Foto: Christiane Gundlach
Foto: Christiane Gundlach

Thema des Monats - April 2012

Auf dem Weg zum Publikum

Das Bundesjugendballett erobert sich Tanzräume

Von Vanessa Renner

 

Dunkle Schatten huschen über den hellen, glänzenden Schwingboden. Arme in weichen, kreisenden Bewegungen, gestreckte Beine und Fußspitzen zeichnen sich auf dem Untergrund ab. In ausgreifenden Sprüngen erobern sich die Schattenfiguren den lichtdurchfluteten Raum. In der Ecke ein Klavier. An den Seiten verstreut ein fröhliches Sammelsurium aus bunten Sporttaschen, Spitzenschuhen, Trinkflaschen und kleinen Notizheften.


Die Schatten gehören den acht Tänzern des Bundesjugendballetts. Seit September des vergangenen Jahres trainieren sie im „Ballettzentrum Hamburg – John Neumeier“. John Neumeier, Ballettintendant der Hamburgischen Staatsoper und Direktor des Hamburg Ballett, war der Ideengeber zu dem vom Bund auf vier Jahre geförderten Projekt. „Damit ging für ihn ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung“, weiß Lukas Onken. Der Organisatorische Leiter betreut gemeinsam mit dem Künstlerischen Leiter Kevin Haigen und Ballettmeister Yohan Stegli das junge Ensemble der 18 bis 23jährigen Tänzer. Aus 150 Bewerbern wurden die Absolventen verschiedener Ballettschulen ausgewählt, um für zwei Jahre in einer Meisterklasse ausgebildet zu werden. Das Ergebnis: „Eine tolle Truppe“, findet Onken, „acht total verschiedene Charaktere.“ Sieben Nationen treffen im Bundesjugendballett aufeinander. Vier der Tänzer kommen aus der Ballettschule des Hamburg Ballett.

 

Bei der Probe...                         Foto: Melanie Ferreira Caetano


„Wir haben beim Casting der Jugendlichen neben ihren tänzerischen Fähigkeiten großen Wert auf Persönlichkeit und Kreativität gelegt“, erläutert Onken, „wir wollen Tänzer, die etwas ausdrücken möchten, die mit ihrem Tanz etwas vorhaben.“ Denn das Bundesjugendballett hat sein ganz eigenes Profil: „Wir arbeiten einfach und direkt. An der Basis der Tanzkunst“, so Ballettmeister Yohan Stegli. Ohne eigene Bühne, großen technischen Apparat und Opernbetriebsrahmen im Rücken – eine Reduktion auf den Tanz als Chance, dessen Ausdrucksstärke zu erfahren. „Unsere Tänzer choreografieren selbst. Sie machen sich Gedanken über die Gestaltungselemente der Aufführung wie Kostüme oder Licht. So entwickeln sie auch für diese Bereiche ein Verständnis “, erläutert Stegli. Er hält einen Moment inne, seine Blicke schweifen über den Probenraum und seine Tanzschüler, dann lächelt er: „Im Grunde arbeiten wir ein wenig wie John Neumeier in seinen Anfängen. Er musste sich damals sein Kostüm selbst nähen.“


Stegli steht auf, durchquert den Raum und tritt zu einem Paar. Eine blonde zierliche Tänzerin und ihr dunkelhaariger Tanzpartner üben eine Figur aus einer Choreografie von Robert Binet zur „Schönen Müllerin“. Das Ensemble des Bundesjugendballetts probt Schuberts Liederzyklus für seine nächsten Auftritte. Stegli korrigiert die Armbewegung der Tänzerin. Sie endet nach einer Drehung vor ihrem Tanzpartner, die Arme gekreuzt auf seinen Schultern. „Stell dir eine sanfte Welle vor“, erklärt Stegli, „sie ist gleichmäßig, nicht stockend, schau!“ Seine Hand imitiert eine ruhige Wellenbewegung. Die Tänzerin, die 20jährige Natalie Ogonek aus den USA, wiederholt die Figur. Immer und immer wieder dreht sie sich um ihre eigene Achse, energisch und anmutig zugleich. Eine Strähne löst sich aus ihrem geflochtenen, mit kleinen Klammern hochgesteckten Haar. Ihre kleinen roten Ohrringe bimmeln Drehung um Drehung aufgeregt hin und her.


