahren nicht mehr denkbar. Ein „Blindgänger“ im Kreise der „Auserwählten“ würde es heute wohl nicht bis zur Einladung zum Auswahlgespräch schaffen. Als ich das Studium begann, zählte allein der Numerus Clausus. Die gesonderte Aufnahmeprüfung für die Theaterakademie stand erst mit der Zwischenprüfung an. Bis dahin war viel Zeit und für mich eine Welt zu entdecken, die nicht nur Universität und Akademie hieß, sondern Theater! In München konnte ich ein Bad in Theateraufführungen, Konzerten, Opern, Lesungen, Tanzabenden, Ausstellungen und Performances nehmen. Und zu eben diesem Bad wurden alle Studenten der Dramaturgie ermuntert. Von Beginn an war klar, dass der Dramaturg der Gegenwart nicht mehr der altbekannte Schreibtischtäter ist. Keinen Elfenbeinturm fernab vom Rest der Gesellschaft sollte er bewohnen. Der heutige Dramaturg, so das Credo, horcht in die Stadt hinein und sucht ihren Rhythmus und ihre Besonderheiten ebenso, wie er neben Heiratsannoncen auch Brecht, Schiller, Müller und Goethe studiert. Der Dramaturg zeigt Interesse am Puls der Zeit und den Themen, die Mensch und Gesellschaft beschäftigen. Zudem hat er einen Blick für die Internationalität des Theaters und schätzt die Wirkung im Lokalen. Der Dramaturg, so schien der Anspruch, ist ein Alleskönner, der keinen Schlaf braucht und anstelle von Essen Reclamhefte verspeist.


Hui! Diese Anspruchhaltung war ein Schock, eine Überforderung und gleichzeitig ein großer Spaß. Was sind wir Studenten in den ersten Semestern gerannt, haben fleißig gelesen, analysiert und uns echauffiert. Dabei feste gefeiert und immer mal wieder geweint, da die Angst es nicht zu schaffen, die Aufnahmeprüfung am Ende nicht zu packen, im Nacken saß. Bei allem auf und ab und hin und her, gucken und reden, machen und kritisieren haben wir – nebenbei oder ganz bewusst – Kompetenzen vermittelt bekommen, die uns zwar nicht zum Gott oder zum Alleskönner machten, jedoch eine große Hilfe darstellten bei den ersten Schritten auf den Brettern der Realität des Berufsalltags. Vier dieser Kompetenzen, dieser Schwimmflügel im Haifischbecken der Kulturschaffenden möchte ich im Folgenden beschreiben und Einblick geben in das Dramaturgiestudium an der Theaterakademie August Everding.

 


ZWEITER AKT


Lesen und lesen – da gibt es einen Unterschied. Eben diesen haben meine Mitstreiter und ich im Rahmen des Studiums begonnen zu lernen. Was heißt „eine Lesart entwickeln“? Warum kann jeder in einem Stück etwas anderes lesen? Wie soll ich einen Theatertext lesen, in dem es weder Punkt noch Komma, geschweige denn eine Differenzierung zwischen Groß- und Kleinschreibung gibt? Wozu braucht ein Regisseur jemanden, der mit ihm oder für ihn Stücke liest? Was bedeutet es, wenn ich Regieanweisungen überlese? Oder es diese nicht mehr gibt? Lesen wir laut alle gemeinsam oder besser doch jeder im Stillen für sich?

Szene aus "Ein Traumspiel"...


Die Kunst der Textrezeption in ihrer Komplexität zu erfassen, stellte zu meiner Studienzeit einen Schwerpunkt des Grund- und Hauptstudiums dar. Unter der Anleitung von Klaus Zehelein & Co. wurde versucht, uns Studierenden ein Bewusstsein zu schaffen für die behutsame Annäherung an Texte jeglicher Form. Sich dem Text anzunähern, ohne ihn sich einzuverleiben, galt es zu erlernen. Und dies ohne dabei zu übersehen, dass das Schwierigste an diesem Prozess gleichzeitig auch das Schönste ist – der ewige Zweifel, das nicht zu beendende Zaudern.