„Tanz bedeutet, deine Gefühle auszudrücken, dein Inneres nach außen zu transportieren“, beschreibt Natalie. Ein wenig außer Atem lässt sie sich auf einen Stuhl fallen, greift zu ihrer Wasserflasche. „Es ist einfach toll, mit dieser Truppe hier in Hamburg arbeiten und trainieren zu dürfen.“ Sie spüre in der Gruppe so viel „junge Leidenschaft“ – eine der ersten deutschen Vokabeln der Absolventin der Canada´s National Ballett School. „Tanzen liegt mir einfach im Blut“, beteuert Natalie, die im Alter von drei Jahren mit dem Training begann. Ihr Handgelenk schmückt ein grünes Balance-Energiearmband. Energiegeladen – so wirkt die junge Tänzerin. Während sie spricht, formen ihre Arme ausladende Gesten. Immer wieder macht sie kleine Späße, lacht herzlich und laut. Dabei blitzen ihre großen blauen Augen mit einem wachen Ausdruck lebhaft auf. Doch kennt Natalie in ihrer Tanzkarriere auch dunkle Momente. „Wenn die Zweifel kommen. Da frage ich mich schon manchmal, warum ich das alles überhaupt mache“, gibt sie zu Bedenken. Aber dann spüre sie immer wieder, der Tanz sei ein Teil von ihr.

 

Natalie und Maurus in einer Szene aus "Die schöne Müllerin" 

Foto: Melanie Ferreira Caetano                                                         


„Ich glaube, diese Momente kennen wir alle. Wenn es nicht so gut läuft, wenn wir müde, krank oder verletzt sind“, pflichtet ihr Maurus Gauthier bei, „das gehört einfach dazu.“ In diesen Momenten schöpft der 19jährige Schweizer Kraft aus der Gruppe: „Wir helfen uns gegenseitig und unterstützen uns. Beinahe wie in einer Familie.“ Er lächelt, streicht sich eine dunkle Locke aus dem Gesicht. „Wir sind in der kurzen Zeit schon richtig zusammengewachsen, haben das Gefühl als würden wir uns schon ewig kennen.“ Dabei spielt es keine Rolle, dass die Tänzer verschiedene Sprachen sprechen. Denn auch der Tanz sei eine Art Sprache. Ein Ausdrucksmittel ohne Worte, eine Botschaft, so Maurus. Im Alter von elf Jahren begann er mit dem Jazztanz. Bei einem Auftritt eines Balletttänzers in seiner Jazztanzschule habe es bei ihm „Klick“ gemacht, erzählt der 19Jährige mit den dunklen Augen und dem tiefen Blick. „Der Auftritt hat mich umgehauen. Da wusste ich sofort, das will ich auch lernen.“


In Schuberts Liederzyklus tanzt Maurus ein Solo. „Ich möchte ziehn in die Welt hinaus. Hinaus in die weite Welt“, so der Text. In großen Sprüngen spiegelt der Tänzer die Zeilen des Liedes. Kraftvoll drückt er sich vom Boden ab, hoch hinaus, den Kopf nach oben gereckt. Alle Muskeln des Tänzers scheinen gespannt. Seine Arme schwenken in den Raum. Die Beine sind bis in die Fußspitzen gestreckt, ehe er mit großem Schwung wieder auf dem Boden landet. Dann nimmt Maurus erneut Tempo auf, mit entschlossenem Blick dreht er eine schnelle Runde durch den Probenraum. „Ich möchte ziehn in die Welt hinaus“. Aufbruchsstimmung legt sich über den Raum, breitet sich aus bis unter die Holzdecke.

 

Foto: Melanie Ferreira Caetano


Aufbruch charakterisiert auch das Bundesjugendballett. Denn das Ensemble hat keine eigene Bühne und kein eigenes Haus. Das hat seinen Grund. „Wir möchten zu den Leuten gehen, uns unser Publikum und unsere Tanzräume selbst suchen“, formuliert der Organisatorische Leiter Lukas Onken das Ziel, „Theater, Oper und Ballett sind mittlerweile so stark ritualisiert und damit ein stückweit von großen Teilen der Gesellschaft entfremdet.“ Die Hürden, in ein Opernhaus zu gehen, seien vor allem für junge Menschen häufig hoch. „Wer nicht damit aufgewachsen ist, geht vielleicht nur aus Unsicherheit nicht ins Theater“, überlegt Onken. Wie verhalte ich mich richtig, muss ich mich da schick anziehen – Fragen wie diese verhinderten häufig einen Theaterbesuch. „Das hat aber nichts mit der Kunst an sich, dem Tanz, der Musik oder dem Schauspiel zu tun, sondern mit der Aufführungspraxis, die Barrieren baut“, ist Onken überzeugt, „was wir wollen: diese Barrieren abbauen.“ Dabei verschließt sich das Bundesjugendballett nicht Festivals, Tourneen und Gastspielen so wie zuletzt vor einem restlos ausverkauften Ernst Deutsch Theater. „Aber wir tanzen auch in Schulen, in Altenheimen oder im Gefängnis“, zählt Onken eher ungewöhnliche Tanzorte auf.