Ist Shakespeare an dieser Stelle im Othello so zu verstehen oder doch ganz anders? Macht es Sinn, ein Stück überhaupt ausgehend vom Autor zu lesen, wenn dieser - laut Michel Foucault - doch tot ist? Mittels Fragens dahin zu kommen, dass etwas zuvor Unbeachtetes sich öffnet und ein neuer Ansatz des Verstehens und Interpretierens möglich wird, war die Kunst, nach der wir strebten. Das bei diesem Vorgang der untersuchte Gegenstand ebenso ins Wanken gerät wie der Rezipient selbst, ist für mich bis heute eine der schönsten Erfahrungen im Theaterprozess. Das Salz in der Suppe oder das Korn für das Huhn.

 

DRITTER AKT


Hast du das gar nicht gesehen? Was habe ich nicht gesehen? Was hätte ich sehen sollen? Und was habe ich gesehen, als wir Studis gemeinsam in der zehnten Reihe der Kammerspiele saßen? Was sehen wir, wenn wir eine Inszenierung angucken? Welche Mittel werden eingesetzt? Wie funktioniert das Kostüm? Will das Bühnenbild das Stück in eine bestimmte Zeit verlegen? Was für eine Spielweise wurde gewählt? Und wie kann ich das, was ich sehe, in Worte fassen?


Die genaue Analyse dessen, was im Rahmen einer Inszenierung rezipiert und erfahren wird, ist ein Können, das im Laufe des Studiums ebenfalls aus dem Lehrplan stand. Alle Vorgänge auf der Bühne, den Einsatz von Mitteln wie Licht und Ton sowie die Änderungen im Text erfassen und beschreiben zu können, war und ist auch heute eine Herausforderung. Besonders, da Inszenierungen mit Einfällen und Ideen arbeiten, für die es (in der Wissenschaft) noch gar keine Vokabular gibt. Am Fehlen des adäquaten Ausdruckes nicht zu verzweifeln, vielmehr weiter zu versuchen das Erfahrenen zu beschreiben bedarf der Übung. So, wie es Ruhe und Genauigkeit bedarf, um nachzuspüren, was einem als Zuschauer in einer Inszenierung wiederfährt und warum. Die Zeit, die sich im Studium hierfür genommen wurde, vermisse ich oft im Arbeitsalltag, wo schnell verfertigte Meinungen geradezu über den Tisch fliegen.

 

VIERTER AKT


Neben dem (Hinter-)Fragen stand im Rahmen der eigenen Projektarbeiten, bei denen Regiestudenten zusammen mit Schauspielstudenten und Studierenden der Dramaturgie erste Inszenierungen realisierten, die Schulung des Zuhörens auf unserem Programm. Denn, der Dramaturg, der fragt, sollte nicht nur um sich selbst und sein eigenes Verständnis kreisen. Vielmehr ist im Vorbereitungs- und Probenprozess das Eingehen und Einlassen auf das Gegenüber: den Regisseur, den Bühnen- oder Kostümbildner von Bedeutung. Gerade beim Nachvollziehen von Ideen und Gedanken anderer kann dem Dramaturg ebenso wie demjenigen, dem er zuhört, deutlich werden, was gesucht wird, wo es Unstimmigkeiten in der Konzeption gibt und warum das Probenergebnis vom Vortag zu verteidigen ist. Zu lernen, dass nicht auf alle Fragen eine Antwort parat sein muss, sondern das Zögern und die Zurückhaltung ebenso eine Qualität bedeuten, war bei all der Euphorie und dem Drang, sich vor Mitstudenten zu beweisen, durchaus ein Prozess mit Wutanfälle, Unverständnisse oder Streiterei. Dennoch stand am Ende die Einsicht, dass es Aufgabe des Dramaturgen ist, einen Arbeitsprozess nicht als Tonangebender sondern als Mitsuchender zu begleiten.

 

FÜNFTER AKT


Neben den Tätigkeiten der Produktionsdramaturgie, bei der das Recherchieren und die Arbeit mit dem Regieteam im Mittelpunkt steht, wurden wir auch an den Bereich der Vermittlung einer Inszenierung und der Kommunikation mit dem Publikum herangeführt. Fast jeder von uns hatte sie, die Panikattacke beim Erstellen des ersten eigenen Programmheftes. Was muss rein in das kleine Büchlein? Was macht Sinn? Wozu dient der Eigenbeitrag des Dramaturgen, der den Auftakt des Programmheftes bildet? Braucht es ein Zitat der „großen“ Philosophen oder die Biographie des Autors? Wann ist ein Programmheft eitel? Und kann es dies überhaupt sein?

Szene aus "Ein Traumspiel"


Tatsächlich gibt es viele Fragen und Details, die bei der Erstellung von Kommunikationsmitteln zu beachten sind. Wir hatten an der Akademie das Glück, von unserer Dozentin Stephanie Metzger in die Raffinessen und Feinheiten dieses Bereiches eingearbeitet zu werden. Zudem gab es die Möglichkeit, direkt mit der Öffentlichkeitsarbeit und dem Layouter zusammen zu arbeiten, so dass neben der inhaltlichen Seite auch die Seite der Produktion kennen gelernt wurde. Die Erfahrungen mit der Pressearbeit für die eigenen Produktionen führte vor Augen, dass ein Dramaturg verschiedene Formen der „Verkaufsprosa“ beherrschen muss. Ist eine Inszenierung ohne Besucher doch für alle Beteiligten ebenso eine Katastrophe wie für das Haus, das auf Interesse und Eintrittsgelder des Publikums angewiesen ist. Wir haben diskutiert, inwieweit ein Theater sich der Sprache des Marktes bedienen muss, um in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Und haben darüber geflucht, dass Theater nicht für alle so wichtig ist, wie für uns. Zumal einem jeden klar war, dass bei der Verwendung des reißerischen Stils in der Vorankündigung das inhaltliche Gewissen schmerzt – die inhaltliche Überinformationen hingegen das Risiko in sich trägt dem Zuschauer die Möglichkeit des eigenen Entdeckens zu nehmen. Die Kunst des Vermittelns, so wurde uns eingebläut, bedarf eines großen Feingefühls. Nicht nur der Öffentlichkeitsarbeit sondern auch des Dramaturgen.

 

EPILOG


Ich sitze immer noch im Büro in der kleinen Ecke ohne Fenster. Mein Kollege ist vom Flur zurückgekehrt und fragt, ob ich nicht Lust habe, heute Abend in die Generalprobe in der Oper zu gehen. Klar, Lust auf etwas Neues, mir noch Unbekanntes habe ich immer. Anders kann das blinde Huhn sein Korn gar nicht finden. Und dieses Glück möchte ich nicht aufs Spiel setzen.


Nach dem Verfassen der fünf Akte fällt mir auf, wie viel von dem, was ich in den letzten drei Jahren erlebt habe, trotz der immer wieder geübten Kritik am eigenen Ausbildungsgang, auf ersten Schritten fußt, die ich an der Theaterakademie im Rahmen des Dramaturgiestudiums gemacht habe. Ich werde mich nun nicht zu einer Glorifizierung dieser Zeit aufschwingen, jedoch ist es nicht falsch zu konstatieren, dass ich gut „gewappnet“ aus der Akademie in die Realität des Theaterbetriebs ausgezogen bin. Denn, auch hier, im Betrieb des alltäglichen Staatstheatergeschäftes ist Kritik zu üben, sich selber und die gefräßige Theatermaschine in Frage zu stellen, von großer Notwendigkeit.


Ach ja, schön war es an der Akademie – und verstaubt war es auch. Wobei der Akzent wohl auf „war“ liegen muss, denn ich weiß, dass seit meinem Diplom vieles in Bewegung gekommen ist und sich einiges verändert hat. Heute kooperiert die Theaterakademie international und hat Programme entwickelt, die ihren Studenten mehr Möglichkeiten zum Ausprobieren von neuen Arbeitsmethoden und Theaterformen bietet.
 

Fotos: Bayerische Theaterakademie; Sarah Israels letzter Produktions-Dramaturgie an der Bayerischen Theaterakademie, Strindbergs „Ein Traumspiel“.

Sarah Israel wurde 1982 in Rheda-Wiedenbrück geboren und studierte von 2003 bis 2009 Dramaturgie, Neuere Deutsche Literatur und Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. 2005/2006 war sie für einen Studienaufenthalt an der Université Rennes 2 - Haute Bretagne in Frankreich. 2009 erhält Sarah Israel das Marie-Zimmermann-Stipendium zur Förderung junger Dramaturgen, verbunden mit einem Aufenthalt an der Akademie Schloss Solitude, auf Empfehlung von Klaus Zehelein. Nach Gast-Assistenzen seit Februar 2009 ist sie seit Beginn der Spielzeit 2009/2010 Dramaturgin am Schauspiel Stuttgart.