Eine Herausforderung für die Tänzer und zugleich eine Chance, sich mit dem Tanz auseinanderzusetzen. „Denn das Publikum, das in die Oper kommt, ist von sich aus schon ehrfürchtig“, erläutert Onken und lächelt, „aber Schüler fragen vielleicht schon mal nach, warum tanzt ihr oder was wollt ihr überhaupt damit?“ Fragen, die die Tänzer zum Nachdenken und damit in ihrer Persönlichkeit weiterbrächten. „Ich habe das Gefühl, sie reifen schneller dadurch“, so Ballettmeister Stegli, der die Workshops an den Schulen leitet. Sie vermitteln Einblicke in die Tanzgeschichte und die Arbeit der Tänzer. Darüber hinaus erarbeiten sich die Schüler gemeinsam mit dem Ensemble des Bundesjugendballetts eine kleine Choreografie. Die Begegnung zwischen Tänzern und Schülern ist eine wichtige Erfahrung – für beide Seiten. „Wir können viel von den Schülern lernen“, ist Maurus überzeugt, „Tanz bedeutet ja nicht, dass die Tänzer nach der Aufführung den Applaus abwarten und dann hinter dem Vorhang verschwinden.“ Vielmehr ginge es darum, sich mit seinem Publikum auseinanderzusetzen. „Und wir bekommen von unserem Publikum so viel zurück“, schwärmt der 19jährige Schweizer. Er denkt kurz nach, sucht nach einer Formulierung: „Das bringt Wärme ins Herz.“


Die nächste „Tanzstätte“ des Bundesjugendballetts: ein Gefängnis in Rottenburg. Acht Häftlinge schreiben 16 Hip Hop-Songs, die Tänzer choreografieren dazu. „Wir freuen uns darauf“, sagt Onken, „aber es ist natürlich auch ein Wagnis.“
Es braucht Mut, auf sein Publikum zuzugehen, sich ehrlich einlassen und von ihm lernen zu wollen. „Das ist Tanz. Eine nackte, eine direkte Kunst“, ist Natalie Ogonek überzeugt, „du kannst dich als Tänzer hinter nichts verstecken. Was du gibst, ist deine Persönlichkeit.“ Ob in der Schule, im Altenheim oder im Gefängnis – Rampen oder Vorhänge existieren dort nicht. Eine Chance, zu berühren und sich berühren zu lassen. „In der unmittelbaren Begegnung wollen wir zeigen, dass wir Menschen sind, aus Fleisch und Blut, mit echten Gefühlen“, wünscht sich Natalie. Entgegen aller Klischees der perfekten Ballerina-Marionette.

 

Alle Tänzer des Bundesjugendballetts        

Foto: Christiane Gundlach


„Das ist unser Weg, der Tanzkunst zu dienen. Indem wir sie in die Gesellschaft bringen“, formuliert Ballettmeister Yohan Stegli das gemeinsame Ziel der Truppe. Ein ambitioniertes Projekt. „Wir arbeiten sehr hart“, weiß Natalie Ogonek. Sechs Tage die Woche verbringen die Tänzer von morgens bis abends im Probenraum. „Ach, wir Tänzer finden immer einen Grund, uns darüber zu beschweren“, lacht die 19jährige US-Amerikanerin laut auf, „aber im Grunde sind wir am zufriedensten, wenn wir hart arbeiten. Und dabei haben wir Tag für Tag so viele wunderbare gemeinsame Momente.“
Acht junge Tänzer haben sich auf den Weg gemacht. Wer sie beim Tanzen, beim Arbeiten und in Gesprächen erlebt, spürt Energie, Leidenschaft, Offenheit – und nicht zuletzt eine große Portion Aufbruchsstimmung.